Jeanette Wolff

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Jeanette Wolff, geborene Cohen (* 22. Juni 1888 in Bocholt; † 19. Mai 1976 in Berlin) war eine deutsche Politikerin der SPD.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jeanette Cohen war das älteste von sechzehn Kindern. Mit 16 Jahren, 1904, begann sie ihre Ausbildung zur Kindergärtnerin in Brüssel und arbeitete anschließend als Kindergärtnerin und Erzieherin. Sie lebte abwechselnd in Brüssel, wo sie auch der Sozialdemokratischen Partei beitrat, und Bocholt, wo sie den Niederländer Philip Fuldauer kennenlernte. 1908 heirateten die beiden und zogen nach Dinxperlo in die Niederlande. Am 4. Dezember desselben Jahres kam die Tochter Margerieta zur Welt, die jedoch noch als Kleinkind im September des folgenden Jahres verstarb, gut zwei Wochen später starb auch ihr Ehemann Philip. Ebenfalls 1909 legte sie das Abitur an einem Abendgymnasium ab. Die junge Witwe zog noch im selben Jahr wieder nach Bocholt und lernte den Kaufmann Hermann Wolff kennen, den sie 1910 heiratete. Sie ließen sich in Bocholt nieder und kauften dort eine kleine Textilfabrik und führten dort im Jahre 1912 als erstes Unternehmen überhaupt den 8-Stunden-Tag ein. Der Ehe entstammten die drei Töchter Juliane (1912–1944/45?), Edith (* 1916) und Käthe (1920–1944). 1932 zog die Familie nach Dinslaken.

Schon kurz nach der „Machtübernahme“ durch die NSDAP wurde Jeanette Wolff wegen ihres Wahlkampfengagements für die SPD verhaftet und zwei Jahre lang in „Schutzhaft“ gehalten. Nach ihrer Entlassung 1935 eröffnete sie eine Pension für Juden in Dortmund. Dort wurde die Familie Opfer der Novemberpogrome 1938. Ihr Mann Hermann wurde kurz darauf in das KZ Sachsenhausen deportiert. Das jüngste der Kinder, Käthe, wurde im Jahr darauf verschleppt und 1944 im KZ Ravensbrück erschossen. Jeanette und ihre zwei verbliebenen Töchter durchlebten den Zweiten Weltkrieg bis 1945 auf einer Odyssee durch verschiedene Ghettos und Lager. Wolff wurde 1942 nach Riga deportiert und leistete im KZ Riga-Kaiserwald Zwangsarbeit. Nach Auflösung des KZ in Riga wurde sie ins KZ Stutthof verlegt, wo sie ihren Mann zum letzten Mal sah. Bei der Befreiung durch die Rote Armee hatten einzig Jeanette und ihre Tochter Edith aus den Familien Wolff und Cohen den Holocaust überlebt.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Politik fand Jeanette Cohen schon als Jugendliche, als sie 1905 der Sozialistischen Jugend beitrat. Während der Weimarer Republik gehörte sie zu den wenigen Frauen in der westfälischen Kommunalpolitik. Als Stadtverordnete und später Stadträtin vertrat sie zwischen 1919 und 1932 die SPD in ihrer Heimatstadt Bocholt. Zudem gehörte sie zu den Gründerinnen der Arbeiterwohlfahrt.

Nach ihrer Befreiung widmete sich Jeanette Wolff ganz der Politik. Auf kommunaler Ebene wurde sie in Berlin aktiv und war von 1946 bis 1951 Stadtverordnete. Aufgrund der Erhöhung der Zahl der Berliner Abgeordneten rückte sie am 1. Februar 1952 in den ersten Deutschen Bundestag nach und gehörte ihm bis 1961 an. Von 1957 bis 1963 war sie stellvertretende Vorsitzende des ehrenamtlichen Gewerkschaftsrats der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG).

Sie war Mitbegründerin (1949), Jüdische Stellvertretende Vorsitzende (1949–1970) und Jüdische Vorsitzende (1970–1976) der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin.

Von 1965 bis 1975 bekleidete sie die Position der stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland.

1967 wurde sie mit dem Ehrentitel Stadtälteste von Berlin ausgezeichnet und im Jahr darauf, an ihrem 80. Geburtstag, zum Ehrenmitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte ernannt.

Grabstätte

Jeanette Wolff wurde in einem Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Berlin-Westend beigesetzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gunter Lange: Jeanette Wolff 1888 - 1976. Eine Biographie. Neue Gesellschaft & Dietz, Bonn 1988, ISBN 3-87831-468-X
  • Birgit Seemann: Jeanette Wolff. Politikerin und engagierte Demokratin (1888 - 1976). Campus, Frankfurt 2000, ISBN 3-593-36465-4
  • Bernd Faulenbach, Hg., Anja Wißmann: „Habt den Mut zu menschlichem Tun.“ Die Jüdin und Demokratin Jeanette Wolff in ihrer Zeit (1888 - 1976). Klartext, Essen 2002, ISBN 3-89861-168-X
  • Willy Albrecht: Jeanette Wolff, Jakob Altmaier, Peter Blachstein. Die drei jüdischen Abgeordneten des Bundestags bis zum Beginn der sechziger Jahre in: Julius H. Schoeps, Hg., Leben im Land der Täter Berlin 2001, ISBN 3934658172, S. 236 - 253
  • Martina Weinem: Jeanette Wolff: „Es gehört mehr Mut zur Liebe als zum Hass.“ In: Frauengeschichtskreis Dinslaken, Hg.: Der andere Blick. Frauenleben in Dinslaken. Essen 2001, ISBN 3-89861-020-9, S. 152 - 160.
  • Ulrich Werner Grimm, Red.: Die Berliner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Geschichte(n) im Spiegel ihrer Quellen. In: Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V. (Hrsg.): Im Gespräch. 50 Jahre Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V. Eine Festschrift. Berlin 1999
  • Pnina Navè Levinson: Was wurde aus Saras Töchtern? Frauen im Judentum. Siebenstern TB 495, Gütersloh 1989 ISBN 3579004956 S. 156 - 158
  • Jeanette Wolff: "Mit Bibel und Bebel" Ein Gedenkbuch. Vorwort Herbert Wehner. Hrsg. Hans Lamm mit von G. David Grossmann u. Nora Walter. Bonn Bad Godesberg: Verlag Neue Gesellschaft 1981, ISBN 3-87831-351-9
  • Dieter Oelschlägel: »Habt den Mut zu menschlichem Tun!« Jeanette Wolff 1888 – 1976, in Sabine Hering Hg., mit Sandra Schönauer: Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien. Schriftenreihe Geschichte der jüdischen Wohlfahrt in Deutschland, 2. Hgg. Hering, Gudrun Maierhof, Ulrich Stascheit. Fachhochschulverlag, Frankfurt 2007 ISBN 3936065802 S. 424 - 433 (mit 1 Foto)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]