Jürgen Seifert

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Dieser Artikel beschreibt den Politikwissenschaftler Jürgen Seifert, für den Fußballspieler siehe Jürgen Seifert (Fußballspieler).

Jürgen Seifert (* 18. April 1928 in Berlin; † 4. Juni 2005 in Hannover) war ein deutscher Jurist, Politikwissenschaftler und Bürgerrechtler.

Jürgen Seifert, November 1997

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seifert war Mitglied der Hitlerjugend und leistete Reichsarbeitsdienst.[1] Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er als Luftwaffenhelfer eingesetzt und schließlich vom US-Militär interniert. Nach der Gefangenschaft zog er nach Osnabrück, wo sein Großvater lebte. Dort holte er das Abitur nach und machte eine Berufsausbildung zum Werkzeugmacher. Während seiner Lehrzeit wurde er aktives Mitglied einer bündischen Freischar-Gruppe und trat in die IG Metall ein. 1951 nahm Seifert an der Universität Münster ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften und der Philosophie auf. 1954 wurde er Mitglied der SPD. Nach dem 1. juristischen Staatsexamen absolvierte er seine Referendarszeit in Münster und setze seine Studien dort fort, unterbrochen von Aufenthalten an den Universitäten Bristol und Bologna. 1957 trat er in den SDS ein und wurde 1958 in dessen Bundesvorstand gewählt.

Von 1955-1959 gehörte er dem Collegium Philosophicum in Münster an, der sogenannten Ritter-Schule.[2] In diesem Zusammenhang lernte er 1955 Carl Schmitt kennen, mit dem er dann vom April 1956 bis zum Juni 1968 im Briefwechsel stand.[3] Schmitt beendete den Briefwechsel, als Seifert als Gegner der Notstandsgesetze bekannt geworden war. Seifert beschäftigte sich auch später immer wieder mit dem Werk des umstrittenen Staatsrechtlers, doch seine „Faszination für Schmitt war wohl sehr begrenzt, von dessen Freund-Feind-Schema hat er sich immer wieder sehr deutlich distanziert.“[4]

Der Unvereinbarkeitsbeschlusses mit dem gesamten SDS führte 1961 zum Ausschluss aus der SPD. In der Auseinandersetzung um die Spiegel-Affäre und mit seiner Kritik der Notstandsgesetzgebung wurde Seifert einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. In Münster promovierte er 1966 mit einer Arbeit über den Notstandsausschuss zum Dr. jur. und arbeitete danach als Assistent bei Arkadij Gurland an der TH Darmstadt. 1971 wurde Seifert Professor für Politische Wissenschaft an der Technischen Universität Hannover. 1979 zählte er zu den Mitbegründern des Republikanischen Anwaltsvereins. 1994 wurde er emeritiert, hielt jedoch weiterhin Lehrveranstaltungen am Seminar für Politische Wissenschaft der Universität Hannover ab und leitete bis zu seinem plötzlichen Tod ein beliebtes tagespolitisches Colloquium.

Von 1977 bis 1997 war Seifert Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschriften Kritische Justiz und vorgänge, seit 1998 Mitarbeiter des bürgerrechtlichen Jahrbuchs Grundrechte-Report. Er war Co-Direktor am Deutschen Institut für Föderalismusforschung in Hannover und Mitglied in der Verfassungskommission von Bundesländern, in der Polizeireformkommission des Landes Niedersachsen. Er gehörte ebenfalls dem Kuratorium für eine neue bundesdeutsche Verfassung an. Von 1983 bis 1987 war er Bundesvorsitzender der Humanistischen Union (HU); anschließend Mitglied im HU-Beirat. Er gehörte der so genannten G10-Kommission des Deutschen Bundestags zur Kontrolle der Geheimdienste an.

Seifert war verheiratet mit Monika Seifert, der „Mutter der antiautoritären Kinderläden“ (Oskar Negt). Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Seit 1973 lebte Jürgen Seifert mit der Sozialwissenschaftlerin Mechthild Rumpf zusammen, ein gemeinsamer Sohn wurde 1976 geboren. Die Ehe wurde 1999 geschlossen.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Unterm Wolfspelz. 1958
  • Gefahr im Verzuge. Zur Problematik der Notstandsgesetzgebung. Frankfurt am Main 1963.
  • Die Spiegel-Affäre. Olten und Freiburg im Breisgau 1966 (mit Alfred Grosser).
  • Der Kampf um Verfassungspositionen. Wolfgang Abendroth zum 60. Geburtstag. In: vorgänge 7(1966), S. 275–278.
  • Der Notstandsausschuß. Frankfurt am Main 1968.
  • Zwanzig Jahre Grundgesetz. Textausgabe der Verfassungsentwicklung. Erläuterungen zum Verfassungsrecht. Neuwied und Berlin 1969.
  • Kampf um Verfassungspositionen. Materialien über Grenzen und Möglichkeiten von Rechtspositionen. Frankfurt am Main und Köln 1974.
  • Politik zwischen Destruktion und Gestaltung. Studien über Veränderung von Politik. Hannover 1997.
  • Joachim Ritters 'Collegium Philosophicum'. Ein Forum offenen Denkens. In: Kreise – Gruppen – Bünde. Zur Soziologie moderner Intellektuellenassoziationen. Würzburg 2000, S. 189–198.
  • Der Umkreis des Feuers und das Fremde. Erfahrungen in der Jugendbewegung der Nachkriegszeit. In: Aber am Abend laden wir uns ein. Ein Mosaik für Wolfgang Hempel zum siebzigsten Geburtstag. Herausgegeben von Meino Naumann mit Illustrationen von Dieter M. Weidenbach. S. 50–68. 2001, Verlag für Berlin-Brandenburg Potsdam.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Oskar Negt, Jürgen Seifert. "Kämpfen muss das Volk um seine Verfassung wie um eine Stadtmauer." in ders.: Unbotmäßige Zeitgenossen. Annäherungen und Erinnerungen, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S. 241–250, ISBN 3-596-12250-3.
  • Michael Buckmiller, Joachim Perels (Hrsg.): Opposition als Triebkraft der Demokratie. Bilanz und Perspektiven der zweiten Republik. Jürgen Seifert zum 70. Geburtstag. Offizin-Verlag, Hannover 1998, ISBN 3-930345-13-7.
  • Alexander Cammann, Über die Zäune und Sperren hinweg. Zum Tod von Jürgen Seifert. 2005. (online)
  • Till Müller-Heidelberg, Ein Leben zwischen Sicherheit und Freiheit. Zum Tod Jürgen Seiferts (1928–2005). In: Mitteilungen der Humanistischen Union Nr. 190, S. 10–11. (online)
  • Mark Schweda, Joachim Ritter und die Ritter-Schule. Junius, Hamburg 2015, S. 102–112, 210 f.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Biografische Angaben beruhen, wenn nicht anders belegt, auf: Paul Ciupke, Jürgen Seifert. In: Barbara Stambolis (Hrsg.), Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen. V & R Unipress, Göttingen 2013, S. 655-666; sowie auf: Jürgen Seifert, Vom „58er“ zum „68er“. Ein biographischer Rückblick, vorgänge Nr. 124 (Heft 4/1993), S. 1-6, Onlineversion (abgerufen am 30.April 2017).
  2. Jürgen Seifert: Joachim Ritters 'Collegium Philosophicum'. Ein Forum offenen Denkens. In: Kreise - Gruppen - Bünde. Zur Soziologie moderner Intellektuellenassoziationen. Würzburg 2000, S. 189–198, hier S. 189.
  3. Jürgen Seifert: Politik zwischen Destruktion und Gestaltung. Studien über Veränderung von Politik. Offizin, Hannover 1997, S. 21, Anmerkung 1.
  4. Paul Ciupke: Jürgen Seifert. In: Barbara Stambolis (Hrsg.), Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen. V & R Unipress, Göttingen 2013, S. 655-666; hier. S. 661.