Jüdischer Verlag

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Das von E. M. Lilien gestaltete Signet des Jüdischen Verlags
Berlin 1902: Gründungsmitglieder des Jüdischen Verlags. V. l. n. r.: (stehend) Ephraim Moses Lilien, Chaim Weizmann, Davis Trietsch, (sitzend) Berthold Feiwel und Martin Buber.[1]
Anzeige (1912)
Berliner Gedenktafel am Haus, Vopeliuspfad 12, in Berlin-Zehlendorf

Der Jüdische Verlag ist ein deutscher Verlag, der sich der Förderung der jüdischen Kultur in deutscher Sprache widmet. Er bestand von 1902 bis 1938 und wurde in anderer Form 1958 neu gegründet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Jüdische Verlag wurde kurz vor dem fünften Zionistischen Kongress, der vom 26. bis zum 30. Dezember 1901 in Basel stattfand, von einem Initiativkreis gegründet, dem Martin Buber, Chaim Weizmann, Ephraim Moses Lilien, Berthold Feiwel und Davis Trietsch angehörten. Die Eintragung der Rechtsform einer GmbH erfolgte im Oktober 1902 in das Berliner Handelsregister.[2] Der Geschäftssitz war in Berlin, Budapester Straße 11.

Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Probleme und unter dem Einfluss des Kölner Kaufmannes David Wolffsohn, der eine Revision der ökonomischen Struktur veranlasste, folgte 1906 der Umzug des Verlages von Berlin nach Köln. B. Feiwel leitete den Verlag noch bis 1907, während das Interregnum in Köln bis 1911 fortdauerte.[3]:S. 89 ff.

Im Oktober 1911 übernahm der vom Piper Verlag gekommene Ahron Eliasberg die Leitung des Verlags[3]:S. 135 ff. und führte ihn bis 1920 „einigermaßen erfolgreich durch die schwierigen Kriegszeiten“.[4]

1920 übernahmen Siegmund Kaznelson die Geschäftsführung und Martin Buber die literarische Leitung. Diese Verlagsdirektion prägte während der Weimarer Republik das damalige Verlagsprogramm: Im Jüdischen Verlag erschienen u. a. Werke von Achad Haam, Chaim Nachman Bialik, Simon Dubnow, Theodor Herzl, Theodor Lessing, Max Nordau, Arthur Ruppin, das fünfbändige Jüdische Lexikon und deutsche Übersetzung des Babylonischen Talmud durch Lazarus Goldschmidt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 konnte der Verlag nur unter großen Behinderungen bis zum Verbot im Jahre 1938 weiterarbeiten. Mit der Auswanderung Kaznelsons 1937 hatte sich der Verlag allerdings schon weitgehend aufgelöst.

1958 konnte der Verlag in Berlin restituiert werden. 1978 wurde er vom Athenäum Verlag übernommen und als ein rechtlich unselbstständiger Tochterverlag geführt.[5] 1990 erwarb der Suhrkamp Verlag 51 % der Geschäftsanteile, das Verlagsprogramm erscheint seit 1992 als „Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag“.

Für Aufsehen sorgte die Veröffentlichung des autobiographischen Buchs Bruchstücke (1995) des angeblichen Holocaust-Überlebenden Binjamin Wilkomirski, der 1998 von Daniel Ganzfried als Konfabulant entlarvt wurde. Dem damaligen Verlagschef Thomas Sparr wurde vorgeworfen, Ganzfrieds Enthüllungen nicht mit eigenen Recherchen nachgegangen zu sein.[6]

Der Verlag hat heute seinen Sitz als Imprintverlag beim Suhrkamp Verlag in Berlin-Prenzlauer Berg.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anatol Schenker: Der Jüdische Verlag 1902-1938. Zwischen Aufbruch, Blüte und Vernichtung. Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-65141-5
    • Markus Bauer: Rezension zu Anatol Schenkers Der Jüdische Verlag 1902-1938, in: H-Soz-Kult, 17. September 2004 ([www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-5492 Online])
  • Anatol Schenker: Jüdischer Verlag. In: Dan Diner (Hrsg.): Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Band 3: He–Lu. Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02503-6, S. 260–263.
  • Ahron Eliasberg: Das Werden des jüdischen Verlags, in: Neue jüdische Monatshefte. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Literatur in Ost und West, Heft 2–4 vom 25. Oktober 1919, S. 81–85.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Jüdischer Verlag – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lionel Gossman: Jugendstil in Firestone: The Jewish Illustrator E. M. Lilien (1874–1925)., letzte Seite
  2. Curt Vinz u. Günter Olzog: Dokumentation deutschsprachiger Verlag. 8. Ausgabe. Olzog, München/Wien 1983, S. 201.
  3. a b Anatol Schenker: Der Jüdische Verlag 1902-1938
  4. Markus Bauer: Rezension zu Anatol Schenkers Buch
  5. Curt Vinz u. Günter Olzog: Dokumentation deutschsprachiger Verlag. 8. Ausgabe. Olzog, München/Wien 1983, S. 201.
  6. Irene Diekmann, Julius H. Schoeps (Hrsg.): Das Wilkomirski-Syndrom. Eingebildete Erinnerungen oder Von der Sehnsucht, Opfer zu sein. Pendo, Zürich 2002, ISBN 3-85842-472-2.