Islamisches Emirat Afghanistan

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Da Afghanistan Islami Amarat
(paschtunisch)
د افغانستان اسلامي امارت
Islamisches Emirat Afghanistan
1996/1997–2001
Seit 2021
Flag of Taliban.svg Arms of the Islamic Emirate of Afghanistan.svg
Flagge Wappen
Wahlspruch: لا إله إلا الله محمد رسول الله
Lā ilāha illā llāh Muhammadun rasūlu llāh.
(arabisch für „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist der Gesandte Gottes.“, siehe Schahāda)
Amtssprache Paschtunisch (offiziell)

Persisch

Hauptstadt Kandahar (de facto)
Kabul (de jure)
Staatsform Islamisches Emirat
Herrschaftsform Theokratie
Staatsoberhaupt (Amīr al-Muʾminīn) Mohammed Omar (1996–2001)
Hibatullah Achundsada (seit 2016)
Regierungschef Mohammad Rabbani (1996–2001)
Abdul Kabir (2001)
Mohammed Hassan Achund (Übergangsregierung, 2021)[1]
Fläche 647.500 km²
Währung Afghani
Gründung 27. September 1996 (Einmarsch in Kabul)
zwischenzeitliche Auflösung 17. Dezember 2001 (Schlacht um Tora Bora)
erneute Proklamation 19. August 2021[2]
Nationalhymne „Dies ist die Heimat der Tapferen“ (دا د باتورانو کور‎; Dā də bātorāno kor)
Zeitzone UTC +4,5 (März bis Oktober)
Kfz-Kennzeichen AFG
Telefonvorwahl +93
Karte
Herrschaftsbereich der Taliban 1996

Das Islamische Emirat Afghanistan (paschtunisch د افغانستان اسلامي امارت) ist ein international nicht allgemein anerkanntes islamisches Emirat, das von der deobandisch-islamistischen Terrorgruppe Taliban ausgerufen wurde. Es bezeichnet das De-facto-Regime der Taliban über Afghanistan und bestand zwischen 1997 und 2001 sowie erneut seit August 2021.[2] Das „Staatsoberhaupt“ als Emir ist der Anführer der Terrorgruppe, Hibatullah Achundsada.

Das Emirat wurde formal erstmals im Oktober 1997, während des afghanischen Bürgerkriegs, durch die damalige talibanische Regierung proklamiert und endete mit dem Einmarsch der internationalen Truppen 2001. Seit dem Truppenabzug Mitte 2021 kontrolliert es wieder ganz Afghanistan.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1996–2001[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Taliban herrschten seit September 1996 über den Großteil Afghanistans. Im Oktober 1997 formalisierte sie die Stellung von Mohammed Omar als dessen Staatsoberhaupt, indem sie Afghanistan offiziell als Emirat proklamierten.[3] Omar war bereits im April des Vorjahres von der Führungsgruppe der Taliban der Titel Amir al-Muʾminin (Führer der Gläubigen) zugesprochen worden, der ihn zum Emir Afghanistans machte.[4] Auch nach der Umbenennung des von ihnen geführten Staates unterhielten die Taliban jedoch nur mit Saudi-Arabien, Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten offizielle diplomatische Beziehungen.

Das Emirat kontrollierte nach seiner Gründung etwa 85 Prozent des Staatsgebietes, bis auf den äußersten Nordosten. Jedoch brachte das Emirat erhebliche Teile der Bevölkerung mit der Abschaffung von Freiheiten und Menschenrechten gegen sich auf: Die Frauenrechte unter den Taliban raubten den Frauen jede Möglichkeit eines freiheitlichen, selbstbestimmten Lebens. Kino und Unterhaltungsmusik waren grundsätzlich für Männer und Frauen verboten. Kinder, die spielten, wurden teilweise bestraft.[5]

1998 hatten die Taliban eine grobe Verfassung ausgearbeitet, in der der Amir al-Mu'minin, ähnlich dem Obersten Führer im Iran, als absolutistisches Staatsoberhaupt im Zentrum steht und einen „Islamischen Rat“ ernennt, der als Regierung fungiert. Eine Gewaltentrennung, Menschenrechte oder demokratische Wahlen sah der Entwurf nicht vor. Diese Verfassung wurde jedoch nie verabschiedet.[6] Zwischenzeitlich haben die Taliban Andeutungen gemacht, zunächst die bisherige afghanische Verfassung formell fortgelten zu lassen, da ihre Ziele im Wesentlichen religiöser, nicht politisch-struktureller Natur seien.[7]

Das Emirat löste sich am 17. Dezember 2001 de facto auf, nachdem es von der Nordallianz und ihren Verbündeten unter US-Führung im Rahmen der Operation Enduring Freedom gestürzt wurde.

Seit 2021[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Ende der Resolute Support zogen sich die USA und NATO-Verbündete aus Afghanistan zurück. Während des Rückzugs brachten die Taliban innerhalb weniger Wochen, ohne auf nennenswerten Widerstand durch die afghanische Nationalarmee zu stoßen, im Sommer 2021 nahezu ganz Afghanistan unter ihre Kontrolle. Nachdem sie auch Kabul eingenommen hatten, sich der afghanische Staatspräsident Aschraf Ghani außer Landes begab und die militärische Niederlage eingestand,[8] riefen die Taliban am 16. August 2021 abermals ein islamisches Emirat aus.[9][10]

In einer ersten Pressekonferenz nach der Machtübernahme verkündeten die Taliban in Kabul eine allgemeine Amnestie, die auch für Soldaten der afghanischen Nationalarmee und weitere Kollaborateure der ehemaligen Besatzungsstreitkräfte (bspw. Ortskräfte bzw. Übersetzer) gelten würde.[11]

In mehreren afghanischen Städten demonstrierten Einwohner im August und September 2021 gegen die Taliban und ihr ausgerufenes islamisches Emirat.[12][13][14][15] Am 8. September 2021 rief die Übergangsregierung in ihrer ersten offiziellen Erklärung ein Verbot von Demonstrationen aus.[16]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übergangsregierung ab 2021[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mohammed Hassan Achund wurde am 7. September 2021 von Taliban-Anführer (und damit de-facto Staatsoberhaupt) Hibatullah Achundsada als Regierungschef einer Übergangsregierung des Islamischen Emirats Afghanistan vorgestellt. Weitere bedeutende Mitglieder des Kabinetts sind:

Der Übergangsregierung gehören insgesamt 33 Mitglieder an, die alle Taliban und bis auf einen Paschtunen sind.[19][20] Frauen sind im Kabinett nicht vertreten: Die Taliban halten sie eigenen Angaben zufolge für „nicht geeignet“, in höheren Positionen zu arbeiten.[21] Das Frauenministerium wurde abgeschafft.[22] Stattdessen wurde ein Ministerium für „Gebet und Führung und die Förderung von Tugenden und Verhinderung von Lastern“ gegründet.[23]

Verfassung ab 2021[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im September 2021 setzten die Taliban für die Zeit der Übergangsregierung die Verfassung des Königreichs Afghanistan aus der Amtszeit von König Sahir Schah in Kraft.[24][25]

Frauenrechte ab 2021[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer ersten Pressekonferenz gaben die Taliban im August 2021 an, dass Frauen im Rahmen der islamischen Scharia Teil der Gesellschaft sein sollen. Frauen dürften in den Bereichen Gesundheit, Bildung und „anderen Bereichen“ tätig sein.[11] Jedoch verboten die Taliban wenige Tage nach dieser Ankündigung einer prominenten TV-Moderatorin die Arbeit.[26] Frauen, die zuvor in der islamischen Republik Afghanistan als Richterinnen tätig waren, werden nach der Scharia-Auslegung der Taliban als Ungläubige angesehen. Auf sie wurden bereits im Krieg erfolgreich Attentate verübt.[27]

Im September 2021 erließen die Taliban eine Niqabpflicht für Frauen an Hochschulen.[28] Weiterhin werden Frauen, die studieren wollen, in von Männern separierten Räumen und Gebäuden unterrichtet. Ist eine räumliche Trennung nicht möglich, sollen beide Geschlechter durch in die Räume gespannte Vorhänge getrennt werden.[29] Die Geschlechtertrennung bezieht auch die Lehrenden ein. So muss das Geschlecht von Lehrer und Lernenden übereinstimmen.[30]

Minderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 begann die Vertreibung der Hazara in Afghanistan erneut.[31][32]

Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den von Taliban beherrschten Regionen des Landes gibt es keine Medienfreiheit. Mit der erneuten Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 waren TV-Musik-Programme, zumindest in der Hauptstadt Kabul, nicht mehr zu empfangen. Auch Programme mit Frauen sind seit Mitte August 2021 nur eingeschränkt in Kabul verfügbar. Türkische Serien, die bereits vor der Taliban-Übernahme von konservativen Afghanen als nicht mit afghanischen Werten übereinstimmend kritisiert wurden, wurden aus den Programmen der Sender genommen.[10] Laut einer Stellungnahme der Taliban im August 2021 sollen die von den Medien im Islamischen Emirat Afghanistan gesendeten Inhalte nichtislamischen Werten entgegenstehen und die Medien selbst unparteiisch bleiben.[11]

Zwei afghanische Journalisten, deren Körper von Hämatomen übersät waren, berichteten im September 2021, dass sie, nachdem sie über Proteste gegen die Taliban berichtet hatten, von Talibankämpfern festgenommen und misshandelt wurden.[33][34] Seit der Machtübernahme der Taliban berichteten zahlreiche Journalisten, dass sie misshandelt, bedrängt oder an ihrer Arbeit gehindert wurden.[35] Laut einer Pressemitteilung der Sprecherin des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte sind entsprechende Berichte als glaubwürdig anzusehen.[36]

Nach der Machtübernahme der Taliban stellten laut Tolo TV mindestens 153 Medien in 20 Provinzen ihren Betrieb ein. Nach Schätzungen des Afghanistan Journalists Center entschieden rund 80 Prozent aller Medien in Afghanistan die Arbeit einzustellen oder stark zu begrenzen.[37]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Afghanistan: Mohammed Hassan Achund wird Chef der Taliban-Regierung. In: Der Spiegel. Abgerufen am 7. September 2021.
  2. a b Taliban announce creation of Islamic Emirate of Afghanistan. 19. August 2021, abgerufen am 19. August 2021 (englisch).
  3. Martin Ewans: Afghanistan. A New History. 2nd edition. RoutledgeCurzon, London u. a. 2002, ISBN 0-415-29826-1, S. 196.
  4. Ahmed Rashid: Taliban. Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia. Yale University Press, New Haven CT u. a. 2001, ISBN 0-300-08902-3, S. 42–43 (englisch).
  5. Uwe Klußmann: Geschichte Afghanistans: Wie wurden die Taliban so mächtig? In: Der Spiegel. Abgerufen am 20. August 2021. (hinter Paywall)
  6. Taliban Constitution Offers Glimpse Into Militant Group's Vision For Afghanistan. Abgerufen am 1. September 2021 (englisch).
  7. Borhan Osman und Anand Gopal: TALIBAN VIEWS ON A FUTURE STATE. Hrsg.: NYU. (nyu.edu [PDF]).
  8. Afghanistan – Ghani gesteht Niederlage gegen Taliban ein. In: deutschlandfunk.de. 18. Mai 2021, abgerufen am 15. August 2021.
  9. Ali M. Latifi: Kabul near standstill on day one of the Taliban’s ‘Emirate’. In: aljazeera.com. Abgerufen am 9. September 2021 (englisch).
  10. a b Taliban-Sprecher erklärt den Krieg für beendet – News-Update. In: Der Spiegel. 16. August 2021, abgerufen am 15. August 2021.
  11. a b c Afghanistan News-Update: Erste Evakuierte kommen in Deutschland an. In: Der Spiegel. Abgerufen am 17. August 2021.
  12. nytimes.com: https://www.nytimes.com/live/2021/08/19/world/taliban-afghanistan-news, abgerufen am 19. August 2021.
  13. Janita Hämäläinen, Christoph Reuter: Afghanistan: Demonstration in Kabul - »Keiner weiß, was als Nächstes passieren wird«. In: Der Spiegel. Abgerufen am 7. September 2021.
  14. Anti-Taliban-Proteste nun auch in Kabul: https://orf.at/stories/3225465/, abgerufen am 19. August 2021.
  15. deutschlandfunk.de: https://www.deutschlandfunk.de/afghanistan-proteste-gegen-die-taliban-am.2932.de.html?drn:news_id=1292561, abgerufen am 19. August 2021.
  16. Taliban untersagen alle Proteste in Afghanistan. In: Der Spiegel. Abgerufen am 8. September 2021.
  17. Afghanistan: Mohammed Hassan Achund wird Chef der Taliban-Regierung. In: Der Spiegel. Abgerufen am 7. September 2021.
  18. AFP | Reuters: Taliban appoint Mohammad Hasan Akhund as leader of 'acting' govt. 7. September 2021, abgerufen am 7. September 2021 (englisch).
  19. Former Gitmo Inmates and Wanted Terrorists: Meet the New Taliban Government. In: Vice.com. Abgerufen am 8. September 2021 (englisch).
  20. Taliban: Wie die Welt auf die neuen Machthaber in Afghanistan reagiert. In: Der Spiegel. Abgerufen am 8. September 2021.
  21. A Future Afghan Govt 'Not Complete' Without Women: Koofi. In: TOLOnews, 24. August 2021. Abgerufen am 28. August 2021. 
  22. Thore Schröder, Christoph Reuter: Eine afghanische Schachspielerin und der Taliban-Kommandeur, der sie liebt: »Ich konnte ihn nicht abweisen. Sonst bringt er alle um« (S+). In: Der Spiegel. Abgerufen am 12. September 2021.
  23. Taliban ersetzen Frauenministerium durch »Ministerium der Tugenden und Laster«. In: Der Spiegel. Abgerufen am 17. September 2021.
  24. tagesschau.de: Afghanistan: Taliban verschärfen den Kurs. Abgerufen am 28. September 2021.
  25. D. Ephraim In Der Frühen Königszeit. In: Ephraim. De Gruyter, Berlin, Boston 31. Dezember 1995, S. 273–298 (spiegel.de [abgerufen am 28. September 2021]).
  26. Afghanistan News-Update: Taliban verbieten prominenter TV-Moderatorin die Arbeit. In: Der Spiegel. 19. August 2021, abgerufen am 19. August 2021.
  27. Dietmar Pieper: Afghanistan: Drohungen gegen Richterinnen - »Wir kriegen dich«. In: Der Spiegel. Abgerufen am 25. August 2021.
  28. Afghanistan: Taliban erlassen Nikab-Pflicht für Frauen an Hochschulen. In: Der Spiegel. Abgerufen am 5. September 2021.
  29. Taliban erlassen Nikab-Pflicht für Frauen an Hochschulen. In: Der Spiegel. Abgerufen am 8. September 2021.
  30. Emran Feroz: Afghanistan: Frauen dürfen keine Jungen mehr unterrichten und Männer keine Mädchen. In: Der Spiegel. 17. Oktober 2021, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 17. Oktober 2021]).
  31. Christoph Reuter, Thore Schröder: Afghanistan: Wie die Taliban einer Minderheit ihr Land rauben. In: Der Spiegel. 2. Oktober 2021 (spiegel.de [abgerufen am 4. Oktober 2021]).
  32. Janita Hämäläinen: Afghanistan: »Eine surreale, absurde Reise« - unterwegs mit SPIEGEL-Reportern. In: Der Spiegel. 9. Oktober 2021, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 9. Oktober 2021]).
  33. „Sie waren gekommen, um mich zu schlagen“. In: Der Spiegel. 10. September 2021, abgerufen am 10. September 2021.
  34. Journalisten berichten von Folter durch Taliban: „Sie schlugen uns, bis wir ohnmächtig wurden“. In: Stern.de. 10. September 2021, abgerufen am 12. September 2021.
  35. Vereinte Nationen berichten über Gräueltaten der Taliban. In: Zeit Online. 10. September 2021, abgerufen am 12. September 2021.
  36. Ravina Shamdasani: Press briefing notes on Afghanistan. Hoher Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, 10. September 2021, abgerufen am 12. September 2021 (englisch).
  37. Juan Carlos (Fotos), Thore Schröder: Besuch beim afghanischen Fernsehsender Tolo: »Es ist besser zu schweigen, als zu lügen«. In: Der Spiegel. Abgerufen am 22. September 2021.