Italowestern

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Der Italowestern (auch Spaghettiwestern oder Eurowestern genannt) ist ein in den 1960ern entstandenes Sub-Genre des Westerns, welches sich in europäischen Westernproduktionen der frühen 1960er Jahre bereits anbahnt, und bald durch italienische Produktionen dominiert wird.

Besonders 'markenbewusst' forciert der Autor und Regisseur Sergio Leone seinen speziellen Stil und seine Sujets mit einer europäischen und besonders italienischen Sichtweise auf den Wild-West-Mythos.

Italowestern feierten über Jahre hinweg große Kassenerfolge. In der Blütezeit des Genres wurde der Markt mit Low-Budget-Filmen geradezu überschwemmt. Im Laufe der ersten Hälfte der 1970er Jahre ebbte die Italo-Western-Welle allmählich ab, beziehungsweise ging in Komödien aber auch ernsten Filmen mit zum Teil 'amerikanischen' Sujets auf.

Inhalte[Bearbeiten]

Der amerikanische Westernfilm wurde durch Italowestern zunächst ernsthaft aufgegriffen und sozusagen progressiv und experimentell ins naiv Fantastische hinein modifiziert. Durch Sergio Leone (samt diverser Epigonen) schwenkt das Genre dann in selbstironische Western-Persiflagen hinüber. Das naiv Fantastische, das natürlich nicht an genuin amerikanischer Geschichte interessiert ist, sondern an unterhaltenden Effekten und neuartigen Erzählweisen, bleibt dabei stets ein Stilmerkmal.

An die Stelle moralisierender und traditioneller (US-amerikanischer) Western-Motive wie Aufrichtigkeit, Anständigkeit und Altruismus setzte der Italowestern Antihelden, die gegen bürgerliche Konventionen und Verhaltensnormen rebellieren. Auch wurden gesellschaftliche Missstände thematisiert, woran sich das genuin europäische Motiv des Italowesterns zeigt. Im Italowestern ist das Amerikanische etwas exotisches. 'Unbegrenzte Möglichkeiten' stehen hier bisweilen für geradezu abstruse Exzesse der Erfindung, aber all dies mit einer bemerkenswerten und bis dahin ungekannten 'Authentizität', die aber nur einerseits das Äußerliche, vornehmlich die Ausstattung, Bauten, Requisiten, Garderobe betrifft, und andererseits die 'Schlechtigkeit' des Western-Menschen, die hier vermeintlich schonungslos 'dargestellt', viel eher aber ebenso fantasievoll erdichtet wird, wie die übermenschliche 'Anständigkeit' des bis dahin typischen Western-Helden. So ist ein weiteres Motiv bisweilen die Darstellung exzessiver Gewalt zu bloßem Sensationszweck.

Der thematisch ähnliche, sich vom moralisch eindeutigeren Western der 1930- bis 1960er Jahre loslösende, vornehmlich US-amerikanische Spätwestern und der Italowestern beeinflussten sich zum Teil gegenseitig. Die einseitige Überzeichnung schüttelt der Italowestern nicht ab, während sich der Spätwestern im Laufe der 1970er Jahre zumindest in manchen Werken differenzierteres Storytelling erlaubt (zum Beispiel die Filme von Clint Eastwood).

Der Italowestern ist oft von markigen Anti-Helden vor häufig schmutzig-schäbiger Kulisse bestimmt. Gerechtigkeitssinn und selbstloses Handeln, die die Helden der amerikanischen Western bis dahin oft auszeichneten, sind hier entweder im Heldencharakter gerade nur zu erahnen oder weichen ganz Habgier und Eigennutz. Der Held des Italowestern wird oft durch Rache oder das Streben nach Geld angetrieben und hält sich aus moralisch motivierten Konflikten heraus. Diese Figuren sind im doppelten Sinne ein zeitlicher Abgesang auf die US-Westernhelden, einmal in den Filmhandlungen als späte Protagonisten des Wilden Westens und einmal real als Ausläuter der gesamten Western-Ära.

Die Darstellung der Indianer und der problematischen amerikanischen Besiedlungsgeschichte ist im europäischen Western kein relevantes Thema. Indianer mit den rassistischen und entwürdigenden Geschichtsverzerrungen des früheren amerikanischen Westerns treten als solche gar nicht auf. Vielmehr erhalten nicht selten Mexikaner, also eine essentiell indianische Etnie, tragende Rollen.

Stilmerkmale[Bearbeiten]

Visuell kennzeichnet den Italowestern unter anderem der Einsatz von extremen Nah- bis Detailaufnahmen. Nahaufnahmen von Gesichtern, die bis zur italienischen Einstellung (in der nur noch die Augen einer Person die Leinwand füllen) reichen, intensivierten unter anderem auch die Darstellung des Pistolenduells im Italowestern, welches vor allem Sergio Leone in seinen Filmen als unausweichlichen Showdown inszenierte. Es ist der schnelle Schnitt zwischen Gesichtern, Händen und Pistolen, untermalt mit der typischen Musik des Italowestern, der heute als typische Sequenz eines Western gilt, jedoch erst hier begründet wurde. Sergio Leone wurde außerdem von japanischen Samuraifilmen (speziell von Akira Kurosawa) beeinflusst. Sein stilbildender Western Für eine Handvoll Dollar (1964) ist ein Remake des nur drei Jahre älteren Films Yojimbo – Der Leibwächter.

Neben Nah- und Detailaufnahmen sind auch Supertotalen genretypische Elemente. In den Filmen von Sergio Leone und Sergio Corbucci dienen diese oft auffallend lange dauernden Einstellungen der Inszenierung des Western-Topos der weiten Prärie. Die Supertotalen können als spannungssteigernde Stillleben auftreten oder durch kaum erkennbare Bewegungen von Kutschen oder Reitern den Gegensatz von Mensch und Natur darstellen. In Leones Für ein paar Dollar mehr besteht die ganze Eröffnungssequenz aus einer einzigen Supertotale. In der Fortsetzung dieses Films, Zwei glorreiche Halunken, besteht die Eröffnungssequenz hingegen aus einem spannenden Wechsel von Supertotalen und Nahaufnahmen.

Das zweitwichtigste Stilmittel bei Sergio Leone ist die Musik, die hier eher selten wirklich 'Filmmusik' ist (siehe unten). In vielen Momenten kippt das Verhältnis von Filmmusik zu Musik-Film.

Ähnlich wie im amerikanischen Western wurde auch im Italo-Western schnell geschossen, und bis auf die Hauptfiguren hatten die Halunken keine persönliche Beziehung zueinander, wurden „wie Fliegen abgeknallt“ und fielen in den älteren Filmen augenblicklich tot zu Boden. Fast alle Filme zeigen im Handlungsverlauf dutzende Erschießungen. Dabei nahm der Italowestern die internationale Entwicklung ab Mitte der 1960er Jahre auf, den Tod immer realistischer und brutaler darzustellen. Fielen zu Anfang die von Pistolenschüssen Getroffenen noch ohne Einschusslöcher zu Boden, so wurde der Tod rasch immer brutaler gezeigt.

Nicht selten fanden mit dem Italowestern eher unübliche Kreuzungen von Filmgenres ihren Weg auf die Leinwand, zum Beispiel mit dem Horrorfilm (Satan der Rache), mit klassischem Schauspiel (Hamlet: Django – Die Totengräber warten schon; Carmen: Mit Django kam der Tod) oder Kriminalfilm (1000 Dollar Kopfgeld).

Musik[Bearbeiten]

Es ist nicht übertrieben, die Musik als eines der wichtigsten Stilmittel des Italowesterns zu bezeichnen. Ennio Morricones Musik hat in Sergio Leones Filmen eine sehr tragende, melodramatische Rolle. Sie ist hier nur noch selten unterbewusst unterstützend (siehe Filmmusik), sondern wird oft zum zentralen Inhalt des Films, wo der Rhythmus der Bilder einen Rahmen für sie schafft. Beides ist dort dann gleich wichtig. Morricones Musiken treten dort in das Bewusstsein, sind einprägsam und populär, also genau das Gegenteil von Filmmusik in ihrer bis dahin und auch heute sonst üblichen Rolle. Entsprechend wurde Ennio Morricones Musik mit markanten Themen und experimentellen Arrangements zum Markenzeichen des Italowestern. Morricones Soundtracks stachen zudem durch die Verwendung von exotischen Instrumenten und Geräuschen hervor (zum Beispiel Okarina, E-Gitarre, menschliche Laute wie Pfiffe oder Schreie, Peitschenschläge, Synthesizer, Oboe oder Fagott solo).

Mit seinen Soundtracks zu den beiden Klassikern des Italowesterns Spiel mir das Lied vom Tod und Zwei glorreiche Halunken schuf Ennio Morricone nicht nur für das Sub-Genre, sondern auch für den Westernfilm an sich Erkennungsmelodien, die in Zitaten und Filmparodien auf das Genre gerne verwendet werden und deren Popularität wohl nur Elmer Bernsteins Thema aus dem Film Die glorreichen Sieben gleichkommt.

Daneben haben auch Bruno Nicolai, Luis Bacalov, Carlo Savina, Angelo Francesco Lavagnino und andere die Filmmusik zu vielen Italowestern geschrieben.

Außenaufnahmen und Sets[Bearbeiten]

Die Landschafts- und Außenaufnahmen zu einer Vielzahl von Italowestern wurden in Spanien auf der Halbinsel Cabo de Gata beziehungsweise nördlich von Almería (beides Andalusien) gedreht. Dort ähnelt die Landschaft sehr stark dem Südwesten der USA (Arizona, New Mexico). Drehorte mit eher europäischem Aussehen (Karstlandschaften), auf die regelmäßig zurückgegriffen wurde, befinden sich in der Gegend um Madrid (unter anderen La Pedriza, Manzanares el Real, Hoyo de Manzanares). Fast immer wurden jedoch – meist aus Gründen der Filmförderung – auch italienische Drehorte verwendet, wie zum Beispiel Gran Sasso in den Abruzzen. Schätzungsweise 70 Prozent aller Italowestern wurden in italienischen Studios (zum Beispiel Elios-Studios), Sets (zum Beispiel Villa Mussolini) und oft auch billig wirkenden Landschaften – meist um Rom herum – eher zügig abgedreht als inszeniert. Oftmals dienten Kiesgruben und Baggerseen als Ersatz für richtige Drehorte, was den Trashcharakter der Filme in der heutigen Rezeption förderte. So hat etwa der mit 13 Filmen vertretene Giuliano Carnimeo, mit Ausnahme einer kurzen Sequenz in Sartana kommt, seinen recht umfangreichen Beitrag zum Subgenre ausschließlich in Italien realisiert. Auch Corbuccis Django entstand größtenteils dort.

Außenaufnahmen in Western-Städtchen (Straßenzüge etc.) wurden sowohl in Kulissenstädten nahe bei Almería wie auch – vor allem Innenaufnahmen (Saloon, Hotel, Gefängnis etc.) – in den Western-Sets der römischen Filmstudios gedreht (Elios-Studios, Laurentiis-Studios oder Cinecittà).

Heute können diese Filmkulissen bei Almería sowie eine Reihe weiterer, dort für Italowestern entstandene Bauten beziehungsweise deren Reste besichtigt werden (etwa die Ranch für Spiel mir das Lied vom Tod, die sogenannte Rancho Leone).

Techniscope[Bearbeiten]

Nahezu alle Italo-Western wurden im kostengünstigen Techniscope-Filmformat produziert, dessen Seitenverhältnis annähernd dem von Cinemascope entspricht (1:2,35). Für die Aufnahmen wurden umgebaute 35-mm-Filmkameras eingesetzt (meist Arriflex II, auch Mitchell), deren Perforationsschritt nur zwei statt vier Perforationslöcher beträgt.

Viele der typischen, bildgestalterischen Stilmerkmale des Italo-Western – so unter anderem die verzerrungsfreien Großaufnahmen (die sogenannte „Italienische“) oder die hohe Schärfentiefe – sind dem Techniscope-Format geschuldet.

Wertschätzung[Bearbeiten]

Nach dem Erfolg vor allem an den europäischen Kinokassen erlangte der Italowestern auch langsam eine Wertschätzung durch Kritiker und Filmhistoriker. Trotz des Fließbandcharakters der Produktion entstanden Filmklassiker, die auch über das Westerngenre hinaus als wichtige künstlerische und die Filmästhetik prägende Filme in die Filmgeschichte eingegangen sind: Leones Spiel mir das Lied vom Tod und Zwei glorreiche Halunken, Corbuccis Leichen pflastern seinen Weg und Django oder auch Castellaris Keoma gehören zu einer Gruppe von Kultfilmen, die aus der Fülle an Italowestern herausragen. Neben der innovativen Inszenierung Leones und der Musik Morricones (Komponist von drei zuvor genannten Filmen) spielen auch erzählungsstrategische Experimente wie in Leichen pflastern seinen Weg eine Rolle für die anhaltende Begeisterung sowohl bei Filmfans als auch Filmkritikern.

Deutsche Titelgebung[Bearbeiten]

Figuren wie Django, Ringo oder Sabata wurden zu Ikonen des Sub-Genres, die regelmäßig auf der Leinwand (wie auch im Titel) eine Rückkehr erlebten. Dabei entwarfen die wenigsten Filmreihen übergreifend konsistente Erzählungen oder bildeten gar ein verbindliches Personal heraus. Ganz im Gegenteil wurden ganze Reihen erst von deutschen Filmverleihern mittels verfälschender Synchronisation und irreführender Titelgebungen ins Leben gerufen, um durch die Anlehnung an besonders erfolgreiche Schlüsselfilme die Bilanz an der Kasse aufzubessern: Hierdurch kam es vor, dass bei einem Erfolgstitel oft bereits in den nächsten Wochen eine vermeintliche Fortsetzung mit dem populären Titelhelden erschien. Berühmtestes Beispiel ist die Django-Serie, die nur auf dem deutschen Markt mittels irreführender Titel in den Status einer solchen erhoben wurde (Beispiel hier: Django der Rächer; in der italienischen Version des Films wird der Name Django kein einziges Mal ausgesprochen, der Hauptdarsteller Franco Nero heißt stattdessen Burt Sullivan). Offiziell erfuhr Sergio Corbuccis Klassiker mit Franco Nero in der Hauptrolle erst 1987 die bis dato einzige Fortsetzung.

Persiflage durch Bud Spencer und Terence Hill[Bearbeiten]

Wie viele andere zeitweilig populäre Genres ereilte auch den Italowestern nach Einüben der Konventionen eine Phase der Ironisierung und Verschiebung ins Komödiantische. Vor allem das Duo Bud Spencer und Terence Hill trat gemeinsam in einer Reihe Westernfilme mit humoristischem Erfolg auf, in denen ausgiebig gefressen und gerauft wurde. Doch soll dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide auch unabhängig voneinander durchaus ernst angelegte Western in ihren Filmografien aufweisen. Vor allem Terence Hill trat als eine an die großen schweigsamen Anti-Helden des Italowesterns erinnernde Figur auf, wohingegen Bud Spencers Versuche meist von einer erbarmungslos „verwitzelnden“ deutschen Synchronisation mit entsprechendem Ergebnis sabotiert wurden. Terence Hill bleibt vor allem als die Spätwesternfigur Nobody in Erinnerung, die in ihrer ersten Inkarnation – unter Co-Regie von Sergio Leone – trotz komödiantischer Ausrichtung einige melancholische Akzente im Genre zu setzen wusste. 1991 versuchte er – wie auch der Italowestern – in einer Real-Adaption des Comics Lucky Luke mit nur geringem Erfolg an seine alten Rollen anzuschließen.

Bud Spencer und Terence Hill drehten auch eine ganze Reihe an Nicht-Western zusammen, die jedoch häufiger auf einige Italowestern anspielten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Christopher Frayling: Spaghetti Westerns. Cowboys and Europeans from Karl May to Sergio Leone. I.B.Tauris, London/New York 1998, ISBN 978-1-84511-207-3
  • Christian Kessler: Willkommen in der Hölle. Der Italo-Western im Überblick. Terror Verlag, Gütersloh 2002, ISBN 3-00-009290-0
  • Ulrich P. Bruckner: Für ein paar Leichen mehr. Der Italo-Western von seinen Anfängen bis heute. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2002 (Neuauflage: 2006), ISBN 3-89602-705-0.
  • Dirk Wilske: Der Italowestern – von der Gewalt zum Humor. Filmanalysen ausgewählter Beispiele. Grin Verlag, München 2007, ISBN 3-638-83742-4
  • Christian Heger: Die rechte und die linke Hand der Parodie: Bud Spencer, Terence Hill und ihre Filme. Schüren Verlag, Marburg 2009, ISBN 978-3-89472-664-5
  • Harald Steinwender: Sergio Leone. Es war einmal in Europa. Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86505-308-4
  • Uwe Killing: Dreckige Spaghetti – Die glorreiche Geschichte des Italowestern. Hannibal, Innsbruck 2013, ISBN 978-3-85445-382-6

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Italo-Western – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen