Interpharma

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Interpharma[1]
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Gründung 1933
Sitz Basel
Schwerpunkt Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit
Vorsitz Jörg-Michael Rupp (Roche, CH), Präsident
Mitglieder 23 (April 2020)
Website www.interpharma.ch

Interpharma ist die Interessenvertretung der forschenden Pharmaunternehmen der Schweiz. Der Verband vertritt 23 Pharmaunternehmen: die Mitgliedsfirmen Abbvie, Amgen, Bayer, Boehringer Ingelheim, GSK, Lilly, MSD, Pfizer, Novo Nordisk, Takeda, UCB, Allergan, AstraZeneca, Biogen, Bristol-Meyer Squibb, Gilead, Johnson & Johnson, Lundbeck, Merck, Novartis, Roche, Sanofi, Vifor Pharma.[2] Die verbandschaftliche Arbeit besteht darin, gesundheitspolitische Entscheidungen mitzugestalten. So hat sich der Verband in den letzten Jahren für einen verbesserten Zugang für Patientinnen und Patienten zu innovativen Medikamenten und Therapien eingesetzt und sich für eine nachhaltige Finanzierung des Schweizer Gesundheitssystem ausgesprochen.[3] Interpharma wird seit 2017 durch René Buholzer geleitet.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interpharma wurde 1933 als «Verband schweizerischer chemisch-pharmazeutischer Fabriken» in Basel gegründet. Als Gründungsfirmen werden die Chemische Fabrik vormals Sandoz, die Gesellschaft für Chemische Industrie in Basel (Ciba), die F. Hoffmann-La Roche & Co. A.-G. Basel und die Dr. A. Wander A.-G. Bern aufgeführt.[5]:96 Die J. R. Geigy AG, die sich 1933 noch nicht im Pharmageschäft angesiedelt hatte, trat 1942 der Interpharma bei. Der Name Interpharma war in den Anfangsjahren lediglich intern geführt, wurde aber nach dem Zweiten Weltkrieg zur festen Namensbezeichnung.

Bereits in den ersten Jahren konnte sich Interpharma als Plattform der Pharmaindustrie für politische und berufsständische Probleme in der Schweiz und im Ausland profilieren. Dabei stand die Interessenvertretung gegenüber den Behörden und Marktpartnern im Vordergrund: Heilmittelkontrolle, Patent- und Markenschutz, Preisdiskussionen, Forschungsbedingungen und Sicherheitsfragen dominierten die Verbandsagenda.[5]:S. 108

Die Nachkriegszeit war noch durch die Gründungsmitglieder dominiert. Jedoch sorgte die Öffnung der Schweiz in den Jahren nach 1945 von dem Willen zur Internationalisierung. Vermehrt beteiligte sich Interpharma an wissenschaftlichen Kongressen in der Schweiz.[5]:129 In den 1960er Jahren unterlief der Verband einer inneren Reformierung, welche sich in der Verabschiedung neuer Statuten 1965 niederschlug. Diese legten eine inhaltliche Neuausrichtung fest: «Grundsätze der beruflichen Ethik wahren und fördern, Qualitätsstandards hochhalten, Beziehung an den mit der chemisch-pharmazeutischen Industrie interessierten Kreisen und Lobbytätigkeit».Finanziert wurden die Tätigkeiten nicht aus einem einheitlichen Budget, sondern lagen anteilsmässig bei den Mitgliedern.[5]:S. 143 Die Zeit der 1980er Jahre sind der Startschuss für ein aktiv wahrgenommenes Campaigning. Indem Interpharma sich stärker an den politischen Initiativen der Schweiz beteiligt, wird gleichzeitig auch ein Wandel vollzogen.[5]:S. 147

1997 gründet Interpharma mit dem Institut gfs.bern den «Gesundheitsmonitor», eine jährliche Erhebung über die Wahrnehmung der Schweizer zu gesundheitspolitischen Fragestellungen.[6] Im gleichen Jahr beginnt auch die Mitgliederausweitung. Mit Serono SA (heute Merck Serono) wird erstmals seit 1942 wieder ein Mitglied aufgenommen. Im April 2020 betrug die Anzahl der Mitglieder 23.

Seit 2019 realisiert der Verband die Projektträgerschaft SanteneXt zusammen mit SWICA. Die Multistakeholder-Kooperation fördert nachhaltige Gesundheitsprojekte.[7]

Politische und wirtschaftliche Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interpharma vertritt die forschenden Pharmafirmen der Schweiz auf politischer Ebene und setzt sich für gute Bedingungen in Forschung und Wissenschaft ein. Insgesamt hat die schweizerische Pharmaindustrie fast 10 % Anteil am Schweizer Bruttoinlandsprodukts. Die Wertschöpfung der Schweizer Pharmaindustrie wird mit 36 Mrd. Franken beziffert und kann zudem weitere 26 Mrd. zusätzlich durch ihre Aktivitäten in anderen Branchen generieren. Mit 38 % Anteil der Schweizer Güterausfuhren und Exporterlösen von rund 88 Milliarden Schweizer Franken ist die Branche zudem die wichtigste Exportbranche.[8] Nach Presseberichten ist Interpharma direkt[9] oder indirekt[10] in fast alle Entscheidungen zur Gesundheitspolitik in der Schweiz eingebunden.[11] Der Einfluss der Lobby auf die Politik ist aufgrund der Grösse der pharmazeutischen Industrie in der Schweiz erheblich.

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vorstand setzt sich aus je einem Vertreter der Geschäftsleitung der Mitgliedfirmen sowie je einem beisitzenden Vertreter zusammen. Der Präsident wird für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt. Die drei Gremien, Executive Committee, Intellectual Property Expert Group und Innovation Hub Committee erarbeiten die Ausrichtung und Umsetzung in den einzelnen Politikfeldern. Neben diesen drei Gremien gibt es zusätzliche Arbeitsgruppen, welche sich um spezifische Aufgaben in den folgenden sechs Politikfeldern kümmern: Patientenzugang, Marktzulassung, Gesundheitspolitik, Geistiges Eigentum, Forschungs- und Innovationsstandort Schweiz und Pharma- und Produktionsstandort Schweiz.[12]

Verbandsarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Interessenvertretung der forschenden Pharmaunternehmen in der Schweiz setzt sich Interpharma nach eigenen Angaben für innovationsfreundliche Rahmenbedingungen im In- und Ausland ein, die pharmazeutische Forschung, Entwicklung und Produktion fördern. Ziel dieser Bemühungen ist es, die Rentabilität der beteiligten und assoziierten Mitglieder zu verbessern.[13] Mit der Verabschiedung der Agenda „Pharmastandort Schweiz 2030“ richtet sich der Verband Ende 2019 neu aus.[14]

Jahr Thema Standpunkt
2003 Gentechnik Interpharma befürwortet Gentechnik.[15]
2007 Parallelimporte Interpharma argumentiert gegen Parallelimporte von Pharmazeutika[16]
2007 Verstärkung des Patentschutzes, schnellere Zulassung von Medikamenten In einer von Interpharma in Auftrag gegebenen Studie, die durch Plaut Economics in Zusammenarbeit mit BAK Basel Economics durchgeführt wurde, zeigt sich, dass die Innovationskraft steigt, wenn die Rentabilität steigt, was durch starken Patentschutz, schnelle Markteinführung, wirksamen Versicherungsschutz und eine hohe Preisdifferenzierung erreicht werden kann.[13]
2008 Schnellere Medikamentezulassung Für eine Beschleunigung der Medikamentezulassungen in der Schweiz. Bis 2010 müsse die Swissmedic die Zulassungen so schnell wie die EU oder die USA durchführen.[17]
2009 Preisvergleiche Trotz des 2007 gezeigten Widerstands der Interpharma werden durch die Schweizer Krankenversicherer Preisvergleiche der Schweiz mit sechs europäischen Ländern (Deutschland, Dänemark, Niederlande, Vereinigtes Königreich, Frankreich, Österreich) durchgeführt, wobei Interpharma an der Beurteilung teilnimmt.[18] Schon 2011 wird diese Massnahme erneut in Frage gestellt.[19][20]
2010 Parallelimporte Interpharma ist weiterhin gegen Parallelimporte.[21]
2010 Tierversuche Interpharma befürwortet Tierversuche in der Pharmaforschung,[22] wobei Interpharma die Tierschutzcharta der Pharmaindustrie als Fortschritt für die Versuchstiere propagiert[23]
2010 Professur (Basel) Seit 2010 finanziert Interpharma an der Universität Basel einen Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie.[24]
2011 Preisvergleiche bei Arzneimittelpreisen Nach der Einführung der Preisvergleiche 2009 ändert Interpharma seinen Kurs „weil die Wechselkurslage besonders ungünstig ist“.[19]
2012 Privat gesponserte Professuren
gegen Preisfestsetzungen
Interpharma unterstützt weiterhin den Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie in Basel und befürwortet private Unterstützung der Universitäten.[25] Daneben droht Interpharma mit Klagen gegen Preisfestsetzungen durch den Bundesrat Alain Berset.[26]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesundheitsmonitor: Die seit 1997 jährlich erscheinende Publikation evaluiert die aktuellsten Gesundheitsherausforderungen der Schweizer Stimmberechtigen zum Gesundheitssystem. Der Gesundheitsmonitor basiert auf einer Jahresbefragung von jeweils mindestens 1200 repräsentativ ausgewählten StimmbürgerInnen und steht unter wechselnden Themenschwerpunkten.[27]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eintrag (Memento des Originals vom 1. Januar 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/bs.powernet.ch im Handelsregister des Kantons Basel-Stadt, abgerufen am 19. Oktober 2011.
  2. Mitglieder. Interpharma, abgerufen am 19. Mai 2020.
  3. Vision & Mission. Interpharma, abgerufen am 19. Mai 2020.
  4. René Buholzer wird Generalsekretär. In: NZZ. Abgerufen am 19. Mai 2020.
  5. a b c d e Karl Lüönd: Rohstoff Wissen. Geschichte und Gegenwart der Schweizer Pharmaindustrie im Zeitraffer. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Basel 2008.
  6. Gfs.bern: Das Wichtigste in Kürze zum Gesundheitsmonitor 2019. Abgerufen am 25. Mai 2020.
  7. Trägerschaft, Mitglieder, Projektleitung, Patronatskomitee. SanteneXt, abgerufen am 25. Mai 2020.
  8. Pharmastandort Schweiz 2030. Interpharma, 6. Dezember 2019, abgerufen am 9. Juni 2020.
  9. Claudia Schoch Verbindung von zwei Giganten des Gesundheitswesens, Neue Zürcher vom 4. Juni 2011, abgerufen am 20. Oktober 2011
  10. Heidi Gmür, Freisinniger Protest gegen TV-Beitrag, Neue Zürcher vom 5. Juli 2009, abgerufen am 20. Oktober 2011
  11. Stefan Bühler, Pharma will Krankenkassen Maulkorb umhängen, Neue Zürcher vom 31. Mai 2009; abgerufen am 20. Oktober 2011
  12. Jahresbericht Interpharma 2019, S. 37. Interpharma, abgerufen am 25. Mai 2020.
  13. a b Studie (PDF; 29 kB) Plaut Economics im Auftrag der Interpharma vom 9. Oktober 2007, abgerufen am 21. Oktober 2011
  14. Pharmastandort 2030: Ausgangslage, Strategien, Massnahmen. Interpharma, abgerufen am 2. Juni 2020.
  15. Daniel Ammann: Breite Skepsis gegenüber Gentechnik. In: Genschutzzeitung. Nr. 32, September 2003 (online (Memento vom 14. Dezember 2005 im Internet Archive)). Breite Skepsis gegenüber Gentechnik (Memento des Originals vom 14. Dezember 2005 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gentechnologie.ch
  16. Tagesanzeiger (Memento vom 11. Oktober 2012 im Webarchiv archive.today) (28. Juni 2007) Wie die Pharmalobby Politik umgarnt, abgerufen am 21. Oktober 2011
  17. SMI – Schweizerische Medikamenten-Informationsstelle vom 17. November 2008, abgerufen am 21. Oktober 2011
  18. Interpharma: Krankenversicherer und Pharmaindustrie präsentieren erstmals einen Medikamenten-Auslandpreisvergleich vom 16. November 2009, abgerufen am 21. Oktober 2011
  19. a b Berner Zeitung am 11. Juli 2011; abgerufen am 21. Oktober 2011
  20. Pressemitteilung der VIPS Medikamentenmarkt 2010: Rückgang um 1,3 %, www.Swiss-Press.com, abgerufen am 21. Oktober 2011
  21. Lobbyist als achter Bundesrat? In: Neue Zürcher Zeitung. 22. Oktober 2006, abgerufen am 6. September 2017.
  22. Der Club Sendung im Schweizer Fernsehen am 6. Juli 2010, abgerufen am 21. Oktober 2011
  23. Interpharma: Erster Jahresbericht zur Tierschutzcharta der Pharmaindustrie vom 22. September 2011, abgerufen am 21. Oktober 2011
  24. Interpharma spendiert Professur, Basler Zeitung, 16. Oktober 2010, abgerufen am 18. Oktober 2011.
  25. C. W. Bern Privates Geld für Professuren weckt Argwohn; Neue Zürcher Zeitung vom Mittwoch, 24. Oktober 2012
  26. Thomas Angeli und Otto Hostettler Im Vorfeld werden wir auch mal konsultiert; Interview mit Thomas B. Cueni, Der Beobachter 2012, Ausgabe 21
  27. Gesundheitsmonitor. Interpharma, abgerufen am 2. Juni 2020.