Jürgen Roth (Publizist)

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Dieser Artikel handelt von dem 1945 geborenen Publizisten; ein Namensvetter, der 1968 geborene deutsche Schriftsteller wird unter Jürgen Roth (Schriftsteller) beschrieben.
Jürgen Roth, 2011

Jürgen Roth (* 4. November 1945 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Publizist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Mittleren Reife machte er eine Lehre als Speditionskaufmann. 1968 stieg er aus und verbrachte ein Jahr in der Türkei.[1] Seit 1971 veröffentlicht er Bücher und Fernsehdokumentationen über die organisierte Kriminalität mit Schwerpunkt Osteuropa, Deutschland und den internationalen Terrorismus. Er ist zudem aktiv in der Organisation Business Crime Control. Roth ist der Meinung, die organisierte Kriminalität sei mit dem Wirtschaftssystem tief verflochten, sie sei in Europa Bestandteil des Wirtschaftslebens.

Rezeption und Gerichtsverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rheinische Post sieht Roth als einen der „besten Kenner der Materie.“[2]. Er gilt jedoch als „streitbarer“ und „wegen seiner Polemik auch umstrittener Journalist“, so die Berliner Zeitung am 9. Juli 2009. Thomas Feltes, Kriminologe an der Ruhr-Universität Bochum, schrieb über seine Publikationen: „Ohne seine Bücher würde dem gemeinen Leser etwas fehlen, und sicherlich auch manchen Ermittlern, die nach dem Erscheinen gierig danach suchen werden, wer wie dort zitiert, genannt oder sonst wie indirekt erwähnt wird.“[3] Gegen Roth gab es wegen seiner Publikationen mehrere Gerichtsverfahren.

Gerhard Schröder ging rechtlich gegen das Buch „Der Deutschland-Clan: Das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz“ vor, in dem sich Roth auch mit dem ehemaligen Bundeskanzler befasste. Das Gericht urteilte, Roth müsse einer Passage des Buchs umschreiben, in der er eine Reise Schröders in die Vereinigten Arabischen Emirate mit seiner Tätigkeit für Gazprom in Verbindung brachte. Schröders Anwälte versuchten jedoch auch den Verkauf der neuen, unbeanstandeten Ausgabe durch Abmahnung der Buchhändler zu unterbinden[4]. Ein Exzerpt seiner Recherchetätigkeiten hatte Roth vorab im Nachrichten-Portal „Fair Observer“ vorgestellt.[5]

Nach einer einstweiligen Verfügung, die der Anwalt eines Leipziger Gastronomen beim Landgericht Leipzig erwirkt hatte, musste das Buch „Mafialand Deutschland“ aus dem Buchhandel genommen werden, es durfte danach nur noch mit geschwärzten Passagen vertrieben werden.[6]

Kontroversen

Im Februar 2010 verklagte der ehemalige bulgarische Innenminister Rumen Petkow Jürgen Roth wegen Verleumdung.[7] Roth hatte Petkow mit der Mafia und dem illegalen Drogenhandel in Verbindung gebracht. Am 14. Oktober 2010 wurde Roth vom Bezirksgericht Sofia freigesprochen, der Vorwurf der Verleumdung wurde zurückgewiesen.[8]

Ab Sommer 2007 berichtete Roth über die „Sachsensumpf-Affäre“ (Verdacht der Mitgliedschaft in mafiösen Strukturen bei hohen Politikern, Juristen, Polizisten und Journalisten[9][10]). Für seine Berichterstattung wurde Roth von dem Journalisten Reiner Burger, welcher den Sachsensumpf als "Legende" bezeichnet, in einer Artikelserie der FAZ heftig kritisiert. Burger begründete die Kritik auch mit vergangenen verlorenen Gerichtsverfahren, laut Burger wurde Roth vor dem Landgericht Hamburg im Jahre 2000 für sein 1999 veröffentlichtes Buch „Die graue Eminenz“ und 1999 wegen einer Fernsehreportage zu Schadensersatz verurteilt. Burger warf Roth u. a. vor, es unterlassen zu haben, mit betroffenen Personen direkt zu sprechen. In diesem Zusammenhang musste Roth Aussagen auf seiner Homepage über einen Leipziger Unternehmer zurücknehmen, der Zeuge auf den sich Roth berief hatte die Unwahrheit gesagt, und wurde vom Amtsgericht Dresden ihn im Frühjahr 2008 zu einer Geldstrafe von 4.200 Euro verurteilt.[11] Roth verteidigte sich damit, dass er lediglich in einem Fall für einen Blogeintrag nicht die Person direkt befragt habe, und kritisierte Burgers Angriffe als „kafkaesk“, weil Burger u. a. ignoriere, dass wichtige Zeugen im „Sachsensumpf“ unter Druck gesetzt würden.[12] Der Untersuchungsausschuss des Sächsischen Landtags kam 2009 zu keinem eindeutigen Ergebnis über den „Sachsensumpf“. CDU und FDP sehen ihn als widerlegt an, Grüne und Linke geben an, keine Beweise gefunden zu haben, da dem Untersuchungsausschuss die Akteneinsicht von der Landesregierung weitgehend verweigert worden sei. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls ermittelt in der „Sachsensumpf-Affäre“ nicht weiter.[13][14] Im Juni 2010 konstituierte sich im sächsischen Landtag ein Untersuchungsausschuss, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die sächsische politische Landschaft auf Korruption und mafiöse Verstrickungen zu untersuchen.[15]

Die Lausitzer Rundschau berichtet am 3. Juli 2014 unter dem Titel „Sachsensumpf-Affäre: Geklärt ist so gut wie nichts“ über das Ende des Verfahrens und zitiert Johannes Lichdi von Bündnis 90/Die Grünen: „Die Ermittlungen gegen die in der Öffentlichkeit beschuldigten Staatsanwälte und Richter wurden nie ernsthaft betrieben und sollten von Anfang an eingestellt werden“.[16]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fernsehdokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die grauen Wölfe kommen, WDR, 1982
  • Mafia und Co. Der Drogen- und Waffenschmuggel in Europa, SFB, 9. Dezember 1984
  • Der Tote im Rhein. Auslandsreporter, WDR, 20. Juni 1984
  • Asylanten-Reportage aus einem Sammellager, ZDF 1984
  • Countdown zum Putsch, WDR 1986
  • Auslandsreporter: Es war einmal ein Kaiserreich, WDR 1987
  • Operation Ernte, Vorbereitungen eines Putsches in der Zentralafrikanischen Republik, WDR, 16. April 1987
  • Die Söldnerinsel. Legionäre erobern die Comoren, SDR 1988
  • Hochexplosiv, Waffenhändler packen aus, ZDF, 7. Januar 1988
  • Tod in Deutschland-Schauplatz Wald-Kraiburg, WDR, April 1989
  • Der Mann aus Damaskus. Monzer Al Kassar, Dienstag, ZDF, 16. Oktober 1990
  • Im Reich des Bösen – Die Moon-Sekte, ZDF, August 1991
  • Heiße Ware für Frankfurt – Verbrechersyndikate in Deutschland, ZDF, 29. Januar 1992
  • Die Organräuber, ZDF, 13. November 1992

Buchveröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1971: Armut in der Bundesrepublik.
  • 1972: Ist die Bundesrepublik Deutschland ein Polizeistaat?
  • 1973: Partner Türkei oder Foltern für die Freiheit des Westens?
  • 1974: Bundeswehr, BGS, Polizei, Hüter der Verfassung?
  • 1975: Z. B. Frankfurt, die Zerstörung einer Stadt.
  • 1977: Aufstand im wilden Kurdistan.
  • 1978: Geographie der Unterdrückten.
  • 1981: Die Türkei – Republik unter Wölfen.
  • 1982: „Es ist halt so …“.
  • 1984: Dunkelmänner der Macht.
  • 1985: Zeitbombe Armut.
  • 1986: Makler des Todes.
  • 1987: Rambo.
  • 1987: Das zensierte Buch: Geschäfte und Verbrechen der Politmafia.
  • 1988: Die illegalen deutschen Waffengeschäfte und ihre internationalen Verflechtungen.
  • 1990: Die Mitternachtsregierung.
  • 1992: Sie töten für Geld.
  • 1992: Verbrecher-Holding.
  • 1995: Der Sumpf.
  • 1996: Die Russen-Mafia.
  • 1997: Absturz.
  • 1999: Die Graue Eminenz.
  • 1999: Die roten Bosse.
  • 2000: Schmutzige Hände: Wie die westlichen Staaten mit der Drogenmafia kooperieren, Goldmann, ISBN 3-442-15134-1.
  • 2001: Der Oligarch.
  • 2002: Netzwerke des Terrors.
  • 2003: Die Gangster aus dem Osten.
  • 2004: Ermitteln verboten!, Rowohlt, Reinbek; Auflage: 2 (1. November 2007), ISBN 978-3-499-62309-7.
  • 2005: Gejagt von der Polenmafia, Eichborn-Verlag, ISBN 3-8218-5589-4.
  • 2006: Der Deutschland-Clan: Das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz, ISBN 978-3-453-62020-9.
  • 2007: Anklage unerwünscht: Korruption und Willkür in der deutschen Justiz, zusammen mit Rainer Nübel und Rainer Fromm, Eichborn-Verlag, ISBN 978-3-8218-5667-4.
  • 2009: Mafialand Deutschland, Eichborn-Verlag, ISBN 978-3-8218-5632-2.
  • 2010: Gangsterwirtschaft. Wie die organisierte Kriminalität Deutschland aufkauft, Eichborn-Verlag, ISBN 978-3-8218-5680-3.
  • 2012: Gazprom - Das unheimliche Imperium, Westend-Verlag, ISBN 978-3-86489-000-0
  • 2013: Spinnennetz der Macht. Wie die politische und wirtschaftliche Elite unser Land zerstört, Econ, Berlin 2013, ISBN 978-3-430-20134-6.
  • 2014: Der stille Putsch. Wie eine geheime Elite aus Wirtschaft und Politik sich Europa und unser Land unter den Nagel reißt, Heyne-Verlag, München 2014, ISBN 978-3-453-20027-2.
  • 2015: Verschlussakte S: Smolensk, MH17 und Putins Krieg in der Ukraine, Econ, Berlin 2015, ISBN 978-3-430-20162-9.
  • 2016: Der tiefe Staat: Die Unterwanderung der Demokratie durch Geheimdienste, politische Komplizen und den rechten Mob, Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-20113-2.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Medien-Fernsehpreis 1985 der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jürgen Roth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. lpb-bw.de
  2. Rheinische Post. 10. Februar 2009.
  3. polizeitrainer-konferenz.de
  4. Schröder vs Buchhändler, sueddeutsche.de, 17. Juni 2008.
  5. fairobserver.com
  6. Einstweilige Verfügung wegen „Mafialand Deutschland“ von Jürgen Roth, Boersenblatt.net vom 31. März 2009.
  7. Vgl: Jürgen Roth: Ungemach aus Sofia; Jurgen Roth: My Life Is in Danger in Bulgaria
  8. Welt Kompakt
  9. Thomas Datt, Arndt Ginzel: „Gefährliche Spuren“, Die ZEIT vom 16. November 2007
  10. Frankfurter Rundschau: In den Dreck gezogen, 26. Juni 2009
  11. siehe dazu: Reiner Burger, FAZ 3. April 2008 S. 44: Der Sachsen-Sumpf ist ausgetrocknet. – und – Reiner Burger, FAZ.net: „Medienlegende „Sachsen-Sumpf“: Das erinnert fatal an den Fall Sebnitz“ - und - Jürgen Roth: Warum wohl erhält der FAZ-Journalist Reiner Burger eine Medaille? (Memento vom 3. September 2012 im Webarchiv archive.is)
  12. Jürgen Roth: Ein kluges Medium reflektiert über den Sachsensumpf und Endlich die Wahrheit über den Sachsensumpf aus der Feder des Reiner Burger mit Bezug auf Justiz-Affären in Sachsen, 2. April 2008, Süddeutsche Zeitung
  13. junge Welt: Orden für heiße Luft, 10. Juli 2009
  14. ZEIT online: Voreiliger Freispruch, 27. Juni 2008.
  15. FAZ.NET
  16. Sachsensumpf-Affäre: Geklärt ist so gut wie nichts, Lausitzer Rundschau, 3. Juli 2014