Jack Unterweger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Johann „Jack“ Unterweger (* 16. August 1950 in Judenburg, Steiermark; † 29. Juni 1994 in Graz) war ein österreichischer Mörder und Schriftsteller. In erster Instanz wurde er für neun weitere ihm zur Last gelegte Morde lebenslänglich verurteilt. Aufgrund seines Suizids erlangte dieses Urteil jedoch keine Rechtskraft mehr, sodass für ihn für diese Morde über den Tod hinaus rechtlich die Unschuldsvermutung und er als „mutmaßlicher Serienmörder“ gilt.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft und Jugend[Bearbeiten]

Jack Unterweger wurde als unehelicher Sohn eines US-Soldaten und einer Wiener Prostituierten geboren. Unterweger wuchs ohne seine Mutter in einem Kärntner Dorf bei seinem Großvater auf, der als „rauer Geselle“ beschrieben wird und zusammen mit seinem Enkel bei regelmäßigen Raubtouren Nutztiere stahl.[1]

1966 wurde Unterweger in St. Veit wegen Diebstahls zu einer bedingten Haftstrafe von drei Tagen verurteilt und für ein Jahr in die Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige in Kaiserebersdorf eingewiesen. Nach seiner Entlassung begann er eine Lehre als Kellner. In dieser Zeit beging er weitere Diebstähle und Einbrüche und fiel wegen einiger Gewaltdelikte gegen Frauen und Zuhälterei auf.

Mord, rechtskräftige Verurteilung und Haft[Bearbeiten]

Am 12. Dezember 1974, als er eine Bekannte in Hessen besuchte, begegneten die beiden Magret Schäfer, die auf dem Weg von einer Weihnachtsfeier nach Hause war, und begleiteten sie. Sie fesselten das Opfer in dessen Wohnung im Elternhaus, stahlen ihr Geld und flüchteten mit dem immer noch gefesselten Opfer. Außerhalb von Ewersbach in einem Waldstück schlug Unteweger nach eigenen Angaben schließlich mehrfach mit einer Stahlrute auf Hals und Kopf des Opfers ein. Anschließend strangulierte er die Frau auf brutale Weise mit dem Draht ihres Büstenhalters und täuschte ein Sexualdelikt vor. Am 1. Juni 1976 wurde Unterweger am Landesgericht Salzburg wegen dieses Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und aufgrund seiner besonderen Gefährlichkeit in der Justizanstalt Stein inhaftiert.

Bereits im April 1973 war er verdächtigt worden, eine 23-Jährige in Salzburg ermordet zu haben. Diese Tat konnte ihm nie nachgewiesen werden. Allerdings waren die Ermittler vorzeitig von diesem Fall abgezogen worden, da Unterweger für den Mord an Magret Schäfer bereits lebenslang bekommen hatte.

„Häfenliterat“[Bearbeiten]

Unterweger begann in der Haft zu schreiben. Nach seinem Debüt, dem Gedichtband Tobendes Ich, folgten unter anderem die autobiografischen Romane Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus und Kerker, die Erzählungen Va Banque, Mare Adriatico und 99 Stunden sowie zahlreiche Gutenachtgeschichten für den ORF. Er war daher bald als „Häfenliterat“, außerhalb Österreichs als „Knastpoet“ und in den USA als „Jack the Writer“ bekannt geworden. Fegefeuer wurde 1988 unter der Regie von Wilhelm Hengstler verfilmt, wobei Unterweger am Drehbuch mitgewirkt hatte. Bobby Prem spielte Jack und Jürgen Goslar den Großvater. Unterweger gab von 1985 bis 1989 die Literaturzeitschrift Wortbrücke heraus, von der zwölf Nummern erschienen. Prominente Beiträgerinnen waren u. a. Elfriede Jelinek und Andrea Wolfmayr.

Im Jahr 1989 erhielt er den Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene.[2]

Bedingte Entlassung aus der Haft[Bearbeiten]

Von der damaligen österreichischen Kulturszene wurde Unterweger daraufhin als Paradebeispiel für eine geglückte Resozialisierung präsentiert. Es folgten Petitionen zahlreicher Intellektueller (unter anderem Ernest Bornemann, Milo Dor, Erich Fried, Barbara Frischmuth, Ernst Jandl, Peter Huemer, Elfriede Jelinek, Günther Nenning, Günter Grass und Erika Pluhar) zu seiner vorzeitigen Entlassung.

Nach Abbüßung von 16 Jahren seiner Strafzeit wurde er nach Zustimmung des Justizministers Egmont Foregger auf der Rechtsbasis von § 46 Abs. 5[3] StGB am 23. Mai 1990 ohne weitere Auflagen bedingt aus der Haft entlassen.

Danach wurde Unterweger auf Partys herumgereicht und wurde Bestandteil der sogenannten „Seitenblicke-Gesellschaft“.[4]

Mordserie und Anklage[Bearbeiten]

Sechs Monate nach der Entlassung begann eine Serie von Morden an Prostituierten (acht in Prag, Graz, Lustenau und Wien, drei in Los Angeles), die alle auf die gleiche Weise ermordet wurden, nämlich indem jemand ihre Unterwäsche zu einem Henkersknoten band und sie damit strangulierte. Unterweger wurde verdächtigt, floh gemeinsam mit seiner damals minderjährigen Freundin und wurde am 27. Februar 1992 in Miami vom FBI festgenommen, als er versuchte, einen Vorschuss für ein Interview mit dem Magazin Erfolg zu erhalten.

Unterweger leugnete die ihm zur Last gelegten Taten bis zuletzt. Es gab jedoch Indizien gegen ihn. So wurde auf dem Autositz seines BMWs ein Haar gefunden, das bei dem Gutachten des DNA-Sachverständigen Dirnhofer mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:13 der in Prag ermordeten Frau zugeordnet und erstmals vor Gericht anerkannt wurde. Ein weiteres Indiz war, dass an der Kleidung eines anderen Opfers Textilfasern gefunden wurden, die mit dem Material von Unterwegers Schal identisch waren. Verdächtig war auch, dass er sich bei allen Verbrechen in der Nähe des Tatortes aufgehalten hatte und für die Tatzeit kein Alibi vorweisen konnte.

Verurteilung und Tod[Bearbeiten]

Unterweger wurde am 29. Juni 1994 von einem Grazer Geschworenengericht wegen neunfachen Mordes neuerlich zu lebenslanger Haft verurteilt, dieses Mal ohne Möglichkeit einer Begnadigung. Da es in zwei weiteren Fällen an den Leichen keine verwertbaren Spuren gab und ihm die Taten somit nicht nachgewiesen werden konnten, wurde er in diesen Fällen freigesprochen. In der Nacht nach dem Urteil beging er in der Justizanstalt Graz-Jakomini durch Erhängen mit der Kordel seiner Jogginghose Suizid. Wie bei den Opfern der Mordserie wies der Knoten der Kordel die gleichen komplizierten Merkmale auf.

Bereits mehrfach suchte Unterweger während des Prozesses gegen ihn den Freitod, der jedoch stets scheiterte. Angenommen wird, dass er diesen nur vortäuschte, um manipulierend seine angebliche Unschuld zu untermauern. Aufgrund dieser Umstände ist sein finaler Suizidversuch auch nicht eindeutig als Freitod, sondern möglicherweise als ein ungewollter Unfall zu sehen.

Rechtskraft der Verurteilungen und Diktion[Bearbeiten]

Das Urteil des Geschworenengerichts vom Juni 1994 für die neun zur Last gelegten Morde erlangte nie Rechtskraft, da das Verfahren – wie es das österreichische Strafrecht für einen solchen Fall vorsieht – mit Unterwegers Tod eingestellt wurde. Deshalb gilt trotz dieser Verurteilung auch über seinen Tod hinaus die Unschuldsvermutung,[5] sodass Unterweger für diese Morde allenfalls als mutmaßlicher Mehrfachmörder (vulgo „Serienmörder“) anzusehen ist.

Im Gegensatz dazu gilt Unterweger rechtlich weiterhin als Mörder für den (ersten) Mord, für den er rechtskräftig lebenslänglich verurteilt und bis zu seiner bedingten Entlassung inhaftiert wurde.

Werke[Bearbeiten]

  • 1982: Tobendes Ich (Lyrik)
  • 1983: Worte als Brücke (Lyrik, Prosa) – mit Grete Wassertheurer
  • 1983: Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus (autobiografischer Roman)
  • 1984: Bagno (Prosa)
  • 1985: Endstation Zuchthaus (Drama)
  • 1985: Kerkerzeit (Lyrik)
  • 1985: Wenn Kinder liebe leben (Gutenachtgeschichten)
  • 1986: Va Banque (Roman)
  • 1987: Reflexionen (Lyrik)
  • 1990: Schrei der Angst (Drama)
  • 1990: Mare Adriatico (Erzählung)
  • 1990: Kerker (Prosa)
  • 1992: Dangerous Criminal (Lyrik, Prosa)
  • 1994: 99 Stunden (dokumentarische Erzählung)

Rezeption[Bearbeiten]

Das Leben Unterwegers diente als Vorlage für die Theaterstücke Black Jack von Franzobel und The Infernal Comedy, das 2008 mit John Malkovich in Santa Monica, Kalifornien, uraufgeführt wurde. Der Fall Unterweger wird auch in der 2010 erstmals auf VOX ausgestrahlten Dokumentation Das Böse nebenan – wenn Menschen zu Bestien werden behandelt. Lange davor, bereits 1988, verfilmte der österreichische Schriftsteller und Regisseur Wilhelm Hengstler unter dem Titel Fegefeuer Unterwegers Autobiographie. Unterweger schrieb das Drehbuch selbst.

Die österreichische Horrorpunk-Musikgruppe Bloodsucking Zombies From Outer Space behandelt Unterweger ironisch in ihrem Lied Legendary Jack.[6] Auch der deutsche Underground-Autor Franz Dobler widmet ihm ein Kapitel in seinen Letzten Stories.[7]

Der Film Jack von Elisabeth Scharang erzählt die Geschichte von Unterweger als Spielfilm und hatte im August 2015 beim Filmfestival Locarno Premiere.[8]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gert Schmidt, Gerlinde Wambacher, Heinz Wernitznig: Wenn der Achter im Zenit steht ... Causa Jack Unterweger: Die Dokumentation. ERFOLG-Zeitschriften-Holding, Wien 1993, ISBN 39500223.
  • Astrid Wagner: Jack Unterweger: ein Mörder für alle Fälle. Militzke, Leipzig 2001, ISBN 3-86189-232-4. (spätere Auflagen unter dem Titel Mörder, Dichter, Frauenheld: Der Fall Jack Unterweger.)
  • Ernst Geiger: Es gibt durchaus noch schöne Morde: Die spannendsten und skurrilsten Kriminalfälle der letzten 25 Jahre. Kremayr & Scheriau, Wien 2005, ISBN 3-218-00759-3.
  • John Leake: Entering Hades: The Double Life of a Serial Killer. Farrar, Straus and Giroux, New York 2007, ISBN 978-0-374-14845-4.
  • John Leake: Der Mann aus dem Fegefeuer: Das Doppelleben des Jack Unterweger. übersetzt aus dem Amerik. von Clemens J. Setz, Residenz Verlag, St. Pölten 2008, ISBN 978-3-7017-3101-5.[9]
  • Andreas Binder: Jack Unterweger, Literat. Analyse der autobiografischen Prosatexte „99 Stunden“ und „Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus“, unter Berücksichtigung der historischen Rezeption und der literarischen Traditionen. Univ. Masterarbeit, Graz 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die spektakulärsten Kriminalfälle. Reportage auf Kabel 1, ausgestrahlt am 9. August 2015.
  2. Hans-Dieter Otto: Das Lexikon der Justizirrtümer, 2003, Seite 309.
  3. Anm.: § 46 Abs. 5 StGB in der damalig geltenden Fassung vom 1. März 1988: „Ein Rechtsbrecher, der zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, darf nicht bedingt entlassen werden, bevor er fünfzehn Jahre verbüßt hat. Trifft diese Voraussetzung zu, so ist er gleichwohl nur dann bedingt zu entlassen, wenn nach seiner Person, seinem Vorleben, seinen Aussichten auf ein redliches Fortkommen und seiner Aufführung während der Vollstreckung anzunehmen ist, daß er in Freiheit keine weiteren strafbaren Handlungen begehen werde und es trotz der Schwere der Tat nicht der weiteren Vollstreckung bedarf, um der Begehung strafbarer Handlungen durch andere entgegenzuwirken.“
  4. Vgl.: Unterweger war z. B. mehrfach in der namensgebenden Sendung Seitenblicke des ORF zu sehen.
  5. Vgl. § 8 Strafprozeßordnung: „Jede Person gilt bis zu ihrer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig.“
  6. Liedtext bei golyr.de
  7. Franz Dobler: Letzte Stories. 26 Geschichten für den Rest des Lebens. Blumenbar, Berlin 2010, ISBN 978-3-936738-67-4. S. 113 Unterwegs
  8. Kurier: Filmfestival Locarno: Elisabeth Scharangs "Jack" erzählt die Story des Mörders und Häfenliteraten Jack Unterweger als Spielfilm. In: Kurier, 8. August 2015, abgerufen am 10. August.
  9. Rezension von Wilhelm Hengstler, 2008, abgerufen am 9.Mai 2012