Jean-Michel Nicollier

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Jean-Michel Nicollier in Vukovar, Kroatien

Jean-Michel Nicollier, im Kroatischen meist Nicolier, (* 1. Juli 1966 in Vesoul, Frankreich; † 20. oder 21. November 1991 in Ovčara bei Vukovar, Kroatien) war ein französischer Freiwilliger der Kroatischen Verteidigungskräfte (HOS) während des Kroatienkrieges[1]. Er wurde nach der Schlacht um Vukovar als Kriegsgefangener während des Krankenhausmassakers von serbischen Freischärlern qualvoll hingerichtet.

Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicollier wurde am 1. Juli 1966 im französischen Vesoul als zweitältester von drei Söhnen der Lyliane Fournier geboren[1]. In Vesoul besuchte er die Grund- und Weiterführende Schule[1].

Kroatienkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Nicollier durchs französische Fernsehen über den Krieg in Kroatien erfuhr, beschloss er nach Kroatien zu reisen, um den vom Krieg betroffenen Menschen zu helfen[1]. Vor seiner Abreise sagte zu seiner Mutter:

„Ich möchte diesen Menschen helfen, sie brauchen mich. Ich muss gehen, aber ich werde zurückkommen. Du weißt, ich bin wildes Gras das nie verschwindet.“[2]

Im Juli 1991 erreichte er ohne Begleitung mit der Bahn den Zagreber Hauptbahnhof[1]. Kurz nach seiner Ankunft trat er den Kroatischen Verteidigungskräften bei[3] und wurde an der Front entlang des Flusses Kupa in der Banovina stationiert[1].

Im September 1991 erreichte Nicollier zusammen mit den letzten Freiwilligen die Stadt Vukovar an der Donau. Er kämpfte in der Schlacht um Vukovar und wurde dabei innerhalb von drei Monaten zweimal verwundet.

Wenige Stunden vor seiner Ermordung bezeichnete Nicollier das umkämpfte und zerstörte Vukovar in einem Interview mit der französischen Reporterin Agnès Vahramian als „Schlachthaus[4][5]. In dem vom französischen Fernsehen ausgestrahlten Interview sagte Nicollier weiter:

„Mir wurde mehrfach angeboten die Stadt zu verlassen und nach Frankreich zurückzukehren, jedoch habe ich abgelehnt. Ich bin als Freiwilliger nach Vukovar gekommen. Das war meine Entscheidung, im Guten wie auch im Schlechten. Warum als Freiwilliger? Weil ich denke, dass sie Hilfe gebraucht haben.“[6][7][8]

Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ruinen der Ovčara – des Hinrichtungsortes von 200 Kranken und Verwundeten aus dem Krankenhaus Vukovar, darunter auch Jean-Michel Nicollier

Am 20. November 1991 wurde Nicollier zusammen mit 300 Patienten des Krankenhauses von Vukovar von serbischen Freischärlern auf das Gelände des ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebes Ovčara verschleppt.

Während Krankenhausmassakers in der Nacht vom 20. auf den 21. November 1991 wurde der verwundete Nicollier von einem Mann mit dem Spitznamen „Kemo“ aus einer der Hallen geführt und verprügelt. Nach späteren Zeugenaussagen schlug „Kemo“ mit einer Keule auf Nicollier ein. Schließlich wurde Nicollier zu dem 19-jährigen Spasoje Petković, KampfnameŠtuka“, gebracht. Dieser richtete ihn per Kopfschuss hin und plünderte ihn aus[9].

Petković erwähnte sein Opfer Nicollier schon 1991 in einem Interview:

„Ustaše su bili veoma dobri momci. Nimalo naivni, kao što su neki pričali, ali ih je bilo i drogiranih. Kad ih uhvatiš, međutim, mnogi su plakali i molili. Ove zavoje što vidite po zglobovima… To nije rana, otekli su mi zglobovi dok sam ih tukao, obične kukavice. A bilo ih je iz svih krajeva Hrvatske, iz Zagreba, Samobora, Našica, Vukovara, a najžešći su bili oni iz Hercegovine. Našli smo i jednog snajperistu Francuza, nekakve crnce i Šiptare. Ipak, među njima je bilo razlike. MUP-ovci su se htjeli predati, oni su se i drugačije ponašali. Zenge, ti plaćenici, oni su tjerali do kraja.“

„Die Ustaschas [HOS-Männer] waren sehr gute Jungs. Überhaupt nicht naiv, wie einige gesagt haben, aber sie wurden unter Drogen gesetzt. Wenn man sie jedoch gefangen nimmt, weinen und beten viele. Diese Verbände, die du an deinen Handgelenken siehst... Es ist keine Wunde, meine Gelenke sind geschwollen, als ich sie schlug, die gewöhnlichen Feiglinge. Und sie kamen aus ganz Kroatien, aus Zagreb, Samobor, Našice, Vukovar, und die härtesten waren die aus der Herzegowina. Wir fanden auch einen französischen Scharfschützen, ein paar Schwarze und einen Schiptar. Trotzdem gab es Unterschiede zwischen ihnen. Die MUP-Männer [Polizisten] wollten sich ergeben, und sie verhielten sich anders. Die Zenge [Nationalgardisten], diese Söldner, haben bis zum Ende gekämpft.“[10]

Nicolliers Überreste wurden nie gefunden[3]. Möglicherweise wurden sie zunächst in flachen Gruben entsorgt, die im folgenden Frühjahr freigelegt und umgebettet wurden um Spuren zu verwischen[3]. Möglicherweise könnte sein Leichnam in die Donau geworfen worden sein[2].

Anerkennungen und Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Büste von Nicollier neben der nach ihm benannten Brücke in Vukovar (Juli 2019).

Posthum wurde Nicollier am 15. November 2006 mit einer Gedenktafel in Vukovar geehrt. Im Jahre 2010 veröffentlichten die kroatischen Autoren Višnja Starešina und Ivan Maloča eine Dokumentation über das Krankenhausmassaker von Vukovar. In dieser wurde auch sehr detailliert über die Schicksale von Siniša Glavašević und Nicollier berichtet. Die Dokumentation wurde vom Kroatischen Rundfunk am 19. Gedenktag des Massakers erstmals ausgestrahlt[11].

Da Nicolliers Schicksal nach knapp zwei Jahrzehnten wieder Aufmerksamkeit erhielt, beschlossen der kroatische Kriegsveteran Antun Ivanković aus Tovarnik und die pensionierte Professorin Nevenka Nekić den Fall zu untersuchen und nahmen auch Kontakt zu Nicolliers Mutter auf[2]. Ivanković fand im Oktober 2011 heraus, dass Nicollier nie in die offizielle Liste der kroatischen Veteranen aufgenommen worden war. Dieser Mangel wurde innerhalb von kurzer Zeit durch das Kriegsveteranenministerium der Republik Kroatien behoben[2].

Auf Initiative einer Nichtregierungsorganisation wurde Nicollier am 17. November 2011 von der Gespanschaft Vukovar-Srijem für „Liebe, Loyalität und Tapferkeit im kroatischen Unabhängigkeitskrieg“ ausgezeichnet[12]. Am selben Tag wurde Nicollier für sein Heldentum der Ribbon of an Order of Nikola Šubić Zrinski.png Orden von Nikola Šubić Zrinski verliehen. Nicolliers Mutter reiste mit ihrem jüngeren Sohn Paul nach Zagreb, um den Orden vom damaligen kroatischen Staatspräsidenten Ivo Josipović anzunehmen[13][14].

Im Juni 2012 veröffentlichte Nekić ein Buch über Nicolliermit dem Titel Jean ili miris smrti („Jean oder der Geruch von Tod“)[15]. Zwei Monate später traf sich Nicolliers Mutter mit dem kroatischen Kriegsveteranenminister Predrag Matić, der ihr bestätigte, dass sie Anspruch auf die Veteranenrente ihres verstorbenen Sohnes habe[16][17].

Im Mai 2013 stimmten die Bürger der Stadt Vukovar mittels elektronischer Stimmabgabe dafür, eine neuerbaute Brücke im Zentrum der Stadt Most Jean-Michela Nicoliera („Jean-Michel-Nicolier-Brücke“) zu nennen[18].

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Priča o dragovoljcu u tuđini koji nema grob (kroatisch). In: Večernji list, 3. Juni 2012. Abgerufen am 8. Oktober 2019. 
  2. a b c d Majka: Osjetio je Božji poziv, nisam mogla spriječiti da ode (kroatisch). In: Večernji list, 17. November 2011. Abgerufen am 8. Oktober 2019. 
  3. a b c Priča o hrvatskom domoljubu Jeanu Michelu Nicolieru, mučki likvidiranom na Ovčari, zaslužuje da ode u svijet (kroatisch). In: Slobodna Dalmacija, 3. Oktober 2012. Abgerufen am 8. Oktober 2019. 
  4. Posmrtno odlikovan Jean Michel Nicollier (kroatisch) HRT. 17. November 2011. Abgerufen am 8. Oktober 2019.
  5. Jean Michel, hvala ti, učit ćemo svoju djecu o tvojem herojstvu (kroatisch). In: 24sata, 17. November 2011. Abgerufen am 8. Oktober 2019. 
  6. Neuer Nationalismus im östlichen Europa: Kulturwissenschaftliche Perspektiven, Seite 51, books.google.at, Abgerufen am 8. September 2019
  7. U Vukovaru je i obitelj Jean-Michela. "Ovo je klaonica", rekao je prije smrti, index.hr, Abgerufen am 8. September 2019
  8. JEAN MICHEL NICOLIER VUKOVAR, 2:54, YouTube-Video
  9. 'NAZVAO SAM UBOJICU JEANA MICHELA NICOLIERA' Brat ubijenog vukovarskog junaka prepričao što se dogodilo kada je preko telefona dobio zloglasnog Štuku, jutarnji.hr, Abgerufen am 8. September 2019
  10. B. S.: Jači od sudbine. In: Intervju. 1991, Heroji Vukovara. Zitiert nach Snježana Vučković: EKSKLUZIVNO! ŠTUKINO PRIZNANJE: ‘Hrvate sam ubijao kao kokoške, plakali su i molili…’ dnevno.hr, 12. April 2018, abgerufen am 16. Januar 2020 (Mit Abbildung des Zeitungsartikels inkl. Foto von Petković).
  11. Na Ovčari su ubijeni i Srbi, ali i francuski i njemački dobrovoljci (kroatisch). In: Večernji list, 18. November 2010. Abgerufen am 8. Oktober 2019. 
  12. Priznanja županije (kroatisch) VFM Radio. 9. November 2011. Archiviert vom Original am 18. Februar 2013. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.vfm.hr Abgerufen am 8. Oktober 2019.
  13. Posmrtno odlikovan Jean Michel Nicollier (kroatisch) Kroatischer Rundfunk. 17. November 2011. Abgerufen am 8. Oktober 2019.
  14. Predsjednik Josipović posmrtno odlikovao vukovarskog branitelja Jean Michela Nicolliera (kroatisch) Büro des kroatischen Präsidenten. 17. November 2011. Archiviert vom Original am 10. Januar 2012. Abgerufen am 8. Oktober 2019.
  15. Predstavljen roman o francuskom dragovoljcu ubijenom na Ovčari (kroatisch). In: Večernji list, 12. Juni 2012. Abgerufen am 8. Oktober 2019. 
  16. Mirovina za majku vukovarskog junaka Jean-Michela Nicoliera (kroatisch). In: Večernji list, 30. Mai 2012. Abgerufen am 8. Oktober 2019. 
  17. Majci francuskog dragovoljca ubijenog na Ovčari stan i mirovina (kroatisch). In: Večernji list, 31. August 2012. Abgerufen am 8. Oktober 2019. 
  18. Most Jean-Michela Nicoliera u Vukovaru (kroatisch) 18. September 2014. Abgerufen am 8. Oktober 2019.