Jean-Pol Martin

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Jean-Pol Martin, 2004

Jean-Pol Martin (* 10. April 1943 in Paris) ist ein deutscher Didaktiker und Methodiker.

Leben[Bearbeiten]

Jean-Pol Martin wurde am 10. April 1943 in Paris geboren und besuchte dort das Lycée Claude Bernard. Von 1965 bis 1969 studierte er Germanistik an der Universität Paris-Nanterre. Dort erlebte er 1968 den Beginn der Studentenunruhen, die sein Denken und Wirken nachhaltig prägten. Von 1971 bis 1975 studierte er Romanistik und Germanistik in Erlangen. Nach dem Referendariat war er Studienrat für Französisch und Deutsch am Gymnasium Höchstadt/Aisch (Franken). 1980 erhielt er eine Stelle als Französischdidaktiker an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Parallel zu seiner Hochschullehrertätigkeit führte er, um den Kontakt zur Praxis nicht zu verlieren, kontinuierlich eine Französischklasse am nahegelegenen Willibald-Gymnasium. Seine Promotion legte er 1985 in Gießen mit dem Thema Zum Aufbau didaktischer Teilkompetenzen beim Schüler ab. 1994 habilitierte er sich in Eichstätt mit der Schrift Vorschlag eines anthropologisch begründeten Curriculums für den Fremdsprachenunterricht. 2000 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Im Juli 2008 trat Martin in den Ruhestand.[1]

Arbeitsschwerpunkte[Bearbeiten]

Nach der Mitwirkung als Hauptautor am Lehrwerk "A bientôt" (Klett Verlag) arbeitete Martin mehrere Jahrzehnte an der Entwicklung und Verbreitung des pädagogischen Konzepts Lernen durch Lehren (LdL). Über dieses Thema promovierte er 1985, habilitierte 1994 und publizierte regelmäßig zwischen 1981 und 2011 [2]. 1987 gründete er zur Implementierung seiner Methode das LdL-Kontaktnetz, das damals etwa 500 Kollegen umfasste.[3]. Forschungsmethodologisch lässt sich Martin in den Bereich der Aktionsforschung einordnen. Sein Werk wird von Joachim Grzega fortgesetzt.

In Anlehnung an Dietrich Dörner(1983)[4] sieht Martin exploratives Verhalten als zentrale Dimension bei der individuellen und kollektiven Lebensbewältigung. Alle Unterrichts- und Kursvorschläge, alle didaktischen Massnahmen zielen in seinem Werk darauf ab, exploratives Verhalten zu verbreiten und zu habitualisieren.

Im Anschluss an das Aufkommen und die Verbreitung des Internets entwickelte er ab 2000 das Schlüsselqualifikationsmodul „Internet- und Projektkompetenz“,[5] das Studenten zur gemeinsamen Wissenskonstruktion anregt und anleitet. Ferner entwickelte er die dazugehörige Theorie des Internets als Gehirn, bei dem Menschen wie Neuronen agieren und im Rahmen von intensiven, virtuellen Interaktionen Wissen als Emergenz generieren.[6] In diesem Zusammenhang prägte er die in der digital orientierten Didaktik verbreitete "Neuronenmetapher" und den Begriff der Netzsensibilität[7]. Seit seiner Pensionierung widmet sich Martin der Philosophie, mit der er sich gemäß dem Prinzip "Lernen durch Lehren" unterrichtend vertraut macht. Ferner bemüht er sich, "glückgenerierende Strukturen" in seinem Umfeld einzurichten und zu verbreiten.[8]

Schriften[Bearbeiten]

  • Zum Aufbau didaktischer Teilkompetenzen beim Schüler. Fremdsprachenunterricht auf der lerntheoretischen Basis des Informationsverarbeitungsansatzes. Dissertation Universität Gießen 1985. Narr Verlag, Tübingen 1985, ISBN 3-87808-435-8.
  • Vorschlag eines anthropologisch begründeten Curriculums für den Fremdsprachenunterricht. Habilitationsschrift Universität Eichstätt 1994. Narr Verlag, Tübingen 1994, ISBN 3-8233-4373-4.
  • "Weltverbesserungskompetenz“ als Lernziel? In: „Pädagogisches Handeln – Wissenschaft und Praxis im Dialog“, 6. Jahrgang, 2002, Heft 1, Seite 71–76
  • Wissenscontainer: Online-Communities und kollektive Lernprozesse. In: Christiane Neveling (Hrsg.): „Perspektiven für die zukünftige Fremdsprachendidaktik“. Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik, Gunter Narr Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-8233-5318-7 Seite 89-102.
  • Gemeinsam Wissen konstruieren: am Beispiel der Wikipedia. In: Michael Klebl, Michael Köck (Hrsg.): Projekte und Perspektiven im Studium Digitale. Medienpädagogik. LIT Verlag, Berlin 2006.
  • Lernziel Partizipationsfähigkeit und Netzsensibilität. In: Guido Oebel (Hrsg.): LdL - Lernen durch Lehren goes global: Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik und kulturspezifische Lerntraditionen. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009, ISBN 978-3-8300-4096-5, S. 115-127
  • Lange Inkubation, plötzliche Emergenz. In: Lutz Berger, Joachim Grzega, Christian Spannagel (Hrsg.): Lernen durch Lehren im Fokus. Berichte von LdL-Einsteigern und LdL-Experten. epubli, Berlin 2011, S. 21-25

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jean-Pol Martin – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. Abschied von der Ära Martin. Online-Artikel vom Donaukurier über Jean-Pol Martins Abschiedsfeier in der Eichstätter Residenz.
  2. 1985: Zum Aufbau didaktischer Teilkompetenzen beim Schüler. Tübingen 1985 (Dissertation), ISBN 3-87808-435-8, 2002: "Weltverbesserungskompetenz“ als Lernziel?" In: „Pädagogisches Handeln – Wissenschaft und Praxis im Dialog“, 6. Jahrgang, 2002, Heft 1, Seite 71–76 (Martin schlägt eine praktische Alltagstheorie vor) [1] 2007: (mit Guido Oebel) Lernen durch Lehren: Paradigmenwechsel in der Didaktik?, In: Deutschunterricht in Japan, 12, 2007, 4–21 (Zeitschrift des Japanischen Lehrerverbandes, ISSN 1342-6575) [2], 2011: Lange Inkubation, plötzliche Emergenz. In: Lutz Berger, Joachim Grzega, Christian Spannagel (Hrsg.): Lernen durch Lehren im Fokus. Berichte von LdL-Einsteigern und LdL-Experten. epubli, Berlin 2011, S. 21-25
  3. 1989: Kontaktnetz: ein Fortbildungskonzept. In: Eberhard Kleinschmidt,E.(Hrsg.), Fremdsprachenunterricht zwischen Fremdsprachenpolitik und Praxis: Festschrift für Herbert Christ zum 60. Geburtstag, Tübingen: Gunter Narr. 389-400. [3]
  4. Dörner, Dietrich, et al. (Hrsg.)(1983): Lohhausen. Vom Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität. Bern: Huber
  5. 2005: "Komplexität reduzieren: Europakompentenz im IPK erwerben". In: Glaser, B., Schnackertz, H. (Hrsg.)(2005): Europa interdisziplinär – Probleme und Perspektiven heutiger Europastudien. Würzburg:Königshausen & Neumann, S. 61–74. PDF-Datei (Memento vom 29. September 2007 im Internet Archive)
  6. 1998: Forschungshomepage – Homepageforschung, in: E. Piepho, A. Kubanek-German (Hrsg.): I beg to differ'. Beiträge zum sperrigen interkulturellen Nachdenken über eine Welt in Frieden. Festschrift für Hans Hunfeld. München: Judicum 1998: 205–213, [4].2002: "Wissenscontainer: Online-communities und kollektive Lernprozesse", In: Christiane Neveling (Hrsg): Perspektiven für die zukünftige Fremdsprachendidaktik. (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik). Gunter Narr Verlag Tübingen. S. 89–102. [5] 2006: "Gemeinsam Wissen konstruieren: am Beispiel der Wikipedia". In: Klebl, Michael, Köck, Michael (Hg.)(2006): Projekte und Perspektiven im Studium Digitale. Medienpädagogik, 3: 157–164. LIT Verlag Berlin. PDF-Datei (Memento vom 5. Mai 2009 im Internet Archive)
  7. Siehe den Vortrag von Torsten Larbig an der Universität Frankfurt am 28.01.2016 (ab Minute 40 bis zum Ende, ca 20 Minuten) Ein Twitterchat für Lehrende
  8. Siehe: "Wordpress-Blog: Glück"