Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands

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Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V.
(IGS)
Zweck: Dachverband schiitischer Gemeinden in Deutschland
Vorsitz: Hodschatoleslam Mahmood Khalilzadeh
Gründungsdatum: 7. März 2009
Mitgliederzahl: über 150 Moscheegemeinden
Sitz: Berlin
Website: igs-deutschland.org

Die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS) ist ein Dachverband von über 150 schiitischen Moscheegemeinden, der am 7. März 2009 in Hamburg gegründet wurde. Ihr Sitz ist formell in Berlin, der Vorsitzende Hodschatoleslam Mahmood Khalilzadeh hat sein Büro jedoch in Frankfurt am Main.

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Derzeitiger Vorsitzender ist Hodschatoleslam Mahmood Khalilzadeh.[1] Die IGS hat vier Regional- bzw. Ländervertretungen (IGS-Nord, IGS-Ost, IGS-Mitte und IGS-West) unter sich und organisiert darüber ihre Arbeit für die schiitischen Gemeinden. Dem Verband zufolge setzen sich die schiitischen Gemeinden in Deutschland „mehrheitlich aus türkisch-, afghanisch-, iranisch-, libanesisch-, irakisch- und pakistanischstämmigen Gemeindemitgliedern zusammen.“[2] Wichtiges Mitglied ist das Islamisches Zentrum Hamburg (IZH) in Hamburg,[3][4] das nach Erkenntnis des Hamburger Verfassungsschutz „ein bundesweites Kontaktnetz aufgebaut [hat] und … auf Schiiten unterschiedlicher Nationalität sowie die schiitisch-islamischen Moscheen und Vereine Einfluss aus[übt], bis hin zur vollständigen Kontrolle.“[5]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut dem Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz "wurde auf Initiative des IZH im März 2009 die „Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands e.V.“ (IGS) mit Sitz in Berlin gegründet."[6][7] Ihr erster Vorsitzender war Ajatollah Hosseini Ghaemmaghami.

Seit dem Jahre 2014 ist die IGS Teilnehmer in der Deutschen Islamkonferenz.[8]

Am 30. April 2018 empfing Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Vertreter der IGS zu einem Gespräch, welches das Bundespräsidialamt als Teil von Gesprächen Steinmeiers mit unterschiedlichen Religionsgemeinschaften einordnete. Iranische Regimekritiker, darunter die Initiative Stop the Bomb, übten Kritik an diesem Besuch.[9]

Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die IGS versteht sich als Dienstleister der Gemeinden mit Bekenntnis zur Zwölfer-Schia in Deutschland, die sie untereinander vernetzt, und ebenso als Interessenvertretung für dieselben nach außen hin. Für die Gesellschaft und ihre Institutionen fungiert sie als Ansprechpartner.[10] Sie bezieht durch Pressemitteilungen Stellung zu gesellschaftlichen, innenpolitischen aber auch außenpolitischen Geschehen.[11]

Besonders durch die jährliche Festveranstaltung Ghadīr Chumm, die bereits zwei Mal in Mainz stattfand, erlangte die IGS auch mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Bis zu 1000 Besucher nahmen an der Festlichkeit teil, die zu Ehren der Ernennung Ali ibn Abi Talibs zum Nachfolger des Propheten Mohammed durch diesen am Ort Ghadir Chumm im Jahr 632 n.Chr,/10 n.H. gehalten wurde.[12][13][14] Auch der bereits zum zweiten Mal gehaltene Iftar-Empfang gehört zu den großen Veranstaltungen der IGS. Ehrengast 2015 war der Bundestagspräsident Norbert Lammert. Im vorangegangenen Jahr war dies Aydan Özoguz (SPD). Auch weitere Persönlichkeiten aus Politik und religiösen Gemeinschaften waren Gäste.[15]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Hamburger Verfassungsschutz kritisiert das IZH wegen seiner angeblichen Nähe zum iranischen Regime und zum antiisraelischen Al-Quds-Tag.[16][17] Vorwürfe, die die IGS unter Berufung auf die Meinungsfreiheit zurückweist.[18]

Im Juli 2017 kritisierte die IGS die Ehe für alle und griff in diesem Zusammenhang die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee verbal an.[19]

Dies und das umstrittene Seminar des al-Mustafa-Instituts führt zu einer Anfrage im Bundestag über den iranischen Einfluss auf die IGS und ihre Mitgliedsorganisationen.[20]

Ende Juli 2017 veranstaltete die IGS einen Workshop zum Thema „Islamverständnis zwischen Rationalität und Radikalität – Historisch-theologische Hintergründe und soziale Herausforderungen“ im Al-Mustafa-Institut in Berlin. Hiergegen wandte sich breite gesellschaftliche und publizistische Kritik.[20][21][22] Das Bundesfamilienministerium zog daraufhin seine Förderzusage öffentlich zurück.[23][24] Die IGS verwahrte sich gegen den von der Bild-Zeitung geäußerten Vorwurf, sie würde Terrororganisationen unterstützen.[25] IGS-Vorstandsmitglied Dawood Nazirizadeh bestritt jede Verbindung zum Extremismus.[26] Die Arbeitsergebnisse des Workshops wurden von der IGS veröffentlicht.[27][28][29] Die Vorträge des Workshops wurden bei YouTube im eigenen Kanal des Al-Mustafa Institutes veröffentlicht.[30] 2018 gerät die IGS im Zusammenhang mit dem Quds-Tag erneut massiv in die Kritik: Es nimmt Reza Ramezani, der Vorsitzende des IGS-Gelehrtenrates, am Quds-Tag in Berlin teil[31], obwohl er Gegenteiliges versprochen hatte.[32] Dies wirft Fragen für die Zusammenarbeit der Schura Hamburg mit dem Land Hamburg und der IGS, deren Gelehrtenrat Ramezani vorsitzt, mit dem Land Berlin auf. Auch im Vorfeld der Veranstaltung stand die Veranstaltung in der Kritik und die Islamische Gemeinschaft der Schiiten wollte sich davon nicht distanzieren.[33][34] Da die IGS sich nicht gegen den Quds-Tag wendet, fordert der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Lehrbeauftragte an der Uni Bochum, Volker Beck,[35] von der Bundesregierung die Streichung der Mittel für die Extremismusprävention.[36] Da die IGS sich nur als Dienstleister und nicht als "Führungsinstanz" versteht, erfüllt sie nicht die Bedingung theologischer Autorität. Beck forderte damit den Abzug der IGS aus dem Beirat des Instituts für islamische Theologie an der Humboldt-Universität.[37] Die Studentenvertretung der Universität hat gegen die Entscheidung der Institutsgründung inzwischen Klage erhoben.[38][39]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.igs-deutschland.org/die-igs/vorstand
  2. zdf.de: Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (Memento des Originals vom 14. März 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.zdf.de (27. März 2009, Quelle: KNA)
  3. Zusammenkunft der IGS im Islamischen Zentrum Hamburg. Abgerufen am 23. Juli 2017.
  4. Jean Philipp Baeck: Wie umgehen mit Israelhass? In: die tageszeitung. (taz.de [abgerufen am 23. Juli 2017]).
  5. Landesamt für Verfassungsschutz Hamburg: Verfassungsschutzbericht 2016. (PDF) (Nicht mehr online verfügbar.) In: S. 57. Behörde für Inneres und Sport, 1. Juni 2017, archiviert vom Original am 22. August 2017; abgerufen am 9. August 2017. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.hamburg.de
  6. Verfassungsschutzbericht 2012 (Memento des Originals vom 26. Juni 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.verfassungsschutz.bayern.de
  7. German Green Party probes Iran’s activity against Israel and dissidents. In: The Jerusalem Post | JPost.com. (jpost.com [abgerufen am 10. August 2017]).
  8. Verbände in der DIK (Memento des Originals vom 23. September 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutsche-islam-konferenz.de
  9. Philip Kuhn: Steinmeier irritiert mit Einladung für umstrittenen Islamverband. In: www.welt.de. 30. April 2018, abgerufen am 30. April 2018.
  10. IGS Visionen und Ziele
  11. Pressemitteilung der IGS zum Anschlag in Paris (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/nachtderreligionen.de
  12. Ghadeer Khumm 2013/2014 (Memento des Originals vom 10. Juli 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/igs-deutschland.org. IGS Deutschland
  13. Schiitische Gemeinde gedenkt des Propheten Mohammed und seines Nachfolgers. Allgemeine Zeitung.
  14. ZDF Forum am Freitag (2014): Das Aschura-Fest der Schiiten
  15. IGS-Iftarempfang 2015 Rede Shaikh Khalilzadeh
  16. Jean Philipp Baeck: Wie umgehen mit Israelhass? In: die tageszeitung. (taz.de [abgerufen am 7. August 2017]).
  17. Das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) und Imam-Ali-Moschee. Abgerufen am 7. August 2017.
  18. Daniel Bax: Schiiten in Deutschland. Abgerufen am 4. Oktober 2017.
  19. Super User: Pressemitteilung der IGS zur „Ehe für alle“. Abgerufen am 7. August 2017.
  20. a b Volker Beck (Köln), Katja Keul und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ausrichtung der schiitischen Verbände und ihre Verbindungen zum iranischen Regime. (PDF) In: Kleine Anfrage Drucksache 18/13237. Deutscher Bundestag, 28. Juli 2017, abgerufen am 7. August 2017.
  21. Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.ö.R.: Berlin: Offener Brief an Katarina Barley | Jüdische Allgemeine. Abgerufen am 7. August 2017 (englisch).
  22. Islamistische Vereine: Familienministerin Barley soll Förderung stoppen - WELT. Abgerufen am 7. August 2017.
  23. Familienministerium spricht sich gegen Workshop islamistischer Organisationen aus. (hpd.de [abgerufen am 7. August 2017]).
  24. BMFSFJ: Wir haben die Türkische Gemeinde Deutschland aufgefordert, den Workshop abzusagen. In: @BMFSFJ. 28. Juli 2017, abgerufen am 7. August 2017.
  25. IGS weist unwahre Bezichtigung der Terrorunterstützung zurück. Abgerufen am 9. August 2017.
  26. Hat Berlins SPD ein Antisemitismus-Problem? Abgerufen am 22. September 2017.
  27. Junge Muslime organisieren Workshop gegen Extremismus - IslamiQ. In: IslamiQ - Nachrichten- und Debattenmagazin zu Islam und Muslimen. 12. August 2017, abgerufen am 14. August 2017.
  28. Sedigheh Mousavi: Meine Begegnung mit jungen Muslimen im Al-Mustafa Institut. Abgerufen am 22. September 2017.
  29. Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands: Handlungsempfehlungen - Zum präventiven Umgang mit religiös begründetem Extremismus. (PDF) Abgerufen am 7. Oktober 2017.
  30. YouTube-Kanal des Al-Mustafa-Institut in Berlin. Abgerufen am 18. November 2017.
  31. Höchste Geistlichkeit nimmt am Qudstag teil: Ayatullah Ramezani kommt inschallah morgen nach Berlin. In: Offenkundiges. 8. Juni 2018 (offenkundiges.de [abgerufen am 8. Juni 2018]).@1@2Vorlage:Toter Link/offenkundiges.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  32. SCHURA wählt Vorstand und strukturiert Vorstandsarbeit neu - SCHURA Hamburg e.V. In: SCHURA Hamburg e.V. 23. Januar 2018 (schurahamburg.de [abgerufen am 8. Juni 2018]).
  33. Sebastian Leber: Al-Quds-Marsch wegbassen! In: Der Tagesspiegel Online. 8. Juni 2018, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 8. Juni 2018]).
  34. Sebastian Leber: Wer steckt hinter dem Al-Quds-Marsch? In: Der Tagesspiegel Online. 8. Juni 2018, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 8. Juni 2018]).
  35. Centrum für Religionswissenschaftliche Studien CERES: Wintersemester 2017/18: Volker Beck lehrt am CERES. Abgerufen am 4. September 2018.
  36. Alexander Fröhlich, Sebastian Leber: Muslimische Verbände tun sich mit Distanzierung schwer. In: Der Tagesspiegel Online. 8. Juni 2018, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 8. Juni 2018]).
  37. Alexander Fröhlich: Volker Beck will Schiiten-Verband ausschließen. In: Der Tagesspiegel Online. 12. Juni 2018, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 15. Juni 2018]).
  38. Daniél Kretschmar: Klage gegen Islam-Institut der HU: Imam-Ausbildung vor Gericht. In: Die Tageszeitung: taz. 16. August 2018, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 2. September 2018]).
  39. Hannah Bethke: Islam-Institut in Berlin: Einig im Widerstand gegen falsch verstandene Toleranz. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 2. September 2018]).