Jakob Maria Mierscheid

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Jakob Maria Mierscheid (* 1. März 1933 in Morbach, Rheinland-Pfalz) ist ein fiktiver deutscher Politiker (SPD), der seit 1979 Mitglied des Deutschen Bundestages sein soll.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mierscheid wurde im Dezember 1979 von den beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Würtz und Karl Haehser erschaffen.[1] Bei einem Aufenthalt im Restaurant des Bonner Bundeshauses erfanden sie den fiktiven Politiker, um den zuvor gestorbenen ehemaligen SPD-Abgeordneten und Staatsrechtler Carlo Schmid zu ehren und ihm einen Nachfolger zu erschaffen. Damit verfolgten sie die Absicht, „die Abgeordneten von Zeit zu Zeit an das wahre Leben zu erinnern, was durchaus auch mal lustig sein darf“.

Zunächst wurde Mierscheid als 44-jähriger Schneider aus dem Hunsrück dargestellt (demnach war er anfangs Jahrgang 1935). Andere SPD-Politiker beteiligten sich in der Folgezeit an der „Pflege“ des Phantoms: Vom damaligen Staatssekretär im Bundesbauministerium, Dietrich Sperling, wurde Mierscheids bis heute gültiges Geburtsdatum übernommen; Sperling übernahm zudem den Schriftwechsel im Namen des fiktiven Politikers. Diese Rolle übernahm schließlich Friedhelm Wollner, der technische Leiter der SPD-Bundestagsfraktion, der bis heute für die Außendarstellung und angeblichen Äußerungen Mierscheids verantwortlich ist.[2]

Die fiktive Figur Mierscheid[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mierscheid ist der Archetyp des Hinterbänklers. Er findet sich in zahlreichen Personenverzeichnissen, aber auch in manchen offiziellen Veröffentlichungen des Deutschen Bundestages wieder. Dem Bundestag soll er seit dem 11. Dezember 1979 angehören. Eines der ersten Bilder, das Mierscheid zeigen soll, ist identisch mit dem Karl Ranseiers – modernisiert mit einer aufgemalten Brille. Weitere Bilder wurden mit der Zeit veröffentlicht. Eine erste parlamentarische Erwähnung findet er im Stenographischen Bericht der 215. Sitzung der 8. Wahlperiode des Deutschen Bundestages.[3] Bilder Mierscheids lassen sich auf der Internetseite des Bundestages finden.[4]

So bot der Webserver des Bundestages eine Selbstbeschreibung Mierscheids zum Herunterladen an, in der es hieß:

„Ich bin weder eine Erfindung, noch ein Patent, ich bin die Lösung. […] Wie der Verfassungsjurist Friedrich Nagelmann und der Berufsdiplomat Edmund F. Dräcker, meine Kollegen bei der Judikative und bei der Exekutive, mit denen ich gern zusammenarbeite, gehöre ich zu den Säulen unseres Staatswesens.“

Auch Nagelmann und Dräcker sind fiktive Personen. Kollege des Herrn Mierscheid ist ferner Karl Laupach (Bremische Bürgerschaft).

Mierscheids Vita wurde erstmals offiziell im Who is Who in Germany 1986 dokumentiert.[5] Darin wird seine Geburt auf den 1. März 1933 in Morbach/Hunsrück datiert. Mierscheid ist angeblich römisch-katholisch, verheiratet seit 1957 mit Helene Inding und Vater von 4 Kindern; er ist Mitglied der SPD, der Gewerkschaft Landwirtschaft und Forsten und des Kleintierzüchtervereins Morbach. 1981 und 1982 war er stellvertretender Vorsitzender des Mittelstandsausschusses des Deutschen Bundestages.

Die Schwerpunkte seiner angeblichen politischen Arbeit sind neben allgemeinen Sozialfragen und Problemen der Berufsausbildung vor allem die Aufzucht und Pflege der geringelten Haubentaube in Mitteleuropa und anderswo sowie Untersuchungen des Nord-Süd-Gefälles in Deutschland. Eine seiner jüngsten Aktivitäten ist seine Schrift Über die Ruderboote, in der er sich kritisch mit den Eigenschaften der Ruder-Achter im Berliner Jakob-Kaiser-Haus auseinandersetzt. Eine der Veröffentlichungen Mierscheids ist ein Beitrag zum 3. Höchster Steinlaus-Symposium, XII (3), Frankfurt am Main, aus dem Jahre 1993.

Unterschrift

Mierscheid zeichnet sich zudem dadurch aus, dass er zu den wenigen politischen Mandatsträgern gehört, die noch die Sütterlinschrift beherrschen und – erkennbar an seiner Unterschrift – auch anwenden.

Der fiktive Abgeordnete erhielt vom damaligen SPD-Fraktionschef Franz Müntefering eine Abmahnung, nachdem er Ulla Schmidt als Unwort des Jahres vorgeschlagen hatte.[6]

Über Mierscheids Privatleben besteht nicht viel Klarheit, in einem Zeitungstext jedoch wird er, inzwischen verwitwet, wieder als vierfacher Vater ausgegeben.[7] Sein umfangreiches politisches Wirken hingegen wurde 1986 von dem Bonner Journalisten Peter Raabe in einem Sammelwerk ausführlich dokumentiert, das unter dem Titel Akte Mierscheid[8] in der Bonner Parlamentarischen Gesellschaft der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Am 11. Dezember 2004 konnte Mierscheid sein 25-jähriges Jubiläum als Abgeordneter feiern.[9]

Laut Informationen der Tagesschau trat Mierscheid im Juli 2005 überraschend aus der SPD aus. Er strebe eine zweite Karriere in dem geplanten Linksbündnis aus Linkspartei.PDS und WASG an. Kurz nach ihrer Veröffentlichung ließ Mierscheid diese Meldung allerdings durch die SPD-Fraktion wieder dementieren.[10] Persönlich nahm er in einem Interview bei Spiegel Online Stellung.[11] Am 1. April 2010 wurde Mierscheid ebenso von der Piratenpartei fälschlicherweise für sich in Anspruch genommen.[12]

In der 16. Wahlperiode des Bundestages war Mierscheid zunächst nicht in den Reihen der Abgeordneten zu finden. Mittlerweile steht der Nachrücker aber wieder in der Liste der MdB. Mierscheid erläuterte dies in einem offenen Brief. Offensichtlich hat sich der stets sorgfältige und bedächtige Mierscheid vorbehalten, erst jenseits des Feststehens des amtlichen Endergebnisses auf der Bundestagsseite aufgeführt zu werden. Das ist seiner Integrität und Glaubwürdigkeit nur zuträglich. Kurioserweise tauchte anstelle Mierscheids ein echter Abgeordneter namens Miersch auf. Daraufhin wurde die Frage gestellt, ob Mierscheid seinen Eid abgelegt hätte. Im 17. Bundestag war Mierscheid ebenfalls vertreten. Er wandte sich bereits an die neuen Fraktionskollegen und zitierte dabei unter anderem aus dem Gedicht Ulysses von Lord Tennyson.[13]

Seit Juli 2007 sind die Nebeneinkünfte aller Politiker des Bundestages öffentlich einsehbar. Herr Mierscheid wird in dieser Liste nicht aufgeführt. Sein Kommentar dazu: Ich bin halt kein Angeber. Dennoch ist er inzwischen als Blogger sowie bei Twitter und Facebook aktiv.[14][15]

Am Vorabend seines 80. Geburtstags am Donnerstag, dem 28. Februar 2013, hat der Südwestrundfunk im Politikmagazin zur Sache Rheinland-Pfalz! Reporter Ansgar Zender auf die Suche nach Mierscheid geschickt, um ihm zu gratulieren und einen Blumenstrauß zu überreichen.[16]

Am 1. März 2013 hat Bundestagspräsident Norbert Lammert unter großem Beifall und Gelächter zu Beginn der Plenarsitzung im Namen des ganzen Hauses zum 80. Geburtstag von Mierscheid gratuliert. Er betonte, dass es sich bei Mierscheid um einen geschätzten und gelegentlich verzweifelt gesuchten Kollegen handle, der sich für die aktuelle Sitzung aus zwingenden Gründen entschuldigt habe.[17][18]

Peter Struck sagt: „So einer wie Mierscheid wird gebraucht ... Im politischen Alltag sind wir pragmatisch orientiert, es geht um Problembehandlung. Dass jemand da ist, der das hinterfragt, ist nötig.“[19] Friedhelm Wollner meinte: "Viele von uns haben sich auch ein bisschen hinter ihm versteckt. Oft wenn was Politisches gesagt wurde, hat man es besser gewusst, aber man wollte dann den Frieden nicht stören oder wollte nicht gegen die öffentliche Meinung angehen."[20]

Am 9. Dezember 2015 veröffentlichte die SPD-Bundestagsfraktion das angeblich von Mierscheid stammende Gedicht Von Toren, das durch einen satirischen Vergleich mit dem deutschen Fußball-Nationaltorwart Manuel Neuer den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und dessen Asylpolitik kritisiert.[21]

Namensgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mierscheid-Gesetz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Mierscheid-Gesetz

Das Mierscheid-Gesetz ist ein satirisches Wahlprognose-Verfahren, das Jakob Maria Mierscheid zugeschrieben wird. Es wurde am 14. Juli 1983 in der SPD-Parteizeitung Vorwärts veröffentlicht. Das spezifische Mierscheid-Gesetz wurde 2006 vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg zum Mierscheid-Walla-Gesetz verallgemeinert.[22]

Jakob-Mierscheid-Steg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Mierscheid-Steg zwischen Elisabeth-Lüders-Haus und Paul-Löbe-Haus

Der Marie-Elisabeth-Lüders-Steg, der die Bundestagsgebäude Paul-Löbe-Haus und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus über die Spree am Spreebogen verbindet (Lage), wurde scherzhaft am 1. April 2004 nach Mierscheid benannt. MdB Dietrich Sperling (SPD) nahm die Einweihung mit einem Schild dieses Namens als Aprilscherz vor. Die Bezeichnung fand sich 2005 auf einem vom Falk-Verlag vertriebenen Stadtplan Berlins wieder.[23]

Jakob-Mierscheid-Wanderweg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlässlich seines 80. Geburtstages veranstaltete seine Heimatgemeinde einen Geburtstagsempfang und weihte einen nach ihm benannten Wanderweg ein.[24]

Mierscheid (Cafés)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das heutige Bonner Café Pathos hieß vorher „Mierscheid“ und war ein beliebter Treffpunkt von Bundestagsabgeordneten der SPD.[25] Ein zwischenzeitlich in Berlin bestehendes Café Mierscheid wurde inzwischen geschlossen.[26]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Raabe (Hrsg.): Die Mierscheid-Akte. Dokumentarische Spuren eines Phantoms. Fackelträger, Hannover 1986, ISBN 3-7716-1464-3.
  • Dietrich Sperling: Jakob Mierscheid, Aus dem Leben eines Abgeordneten: Eine politische Holografie. Hrsg.: Friedhelm Wollner. Nomos, 1998, ISBN 3-7890-5484-4.
  • Klaus-J. Holzapfel (Hrsg.): Kürschners Volkshandbuch. Deutscher Bundestag 18. Wahlperiode. 130. Auflage. Neue Darmstädter Verlagsanstalt, Rheinbreitbach 2014, ISBN 978-3-87576-761-2, S. 43.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Annette Zoch: Der Unauffällige. Jakob Maria Mierscheid ist seit 35 Jahren im Bundestag – obwohl er noch nie dort war. In: Süddeutsche Zeitung vom 10. Dezember 2014, S. 5.
  2. Süddeutsche Zeitung: SPD: Phantom-Politiker Mierscheid – Eine zweifelhafte Existenz, abgerufen am 2. März 2010.
  3. Deutscher Bundestag, Stenographisches Protokoll der 215. Sitzung der 8. Wahlperiode
  4. Deutscher Bundestag: Jakob Maria Mierscheid, SPD, abgerufen am 17. Dezember 2013.
  5. Who ist Who in Germany. 5. Ausgabe, Berlin 1986
  6. Aktiv im Ruhestand, Die Zeitschrift für ehemalige Angehörige des öffentlichen Dienstes und ihre Hinterbliebenen. Jahrgang 53, März 2004, S. 32.
  7. taz berlin: „Ich bin kein Phantom“, 18. Juli 2005
  8. Akte Mierscheid, Dokumentarische Spuren eines Phantoms, Hannover 1986
  9. tagesschau.de: „Ich gehöre zu den Säulen des Staatswesens“ (tagesschau.de-Archiv), 12. Dezember 2004
  10. tagesschau.de: Schmutziges Spiel mit Mierscheid (Memento vom 31. August 2008 im Internet Archive), 12. Juli 2005
  11. Claus Christian Malzahn: Übertrittsgerüchte: Mierscheid schließt nichts aus. In: Spiegel Online. 2. Juli 2005, abgerufen am 19. Oktober 2012.
  12. [1] (PDF-Datei; 600 kB) sowie Langjähriger SPD-Abgeordneter Mierscheid tritt Piratenpartei bei (Memento vom 4. April 2010 im Internet Archive) Das Büro Mierscheid äußerte sich dazu nicht weiter. Mierscheid sei zwar nicht andauernd online, habe aber mit Internet Protocol over Avian Carriers schon zu tun gehabt, als diese jungen Spunde noch nicht einmal geplant gewesen seien.
  13. Letter of Mierscheid 22. Oktober 2009 (PDF-Datei; 19 kB)
  14. Jochen Leffers: Die Welt der Phantome, 2. Teil: Zwitschern mit Jakob Maria Mierscheid. In: Der Spiegel. 9. April 2009, abgerufen am 19. Oktober 2012.
  15. Mierscheids Profil auf Facebook
  16. „Das Phantom des Bundestags“ – SPD-Abgeordneter Jakob Maria Mierscheid wird 80 aus der Sendung vom Freitag, 1. März 2013; SWR Fernsehen Rheinland-Pfalz
  17. Lammert gratuliert Bundestagsphantom zum 80. auf bundestag.de vom 1. März 2013
  18. Video (Zeit: 0:58 bis 2:55) in der Mediathek des Deutschen Bundestags; Eröffnung der 226. Sitzung vom 1. März 2013 durch Bundestagspräsident Norbert Lammert
  19. Michelle Müntefering: SPD: Phantom-Politiker Mierscheid – Eine zweifelhafte Existenz. In: Süddeutsche Zeitung. 1. März 2010, abgerufen am 13. Dezember 2014.
  20. Stefan Maas: Der fiktive Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid feiert Jubiläum. In: Deutschlandfunk. 9. Dezember 2014, abgerufen am 13. Dezember 2014.
  21. Gedicht „Von Toren“. In: Facebook-Auftritt der SPD-Bundestagsfraktion. 9. Dezember 2015, abgerufen am 2015-102-09.
  22. Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 03/2006: Das Mierscheid-Walla-Gesetz (PDF-Datei; 296 kB), abgerufen am 5. Januar 2009
  23. Berlin. Mit Cityplan Potsdam. 67. Auflage, Falk, Ostfildern 2005, ISBN 3-88445-016-6, Beikarte I, Feld A10.
  24. Großer Bahnhof für den großen Bundestagsabgeordneten. Webseite der Gemeinde Morbach
  25. http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2005/07/18/a0224
  26. Julia Haak: Abschied vom Café Mierscheid, Berliner Zeitung, 18. Juli 2002.