Ján Kuciak

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Ján Kuciak (* 17. Mai 1990 in Štiavnik; tot aufgefunden am 25. Februar 2018 in Veľká Mača) war ein slowakischer Journalist. Sein Tod löste die Aufdeckung einer Reihe von Verbindungen slowakischer Politiker zu kriminellen Geschäftsmännern und der organisierten Kriminalität auf. Darauf folgende Proteste in der ganzen Slowakei führten zu einer politischen und gesellschaftlichen Krise und dem Rücktritt des Ministerpräsidenten, des Innenministers und des Polizeichefs.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ján Kuciak absolvierte ein Journalismusstudium an der Philosoph Konstantin-Universität Nitra. Seine laufende Promotion konnte er nicht abschließen.[1] Er wurde 2015 Redakteur des Newsportals aktuality.sk; das Portal gehört zu Ringier Axel Springer Slowakei.[2] Kuciak spezialisierte sich auf die Recherche zu Fällen von Korruption und Steuerdelikten in der Slowakei und berichtete in dem Portal aktuality.sk über diese Fälle.

Im Fokus seiner Recherche standen vor allem prominente Unternehmer. Seinen Recherchen zufolge sollen diese Geschäftsverbindungen zu den zu diesem Zeitpunkt regierenden Sozialdemokraten sowie zur organisierten Kriminalität gehabt haben.[3][4] Wie auch die auf Malta ermordete Journalistin Daphne Caruana Galizia war Kuciak an der Auswertung der Panama Papers beteiligt, in denen es um Steueroasen geht.[5]

Nach den Recherchen von Kuciak soll Regierungschef Robert Ficos persönliche Assistentin Mária Trošková eine ehemalige Geschäftspartnerin und Lebensgefährtin von Antonino Vadalà gewesen sein.[6][7] Vadalà wurde in Kuciaks Recherchen als wichtigster Drahtzieher des italienischen Mafia-Netzwerks in der Slowakei identifiziert.[8]

Im Herbst 2017 erhielt Kuciak Drohungen und erstattete daraufhin Anzeige bei der Polizei. Einer der Unternehmer, zu dessen Geschäften Kuciak zuletzt gearbeitet hatte, drohte ihm öffentlich wegen dieser Berichte: Er wolle ähnliche „Schmutzberichte“ über Kuciak und seine Familie sammeln, wie es der Journalist getan habe.[9]

Ermordung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende Februar 2018 (vermutlich zwischen dem 22. und 25. Februar) wurden Kuciak und seine Freundin in seinem Haus in Veľká Mača bei Trnava in der Westslowakei erschossen.[10][4] Der oder die Täter schossen ihren Opfern in Brust und Kopf.[5] Wann genau es zu der Tat gekommen ist, versuchen die slowakischen Ermittlungsbehörden zu klären. Die Verlobte von Kuciak hatte sich zuletzt drei Tage vor dem Fund der Leichen bei ihrer Familie gemeldet. Als ihre Mutter die Tochter über Tage nicht mehr erreichen konnte, alarmierte sie die Polizei.

Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Mord leitete die Polizei umfangreiche Ermittlungen ein und zog die Nationale Kriminalagentur (NAKA) hinzu. Zur Aufklärung wird ein spezielles Ermittlerteam eingesetzt, zudem hat die slowakische Regierung eine Belohnung in Höhe von einer Million Euro für Hinweise ausgeschrieben, die zu den Tätern führen.[11]

Am 1. März 2018 wurde bekannt, dass die slowakische Polizei mehrere italienische Geschäftsmänner festgenommen hat. Es gab Durchsuchungen und Festnahmen in mehreren Orten der Slowakei. Die Namen der Männer waren im letzten Artikel von Kuciak aufgetaucht. Die Polizei sprach von einer „italienischen Spur“. Über die italienischen Unternehmer hatte Kuciak in seiner unvollendeten letzten Reportage geschrieben. Die Unternehmer sollen demnach mit kalabrischen Mafiagruppen, unter anderem mit der ’Ndrangheta, in Verbindung stehen und sich in der Slowakei auf Steuerbetrug und Missbrauch von EU-Förderungen spezialisiert haben.[8][12] Die Festgenommenen wurden später alle wieder aus der Untersuchungshaft entlassen.[13]

Reaktionen nach Ermordung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Gedenkmarsch für Ján Kuciak und seine Verlobte in Brünn am 2. März 2018

Politiker der slowakischen Regierung und Opposition äußerten sich bestürzt und forderten Aufklärung. Der tschechische Christdemokrat Marian Jurečka appellierte an die politischen Repräsentanten seines Landes Tschechien, eine sorgfältigere Wortwahl an den Tag zu legen. Der tschechische Präsident Miloš Zeman hatte mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin „gescherzt“, dass Journalisten liquidiert werden sollten. Die Worte waren nach Medienberichten im Mai 2017 am Rande eines Peking-Besuchs der beiden Politiker gefallen. Die Folgen sehe man, so Jurečka, nun in der Slowakei in der Praxis.[4]

Mehrere slowakische Medien haben posthum Kuciaks letzte, unvollständig gebliebene Reportage veröffentlicht. Darin thematisierte er Verbindungen der Mafia bis ins Büro des sozialdemokratischen Regierungschefs Robert Fico. Am 27. Februar 2018 brannte es laut Tageszeitung Sme im Finanzamt von Košice. Es wird vermutet, dass dabei Unterlagen verbrannt sind, auf die sich Kuciak stützte.[14] Robert Fico bot eine Belohnung von 1 Mio. Euro für Hinweise zur Ergreifung der Täter. Gleichzeitig war er jedoch für scharfe Kritik an Medien bis hin zu Beschimpfungen von Journalisten insbesondere der Zeitungen Sme und Pravda bekannt. Laut ORF.at habe Kuciaks Recherchen sich auf mutmaßliche Mitglieder der ’Ndrangheta im Osten der Slowakei, auf Steuerbetrug mit fingierten Rechnungen und auf Betrügereien mit EU-Förderungen spezialisiert. Verbindungsleute der mafiösen Organisation seien bereits im Büro des Ministerpräsidenten anzutreffen. Der politische Analyst Grigorij Meseznikov erwartet, dass der Mord und „seine möglichen Verbindungen zur slowakischen Politelite“ ein „politisches Erdbeben“ auslösen könne.[15]

Am 28. Februar 2018 trat der Kulturminister Marek Maďarič (SMER) zurück. Bereits zuvor galt er als parteiinterner Kritiker, der eine Verfilzung von Politik und Geschäftswelt kritisierte. Im Dezember 2017 hatte er bereits seine Funktion als einer der stellvertretenden Parteichefs der sozialdemokratischen Regierungspartei von Ministerpräsident Robert Fico aufgegeben und mehrfach in Interviews Ficos erstem Stellvertreter – Innenminister Robert Kaliňák – den Rücktritt nahegelegt. Dieser stehe im Verdacht, Geschäftsbeziehungen zu mutmaßlichen Steuerbetrügern zu unterhalten, gegen die der ermordete Journalist Kuciak recherchierte.[16] Die Partei Most Hid, die zu Robert Ficos Drei-Parteien-Koalition gehört, kündigte an, über ein Ende der Zusammenarbeit zu beraten. Most Hid hatte wegen des Mordes an Kuciak ebenfalls den Rücktritt von Innenminister Robert Kaliňák gefordert.[17] Kaliňák trat schließlich am 12, März 2018 zurück. In den Tagen zuvor hatten zehntausende Bürger in Bratislava und anderen Städten demonstriert und Kaliňák sowie Ficos Rücktritt gefordert.[18]

Die beiden Morde schreckten auch die Europäische Union auf. EU-Kommissar Günther Oettinger sagte in einem Zeitungsinterview, er halte es für möglich, dass EU-Zahlungen an die Agrarwirtschaft „für kriminelle Zwecke missbraucht“ worden seien. „Wir werden in ein paar Wochen Klarheit über die Finanzströme und einen möglichen Missbrauch haben.“[19] Auch das Europäische Parlament soll sich nach dem Willen des Chefs des Auswärtigen Ausschusses im EU-Parlament, David McAllister (CDU) mit dem Fall befassen. Er forderte von slowakischen Behörden eine Aufklärung des Falls und eine Bestrafung der Täter.[19]

Das Europaparlament plant eine Delegation in die Slowakei zu schicken, um den Fall zu untersuchen.

Der slowakische Staatspräsident Andrej Kiska sieht eine umfassende Regierungsumbildung oder Neuwahlen als erforderlich an, um die entstandene politische Krise zu lösen und das Vertrauen der Bevölkerung wieder zu erlangen.[20] Am 12. März 2018 erklärte Innenminister Kaliňák seinen Rücktritt.[21] Der Forderung nach Neuwahlen schloss sich am 12. März auch Most-Hid, die kleinste der drei regierenden Koalitionsparteien, an. Die Oppositionspartei SaS brachte einen Misstrauensantrag gegen die Regierung Fico im Parlament ein, über den am 19. März abgestimmt wird.[22][18]

Die slowakische Polizei nahm Antonino Vadalà fest[6], den sie bereits kurz nach dem Doppelmord verhaftet und dann wieder freigelassen hatte. Grundlage sei diesmal ein europäischer Haftbefehl. Ihm würden Drogenhandel und organisierte Kriminalität vorgeworfen.[18]

Am 25. April 2018 gab der Axel-Springer-Verlag bekannt, dass Kuciak postum mit einem Sonderpreis bei der Verleihung des Axel-Springer-Preises für junge Journalisten ausgezeichnet wird. Kuciaks Schwester Maria und weitere Journalisten von aktuality.sk nehmen den Preis stellvertretend entgegen. Der Sonderpreis wird erstmals verliehen.[23]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Na Slovensku zavraždili novináře, pravděpodobně kvůli jeho investigativní práci. Premiér Fico slíbil za dopadení pachatele milion eur. In: ihned.cz. 26. Februar 2018, abgerufen am 1. März 2018 (tschechisch).
  2. Er war in der Slowakei Steuerbetrügern auf der Spur. Ringier-Journalist (†27) und Verlobte erschossen. In: blick.ch. 26. Februar 2018, abgerufen am 1. März 2018.
  3. Slowakei. Enthüllungs-Journalist ermordet. In: deutschlandfunk.de. 26. Februar 2018, abgerufen am 1. März 2018.
  4. a b c Slowakischer Aufdeckerreporter erschossen aufgefunden. In: stol.it. 26. Februar 2018, abgerufen am 1. März 2018.
  5. a b tagesschau.de: Mord in der Slowakei. Investigativ-Journalist in der Slowakei erschossen. 26. Februar 2018, abgerufen am 26. Februar 2018.
  6. a b Vinzenz Greiner: Mafia-Mann Vadala und 16 weitere Personen gefasst. In: blick.ch. 16. Mai 2018, abgerufen am 27. Mai 2018.
  7. Blick.CH: Schematische Darstellung. Abgerufen am 12. März 2018.
  8. a b Slowakische Polizei: Festnahmen im Zusammenhang mit Journalisten-Mord. In: Deutsche Welle (dw.com). 1. März 2018, abgerufen am 1. März 2018.
  9. Springer und Ringier „entsetzt und fassungslos“ über Mord an Enthüllungsjournalist Kuciak und seiner Verlobten. In: Meedia. 26. Februar 2018, abgerufen am 26. Februar 2018.
  10. Vražda investigatívneho novinára: Reportéra († 27) s priateľkou zabili v ich dome. In: Nový Čas. 26. Februar 2018, abgerufen am 26. Februar 2018 (slowakisch).
  11. Recherchen mögliches Motiv. In: ORF.at. 26. Februar 2018, abgerufen am 1. März 2018.
  12. Rob Cameron: Slovakia grapples with murdered journalist’s last story. In: BBC News. 28. Februar 2018, abgerufen am 1. März 2018.
  13. Ermordeter Journalist Ján Kuciak: Slowakische Behörden lassen Verdächtige frei. In: spiegel.de. 3. März 2018, abgerufen am 5. März 2018.
  14. Steuerbetrug und Korruption. Mafia soll hinter Journalistenmord in Slowakei stecken. In: FAZ.net. 28. Februar 2018, abgerufen am 1. März 2018.
  15. Spur führt zu ’Ndrangheta. Verbindungsleute in Regierung? In: ORF.at. 28. Februar 2018, abgerufen am 28. Februar 2018.
  16. Nach Journalistenmord. Slowakischer Kulturminister tritt zurück. In: Spiegel.de. 28. Februar 2017, abgerufen am 1. März 2018.
  17. tagesschau.de: Journalistenmord: EU-Parlament will Fall Kuciak untersuchen. Abgerufen am 4. März 2018 (deutsch).
  18. a b c FAZ.net: Ministerpräsident Fico muss sich Misstrauensvotum stellen
  19. a b Slowakei. EU befasst sich mit Journalistenmord. In: Spiegel Online. 1. März 2018, abgerufen am 1. März 2018.
  20. Journalistenmord: Slowakischer Präsident fordert Neuwahlen. In: spiegel.de. 4. März 2018, abgerufen am 6. März 2018.
  21. Nach Journalistenmord: Slowakischer Innenminister tritt zurück. In: spiegel.de. 12. März 2018, abgerufen am 13. März 2018.
  22. Krise nach Journalistenmord: Slowakischer Regierungschef muss sich Misstrauensvotum stellen. In: Spiegel Online. 13. März 2018, abgerufen am 10. Juni 2018.
  23. Axel-Springer-Sonderpreis für ermordeten Reporter Jan Kuciak. In: kurier.at. 27. April 2018, abgerufen am 27. April 2018.