Jakobikirche (Lübeck)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
St. Jakobi

St. Jakobi ist eine der fünf evangelisch-lutherischen Hauptpfarrkirchen in der Lübecker Altstadt.

Sie wurde im Jahre 1334 als Kirche der Seefahrer und Fischer geweiht, die ihr Schütting noch heute in der gegenüberliegenden Schiffergesellschaft haben. Ihr Patron ist der Heilige Jakobus der Ältere. Die Kirche, das Heiligen-Geist-Hospital und die benachbarte Gertrudenherberge sind Stationen auf einem Zweig des Jakobswegs von Nordeuropa nach Santiago de Compostela. Seit September 2007 ist die nördliche Turmkapelle der Kirche als Pamir-Kapelle Nationale Gedenkstätte für die zivile Seefahrt.

Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der markante Glockenturm
Detail: Opferstock an der Königstraße

Die Jakobikirche ist eine dreischiffige Backsteinhallenkirche. Der heutige Bau am Koberg entstand um 1300 und ersetzte nach dem großen Stadtbrand von 1276 eine romanische Hallenkirche an gleicher Stelle, die bereits um 1227 erwähnt wurde.[B 1] Es wird vermutet, dass Rundbogenfriese im Bereich des Kirchturms und der Seitenschiffsmauern Bestandteile dieses Vorgängerbaus sind. Seit dem gotischen Neubau um 1300 hat die Kirche drei Schiffe mit fünf Jochen, die im Osten jeweils von einem Chor abgeschlossen werden. Die Wände des Mittelschiffs überragen die beiden Seitenschiffe um fünf Meter. Der Turm der Kirche verrät ähnlich wie der von St. Petri etwas über die im Laufe der Zeit wechselnden Bauabsichten. Zunächst als mittiger Einzelturm geplant und in der Ausführung begonnen, wurden die nördliche und die südliche Seitenkapelle so stark ausgeführt, das zunächst wie auch bei St. Petri der Plan bestanden haben muss, die Kirche wie die Marienkirche und den Dom mit einer Doppelturmanlage auszustatten. Auch der Plan, die Hallenkirche wohl Ende des 13. Jahrhunderts zu einer Basilika umzubauen, ist aus den heute noch vorhandenen Baubefunden ablesbar, die begonnene Umsetzung aber wieder aufgegeben worden.[B 2] Die Hauptbauzeit des heutigen Baukörpers wird anhand von Quellen die gotischen Altäre betreffend bestimmt. Für einen neuen Altar wurde 1287 eine Vikarie gestiftet. Dieser Altar ist dann für 1312 belegt. Der neue Altartisch mit dem Chor wurde im Jahr 1334 von Bischof Heinrich II. Bochholt geweiht.[B 3] Auf diesen Altartisch wurde 1435 als Altaraufsatz das älteste erhaltene Lübecker Hochaltar-Retabel von der Hand des Meisters des Jakobialtars gestiftet, vermutlich durch die Pfarrgemeinde. Er befindet sich heute in der Mittelaltersammlung des Staatlichen Museums Schwerin in Schloss Güstrow.

Der Turm dieser Kirche überragte den First des Mittelschiffs zunächst nur um zwei Vollgeschosse. Darüber befanden sich Spitzgiebel wie bei der Marienkirche. Darüber befand sich die achteckige Pyramide des Turmhelms. Der Turm dürfte zu den problematischeren der Lübecker Kirchtürme gehören. Der Lesemeister Detmar berichtet in seiner Chronik, das sich 1375 im Sturm ein Viertel des Turmdachs löste und auf den Hof des Heiligen-Geist-Hospitals geweht wurde.[B 4] 1628 wurde der Turm „bis zu den Glocken“ abgenommen und erhielt nach der Erneuerung des Mauerwerks 1636 zunächst ein einfaches Bretterdach. Die Turmspitze wurde erst 1657/58 erneuert und erhielt erst jetzt die heute für die Kirche so typischen vier Kugeln an den Turmecken, die damit die vier Ecktürmchen von St. Petri aufnahmen, aber nicht kopierten. Über diese Sanierung und alle daran Beteiligten berichtet eine in Kupfer geritzte Urkunde des Lübecker Rechenmeisters Arnold Möller, die auch Brände überdauerte.[B 5] Die Turmspitze wurde mehrfach, zuletzt 1901, vom Blitz getroffen und brannte 1901 etwa einen Tag lang.

Unter den angebauten Kapellen dürfte die Brömbsen-Kapelle wegen des darin erhaltenen Brömbsen-Altars an der Südseite die bekannteste sein. Sie geht auf eine Stiftung des Domherrn Detmar Schulop im Jahr 1338 zurück und ging 1488 an den Lübecker Bürgermeister Heinrich Brömse über. Sie blieb bis 1826 im Besitz seiner Familie. 1877 fiel sie von einem Testamentsvollstrecker der Familie Brömse an die Kirche zurück. Die daneben befindliche Vellin- oder Warendorp-Kapelle beruht auf einer Stiftung des Ratsherrn Gotthardt Vellin († 1350) zurück und ging mit dem Tod von dessen Witwe auf die Familie Warendorp über, die sie bis in das 18. Jahrhundert innehatte. An der Nordseite gegenüber der Brömbsenkapelle befindet sich die Hoghehus- oder auch Haleholtscho-Kapelle, die von Konrad Hogehus († 1351) gestiftet wurde. Später ging sie nacheinander in den Besitz der Familien Haleholtscho, Warendorp, von Dorne (1712) über. Die beiden weiteren im Westen der Nordseite gelegenen Kapellen sind für das Jahr 1392 bezeugt. Die Sakristei der Kirche im Südosten ist ein Anbau vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Das Muschelmotiv ihrer Holztäfelung von 1667 erinnert an die Muschel als Symbol der Jakobspilger. Die Turmkapelle unter dem Mittelturm befand sich im Besitz der Zunft der Brauer. Die Kapelle nördlich des Turms wurde nach dem Lübecker Bürgermeister Hinrich Witte als Wittenkapelle, später wegen der dort gelagerten Ausstattung Sargträgerkapelle genannt. Diese Kapelle erinnert heute an den Untergang der Pamir. Unter der Kapelle befindet sich seit 2007 ein Columbarium als Urnengrablege.

Die südliche Turmkapelle war früher die Marientiden-Kapelle.

Der Dachreiter wurde nach der Chronik des Reimar Kock 1496 errichtet. Er wurde aber von einem Sturm alsbald wieder herabgeweht. Allerdings muss er um die Mitte des 16. Jahrhunderts erneut errichtet worden sein, weil er sich zeitlich nach dieser Nachricht bereits 1552 wieder auf dem großen Lübecker Holzschnitt des Elias Diebel findet. Der heutige Dachreiter ist eine barocke Schöpfung aus den Jahren 1622–28.[B 6]

Die bedeutenden mittelalterlichen Fresken der Kirche wurden bei Renovierungsarbeiten Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt.

St. Jakobi blieb als eine der wenigen Lübecker Kirchen während des Bombenangriffs in der Palmsonntagsnacht 1942 unbeschädigt. Sie verfügt daher über die zwei letzten historischen Orgeln Lübecks.

Neben der Kirche, zum Koberg hin, befinden sich auf dem Jakobikirchhof die Pastorenhäuser im Stil der niederländischen Backsteinrenaissance.

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kanzel und Hochaltar
gotisches Taufbecken
Das Rettungsboot der Pamir vor dem Umbau 2007 in der nördlichen Turmkapelle

Die Kirche enthält eine reiche Innenausstattung.

Kanzel und Hochaltar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kanzel ist aus dem Jahr 1698. Reste der vorherigen Kanzel aus dem Jahr 1577 befinden sich seit 1735 in Thomaskirche in Tribsees.

Der heute zu sehende Hochaltar wurde 1717 von Hieronymus Hassenberg geschaffen. Er ist eine Stiftung des Bürgermeisters Hermann Rodde, dessen Büste sich am Altar befindet.

Das spätgotische Hochaltar-Retabel von 1435, ein Triptychon mit doppeltem Flügelpaar, wird dem Meister des Jakobialtars zugeschrieben und befindet sich heute in der Mittelalterabteilung des Staatlichen Museums Schwerin im Schloss Güstrow.

Die eherne Fünte von 1466 wurde von dem Rotgießer Klaus Grude gegossen.

Broemsenaltar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Broemsenaltar wurde um 1515 von dem Bürgermeister Heinrich Brömse gestiftet. Das Relief im Mittelteil stammt aus der Werkstatt von Heinrich Brabender in Münster/Westfalen. Dieses um 1500 entstandene Kunstwerk zählt aufgrund seiner virtuosen Bildgestaltung zu den wichtigsten Lübecks. Die Darstellung der Familie Brömse auf den Altarflügeln entstand etwas später um 1515.

Gedenkstätte der Seeleute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Kirche befindet sich in der nördlichen Turmkapelle eine Gedenkstätte für die auf See gebliebenen Lübecker Seeleute.

Hier steht auch das Wrack eines Rettungsbootes der 1957 gesunkenen Viermastbark Pamir, bei deren Untergang 80 der 86 Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Die Gedenkstätte wurde am 21. September 2007 nach dem Willen der Kirchengemeinde, der Landes- und der Bundesregierung zur Nationalen Gedenkstätte für die zivile Seefahrt erklärt.

Unter der Kapelle befindet sich ein Kolumbarium.

Orgeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Orgeln der Jakobikirche (Lübeck)
Die Große Orgel an der Westwand war ursprünglich ein gotisches Blockwerk, wurde aber im Barock mehrfach erweitert und umgebaut. Die kleine Orgel (Stellwagenorgel; Nordorgel) ging ebenfalls aus einer mittelalterlichen Orgel hervor (1467), wurde aber 1636/1637 von Friedrich Stellwagen umgebaut und erweitert. Sie zählt heute zu den bedeutendsten Orgeln Europas.

Turmuhr und Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Turmuhr stellt eine Besonderheit dar, da sie als Einzeigeruhr nur die Stunden anzeigt. In der Glockenstube hängt ein wertvolles Ensemble aus vier Glocken.

Turmuhr als Einzeigeruhr
Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
(HT-1/16)
1 Pulsglocke 1507 Gerhard van Wou 1.871 ≈4.500 a0 +7
2 Predigtglocke 1756 Johann Hinrich Armowitz 1.632 2.537 ais0 +3
3 Bürgerglocke 1743 Lorenz Strahlborn 1.730 3.338 h0 −4
4 Abendglocke 1619 Berend Bodemann 1.300 ≈1.800 e1 +6

Siehe auch:

Kirchenmusik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Pastor Axel Werner Kühl gewann 1930 für die Gemeinde den Studienrat und Kirchenmusiker Bruno Grusnick als Kantor. Beide gemeinsam lernten kurz darauf den Komponisten und Kirchenmusiker Hugo Distler kennen, der 1931 auf Vermittlung von Günther Ramin die Organistenstelle der Kirche antrat und die Kirchenmusik an Jakobi erstmals aus dem Schatten der Marienorganisten herausführte. Die Jakobikirche wurde damit zu einem wichtigen Zentrum der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik in der ausgehenden Weimarer Republik.

Weitere bekannte Organisten der Kirche waren Georg Wilhelm Saxer, Johann Georg Witthauer, Emanuel Kemper, Manfred Kluge und Hans-Jürgen Schnoor. Orgelvespern und -konzerte gehören zu den ständigen Veranstaltungen in St. Jakobi.

Pastoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kreuzweg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Nordseite des Kirchenschiffes findet sich eine Reliefplatte, die die erste Station des ältesten erhaltenen Kreuzweges in Deutschland markiert. Der Lübecker Kreuzweg führt von hier aus zunächst durch die Breite Straße zum Kanzleigebäude und wieder zurück durch die Große Burgstraße, das Burgtor und über das Burgfeld zum Endpunkt auf dem Jerusalemsberg in der Vorstadt St. Gertrud.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Uwe Albrecht, Ulrike Nürnberger, Jan Friedrich Richter, Jörg Rosenfeld, Christiane Saumweber: Corpus der Mittelalterlichen Holzskulptur und Tafelmalerei in Schleswig-Holstein. Band II: Hansestadt Lübeck, Die Werke im Stadtgebiet. Ludwig, Kiel 2012, ISBN 978-3-933598-76-9.
  • Götz J. Pfeiffer: „Im Chor war früher der hohe Altar von Holtz geschnitten“. Zur Geschichte und Malerei des Coronatio-Retabels von 1435 aus St. Jakobi zu Lübeck. In: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde. 87, 2007, S. 9–40.
  • Johannes Baltzer, Friedrich Bruns: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Freien und Hansestadt Lübeck. Herausgegeben von der Baubehörde. Band III: Kirche zu Alt-Lübeck. Dom. Jakobikirche. Ägidienkirche. Bernhard Nöhring, Lübeck 1920, S. 305–449. (archive.org)(Unveränderter Nachdruck: 2001, ISBN 3-89557-167-9).
  • Lutz Wilde, Armin Schoof: St. Jakobi. In: Lübecker Führer. Heft 8, Schmidt-Römhild, Lübeck 1979, ISBN 3-7950-1022-5.
  • Friedrich Techen: Die Grabsteine der lübeckischen Kirchen, Rahtgens, Lübeck, 1898, S. 88–97 (Digitalisat)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Baltzer, Friedrich Bruns: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Freien und Hansestadt Lübeck. Herausgegeben von der Baubehörde. Band III: Kirche zu Alt-Lübeck. Dom. Jakobikirche. Ägidienkirche. Verlag von Bernhard Nöhring, Lübeck 1920. Unveränderter Nachdruck 2001: ISBN 3-89557-167-9.
  1. S. 305 mit Hinweis auf die Überlieferung bei Jacob von Melle
  2. S.313 ff.
  3. S. 315.
  4. Zitat nach S. 318.
  5. Wiedergabe S. 319 ff.
  6. S. 331.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Jakobi, Lübeck – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 53° 52′ 15,4″ N, 10° 41′ 20,3″ O