Italienische Schweiz

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Sprachgebiete der Schweiz – Mehrheitsverhältnis nach der BFS-Erhebung 2010; Karte mit einem Gemeindebestand per 1. Januar 2017
Deutsch (65,6 % der Bevölkerung; 73,3 % der Schweizer)
Französisch (22,8 % der Bevölkerung; 23,4 % der Schweizer)
Italienisch (8,4 % der Bevölkerung; 6,1 % der Schweizer)
Rätoromanisch (0,6 % der Bevölkerung; 0,7 % der Schweizer)

Die italienische Schweiz (Svizzera italiana) umfasst die Regionen der Schweiz mit einer italienischsprachigen Bevölkerungsmehrheit. Der italienischsprachige Landesteil der Schweiz zählte 2015 ungefähr 350'000 Einwohner, d. h. etwa sechs Prozent der Schweizer Gesamtbevölkerung, welche sich auf die beiden Kantone Tessin und Graubünden konzentrieren. Insgesamt leben 700'000 italienischsprachige Menschen in der Schweiz, die ungefähr acht Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die grösste Stadt der italienischen Schweiz bildet mit rund 68'000 Einwohnern die Tessiner Stadt Lugano, die auch die grösste Stadt italienischer Sprache ausserhalb Italiens ist.[1]

Italienisch ist in der Schweiz Amtssprache und somit dem Deutschen und dem Französischen rechtlich gleichgestellt (Rätoromanisch hat als vierte Landessprache der Schweiz den Status einer Amtssprache nur im Verkehr mit rätoromanischsprachigen Bürgern).[2]

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den grössten und bekanntesten Teil der italienischen Schweiz bildet der Kanton Tessin. Zu ihr gehören ausserdem die Bündner Regionen Bergell, Calancatal, Misox und Puschlav (sowie eine Minderheit in der Ortschaft Bivio im Oberhalbstein). Die italienische Schweiz, also das Tessin und die italienischsprachigen Regionen des Kantons Graubünden, grenzt an die Kantone Wallis, Uri und im Süden an Italien. Vor allem das Untertessin, mit dem Wirtschaftshauptort Lugano, wird der grösseren Metropolregion Mailands zugerechnet.

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Locarno Festival auf der Piazza Grande in Locarno

Das kulturelle Leben der Region orientiert sich vornehmlich an Oberitalien, wobei jedoch auch ein reger Austausch zu den anderen drei Sprachregionen der Schweiz stattfindet. Als Vertreter der italienischen Kultur der Schweiz sind vor allem die Mitglieder der Familie Giacometti, insbesondere Alberto Giacometti, zu nennen, die der bünderischen Gemeinde Stampa entstammen. Internationale Berühmtheit erlangte auch der in Mendrisio geborene Architekt Mario Botta, der unter anderem in Basel (Zweitsitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich), in Tel Aviv/Ramat Aviv (Cymbalista-Synagoge, Campus der Universität Tel Aviv) oder in San Francisco (San Francisco Museum of Modern Art) Bauten von internationaler Ausstrahlung fertigstellte. Bezüglich des kulturellen Austauschs mit anderssprachigen Gebieten Europas fanden beispielsweise der Dichter und Schriftsteller Hermann Hesse in Montagnola, der Psychoanalytiker Erich Fromm, der Maler Paul Klee wie auch der Schriftsteller Erich Maria Remarque in Locarno eine neue Heimat.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich auf dem Hügel Le Monesce bei Ascona, dem sogenannten Monte Verità (italienisch für Hügel der Wahrheit), eine Künstlerkolonie, die inmitten der Natur und vermeintlich abseits von Industrie und den urbanen Zentren im nördlicheren Europa nach neuen Formen des Zusammenlebens suchte und den Ort im Südtessin zu einer neuen Heimstätte des sogenannten alternativen Denkens machte.[3]

In der Stadt Lugano befindet sich ausserdem das im Jahr 2015 eingeweihte Kulturzentrum LAC (Lugano arte e cultura), während in Locarno seit 1946 alljährlich die renommierten Filmfestspiele Locarnos stattfinden.[4]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bislang stammten alle Bundesräte der italienischen Schweiz aus dem Kanton Tessin:

Auf nationaler Ebene entsendet der Kanton Tessin in der Legislaturperiode 2015–2019 acht Mitglieder in den Nationalrat, während aus dem Kanton Graubünden die aus Poschiavo stammende Politikerin Silva Semadeni die italienischsprachige Bevölkerung der Region vertritt. Im Ständerat entsendet nur der Kanton Tessin jeweils zwei italienischsprechende Mitglieder.[5][6][7][8]

In Bellinzona befindet sich zudem auch das Bundesstrafgericht der Schweiz.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Piazza della Riforma in Lugano, der grössten Stadt der italienischen Schweiz

Von 1512 bis 1797 gehörte als Untertanengebiet der Drei Bünde auch das Veltlin zum Einflussgebiet der Eidgenossenschaft. Mit dessen Loslösung im Rahmen der Napoleonischen Kriege verloren die italienischsprachigen Gebiete der Eidgenossenschaft und ihre Zugewandten Orte einen grossen Teil ihrer Fläche und Bevölkerung wie auch den räumlichen Zusammenhalt, sodass die heutige italienische Schweiz sich aus drei nicht zusammenhängenden Gebieten zusammensetzt.

Im Jahr 1803 wurde das Tessin zum vollwertigen Kanton aufgewertet. Über Jahrzehnte hinweg sollte die sogenannte Hauptstadtfrage, als Ausdruck des Kampfes zwischen den diversen politischen Kräften des Landesteils, also zwischen den Liberalen und Klerikalen, den italienischsprachigen Kanton prägen. Erst 1878 einigte man sich nach Wechseln zwischen Lugano, Locarno und Bellinzona schliesslich auf letztere als alleinige Kantonshauptstadt. Prägend war für den Landesteil auch der im Jahr 1880 eröffnete Gotthardtunnel, der aber vor allem durch den Industriellen Alfred Escher und die von ihm gegründete Schweizerische Kreditanstalt in Zürich vorangetrieben wurde.

Als mitten im Zweiten Weltkrieg der Tessiner Bundesrat Giuseppe Motta starb, wollte man wiederum einen italienischsprachigen Bundesrat zu seinem Nachfolger wählen, um damit irredentistischen Ansprüchen des faschistischen Italiens zu begegnen. Mit dem in der Schweizer Bundespolitik bis dahin völlig unbekannten Tessiner Staatsrat Enrico Celio fand das Wahlgremium, die Vereinigte Bundesversammlung, schliesslich einen geeigneten Kandidaten.

Wirtschaftsgeschichtlich entwickelte sich die italienische Schweiz vor allem durch die stetig wachsende Bedeutung des Bankenplatzes in Lugano, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Zürich und Genf zum drittgrössten des Landes avancierte. Im Jahr 1938 wurde in Lugano ein Regionalflughafen eingerichtet, der 2016 eine Passagierzahl von 176'000 aufwies.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. RSI Radiotelevisione svizzera: Popolazione in crescita. Abgerufen am 14. Mai 2017 (italienisch).
  2. Schweizerische Nationalbibliothek NB – Amtssprachen und Landessprachen der Schweiz. Abgerufen am 14. Mai 2017 (deutsch).
  3. Monte Verità: Geschichte. Abgerufen am 18. Mai 2017.
  4. Museo d’arte della Svizzera italiana, Lugano – sede LAC – Lugano Tourism. Abgerufen am 14. Mai 2017 (deutsch).
  5. Mitglieder des Nationalrates: Kanton Tessin. Abgerufen am 14. Mai 2017.
  6. Mitglieder Ständerat: Kanton Tessin. Abgerufen am 14. Mai 2017.
  7. Ratsmitglied ansehen. Abgerufen am 14. Mai 2017.
  8. Der Bundesrat: Departementsvorsteher. Abgerufen am 14. Mai 2017 (deutsch).
  9. Check-in | Lugano Airport. Abgerufen am 14. Mai 2017 (italienisch).