Jaron Lanier

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Jaron Lanier (2006)

Jaron Lanier (englisch: ˈdʒɛərɨn lɨˈnɪər; * 3. Mai 1960 in New York) ist ein US-amerikanischer Informatiker, Künstler, Musiker, Komponist, Autor und Unternehmer. Er betrieb von 1984 bis 1990 mit VPL Research ein Unternehmen zur Entwicklung und Vermarktung von Virtual-Reality-Anwendungen. Seine Positionen gegen die Wikipedia und die Open-Source-Bewegung wurden breit in der Öffentlichkeit diskutiert. Im Jahr 2010 war Jaron Lanier unter den Nominierten der TIME 100 list of most influential people.[1] Im Oktober 2014 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jaron Lanier wurde in New York City geboren. Seine jüdischen Eltern stammen aus Wien und der Ukraine. Beide gehörten einem künstlerischen Kreis im Greenwich Village an. Die Mutter Lilly wanderte als 15-Jährige in die USA aus, nachdem sie ein Konzentrationslager überlebt hatte. Der Vater Ellery war bereits eine Generation früher ausgewandert, weil seine Eltern als ukrainische Juden vor Pogromen fliehen mussten. Er arbeitete in New York als Architekt, Maler, Schriftsteller, Grundschullehrer und Radiomoderator, sie als Pianistin, Malerin und Tänzerin. Das Ehepaar trug den Nachnamen Zepel. Als Jaron auf die Welt kam, änderten sie ihn in Lanier. Sie wollten damit ihr Kind vor antisemitischen Vorurteilen schützen. Kurz nach der Geburt verließ die Familie die Ostküste und zog an die Grenze zu Mexiko. Jaron wuchs in Mesilla auf und ging in eine private Grundschule in der mexikanischen Stadt Juárez.[3] Lilly Lanier starb bei einem Verkehrsunfall, als Jaron neun Jahre alt war. Nachdem auch noch ihr Haus abgebrannt war, zog der mittellose Vater mit seinem Sohn aus der Stadt in die Wüste New Mexicos.[4]

Im Alter von 15 Jahren verließ Jaron Lanier ohne Abschluss die High School, zeigte aber genügend Talent, um später zu Mathematik-Vorlesungen an der New Mexico State University zugelassen zu werden.[5]

In den frühen 1980er-Jahren arbeitete er im Atari-Forschungslabor, wo er 1983 das musikalische Weltraum-Action-Spiel Moondust und den Datenhandschuh (Data Glove) entwickelte, ein Gerät, das man über die Hand zieht und damit Aktionen im Computer auslöst, etwa virtuelle Gegenstände greift. 1984 gründete er VPL Research, um weitere Anwendungen in dieser Richtung zu entwickeln und zu vermarkten. 1992 verließ er die Firma und begann, professionell Musik zu komponieren und Musikinstrumente zu entwickeln. Er trat mit Künstlern wie Philip Glass, Ornette Coleman, Terry Riley und Yoko Ono auf.[6]

Lanier lehrte an mehreren Universitäten Informatik, einschließlich der Columbia University in New York, des Dartmouth College in Hanover in New Hampshire und der Yale University in New Haven in Connecticut. Er leitete das Projekt National Tele-Immersion-Initiative (NTII), das sich mit der Entwicklung von Immersions-Anwendungen befasst. Am 18. Mai 2006 wurde ihm die Ehrendoktorwürde Doctor of Science des New Jersey Institute of Technology in Newark (New Jersey) verliehen.

Seit 2004 ist er Fellow am International Computer Science Institute der University of California, Berkeley (UC Berkeley) in Berkeley in Kalifornien, von 2006 bis 2009 war er zudem Interdisciplinary Scholar-in-Residence am Center for Entrepreneurship and Technology (CET) der UC Berkeley.[7] Seit 2009 ist Lanier partner architect for Microsoft Research.[8]

Philosophisch-technische Ideen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jaron Lanier galt einst als Vater des Begriffs Virtuelle Realität, obwohl die Ersterwähnung dem 1982 erschienenen Roman Judas Mandala von Damien Broderick zugeschrieben wird. Lanier demonstrierte jedoch relativ früh die technische Machbarkeit. Die New York Times erwähnt ihn in dem Zusammenhang erstmals 1989 als Gründer der Firma VPL Research:

„Jaron Lanier sieht die Tage kommen, wenn die neuen [Virtual-Reality-]Systeme weit wichtiger als bloße Computer oder Fernsehen sind.“[9]

Lanier betreute die National Tele-immersion Initiative, ein kurzzeitiges universitäres Projekt, das Anwendungen für das Internet2 erforschte. Er entwickelte die Idee des Avatars, die virtuelle Kamera fürs Fernsehen und 3D-Grafiken fürs Kino. 1983 stellte er mit Moondust ein innovatives Videospiel vor.[10]

Lanier kritisiert bestimmte Aspekte von Künstlicher Intelligenz und nuancierte Verzweigungen des „Extropianismus“.

Eine seiner Spekulationen behandelt die von ihm so genannte post-symbolische Kommunikation. Dies erläuterte er am Beispiel der Oktopoden bzw. Kopffüßer (Cephalopoden) im Wissenschaftsmagazin Discover (April 2006) an Tintenfischen oder Kraken. Diese können die Färbung und Textur ihrer Haut in bemerkenswerter Weise verändern und mit ihren acht Fangarmen andere Gestalten imitieren. Lanier sieht in dem Verhalten Ausdrücke ihrer Gedanken.

Zudem kritisiert Lanier eine Überbewertung der sogenannten Schwarmintelligenz. Diese tauge zur Vorhersage von Statistiken, Marktpreisen oder Wahlergebnissen, zur Darstellung von Wissen jedoch kaum. Systeme wie Wikipedia, die er als Ausprägung der Schwarmintelligenz sieht, dienten weder der Theorie-Bildung noch fänden sie Wahrheiten - allenfalls Durchschnittsmeinungen einer anonymen Masse. Darstellung von Wissen erfordere aber persönliche Kompetenz und Verantwortlichkeit.
Das Internet fördert nach Laniers Ansicht den Glauben, dass ein Kollektiv Intelligenz und Ideen hervorbringe, die denen des Individuums überlegen seien. Dieser Glaube führe dazu, dass das Kollektiv als wichtig und real angesehen werde, nicht der einzelne Mensch. Im Jahre 2006 nannte er diesen „digitalen Maoismus“ einen Irrweg.[11]
Im Jahre 2015 relativierte er diese provokative Ansicht: Ich habe das einmal digitalen Maoismus genannt. Ich möchte die Metapher indes nicht zu stark beanspruchen, weil durch die Kulturrevolution Millionen umkamen, durch die digitale natürlich nicht.
Aber es gibt eine interessante Gemeinsamkeit. Dieser Wunsch, sich zu identifizieren mit einer Organisation, so dass diese Identifikation ein Emblem von Jugendhaftigkeit und Rebellion wird. Wobei es doch in Wahrheit ein Emblem des Konformismus ist. Diese Verwechslung von Rebellion und Konformismus prägte China zur Kulturrevolution. Und in Deutschland gab es das zu finsteren Zeiten auch.
[12]
Im 2010 erschienenen Buch You Are Not a Gadget erweitert Lanier diese Kritik auf die Open-Source-Bewegung. Diese vermindere die Möglichkeiten für die Mittelklasse, die Erzeugung von Inhalten zu finanzieren.

Im Buch The Fate of Power and the Future of Dignity von 2013 warnt Lanier, dass in den Finanzmärkten „derjenige mit dem größten Computer alle anderen Teilnehmer zu seinem Vorteil analysieren könne und so Kapital und Macht konzentriere“. Das Ergebnis sei eine Bilanzverkürzung der Volkswirtschaft. Er sieht hierin eine Parallele zum Filesharing, das die Wertschöpfung reduzieren würde.[13]

Mit seinem 2013 erschienenen Buch Wem gehört die Zukunft? plädiert er für ein Ende der Umsonst-Mentalität, die letztlich nur den Konzernen nutze, und fordert, dass jeder Nutzer für seine Daten auch Geld bekommen solle.[14]

Seine Entwicklung zum Kritiker an der Rolle der Massen in der digitalen Welt sieht er in familiären Erfahrungen angelegt. Familienangehörige seiner Mutter wurden in der Zeit des Nationalsozialismus in einem Konzentrationslager in Österreich ermordet, sie selbst überlebte ihre Haft. Die Familie seines Vaters wurde Opfer von Pogromen in Russland. Beide verbrecherische Regime führt er auf Massen im Sinne der Pöbelherrschaft zurück; er befürchtet eine „digitale Barbarei“ durch die Aktivität von Massen in der Onlinewelt.[13]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lanier hat 2001 den CMU’s Watson Award und 2009 den Lifetime Career Award der IEEE erhalten. Für sein Buch „Wem gehört die Zukunft?“ wurde er 2014 mit dem Goldsmith Book Prize der Harvard University ausgezeichnet.

Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 2014 wurde Lanier mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die Verleihung fand während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 12. Oktober 2014, in der Frankfurter Paulskirche statt. Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, hielt die Laudatio.

In der Begründung heißt es, Lanier habe die Risiken, die die Digitalisierung für die freie Lebensgestaltung des Menschen berge, erkannt. Sein jüngstes Buch sei ein Appell, „wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein“.[15][16]

Die Entscheidung der Jury stieß auf ein differenziertes Echo. Positiv wurde anerkannt, dass zum ersten Mal ein Repräsentant des digitalen Zeitalters den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalte.[17] Dabei wurde hervorgehoben, dass mit Lanier weniger ein Internetpionier als eine „Figur des gefallenen und enttäuschten Internet-Optimisten“ mit dem Preis ausgezeichnet werde.[18] Andere Stimmen nannten Laniers vermeintliche „Wandlung vom Silicon Valley-Saulus zum skeptischen Paulus“ eine „Journalistenfantasie“; der Amerikaner sei „immer Teil der Computerindustrie“ gewesen, auch heute noch.[19]

In seiner Friedenspreisrede mit dem Titel „Der High-Tech-Frieden braucht eine neue Art von Humanismus[20] betonte Jaron Lanier, dass Menschen etwas Besonderes seien, dass sie mehr seien als Maschinen und Algorithmen. „Ohne Menschen sind Computer Raumwärmer, die Muster erzeugen.“ Jaron Lanier beendete seine Rede mit dem Appell „Lasst uns die Schöpfung lieben.“

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lanier lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Berkeley, Kalifornien.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lanier beim Garden of Memory Solstice Concert, 2009

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Information Is an Alienated Expense. Basic Books, New York NY 2006, ISBN 0-465-03282-6.
  • You Are Not a Gadget. A Manifesto. Knopf, New York NY 2010, ISBN 978-0-307-26964-5.
    • Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-42206-9.
  • Who owns the future? Simon and Schuster, New York NY 2013, ISBN 978-1-4516-5496-7.
    • Wem gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt. Aus dem Amerikanischen von Dagmar Mallett und Heike Schlatterer. Hoffman und Campe, Hamburg 2014, ISBN 978-3-455-50318-0.
  • Wenn Träume erwachsen werden. Ein Blick auf das digitale Zeitalter. Hoffmann und Campe, Hamburg 2015, ISBN 978-3-455-50359-3

Video[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klassische Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Instruments of Change
  • Symphony for Amelia[21]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jaron Lanier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Jaron Lanier – Zitate

Interviews

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. content.time.com
  2. Der Preisträger 2014. Jaron Lanier. Pressemitteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vom 5. Juni 2014. Abgerufen am 6. Juni 2014.
  3. Jennifer Kahn: The Visionary. In: The New Yorker vom 11. Juli 2011, [1], abgerufen am 11. Juni 2014
  4. SPIEGEL-Gespräch mit Jaron Lanier: Irgendjemand zahlt immer, 27/2014 (S.120-123)
  5. www.jaronlanier.com
  6. Winnie Forster: Lexikon der Computer- und Video-Spielmacher, S. 181f
  7. www.jaronlanier.com
  8. Microsoft Research Faculty Summit 2012: Jaron Lanier (abgerufen am 15. Juli 2014)
  9. Andrew Pollack: For Artificial Reality, Wear A Computer. New York Times vom 10. April 1989, übersetzt aus dem Amerikanischen
  10. Jaron Lanier: Wer die Daten hat, bestimmt unser Schicksal. In: FAZ.net. 24. April 2014, abgerufen am 16. Dezember 2014.
  11. Das so genannte Web 2.0 – Digitaler Maoismus. In: sueddeutsche.de. 10. Mai 2010, abgerufen am 16. Dezember 2014.
  12. Warum wollt ihr unseren Quatsch? In: faz.de. 2. Juli 2015, abgerufen am 2. Juli 2015.
  13. a b Ron Rosenbaum: What Turned Jaron Lanier Against the Web?, Smithsonian Magazine, January 2013
  14. www.hoffmann-und-campe.de
  15. Jaron Lanier erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2014, 5. Juni 2014
  16. Jaron Lanier: Wir geben die Verantwortung ab. Der Traum von der digitalen Zukunft lässt die Menschen verschwinden. Der Informatiker und Autor Jaoron Lanier nahm gestern in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Tages-Anzeiger, Tamedia Zürich, 13. Oktober 2014 (mit gekürzerter Rede)
  17. Jordan Mejias: Der Technologe als Künstler und Humanist. In: FAZ.net. 5. Juni 2014, abgerufen am 16. Dezember 2014.
  18. Internet-Denker Jaron Lanier: Der Friedenspreis als Kriegserklärung. In: Spiegel Online. 6. Juni 2014, abgerufen am 16. Dezember 2014.
  19. Florian Cramer: Virtuelle Realität. Der Friedenspreis für Jaron Lanier – und die Missverständnisse, auf denen er beruht. In: Merkur. Blog. 9. Juni 2014. Abgerufen am 10. Juni 2014.
  20. Friedenspreisrede von Jaron Lanier in der Frankfurter Paulskirche am 12. Oktober 2014
  21. Heinrich Wefing: Masse und Netz - Porträt in: Die Zeit Nr. 42/2010, S. 57.