Jean-Pierre Changeux

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Jean-Pierre Changeux

Jean-Pierre Changeux (* 6. April 1936 in Domont, Frankreich) ist Professor für molekulare Neurobiologie am Collège de France und am Institut Pasteur (seit 1967). Die Hauptforschungsthemen des ehemaligen Studenten von Jacques Monod sind die molekularen und zellulären Mechanismen der Signaltransduktion von Rezeptoren im Gehirn. Changeux und Mitarbeiter sind Autoren einer Theorie zur Epigenese von neuronalen Netzwerken und höheren Gehirnfunktionen durch selektive Stabilisierung von Synapsen.

Changeux studierte an der École normale supérieure (Paris) mit dem Abschluss 1955. Er erwarb 1957 seinen DEA-Abschluss und wurde 1964 bei Jacques Monod und Francois Jacob am Institut Pasteur promoviert. 1965/66 war er als Post-Doktorand an der University of California, Berkeley und 1967 an der Columbia University (Medizinische Fakultät). Ab 1972 war er in der Forschungsgruppe Molekulare Neurobiologie des Instituts Pasteur und wurde dort 1975 Professor. 1975 bis 2006 war er außerdem Professor für Zellkommunikation am Collège de France.

Seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit der Regulation von Enzymen, wobei er das Konzept der allosterischen Interaktion einführte. Ein Signal greift an einer Stelle des Enzyms an, was zu einer Konformationsänderung führt und somit die Wirkung des Enzyms (Bindungsstelle an das Substrat an einer örtlich davon getrennten Stelle) beeinflusst. Das Konzept wandte er später auf den Acetylcholin-Rezeptor im Nervensystem an. Insbesondere untersuchte er den nikotinischen Acetylcholinrezeptor, der einen Ionenkanal in der Zellmembran von Nervenzellen und Muskelzellen bildet. Das war der erste Membranrezeptor, der isoliert und charakterisiert wurde (Struktur, Bindungsstellen, genauer Funktionsmechanismus durch die Gruppe von Changeux). In den 1990er Jahren brachte er auch höhere kognitive Funktionen mit Eigenschaften von Transmitter-Rezeptoren in Verbindung (zum Beispiel Emotionen, Drogenabhängigkeit, Langzeitgedächtnis, Aufmerksamkeit mit Acetylcholin-Rezeptoren). Seine Gruppe machte mutierte hyperaktive Rezeptoren für eine Form der Epilepsie verantwortlich (autosomal-dominante Frontallappen-Epilepsie) und Funktionsverluste bei Acetylcholin-Rezeptoren für Lerndefizite und Beschleunigung von Alterungsprozessen. Er prägte dafür den Begriff „Rezeptorenkrankheit“.

Die Laudatio zum Balzan-Preis würdigt ihn mit den Worten, er habe eine neue Richtung bei der Erforschung der kognitiven Funktionen begründet, indem er sie mit der molekularen Ebene verband, und als einen der Väter der modernen Neurobiologie.

Er verfasste ein populärwissenschaftliches Buch über Neurobiologie auf hohem Niveau (Der neuronale Mensch) und Bücher über den künstlerischen Schöpfungsakt (Raison et plaisir) aus neurobiologischer Perspektive sowie Diskurse mit dem Philosophen Paul Ricoeur und dem Mathematiker Alain Connes.

Auszeichnungen und Mitgliedschaften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgezeichnet mit zwölf Ehrendoktorwürden.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher:

  • Der neuronale Mensch. Wie die Seele funktioniert – die Entdeckungen der neuen Gehirnforschung. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1984, ISBN 3-498-00865-X (Originalausgabe L'Homme Neuronal, Fayard, Paris, 1983, Hachette, Paris, 1998).
  • Mit Alain Connes: Gedankenmaterie. Springer, Berlin u. a. 1992, ISBN 3-540-54559-X (Original Matière à pensée, Odile Jacob 1989, Ed. du Seuil 1992).
  • Raison et plaisir. Odile Jacob, Paris, 1992.
  • Herausgeber: Fondements naturels de l'éthique. Odile Jacob, Paris, 1993.
  • Herausgeber mit Jean Chavaillon: Origins of the Human Brain. (Fyssen Foundation Symposium 5), Oxford University Press, 1996.
  • Herausgeber: Une même éthique pour tous ? Odile Jacob, Paris, 1997.
  • Mit Paul Ricoeur: Ce qui nous fait penser. Odile Jacob, Paris, 1998, 2000 (englische Übersetzung: What makes us think? A Neuroscientist and a Philosopher Argue about Ethics, Human Nature, and the Brain, Princeton University Press, 2000).

Aufsätze (Auswahl):

  • Mit J. Monod, J. Wyman: On the nature of allosteric transitions: a plausible model. J. Mol. Biol., Band 12, 1965, S. 88–118.
  • Mit M. Kasai, C. Y. Lee: The use of a snake venom toxin to characterize the cholinergic receptor protein. Proc. Nat. Acad. Sc. U.S.A., Band 67, 1970, S. 1241–1247.
  • Mit A. Danchin: The selective stabilization of developing synapses: a plausible mechanism for the specification of neuronal networks. A. Nature, Band 264, 1976, S. 705–712.
  • Mit J. Giraudat u. a.: Structure of the high affinity binding site for noncompetitive blockers of the acetylcholine receptor: Serine-262 of the delta subunit is labeled by [3 H] chlorpromazine. Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A., Band 83, 1986, S. 2719–2723.
  • Mit S. Dehaene: The Wisconsin card sorting test: theoretical analysis and modelling in a neuronal network. Cerebral Cortex, Band 1, 1991, S. 62–79.
  • Mit M. Picciotto u. a.: Abnormal avoidance learning in mice lacking functional high-affinity nicotine receptor in the brain. Nature, Band 374, 1995, S. 65–67.
  • Mit M. Picciotto u. a.: Acetylcholine receptors containing 2-subunit are involved in the reinforcing properties of nicotine. J.P. Nature, Band 391, 1998, S. 173–177.
  • Mit M. Zoli u. a.: Increased neurodegeneration during aging in mice lacking high-affinity nicotinic receptors. EMBO J., Band 18, 1999, S. 1235–1244.
  • Mit R. Klink u. a.: Molecular and physiological diversity of nicotinic acetylcholine receptors in the midbrain dopaminergic nuclei. J. Neurosci., Band 21, 2001, S. 1452–1463.
  • Mit S. Edelstein: Allosteric receptor after 30 years. Neuron, Band 21, 1998, S. 959–980.
  • Mit S. Dehaene, M. Kerszeberg: A neuronal model of a global workspace in effortful cognitive tasks. J.P. Proc. Natl. Acad. Sci. (USA), Band 95, 1998, S. 14529–14534.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]