Irina Scherbakowa

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Irina Scherbakowa (2015)

Irina Lasarewna Scherbakowa (russisch Ирина Лазаревна Щербакова, deutsche Transkription Irina Lasarewna Schtscherbakowa, wiss. Transliteration Irina Lazarevna Ščerbakova; * 1949 in Moskau) ist eine russische Germanistin und Kulturwissenschaftlerin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Irina Scherbakowa wurde als Tochter jüdischer Eltern geboren.[1] Sie studierte Geschichte und Germanistik und wurde 1972 in Germanistik promoviert. In den folgenden Jahren arbeitete sie hauptsächlich als Übersetzerin deutscher Belletristik und als freie Journalistin. Darüber hinaus war sie als Redakteurin für die Literaturzeitschriften Sowjetliteratur und Literaturnaja gaseta und die Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta tätig.

Von 1996 bis 2006 war sie Dozentin am Zentrum für Erzählte Geschichte und visuelle Anthropologie der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften in Moskau (RGGU) (russisch Росси́йский государственный гуманитарный университет) („Afanassjew-Universität“). Scherbakowa ist Koordinatorin des russischen Geschichtswettbewerbs für Jugendliche, der von der Menschenrechtsgesellschaft Memorial seit 1999 jährlich ausgerichtet wird. Memorial wurde im Jahr 1987 gegründet, Scherbakowa zählte zu den Initiatoren der mittlerweile bedeutendsten Menschenrechtsorganisation in Russland und setzt sich seither für eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus in der ehemaligen Sowjetunion ein.[2]

Scherbakowas Forschungsgebiete umfassen Oral History, Totalitarismus, Stalinismus, Gulag und sowjetische Speziallager auf deutschem Boden nach 1945, Fragen des kulturellen Gedächtnisses in Russland und der Erinnerungspolitik. Scherbakowa begann Ende der 1970er Jahre eine Sammlung von Tonbandinterviews mit Opfern des Stalinismus,[3] seit 1991 forschte sie in den Archiven des KGB. Für ihren Film Alexander Men. Treibjagd auf das Sonnenlicht (WDR 1993) wurde sie 1994 mit dem Deutschen Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet.

Mit ihrem Arbeitsvorhaben „Menschliche Schicksale unter dem Totalitarismus – Rußland und Deutschland 1925–1955“ war Scherbakowa 1994/1995 als Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin tätig. Das Thema ihres Kolloquiums im März 1995 lautete: „Gedächtnis und Dokument. Probleme mit den historischen Quellen in der Stalinismusforschung“.[4] Seit 1999 gehört sie dem Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar an. Sie ist Mitglied des internationalen Beirats der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin, der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und Vorstandsmitglied der Marion-Dönhoff-Stiftung. 2004 war sie zum Internationalen Literaturfestival Berlin eingeladen. Sie war auch Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen Wien, Gastprofessorin an der Universität Salzburg sowie am Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Seit 2010 ist Scherbakowa Ehrenmitglied des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL), seit 2012 im Internationalen Wissenschaftlichen Beirat des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI) vertreten. In einem Interview im Juni 2013 erzählte Scherbakowa von ihren Großeltern und was ihre Mutter in ihrer Kindheit erlebt hat. Über sich sagte sie, sie sei aufgewachsen mit der Frage ihrer Großmutter: Was hat uns verschont?[5]

Auf Einladung der Körber-Stiftung trafen sich Scherbakowa und der Osteuropahistoriker Karl Schlögel im Frühjahr 2015 zu einem langen Gespräch über die Geschichte Russlands. Das Gespräch wurde aufgezeichnet und später als Buch mit dem Titel „Der Russland-Reflex“ veröffentlicht.[6] Darin kritisiert Scherbakowa, dass es in Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion keine Aufarbeitung der Vergangenheit gegeben hat und dass Russland seine Geschichte seit 2000 propagandistisch umschreibt. Zum Beispiel werde der Deutsch-Sowjetische Krieg – in Russland bezeichnet als „Großer Vaterländischer Krieg“ – als glorreicher Sieg verklärt, während die Schrecken des Krieges ausgeblendet würden. Die Sowjetzeit werde von jungen Russen sehr positiv gesehen und die Geschichte des sowjetischen Terrors verdrängt. Mit der Annexion der Krim durch Russland wurde für Scherbakowa klar, dass sich die aufklärerischen und demokratischen Kräfte nicht durchsetzen konnten.[7][8] "Es fühlte sich so an, als hätte die sehr lange Epoche der Aufklärung in Russland ein vorläufiges Ende gefunden. (...) Unsere Propaganda verhindert Aufklärung, das ist wirklich tragisch".[9]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl in deutscher Übersetzung)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nur ein Wunder konnte uns retten. Leben und Überleben unter Stalins Terror. Aus dem Russischen von Susanne Scholl. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2000.
  • (Hrsg.): Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichten. Vorwort von Fritz Pleitgen. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2003.
  • (Hrsg.): Unruhige Zeiten. Lebensgeschichten aus Russland und Deutschland. Vorwort von Wolfgang Büscher. Hamburg 2006.
  • Zerrissene Erinnerung: der Umgang mit Stalinismus und Zweitem Weltkrieg im heutigen Russland. Göttingen 2010.
  • mit Volkhard Knigge (Hrsg.) Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929–1956. Wallstein, Göttingen, Weimar 2012, ISBN 978-3-8353-1050-6.
  • Gefängnisse und Lager im sowjetischen Herrschaftssystem. In: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete-Kommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der Deutschen Einheit“, Bd. VI: Gesamtdeutsche Formen der Erinnerung an die beiden deutschen Diktaturen und ihre Opfer. Formen der Erinnerung – Archive, Nomos-Verl.-Ges., Frankfurt am Main, Baden Baden, 1999, S. 567–622.
  • Unsere Sechziger. In: J. John, D. v. Laak, Joachim von Puttkamer (Hrsg.): Zeitgeschichten. Miniaturen in Lutz Niethammers Manier. Essen 2005, S. 226–237.
  • Tschetscheniens Gedächtnis. In: Memorial, Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Zu wissen, dass du noch lebst. Kinder aus Tschetschenien erzählen. Berlin 2006, S. 13–24.
  • Erinnerung in der Defensive. Schüler in Russland über Gulag und Repression. In: Osteuropa. Das Lager schreiben. Band 57, Nr. 6, 2007, S. 409–420.
  • Kontinuität oder Rückkehr? Bildzeugnisse des Stalinismus. In: H.-J. Czech (Hrsg.): Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930–1945. Dresden 2007, S. 450–456.
  • 1917–1937–2007. Das Erbe des Stalinismus. In: N. Schreiber (Hrsg.): Russland. Der Kaukasische Teufelskreis oder die lupenreine Demokratie. Klagenfurt 2008, S. 339–353.
  • Die Hände meines Vaters. Eine russische Familiengeschichte. Droemer, München 2017, ISBN 978-3-426-27710-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Irina Scherbakowa – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Russische Publizistin Scherbakowa erhält Ossietzky-Preis, bei Deutsche Welle. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog Dokumente-Documents, Herbst 2014. ISSN 0012-5172 S. 104.
  2. Irina Scherbakowa im Gespräch mit Susanne Buckley-Zistel und Norbert Frei über Russland und die Menschenrechte. In: Quellen zur Geschichte der Menschenrechte. Arbeitskreis Menschenrechte im 20. Jahrhundert, 23. Juni 2016, abgerufen am 19. Dezember 2016.
  3. Irina Scherbakowa im Gespräch mit Susanne Buckley-Zistel und Norbert Frei über Russland und die Menschenrechte. In: Quellen zur Geschichte der Menschenrechte. Arbeitskreis Menschenrechte im 20. Jahrhundert, 23. Juni 2016, abgerufen am 3. Januar 2017.
  4. Eintrag zu Irina Scherbakowa beim Wissenschaftskolleg zu Berlin
  5. Irina Scherbakowa im Gespräch mit Gregor Papsch, SWR, am 22. Juni 2013.
  6. Der Russland-Reflex: Von Irina Scherbakowa und Karl Schlögel. In: ORF, 9. Oktober 2015.
  7. Rezension: „Der Russland-Reflex“: Ratlosigkeit überwinden. In: WDR, 2. November 2015. (Memento vom 5. Mai 2016 im Internet Archive)
  8. Irina Scherbakowa, Karl Schlögel: Putins Fantasievolk „die Russen“ gibt es gar nicht. In: Welt Online, 5. Oktober 2015.
  9. Karl Schlögel, Irina Scherbakowa: Der Russland-Reflex: Einsichten in eine Beziehungskrise Verlag edition Körber-Stiftung, 2015, ISBN 9783896844927, Abschnittstitel: "Desillusionierung"
  10. Goethe-Medaillen in Weimar verliehen / Drei Frauen für ihren Einsatz für Menschenrechte geehrt / boersenblatt.net. Abgerufen 29. August 2017, von https://www.boersenblatt.net/artikel-goethe-medaillen_in_weimar_verliehen.1360713.html.