Eskimostiefel

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Eskimostiefel der Iglulik (Rachel Uyarasuk), Nunavut, Canada (2002)

Eskimostiefel oder Inuitstiefel sind eine heute noch wesentliche Fußbekleidung der Bevölkerung der arktischen Region. Die dort dafür gebräuchlichen Namen Kamik und Mukluk stammen aus der Sprache Inuktitut und bedeuten einfach nur „Stiefel“.

Kamik (ᑲᒥᒃ [kaˈmik])[1] heißt ein Stiefel bei den Inuktutit in der Zentral- und Ostarktis Kanadas. Mukluk kommt von den Yupik (von „maklak“, der Bartrobbe) und ist in der Westarktis gebräuchlich, es wird aber auch von den nordamerikanischen Indianern benutzt. Kamiik sind ein Paar Stiefel, Kamiit sind viele Stiefel. In ihren Ursprungsländern sind sie meist aus Robbenfell, Karibufell (Rentier) oder anderen geeigneten und verfügbaren Pelzarten gefertigt.[2]

Kamik ist außerdem der Markenname für einen industriell hergestellten Stiefeltyp; unter den Begriffen Kamik und Mukluk werden inzwischen Stiefel ähnlichen Typs auch außerhalb Nordamerikas angeboten.

Klassische Mukluks und Kamiks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fußbekleidung der Eskimos ist so beschaffen, dass sie aus den verfügbaren, gut wärmenden Fellen einen optimalen Schutz vor der Kälte bildet. Eine warme und effektive Fußbekleidung ist bei den in vielen Wohngebieten der Eskimos herrschenden Umweltbedingungen mit extremer Kälte bei oft schweren Stürmen überlebensnotwendig. Selbst kleine Öffnungen durch aufgegangene Nähte können zu partiellen Erfrierungen führen. Die Stiefel müssen verschiedenen Anforderungen gerecht werden, die Frauen in ihren Wohnstätten benötigen anderes Schuhwerk als der Jäger, der oft stundenlang auf dem Eis vor einem Wasserloch ausharrt. Diesen unterschiedlichen Gegebenheiten wird zum Teil dadurch begegnet, dass mehrere Schichten übereinander getragen werden, deren Anzahl man bei wärmerer Witterung verringern kann.[2]

Die Fußbekleidung besteht aus einer Kombination aus Fellstrümpfen, Slippern und Stiefeln, die aus unterschiedlichen Fellen und in verschiedenen Stilen gefertigt sind. Die Anzahl der Schichten schwankt je nach Wetter, Region, Aktivität und der kulturellen Zugehörigkeit. Robbenstiefel haben unterschiedliche Schafthöhen. Sie können bis zur Wadenmitte hinaufreichen, bis zum Oberschenkel und bei im Wasser zu tragenden Stiefeln sogar bis zur Brust.[2]

Die Stiefel sind, zusammen mit der übrigen traditionellen Kleidung, den Eskimos auch unter kulturellen Gesichtspunkten wichtig. Die älteren Frauen geben ihre Traditionen mündlich an die jüngeren Näherinnen weiter, die an den althergebrachten Ritualen und Teilungsbräuchen interessiert sind. Während der Gebrauch der Pelzparkas sehr stark zurückgegangen ist, sie werden vor allem bei festlichen Anlässen getragen, haben Kamiks und Mukluks bei kaltem und nassen Wetter ihre Überlegenheit gegenüber südlichem Schuhwerk gezeigt und sind noch viel in Gebrauch.[2]

Jagdstiefel aus Moschusochsenfell, Kanada, Nordwest-Territorien

Materialien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich nutzten die Eskimos für ihre Fußbekleidung nur Felle, und zwar die Fellarten, die in ihrer Gegend verfügbar waren. Das waren vor allem wasserdichte Robbenfelle, dickhaarige Felle der Karibus und der Eisbären, flachhaarige aber haltbare Karibubeine, bei auf Inseln lebenden Stämmen auch die Bälge von Vögeln. Für Fußbekleidung wurden die Häute meist mit dem wärmenden Haar verarbeitet, aber auch Überschuhe von geschorenem oder gerupftem Fell waren in Gebrauch. Im feuchten und klammen Frühling und Herbst wurden Karibustiefel mit Robbenfellsohlen bevorzugt.[2]

Weitere Materialien waren je nach Vorkommen: Elchhäute, Belugawal-Häute, Wolfsfelle, Vielfraßfelle, Bisamfelle, Felle des arktischen Erdhörnchens, Polarfuchsfelle und Rotfuchsfelle.[2]

Mit dem Eintreffen von Walfängern, Pelztierjägern und Händlern aus dem Süden kamen Textilien als zusätzliche Materialien nicht nur für Fußbekleidung hinzu. Fabrikmäßig hergestellte Stiefel aus Gummi oder Plastik werden von den meisten Jägern nicht gern getragen, da sich in ihnen, im Gegensatz zu den porösen Fellstiefeln, die Körperausdünstung staut.[2]

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Näherin mit einem Kamik aus Stoff, Seehundfell und Karibu-Beinfell (1999)

Die Eskimo-Fußbekleidung ist so beschaffen, dass sie aus den verfügbaren, gut wärmenden Fellen einen optimalen Schutz vor der Kälte bildet, gleichzeitig soll sie durch ihre Gestaltung die kulturellen Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen zum Ausdruck bringen. Die Übergänge dabei sind durchaus fließend, durch den Wechsel einer Näherin in eine benachbarte Gemeinde bringt sie oft auch ihre bisherigen Kenntnisse dort mit ein. Die Anfertigung der Kleidung, einschließlich der Fußbekleidung, ist traditionell auch heute noch Aufgabe der Frauen, während die Männer als Jäger sich in der klassischen Rollenverteilung um die Nahrungsbeschaffung kümmerten. In der Jagdhauptsaison war das Nähen verschiedentlich durch Tabus untersagt und die Frauen halfen bei der Nahrungsvorsorge. [2]

Die Herstellung der klassischen Fußbekleidung ist langdauernd und aufwändig. Der Arbeitsprozess der Stiefelfertigung besteht aus dem Präparieren der Häute, dem Entwerfen der Schnittmuster, dem Zuschneiden und dem Zusammennähen der Fellteile. Als Werkzeuge dienen das Frauenmesser Ulu, Schabeklingen, Schabeplatten, Spannrahmen, Nadeln, Fingerhüte, Sehnen oder Fäden und Stiefelspanner.[2]

Auf dem Schabebrett wird das Fett und das lose Gewebe des Robbenfelles entfernt. Nach einigen Waschvorgängen wird es zum Trocknen in einen Rahmen gespannt. Durch verschiedene Arbeitsmethoden, vor allem dem Walken, früher gehörte vor allem das Weichkauen dazu, werden die Felle geschmeidig gemacht, in manchen Gegenden auch noch einmal unter der Zugabe von Chemikalien gewässert. Für wasserdichte Feuchtwetter-Kamiks werden auch Robbenfelle durch Scheren enthaart, früher wurde das Haar verschiedentlich durch Ausrupfen entfernt. Die Arten der Zurichtung sind regional recht unterschiedlich. Die heute in der gesamten Arktis ebenfalls gebrauchten, industriell gegerbten Felle sind für bestimmte Verwendungen weniger geeignet, da sie in der Regel weniger Fett im Leder enthalten und damit weniger wasserdicht sind. Regional wird das Fell anschließend auch gefärbt oder in der Vorfrühlingssonne bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt gebleicht. Mit Abweichungen erfolgt die Zubereitung der Karibufelle in der Art der Robbenfelle.[2]

Die Grundbestandteile der Fußbekleidung sind Oberleder, Sohle und Schaft. Bei den Sohlen gibt es drei Grundtypen: harte gefaltete (bootsförmig), weiche gefaltete und glatte, ohne Falten. Beim Oberleder sind es fünf Varianten: den ganzen Fuß umfassend, halb um den Fuß herumreichend, die Spitze des Fußes bedeckend, sich bis zur Wade hinauf erstreckend und mit dem Schaft ein gemeinsames Teil bildend. Die Schäfte werden hauptsächlich in sechs Höhen gefertigt: bis zum Knöchel, bis Wadenmitte, bis unters Knie, kniehoch, überkniehoch und oberschenkelhoch. Diese verschiedenen Typen von Sohle, Oberleder, eventuell einem Seitenstreifen und dem Schaft können vielfältig kombiniert werden. Erfahrene Näherinnen zeichnen die Muster freihändig auf das Fell auf, üblich ist heute das Auftragen mit vorher angefertigten oder weitergereichten, wiederverwendbaren Schablonen. Dies können alte, überlieferte oder neu entworfene Formen sein.[2]

Vor dem Nähen wird das Fell einige Zeit eingeweicht, oder aber es werden nur die Nahtkanten feucht gehalten. In den 1990er Jahren wurde meist noch mit Nadel und Faden genäht, seltener mit der Maschine. Genäht wird von rechts nach links, mit etwa fünf bis sechs Schlingstichen pro Zentimeter. Wichtig ist, die Nähte so straff wie möglich und damit wasserdicht zu machen. Sohlenlöcher in behaarten Fellen werden durch Aufsetzen eines Fellflickens repariert, wobei der Faden von innen kommend den Flicken nicht völlig durchstechen darf, damit er beim Tragen nicht verschleißt.[2]

Mukluk und Kamik als Handelsbezeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnungen Mukluk und Kamik wurden inzwischen von industriellen Herstellen von Schuhwerk für ihre, oft nicht den Eskimostiefeln entsprechenden Produkte übernommen, Kamik als eingetragenes Warenzeichen für Outdoorschuhe. Der Versuch der Inuit, ihre meist auf klassischen Vorbildern beruhenden Muster als geistiges Eigentum für sich schützen zu lassen,[3] blieb wohl ohne Erfolg.

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Inuktitut Living Dictionary: kamik. Abgerufen 15. April 2015.
  2. a b c d e f g h i j k l Jill Oakes, Rick Riewe: Die Kunst der Inuit-Frauen: stolze Stiefel, Schätze aus Fell. Frederking & Thaler, München 1996, ISBN 3-89405-352-6.
  3. www.wipo.int: Phillip Bird: Intellectual Property Rights and the Inuit Amauti. A Case Study. Prepared for The World Summit on Sustainable Development by Pauktuutit Inuit Women’s Association. Juli 2002. Abgerufen 25. April 2015.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Eskimostiefel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Pelzstiefel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Kleidung der Inuit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Pelzkleidung der Inuit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Fußbekleidung aus Fell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien