Jürgen Wertheimer

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Jürgen Wertheimer im Dialog beim 7. Tübinger Bücherfest (Mai 2011)
Jürgen Wertheimer als Redner auf der Tübinger Demonstration gegen Bildungskürzungen (Mai 2014)

Jürgen Edmund Wertheimer (* 18. Januar 1947 in München) ist deutscher Hochschullehrer für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Tübingen und Autor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wertheimer studierte von 1969 bis 1973 Germanistik, Komparatistik, Anglistik und Kunstgeschichte in München, Siena und Rom. In den Jahren 1984/85 habilitierte er. Danach war er von 1986 bis 1987 Professeur associé für „Littérature allemande“ in Metz. Von 1991 bis 2015 hatte Wertheimer eine Professur für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen inne.

Wertheimer ist seit 1992 Mitherausgeber der komparatistischen Zeitschrift „arcadia“. In den Jahren 1994/95 war er Gastprofessor an der Université Paris 8. Von 1996 bis 2004 war er Organisator der Tübinger Poetik-Dozentur.

Seit dem Sommersemester 2008 ist Jürgen Wertheimer außerdem Mit-Initiator des Kooperationsprojekts WerteWelten. 2013 wurde er hierfür[1] mit dem « Prix international de la Laïcité » ausgezeichnet, der vom Comité Laïcité République (Paris) verliehen wird.

Standpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein-Deutigkeit“ sei artifiziell und werde im Konfliktfall konstruiert und inszeniert, um Vielfalt zu negieren, zu tarnen, zu verstecken oder beiseitezuschieben, so Wertheimer in einem Beitrag von 2002. Im Normalfall, den es zu verteidigen und zu emanzipieren gelte, seien unspektakuläre Sätze wie jene möglich, die der Bekleidungskonzern Benetton den Jugendlichen Yussef sagen lässt, in einem Kollektionskatalog vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konfliktfeldes: Er sei froh, ein Mischling zu sein. Wertheimer argumentiert, Benetton wolle keine Heile Welt- oder Multikulti-Idylle verkaufen, sondern es gehe darum, en passant „ein Gefühl für die innere Vielfältigkeit und Komplexität normaler Lebensläufe in Konfliktfeldern herzustellen.“[2]

In seiner Preisrede zum « Prix international de la Laïcité » (2013) plädiert Wertheimer dafür, Literatur als eine Macht anzusehen, die vermutlich unterschätzt werde, die aber das effizienteste Mittel gegen Fundamentalismus sei, also das beste Mittel für den Erhalt des Prinzips des Laizismus. Allein die Literatur befasse sich mit den Wurzeln von Systemen der Macht. Literatur wolle eine große Anzahl von Menschen, die kritisch Widerstand leisten und die schwer zu manipulieren sind. Das erreiche Literatur damit, dass sie im Erzählten Komplexitäten, Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen der Gegenwart zutage treten lässt und keine Antworten serviert. Vor allem Literatur könne uns eine neue Anschauung der komplexen Abgründe unserer eigenen Gefühle ermöglichen, und nicht zuletzt damit lade Literatur dazu ein, sich selbst auf die Suche zu begeben und sich eine eigene Meinung zu bilden. Augenscheinlich könne Literatur eine Menge und sie vermag genau das zu tun, so Wertheimer, was Manipulatoren am meisten fürchten, und zu Recht: dass gerade kein Zwang auferlegt wird und das Leben von Menschen nicht mit Schulmeisterei überzogen wird. Literatur sei ein Mittel, aufzuklären und Katastrophen zu antizipieren, ebenso ein Mittel, mit dem sich ein Individuum gegen den Strudel gefährlicher Strömungen der Systeme schützen kann, indem es sich nicht allein einer Seite verpflichtet fühlt, sondern einen wirklichen Sinn für das Reelle kultivieren kann.[3]

Forschungsschwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Übersetzung
  • Kulturtransfer
  • Poetik der Affekte
  • Differenzforschung
  • Mythen, Ideologien, Kritik
  • plurikulturelle Gesellschaft
  • Werte und Einstellungen

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • zusammen mit Niels Birbaumer: Vertrauen. Ein riskantes Gefühl. Ecowin, Salzburg 2016, ISBN 978-3-711-00096-5.
  • Don Quijotes Erben. Die Kunst des europäischen Romans: Stationen des europäischen Romans. Konkursbuchverlag, Tübingen 2013, ISBN 978-3-88769-357-2.
  • mit Nicholas J. Conard: Die Venus aus dem Eis. Wie vor 40 000 Jahren unsere Kultur entstand. Albrecht Knaus, München 2010, ISBN 978-3-8135-0376-0.
  • Als Maria Gott erfand. Pendo, München 2009 (Roman).
  • Sisyphos & Bumerang. Zwischenberichte. Klöpfer & Meyer, Tübingen 2006.
  • Schillers Spieler und Schurken. Konkursbuchverlag, Tübingen 2005.
  • Abenteuer Alltag. Europäische Romane von Cervantes bis Zola. Stauffenburg, Tübingen 2004.
  • Krieg der Wörter: Die Kulturkonfliktslüge. LiteraturWissenschaft.de, Marburg 2003, ISBN 3-936134057.
  • Du wachst auf, und der Albtraum beginnt … Europäische Romane des 20. Jahrhunderts. Tübingen 2002.
  • Strategien der Verdummung, Infantilismus in der Fun-Gesellschaft. Beck 2002, (hrsg. zusammen mit Peter V. Zima)
  • Don Juan und Blaubart. Erotische Serientäter in der Literatur. München 1999.
  • „Der Güter gefährlichstes, die Sprache“. Zur Krise des Dialogs zwischen Aufklärung und Romantik (Hölderlin, Diderot, Rousseau). München 1990.
  • Ästhetik der Gewalt. Ihre Darstellung in Literatur und Kunst. Jürgen Wertheimer (Hrsg.), athenäum, Frankfurt a.M. 1986.
  • Dialogisches Sprechen bei Stefan George. Formen und Wandlungen. München 1978.

Auszeichnungen und Reden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Boualem Sansal erläutert am 23. Oktober 2013 die Preisvergabe
  2. Jürgen Wertheimer (2002): Macht der Worte, in: Konfliktherd Toleranz? Analysen, Sondierungen, Klarstellungen. Michael Kessler, Wolfgang Graf Vitzthum, Jürgen Wertheimer (Hrsg.), Tübingen: Stauffenburg-Verlag, S. 243–261, S. 254–255.
  3. Discours de Jürgen Wertheimer, lauréat du Prix international: «La révolte de la littérature contre le fondamentalisme ou La guerre des mots», « Prix international de la Laïcité » verliehen vom Comité Laïcité République, Paris, 13. November 2013.