Islamwissenschaft

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Die Islamwissenschaft (veraltet: Islamistik, auch Islamkunde) ist die wissenschaftliche Erforschung der Religion des Islam und der vom Islam geprägten Kulturen und Gesellschaften in der Vergangenheit und Gegenwart.

Die Bezeichnung der Islamwissenschaftler als „Islamisten“ ist veraltet, seitdem sie zur Verwechslung mit dem politisch verstandenen NeologismusIslamist“ führen kann.

Abgrenzung zur Islamischen Theologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Islamwissenschaft zu unterscheiden ist die Islamische Theologie, in Deutschland auch Islamische Studien genannt. Während Islamwissenschaftler unabhängig von ihrem Glauben den Islam objektiv und passiv erforschen, gestalten gläubige Muslime in der Islamischen Theologie den aktuellen Islam aktiv mit, indem sie Theologie betreiben. Im Idealfall stützt sich die Islamische Theologie ganz auf die Wissenschaftlichkeit der Islamwissenschaft, doch in der Praxis ist das nicht der Fall: Zum einen gibt es religiöse Vorbehalte aus traditionellen Gründen, die Forschungsergebnisse der Wissenschaft zu übernehmen. Zum anderen kann die Islamwissenschaft auch Theorien entwickeln, die den Glauben selbst infrage stellen; mit diesen kann sich die Islamische Theologie ihrer Natur nach nur apologetisch befassen.

Geschichte der Islamwissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfangs geschah die Befassung mit dem Islam im Rahmen der Orientalistik. Erst Ende des 19. Jahrhunderts löste sich die Islamwissenschaft aus dem Schatten der Orientalistik, durch die Pionierarbeit von Ignaz Goldziher, Theodor Nöldeke und Christiaan Snouck Hurgronje.

In Deutschland wurde 1845 die Deutsche Morgenländische Gesellschaft gegründet. Im Jahr 1886 wurde in Wien das Institut für Orientalistik gegründet. Dort werden z.Z. vier weiterführende Studienrichtungen angeboten. Darunter auch Islamwissenschaft.

Seit den 1970er Jahren bewirkt die Revisionistische Schule der Islamwissenschaft ein Umdenken in der Islamwissenschaft, die Historizität der islamischen Überlieferungen konsequent zu hinterfragen und mithilfe der historisch-kritischen Methode ein neues Bild von der Frühzeit des Islam zu gewinnen.

Gegenstand der Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Islamwissenschaft gründet sich unter anderen Fragestellungen auf der Auswertung islamischen arabischen Schrifttums (Koran, Hadith, Kommentare, Recht, Literatur). Aber auch nichtreligiöses Schrifttum aus der islamischen Welt wird untersucht. Die Kultur des Islam wird als ein wesentlicher gesellschaftsprägender Faktor angesehen und ist als solcher Gegenstand der Wissenschaft.

Das Studienfach Islamwissenschaft umfasst Religion, Literatur, Kultur, Geschichte und Gegenwart des islamisch geprägten Vorderen Orients und Südostasiens. Zur Ausbildung der Hauptfachstudenten gehört der Erwerb umfassender Kenntnisse des Hocharabischen und einer weiteren Sprache aus einem mehrheitlich muslimisch bewohnten Land wie des Persischen oder Türkischen, unter Umständen auch des Urdu oder des Indonesischen. Grundkenntnisse der islamischen Theologien, des islamischen Rechts, der Geschichte und Gegenwart sowie klassische und moderne Ausdrucksformen der arabischen Literatur sind weitere unabdingbare Gegenstände des Studiengangs.

Die Beschäftigungsaussichten der Absolventen sind gut: Seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 suchen sowohl überregionale Zeitungen als auch Think Tanks und Geheimdienste Fachleute für Islamwissenschaften.[1]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fachdefinitionen und Einführungen

  • Lutz Richter-Bernburg: Wozu Islamwissenschaft? In: Florian Keisinger u. a. (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte. Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 2003, ISBN 3-593-37336-X.
  • Stephan Conermann, Syrinx von Hees (Hrsg.): Islamwissenschaft als Kulturwissenschaft – Historische Anthropologie / Mentalitätsgeschichte. Ansätze und Möglichkeiten (= Bonner Islamstudien. Band 4). EB Verlag, Schenefeld / Hamburg 2007, ISBN 978-3-936912-12-8.
  • Peter Heine: Einführung in die Islamwissenschaft (= Akademie Studienbücher – Kulturwissenschaften). Akademie Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-05-004445-3.
  • Abbas Poya, Maurus Reinkowski (Hrsg.): Das Unbehagen in der Islamwissenschaft. Ein klassisches Fach im Scheinwerferlicht der Politik und der Medien. transcript, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89942-715-8.

Bibliographie

  • Erika Bär: Bibliographie zur deutschsprachigen Islamwissenschaft und Semitistik vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute. 3 Bände, 1985–1994. Reichert, Wiesbaden.

Geschichte

  • Hartmut Bobzin: Geschichte der Arabischen Philologie in Europa bis zum Ausgang des Achtzehnten Jahrhunderts. In: Wolfdietrich Fischer (Hrsg.): Grundriß der Arabischen Philologie. Band III. Wiesbaden 1992, S. 155–187.
  • Johann Fück: Die Arabischen Studien in Europa bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts. Leipzig 1955.
  • Ludmilla Hanisch: Die Nachfolger der Exegeten. Deutschsprachige Erforschung des Vorderen Orients in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden 2003.
  • Rudi Paret: Arabistik und Islamkunde an deutschen Universitäten. Deutsche Orientalisten seit Theodor Nöldeke. Wiesbaden 1966.
  • Holger Preissler: Die Anfänge der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Göttingen 1995.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Islamwissenschaft – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Virginia Kirst: Diese Exoten sollen uns vor dem Terror schützen. welt.de, 24. November 2015, abgerufen am 24. November 2015