Jüdischer Friedhof Ottensen

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Gedenktafel für den ehemaligen Friedhof im Untergeschoss des Einkaufszentrums Mercado

Der Jüdische Friedhof Ottensen ist im heutigen Hamburger Stadtteil Ottensen ein ehemaliger jüdischer Begräbnisplatz, der ab 1663 auf einem Gelände zwischen der heutigen Ottenser Hauptstraße und der Großen Rainstraße eingerichtet wurde. Die letzte Beisetzung fand 1934 statt − danach folgten mehrmalige Überbauungen, wie sie schon teilweise im 19. Jahrhundert geschehen waren.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hamburger Aschkenasim erhielten am 22. Oktober 1663 von der der dänischen Krone unterstehenden Amtsherrschaft Pinneberg des Herzogtum Holstein die Erlaubnis, einen Begräbnisplatz einzurichten. Sie erwarben noch im selben Jahr für diesen Zweck ein Gelände am Hahnenkamp im Dorf Ottensen, an der späteren Bismarckstraße und heutigen Ottenser Hauptstraße. Hintergrund war das Bestreben, sich von der engen Zusammengehörigkeit mit der in Hamburg anerkannten sephardischen Gemeinde zu lösen und zudem unabhängig von der Altonaer aschkenasischen Gemeinde zu sein. Die Hamburger besaßen keine Anerkennung als selbständige Gemeinde, da ihnen für diesen Status der eigene Friedhof fehlte. Ihre Toten wurden bis dato auf dem Jüdischen Friedhof Altona an der Königsstraße beerdigt. Da die Altonaer kein Interesse an der Eigenständigkeit der Hamburger hatten, entspann sich in den folgenden Jahren ein Streit um die Beerdigungsrechte, der am 3. Mai 1666 mit einem Vergleich beigelegt wurde. Danach erkannten die Altonaer die Deutsch-Israelitische Gemeinde zu Hamburg an, im Gegenzuge erhielten sie eine Beteiligung am Ottenser Friedhof. Die Gründung des Friedhofs gilt somit auch als Datum des eigenständigen aschkenasischen Gemeindewesens in Hamburg.[1]

Ausbau und Begrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis 1805 wurde der Friedhof durch Grundstücksankäufe beständig vergrößert, eine genaue Vermessung des Geländes fand jedoch nicht statt. Die vollständige Umzäunung war 1810 abgeschlossen, 1812 übernahm die Hochdeutsche Israelitische Gemeinde zu Altona den rückwärtigen, an der Großen Rainstraße gelegenen Teil des Grundstückes. Im Jahr 1819 errichtete die Gemeinde eine Kapelle mit Vorhalle an der Bismarckstraße, heute Ottenser Hauptstraße. Wie auch der Altonaer Friedhof an der Königsstraße erhielt der Ottensener als Begräbnisplatz berühmter Rabbiner und Gemeindeführer einen besonderen Stellenwert.[2] Große Beachtung fand die Beerdigung des Bankiers Salomon Heine im Dezember 1844, die beschrieben wird als stumme Demonstration seiner verbindenden Popularität. Tausende Hamburger, Juden wie Christen, begleiteten ihn auf seinem letzten Weg nach Ottensen.[3]

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs das Dorf Ottensen zu einem bedeutenden Industriestandort heran, so dass der ehemals an einer Feldmark gelegene Friedhof nun im Zentrum eines eng bebauten Stadtteils Raum nahm und die Grundstücksgrenzen für notwendige Straßenausbauten benötigt wurden. Im Jahr 1897 – Ottensen war inzwischen nach Altona eingemeindet worden – kamen Verhandlungen zwischen der Deutsch-Israelitischen Gemeinde und der Stadt Altona zu einem Abschluss, nach dessen Ergebnis die jüdische Gemeinde einen etwa drei Meter breiten Streifen an der Bismarckstraße ohne Eigentumsübertragung an die Stadt abtrat. Die Grabsteine der in diesem Streifen liegenden um die einhundert Gräber wurden flachgelegt, das Terrain mit einem Zwischenraum von etwa 20 Zentimetern überwölbt und sodann mit der Straßenerweiterung überbaut. Auf die gleiche Weise wurde im Jahr 1898 die Große Rainstraße auf einem ebenfalls drei Meter breiten Streifen Friedhofsgelände und einer unbekannt gebliebenen Anzahl an Gräbern ausgebaut.[4]

Enteignung während des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1935, in der Zeit des Nationalsozialismus, suchte die Altonaer Bauverwaltung nach Möglichkeiten einer Enteignung des Friedhofsgeländes und setzte 1937 den Abriss der Kapelle und der Leichenhalle durch. Doch erst nachdem die jüdischen Gemeinden im Groß-Hamburg von 1939 zur Jüdischen Religions-Vereinigung e.V. zusammengeschlossen waren, erzwang die nationalsozialistische Regierung die stückweise Herausgabe des Friedhofsgrundstücks. Zunächst wurde auf dem Gelände ein Turmbunker, später ein Kastenbunker errichtet. Der jüdischen Vereinigung gelang es im Jahr 1942, die Umsetzung von 175 historisch bedeutenden Grabsteinen, von ehemals etwa 9000 Steinen, auf den Friedhof Ilandkoppel in Ohlsdorf zu erwirken. Von einigen wenigen herausragenden Persönlichkeiten konnten auch die Gebeine umgebettet werden. Nach der vollständigen Auflösung der Religionsgemeinde 1943 übernahm die Stadt Hamburg auch die restlichen Friedhofsteile, die übrigen Grabsteine, bis auf die durch die Straßenerweiterungen überwölbten, wurden zerstört.[5]

1950 wurde von der Jüdischen Gemeinde in Hamburg zusammen mit der Jewish Trust Corporation (JTC) gegenüber der Stadt Hamburg der Anspruch auf Rückerstattung durchgesetzt und das ehemalige Friedhofsgelände an eine Tochtergesellschaft des Hertie Konzerns verkauft. Die erhaltenen Gräber unter der Straßenüberwölbung wurden nach Ohlsdorf umgesetzt, bevor 1952 auf dem Gelände der Bau eines Warenhauses begonnen wurde.

Bau des Einkaufszentrums Mercado[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1988 verkaufte Hertie das Gelände an die Baufirma Büll & Liedke, der Bezirk Altona erteilte die Genehmigung, an diesem Ort ein neues Einkaufszentrum zu errichten. Während des Abrisses des alten Gebäudes und der Aushubarbeiten für den Neubau im Sommer und Herbst 1991 wurden die Spuren des ehemaligen Friedhofs sichtbar, Bruchstücke von Grabsteinen und menschliche Knochenreste kamen an die Oberfläche. Internationale jüdische Gemeinden wurden auf das Bauprojekt aufmerksam und protestierten gegen die weitere Zerstörung der sakrosankten Fläche. Die ultraorthodoxe Gruppierung Athra Kadisha, die weltweit für die Erhaltung jüdischer Grabstätten kämpft, besetzte den Bauplatz und erreichte einen zwischenzeitlichen Baustopp.[6]

Im Mai 1992 wurde der Jerusalemer Oberrabbiner Itzhak Kolitz als Vermittler in dem Konflikt angerufen. Kolitz fällte folgenden Spruch:

„1. Wir verbieten, die Gräber oder das Erdreich des Friedhofs wegzuräumen, und sei es auch, daß man sie in das Land Israel brächte.
2. Wir verhindern nicht eine Bebauung über dem Friedhof, d.h. auf ihm. Doch es darf nicht ausgeschachtet werden.
3. Ein von uns berufener Aufseher wird die Bauarbeiten ständig beaufsichtigen.“

Rabbi Itzhak Kolitz: Stellungnahme vom 21. Mai 1992 [7]

Mit dieser gutachterlichen Entscheidung ermöglichte er den Bau des Einkaufszentrums Mercado unter eingeschränkten Bedingungen: Es wurde anstatt einer Tiefgarage ein Parkhaus auf dem Dach des Gebäudes errichtet und über dem Erdreich, in dem Gräber und Gebeine vermutet wurden, eine Betonplatte gegossen.

Nach der Fertigstellung und Einweihung des Mercados am 5. Oktober 1995 wurden am Treppenabgang zum Tiefgeschoss Gedenktafeln angebracht, die über die Geschichte des Friedhofes informiert und die Namen von insgesamt 4.500 dort bestatteten Toten nennt. Die Tafeln lassen zudem Platz für weitere Namen, die künftig noch ermittelt werden könnten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ina Lorenz und Jörg Berkemann (Hrsg.): Streitfall Jüdischer Friedhof Ottensen (1663-1993). 2 Bände, Dölling und Galitz, Hamburg 1995, ISBN 3-926174-67-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bernhard Brilling: Der Streit um den Friedhof zu Ottensen. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg; in: Ulla Hinnenberg: Der jüdische Friedhof in Ottensen, Hamburg 1992, S. 9–17
  2. Michael Studemund-Halévy: Friedhöfe; in: Das jüdische Hamburg. Ein historisches Nachschlagewerk, Hrsg. Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg 2006, S. 76
  3. Susanne Wiborg: Heine, Salomon; in: Das jüdische Hamburg. Ein historisches Nachschlagewerk, Hrsg. Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Hamburg 2006, S. 110
  4. Bericht über die Gemeindeverwaltung der Stadt Altona in den Jahren 1863 bis 1900, Dritter Teil, Altona 1906, S. 562; zitiert nach: Ulla Hinnenberg: Der jüdische Friedhof in Ottensen, Hamburg 1992, S. 37
  5. Hans W. Hertz: Memorandum zum ehemaligen Juden-Friedhof in Ottensen, 12. März 1951; zitiert nach: Ulla Hinnenberg: Der jüdische Friedhof in Ottensen, Hamburg 1992, S. 37
  6. Arie Goral-Sternheim: Der verhängnisvolle Hamburger Friedhofskonflikt, Spiegel Special am 1. Februar 1992, abgerufen am 9. Januar 2011
  7. Itzhak Kolitz: Stellungnahme vom 21. Mai 1992; zitiert nach: Ulla Hinnenberg: Der jüdische Friedhof in Ottensen, Hamburg 1992, S. 129

Koordinaten: 53° 33′ 9″ N, 9° 55′ 55″ O