Jean François Billeter

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Jean François Billeter (* 7. Juni 1939 in Basel; chinesisches Pseudonym: 畢來德 Bì Láidé) ist ein Schweizer Sinologe und emeritierter Professor der Universität Genf.

Leben und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean François Billeter wurde am 07. Juni 1939 in Basel, Schweiz, geboren. Obwohl seine Muttersprache französisch ist, wurde er bis zum Erhalt des Baccalauréat auf deutsch unterrichtet. Nach seinem Schulabschluss studierte er zuerst bei Georges Blin französische Literaturgeschichte an der Universität Basel, später dann an der Universität Genf bei Marcel Reymond, wo er 1961 seinen Abschluss erhielt. 1962 begann er am Institut national des langues et civilisations orientales chinesisch zu studieren. Von 1963 bis 1966 intensivierte er seine Forschungen zunächst an der Preparatory School for Foreign Students in Peking, später dann am Seminar für Klassische Chinesische Literatur der Universität Peking. Während dieser erlebte er den Beginn der Kulturrevolution unter dem sich immer weiter zuspitzenden Maoismus. 1966 heiratete er die Ärztin Cui Wen (Ts'ui Wen) und lebte mit ihr für ein Jahr in der Schweiz. Als Folge der fortschreitenden Kulturrevolution, wurden alle Universitäten in CHina geschlossen, so dass eine Rückkehr vor Billeter und seine Frau nicht möglich war. Stattdessen zogen sie 1968 nach Japan, wo Billeter als Doktorand am Forschungsinstitut für Humanistische Studien an der Universität Kyōto zugelassen wurde. Dort begann er auch seine spätere Promotionsarbeit über Li Zhi (Philosoph), einem Philosophen der späten Ming-Periode. Durch einen Aufenthalt von 1970 bis 1971 am New Asia College in Hongkong (heute Teil der Chinesischen Universität Hongkong) wurden seine Forschungsreisen vervollständigt. Seine Forschung wurde zuerst durch ein Stipendium der Universität Genf gefördert, später erhielt er dauerhafte, finanzielle Unterstützung vom Schweizerischen Nationalfonds. Seine Dissertation wurde, nach ihrer Verteidigung 1976 in Genf, 1979 veröffentlicht.

Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1970 wurde Billeter zum wissenschaftlichen Mitarbeiter am Ostasiatischen Seminar der Universität Zürich berufen, wo er bis 1978 unterrichtete. 1971 begann er am Institut für Geisteswissenschaften der Universität Genf Seminare über die Geschichte Chinas zu geben und baute an der Universität ein Curriculum für China-Studien auf. Dieses entwickelte sich zu einem vollwertigen Studiengang über die chinesische Sprache und Kultur und seit 1987 war es möglich einen Abschluss in China-Studien zu erlangen. Zu diesem Zeitpunkt war Billeter bereits als Professor berufen worden. 1999 verließ er die Universität, um sich komplett seinen eigenen Forschungen widmen zu können. In Mémoire sur les études chinoises à Genève et ailleurs (A report on chinese studies, in Geneva and beyond) zog er die Bilanz seiner bisherigen Forschung und Erfahrung. Durch ein Stipendium der Chiang-Ching-kuo-Stiftung für internationalen akademischen Austausch war es ihm möglich, sich von 1992 bis 1994 eine Auszeit zu nehmen, und sich während dieser auf seine Forschung zu dem chinesischen Philosophen und Dichter Zhuangzi zu konzentrieren. Anfang der 90er Jahre entwickelten Billeter und seine Frau eine Lehrmethode, um Mandarin zu unterrichten, aus welcher sich ein ganzes Lehrbuch entwickelte, das den Ansatz hatte, die Grundsätze des modernen Chinesisch zu verstehen und zu lehren.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Chinese Art of Writing

Während seiner Zeit als Lehrbeauftragter der Universität Genf, war The Chinese Art of Writing die einzige Veröffentlichung von Jean François Billeter neben seiner Dissertation. Das Buch bietet einen generellen Überblick über chinesische Kalligrafie und die charakteristischen Merkmale des chinesischen Schriftsystems, über die verschiedenen Pinseltechniken und den Wechsel von gewöhnlichem Schreiben zu echter Kalligraphie. Billeter untersucht in dem Buch zum einen wie die Kalligrafen unterschiedlicher Perioden über ihre Arbeit sprechen und denken, zum anderen die unterschiedlichen Funktionen, die Kalligrafie innerhalb der chinesischen Geschichte erfüllt hat. Dabei zieht er Parallelen und Vergleiche zwischen der Kunst der Kalligraphie und verschiedener künstlerischer Praktiken in Europa. Eine neue Version des Buches wurde 2010 als Taschenbuch von der Èditions Allia herausgegeben. Für diese wurde das neunte Kapitel so umgeschrieben, dass starke Unterschiede zur ersten Ausgabe zu erkennen sind: So wirft Billeter ein neues Licht auf die engen Verbindungen zwischen der Kalligraphie, der Art zu schreiben und der in China schon fast heiligen Ehrfurcht vor der Handschrift, und der damit verbundenen Vorstellung von Gesellschaft, die während der Zeit zu einer realpolitischen Ordnung geworden ist. 1990 wurde ihm der Stanislas Julien Preis der French National Académie des Inscriptions et Belles-Lettres für The Cinese Art of Writing verliehen.

  • Zhuangzi

Um 300 n.Chr. entwickelte sich in China die Tradition geschriebene Texte schriftlich zu kommentieren. Durch den starken Einfluss dieser Tradition nahm auch das Zhuangzi, das nach dem chinesischen Philosophen und Dichter Zhuangzi benannt wurde, die Form an, in der es heute noch gelesen und rezipiert wird. Billeter vertritt die Meinung, das diese Kommentare die ursprüngliche Bedeutung des Werks verzerren und versuchte in seiner Forschung das Zhuangzi unter Ausschluss der Kommentare zu lesen, um so einen neuen Zugang zu dem Werk zu schaffen. Wie viele Wissenschaftler teilt auch Billeter die Annahme, dass das Zhuangzikeinen einheitlichen Inhalt hat. Deswegen hat er bei seinen Studien den Fokus auf bestimmte Stellen gerichtet und nicht auf den gesamten Text. Er übersetzte und interpretierte nur die Teile des Textes, die seiner Meinung nach eine Beschreibung der einschneidende Momente der menschlichen Entwicklung darstellen Seine Vorgehensweise ermöglichte tatsächlich neue Einblicke in das Zhuangzi, sodass dadurch der Text einer breiten leserschaft, auch außerhalb der Sinologie zugänglich wurde. Im Herbst 2000 präsentierte Billetere seine Forschungsergebnisse am Collège de France in vier Vorlesungen. Diese wurden 2002 als Buch (Lectures on Zhuangzi ) veröffentlicht und seitdem in mehrere Sprachen übersetzt. 2006 veröffentlichte Billeter Studies on Zhuangzi, eine Sammlung von Studien und Artikeln zu Zhuangzi, die davor ausschließlich in akademischen Zeitschriften veröffentlicht wurden. 2009 wurde Studies on Zhuangzi in chinesischer Übersetzung in Peking veröffentlicht und war im gleichen Jahr Gegenstand eines Symposiums der Academia Sinica in Taiwan. In dem Essay Notes on Zhuangasy and Philosophy veröffentlichte Billeter einen kritischen Rückblick auf dieses Symposium.

  • Philosophie

Eines von Billeters Anliegen war es, die Berührungspunkte zwischen chinesischer und westlicher Ideengeschichte aufzuzeigen, um so herauszustellen, wo deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen. Hinter diesen Überlegungen stand die Frage nach der Möglichkeit ein Konzept des menschlichen Subjekts (Philosophie) zu entwerfen, das unabhängig von den Traditionen westlicher, bzw. östlicher Ideengeschichte ist. Dieses Konzept sollte es möglich machen, eine eindeutige Beziehung zwischen westlicher und östlicher Tradition nachzuweisen, 2012 wurde der philosophische Essay A Paradigm veröffentlicht, in dem Billeter ein Konzept vorstellte, das es möglich machen sollte, wichtige Aspekte chinesischer Philosophie zu verstehen. In seinem 2016 veröffentlichtem Essay Sketches arbeitet er dieses Konzept weiter aus, diskutiert in diesem aber stärker, welche politische Bedeutung sein Konzept des menschlichen Subjekts hat.

  • Übersetzungen

2014 veröffentlichte Billeter in Frankreich Auszüge aus den Sudelbüchern des deutschen Mathematikers und Physikers Georg Christoph Lichtenberg, zu denen er das Vorwort, sowie eine kurze Biografie Lichtenbergs schrieb. Im gleichen Jahr wurde ebenfalls die Sammlung Three Essays on the Art of Translating herausgegeben. Der erste der drei Essay war bereits 1986 in einer akademischen Zeitschrift erschienen, die anderen beiden waren Teil seiner Studies on Zhuangzi. Die drei Essays beschäftigen sich mit der Übersetzung von klassischem Chinesisch ins französische und der Übersetzung chinesischer Gedichte. Innerhalb des Essays behandelt Billeter die Gedichte als Fallbeispiele anhand derer er generelle Probleme bei der Übersetzungsarbeit beleuchtet.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Li Zhi, philosophe maudit (1527–1602). Contribution à une sociologie du mandarinat de la fin des Ming. Droz, Paris/Genève 1979.
  • The System of „Class Status“. In: Stuart R. Schram (Hrsg.): The Scope of State Power in China. The Chinese University Press, Hong Kong 1985, S. 127–169.
  • L’art chinois de l'écriture. Skira, Genève 1989.
  • Mémoire sur les études chinoises à Genève et ailleurs. Librairie du Rameau d’Or, Genève 1998.
  • Chine trois fois muette : essai sur l’histoire contemporaine et la Chine. Allia, Paris 2000; 4. Auflage 2010, ISBN 978-2-84485-146-8.
  • Leçons sur Tchouang-Tseu. Allia, Paris 2002.
  • Études sur Tchouang-tseu. Allia („Petite collection“), Paris 2004.
  • Contre François Jullien. Allia, Paris 2006.
    • Übersetzung: Gegen François Jullien. Aus dem Französischen von Tim Trzaskalik. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2015, ISBN 978-3-95757-158-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]