Isabella Eckerle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Isabella Eckerle (* 1980 in Speyer) ist eine deutsche Virologin und außerordentliche Professorin. Seit 2018 leitet sie die Abteilung Infektionskrankheiten in der Abteilung für medizinische Fachgebiete an den Universitätskliniken in Genf und forscht dort zur Entwicklung von Zelllinien. In der COVID-19-Pandemie untersucht Eckerle die Rolle der Kinder.[1][2][3]

Werdegang und Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits als Kind war Eckerle von der Natur fasziniert und fasste den Entschluss, entweder Tierärztin oder Feldbiologin zu werden. Letzten Endes entschied sie sich für die Humanmedizin.[4] 2008 promovierte sie am Deutschen Krebsforschungszentrum.

Heidelberg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im letzten Jahr ihres Medizinstudiums an der Universität Heidelberg reiste sie zum ersten Mal nach Afrika und beschloss, auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten mit Schwerpunkt auf tropischen Krankheitserregern zu forschen.[4] Ihre erste Stelle trat sie folglich als Assistenzärztin in der Sektion Klinische Tropenmedizin am Zentrum für Infektiologie in Heidelberg an und untersuchte dort die Pathogenese von Krankheiten, an denen aus dem Ausland zurückkehrende Reisende erkrankt waren. Dabei konzentrierte sie sich vor allem auf die Krankheitserreger zoonotischen Ursprungs, weil sie vor allem Fledermäuse als Reservoir für Viren wie Tollwut, Ebola, SARS- und MERS-CoV-Viren faszinierten.[4]

Bonn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2011 schloss sie sich der Gruppe von Christian Drosten am Institut für Virologie in Bonn an, um an neu entstehenden zoonotischen Viren zu arbeiten. Im Labor gab es bereits laufende Arbeiten an Fledermauszelllinien, so dass sie sofort ihr eigenes Projekt starten konnte. Der Schwerpunkt lag auf Zelllinien von Atemwegs- und Nierenepithelzellen aus Reservoirwirten – zunächst von Fledermäusen, dann auch von Nagetieren und Insektenfressern sowie von Nutztierarten wie Pferden und Kamelen.[4][5]

Durch die Entwicklung einer Methode zum Einfrieren von Organproben im Feld erhielt sie Zugang zu einer Vielzahl seltener und interessanter Arten und konnte Primärzellen isolieren, die sie später zur Erzeugung unendlicher Zelllinien immortalisierte und mit anderen Forschungsgruppen teilte, die dasselbe Ziel verfolgen: das Geheimnis der Fledermäuse und Viren zu lüften. Bei einigen Projekten, z. B. in Ghana und Gabun, begleitete sie Fledermausbiologen bei ihrer Feldarbeit. Dabei sammelte sie Gewebe einer Vielzahl von Fledermäusen, Nagetieren, Insektenfressern und einigen weiteren Nutztierwirten, um Zelllinien zu studieren.

Der Titel ihrer 2017 erschienenen Habilitationsschrift lautet „Epidemiologie und Risikobewertung tropischer und zoonotischer Viren“.[6]

Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eckerle ist auch Alumna des Labor Drosten im Institut für Virologie an der Charité.[7]

Genf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2018 wurde sie als Professorin ans Genfer Zentrum für neu aufkommende Viren (englisch „emerging viruses“) berufen.[8] Dort setzt sie die Arbeit an exotischen Zelllinien fort. In der Abteilung für Mikrobiologie und Molekulare Medizin, wo sich jetzt ihr neues Forschungslabor befindet, lernte sie Amos Bairoch kennen, der ihre Begeisterung für ungewöhnliche Zelllinien teilt. Darüber hinaus erfuhr sie vom Cellosaurus[9], der Einträge über die von ihr erforschten Zelllinien enthält.

Der Cellosaurus ist eine Informationsquelle, die von Amos Bairoch mit dem Ziel, alle in der biomedizinischen Forschung verwendeten Zelllinien zu dokumentieren, entwickelt wurde. Sie wird von der CALIPHO-Gruppe am Schweizer Institut für Bioinformatik bereitgestellt. Es sind dort eine Fülle manuell kuratierter Informationen zu finden, inklusive Weblinks und Publikationshinweise sowie Querverweise auf mehr als 70 verschiedene Datenbanken, Ontologien, Zellsammlungen und andere relevante Ressourcen.[10] Infolge der COVID-19-Pandemie beinhaltet der Cellosaurus seit März 2020 auch eine häufig aktualisierte Informationsseite über die für die Untersuchung von SARS-CoV-2 nützlichen Zelllinien.[11]

Eckerle setzte auch bereits künstliche Intelligenz ein, um Zelllinien von kleinen Säugetieren aus einer Vielzahl geografischer Standorte zu erzeugen, was den Viren erlaubte, sich in den daraus algorithmisch erzeugten Zellkulturen in kontrollierter Laborumgebung zu vermehren. Anhand dieser Zelllinien zeigte Eckerle, dass Huftiere, darunter Ziegen und Kamele, wahrscheinlich Zwischenwirte des Nahost-Atmungssyndroms MERS waren.[12][13]

Zu Beginn der COVID-19-Pandemie war Eckerle eine von mehreren Schweizer Ärzten, die Zugang zum Frühwarn- und Reaktionssystem beantragten, dem Netzwerk der Europäischen Union, das die Ausbreitung von Infektionskrankheiten verfolgt.[14]

Ende April 2020 ergab ein Antikörpersuchtest in Genf, dass bis zu diesem Zeitpunkt 5,5 % der Bevölkerung sich mit dem Virus infiziert hatten. Diese Zahl bezeichnete Eckerle als „kleiner als erhofft“, da sie nicht ausreicht, um Herdenimmunität zu erlangen.[15] Eckerle untersuchte die unterschiedlichen Reaktionen von Erwachsenen und Kindern auf die Infektion mit COVID-19[16][17], insbesondere untersuchte sie das Vorhandensein von SARS-CoV-2 in den oberen Atemwegen von Neugeborenen, Kindern und Jugendlichen. Anfang Mai 2020 berichtete Eckerle, dass Kinder, die an COVID-19 erkrankten, genauso infektiös seien wie Erwachsene.[18][19] Sie untersuchte die Viruslast von Kindern und Erwachsenen und zeigte, dass Kinder zwar eine leichtere Form der Krankheit haben können, dass es jedoch kaum Unterschiede zwischen der Anzahl der von Erwachsenen und Kindern getragenen SARS-CoV-2-Partikel gibt.[20]

Inzwischen erhielt Eckerle finanzielle Mittel vom Schweizerischen Nationalfonds, um die Reaktion des Lungenepithels auf eine SARS-CoV-2-Infektion zu untersuchen. Anhand der Ergebnisse sollen dann diagnostische Richtlinien erstellt werden, die den Beschäftigten im Gesundheitswesen bei der Beurteilung helfen, ob jemand an einer leichten oder schweren Form der Krankheit erkranken wird.[21]

Forschungsinteresse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eckerles primäres Forschungsinteresse gilt der Charakterisierung und laborgestützten Risikobewertung neuartiger und neu entstehender zoonotischer Viren.[22][23] Dazu gehören die Entwicklung von Epithelzellkulturmodellen von Reservoirwirten wie Fledermäusen und Nagetieren, die Bewertung der viralen Diversität, die Virenentdeckung bei Mensch und Tier sowie die Epidemiologie neu auftretender Viren, z. B. Corona- und Arboviren. Weitere Forschungsinteressen auf dem Gebiet der klinischen Virologie sind importierte Virusinfektionen durch zurückkehrende Reisende sowie Infektionen und die Impfstoffantwort bei immungeschwächten Wirten.

Wissenschaftliche Erfolge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zu Eckerles Entwicklung einer speziellen Methode zum Einfrieren von Organproben war die Isolierung von Fledermaus-übertragenen Viren in Zellkultur eine Herausforderung. Eckerle schuf auf Basis der Kryokonservierung einen Ansatz, der den Zugang zu Zellen einer Vielzahl seltener Arten ermöglicht.

Zelllinien der Isabella Eckerle Gruppe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Welche Rolle spielen Kinder bei der Übertragung von SARS-CoV-2? Abgerufen am 17. September 2020 (englisch).
  2. Wenn das Kind hustet - Kontroverse um Corona-Tests bei Kindern mit Symptomen. 29. August 2020, abgerufen am 16. September 2020.
  3. Alexandra Aregger: Coronavirus: Virologin warnt vor Verharmlosung der Kinder-Rolle. Abgerufen am 16. September 2020.
  4. a b c d Cellosaurus - invitromaticists spotlight. Abgerufen am 19. Mai 2020.
  5. Isabella Eckerle, Lukas Ehlen, René Kallies, Robert Wollny, Victor M. Corman, Veronika M. Cottontail, Marco Tschapka, Samuel Oppong, Christian Drosten, Marcel A. Müller: Bat Airway Epithelial Cells: A Novel Tool for the Study of Zoonotic Viruses. In: PLOS ONE. 9, Nr. 1, 13. Januar 2014, ISSN 1932-6203, S. e84679. doi:10.1371/journal.pone.0084679. PMID 24454736. PMC 3890267 (freier Volltext).
  6. Isabella Eckerle: Epidemiologie und Risikobewertung tropischer und zoonotischer Viren. Bonn 2017 (dnb.de [abgerufen am 17. September 2020]).
  7. Labor Drosten am Institut für Virologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin. Abgerufen am 16. September 2020.
  8. [993] Emerging viruses. 5. Juni 2018, abgerufen am 17. September 2020 (englisch).
  9. Amos Bairoch: The Cellosaurus, a Cell-Line Knowledge Resource. In: US National Library of Medicine National Institutes of Health. Abgerufen am 17. September 2020 (englisch).
  10. Description of the Cellosaurus - a knowledge resource on cell lines. Abgerufen am 16. September 2020.
  11. Sylvie Flegel: SIB resources supporting SARS-CoV-2 research. Abgerufen am 17. September 2020 (britisches Englisch).
  12. MERS: Getting a Handle on a Serious Zoonotic Coronavirus Infection. In: GEN - Genetic Engineering and Biotechnology News. 15. Juni 2014, abgerufen am 16. September 2020 (amerikanisches Englisch).
  13. Replikationskapazität des MERS-Coronavirus in Viehzelllinien (Abstract). In: PubMed Central. Abgerufen am 17. September 2020.
  14. John Miller: Swiss seek access to EU early-warning system as coronavirus spreads. In: Reuters. 28. Januar 2020 (reuters.com [abgerufen am 16. September 2020]).
  15. Keystone-SDA/jdp: Geneva Covid-19 study: undetected cases, but too few for herd immunity. Abgerufen am 17. September 2020 (englisch).
  16. The Lurking Mystery of the Pandemic: Why Is It Gentler on Children? 10. Mai 2020, abgerufen am 17. September 2020.
  17. Enfants et contagion: une nouvelle étude questionne les certitudes de l'OFSP. 1. Mai 2020, abgerufen am 17. September 2020 (französisch).
  18. Gretchen Vogel, Jennifer Couzin-FrankelMay. 4, 2020, 6:00 Pm: Should schools reopen? Kids’ role in pandemic still a mystery. 4. Mai 2020, abgerufen am 17. September 2020 (englisch).
  19. Marianne Arens: Germany reopens schools, endangering thousands of lives. Abgerufen am 17. September 2020 (englisch).
  20. Subscribe to read. In: FT.com (Financial Times). Abgerufen am 17. September 2020 (englisch).
  21. Le FNS encourage 36 nouveaux projets de recherche sur les coronavirus - SNF. Abgerufen am 17. September 2020.
  22. Isabella Eckerle, Victor M. Corman, Marcel A. Müller, Matthias Lenk, Rainer G. Ulrich: Replicative Capacity of MERS Coronavirus in Livestock Cell Lines. In: Emerging Infectious Diseases. Band 20, Nr. 2, Februar 2014, ISSN 1080-6040, S. 276–279, doi:10.3201/eid2002.131182, PMID 24457147, PMC 3901466 (freier Volltext).
  23. [993] Emerging viruses. 5. Juni 2018, abgerufen am 16. September 2020 (englisch).