Jürgen Wittdorf

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Jürgen Wittdorf, 2008

Jürgen Wittdorf (* 25. Juli 1932 in Karlsruhe; † 2. Dezember 2018 in Berlin) war ein deutscher Maler und Grafiker. Er wurde vor allem durch seine Buchillustrationen und seine zum Teil großformatigen Holz- und Linolschnitte bekannt.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jürgen Wittdorf absolvierte seine schulische Ausbildung in Königsberg. Bereits 1950 wurde er Mitglied eines Grafikzirkels in Stollberg im Erzgebirge. Er studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und arbeitete anschließend von 1952 bis 1957 freischaffend in Leipzig. 1957 wurde er Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR (VBK). Zugleich begann er eine Lehrtätigkeit an der Volkshochschule Leipzig, die er von 1959 bis 1964 als Lektor am Pädagogischen Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig fortsetzte.[1]

1961/62 schuf Wittdorf den aus neun Holzschnitten bestehenden Zyklus Für die Jugend, der ihn in den darauf folgenden Jahren in der gesamten DDR bekannt machte. Wittdorfs Darstellung von Jugendlichen als sogenannte Halbstarke stellte einen Bruch mit den gängigen Konventionen der Kunst in der DDR dar, da sie Moralvorstellungen und Geschlechterrollen der Zeit zu hinterfragen schienen.[2] Jenseits von mythischer Überhöhung spiegelt das Werk den Wunsch der Jugend nach Veränderung und einem Leben jenseits der deutschen Nachkriegsspießigkeit.[3] 1963 wurde Wittdorf der Kunstpreis der FDJ verliehen. Im gleichen Jahr wurde Für die Jugend als großformatige Grafikmappe im Verlag Junge Welt in einer Auflage von 10.000 Stück herausgegeben.[4]

Der Schriftsteller und Dramatiker Volker Braun thematisierte Wittdorfs Zyklus in der ersten Ausgabe seines Buches Provokation für mich, die 1965 im Mitteldeutschen Verlag herauskam. Der Komponist Helmut Kontauts nahm den Zyklus als Basis für sein Musical Junge Leute in einer großen Stadt (Ein Zyklus wird lebendig).[1]

1964 entwarf Wittdorf den Zyklus Jugend und Sport, eine Auftragsarbeit für den Neubau der Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig. Die Arbeit stellt den männlichen Körper in den Mittelpunkt und trägt klar homoerotische Züge, die so wohl einzig in der Kunst der DDR dasteht.[2] Im gleichen Jahr kaufte er ein über hundert Jahre altes Fachwerkhaus in Carwitz, das er selbst sanierte und seitdem in den Sommermonaten bewohnte.

Nachdem er erneut freischaffend in Leipzig gearbeitet hatte, zog Wittdorf 1970 nach Ost-Berlin und war bis 1970 Meisterschüler an der dortigen Akademie der Künste bei Lea Grundig. Anschließend arbeitete er als Zirkelleiter im Haus der jungen Talente (HdjT) und lehrte von 1975 bis zu seinem Ruhestand 1991 im Haus des Lehrers.[1]

Jürgen Wittdorf verbrachte seinen Lebensabend in einer Berliner Behinderten-Wohngemeinschaft und starb dort im Alter von 86 Jahren.[5]

2004 fand Im Schwulen Museum die erste Ausstellung nach 1989 zu Jürgen Wittdorfs Schaffen statt, wodurch eine Wiederentdeckung des Künstlers eingeleitet wurde.[2] Eine von Wittdorf gestaltete Keramikwand im Sportforum Hohenschönhausen wurde in der Zeit nach der Wende zerstört.[3]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1959 Holzschnitt Paar
  • 1961 Zyklus Für die Jugend
  • 1963/64 Holzschnitt Baubrigade der Sportstudenten
  • 1963/64 Holzschnitt Unter der Dusche
  • 1964 Zyklus Jugend und Sport
  • 1964 Wandbild Mädchen mit Tauben am Verwaltungsgebäude des VEB Molkerei Döbeln (Sgraffitotechnik)
  • 1973 Zyklus Jugend * DDR 25

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen von Jürgen Wittdorf wurden in Polen, der CSSR, Finnland und der Sowjetunion gezeigt. Ausstellungen der letzten Jahre:

  • 2007 Galerie Pohl, Berlin-Pankow: Jürgen Wittdorf – Holzschnitte
  • 2007 Kunstverein Feldberger Land e. V.: 75 Jahre Jürgen Wittdorf, 55 Jahre Künstler, 44 Jahre Carwitzer
  • 2007 Kutscherhaus, Berlin: Jürgen Wittdorf – Jubiläumsausstellung mit Malerei, Grafik und Fotografie zum 75.
  • 2009 Eisenherz Buchladen, Berlin: Zeitfenster, Zeichnungen aus den Jahren 1958 bis 2007
  • 2011 Stiller Don, Berlin: Jugend und Sport, Holzschnitte
  • 2011 Ausstellungsräume HS-SOLID, Berliner Town & Country-Lizenzpartner: Zyklus für die Jugend (aus Anlass des 50. Jahrestages wurden die Original-Holzschnitte des Zyklus gezeigt)
  • 2012 Kino Krokodil, Berlin: Mannsbilder
  • 2012 Bar jeder Sicht, Mainz: Druckgrafiken von Jürgen Wittdorf
  • 2012/13 Schwules Museum: Chronist des DDR-Alltags. Dem Grafiker Jürgen Wittdorf zum 80. Geburtstag
  • 2012/13 SCHMIT-Z, Trier: Druckgrafiken von Jürgen Wittdorf
  • 2013 GBM-Galerie, Berlin: Jürgen Wittdorf – Zeugnisse aus sechs Jahrzehnten
  • 2013 Stadthaus – Museum Lichtenberg: Durchs Leben gezeichnet, Zeichnungen aus sechs Jahrzehnten

Ausstellungen im Rahmen der Kunstausstellung der DDR in Dresden

1958 – Vierte Deutsche Kunstausstellung

  • Zyklus „Tiermütter“, Blatt 1–3 und Kreidezeichnung Ruhende Ponyherde

1962 – Fünfte Deutsche Kunstausstellung

  • Zyklus „Für die Jugend“ und Holzschnitt Für Abschluss eines Friedensvertrages

1972/73 – VII. Kunstausstellung der DDR

  • Tuschezeichnung Dolmetscherin Tamara (aus der Folge Porträts aus der Sowjetunion)

Weitere Ausstellungsbeteiligungen

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Buchillustrationen

Sekundärliteratur

  • 1965 Volker Braun: Provokation für mich (Mitteldeutscher Verlag Halle). In der ersten Auflage des Buches sind Gedichte zu Wittdorfs Zyklus Für die Jugend zu finden.
  • 1965 Wolfgang Hütt: Junge Bildende Künstler der DDR (VEB Bibliographisches Institut Leipzig)
  • 2011 Franz Werner: Zyklus für die Jugend und andere Druckgrafiken 1958-1988 (HS – Solid Bautreuhand, Berlin, ISBN 3981411927)
  • 2013 Michael Sollorz: Meisterschüler in der Braunkohle. Der Grafiker Jürgen Wittdorf (Friedrichshainer Chronik, Titel und Seiten 18 bis 23, März 2013)
  • 2013 Franz Werner: Von Tiermüttern und Kindern – Tischkalender 2014 (HS – Solid Bautreuhand, Berlin, ISBN 978-3-9814119-9-7)

Weiteres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jürgen Wittdorf ist einer der Protagonisten des Dokumentarfilms Unter Männern – Schwul in der DDR von Ringo Rösener und Markus Stein.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Jürgen Wittdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Vgl. Peter Michel: Ein Zyklus wird lebendig. Lebenswerk für Junggebliebene: Eine Erinnerung an Jürgen Wittdorf (25.7.1932–2.12.2018). In: jungewelt.de. 29. Dezember 2018, abgerufen am 29. Dezember 2018.
  2. a b c Vier Jahrzehnte — Vier Künstler – SMU. Abgerufen am 13. Mai 2020 (deutsch).
  3. a b Drucke von Jürgen Wittdorf im SMU-Archiv – SMU. Abgerufen am 13. Mai 2020 (deutsch).
  4. Schwuler Chronist des DDR-Alltags: Zum Tod des Künstlers Jürgen Wittdorf. Abgerufen am 13. Mai 2020.
  5. Unter Männern. Abgerufen am 13. Mai 2020.