Jella Lepman

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Jella Lepman (* 15. Mai 1891 in Stuttgart als Jella Lehmann; † 14. Oktober 1970 in Zürich) war eine deutsche Journalistin, Autorin und Übersetzerin und die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek in München.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jella Lehmann wurde als mittlere der drei Töchter des Kaufmanns und Fabrikanten Josef Lehmann (1853–1911) und seiner Ehefrau Flora geb. Lauchheimer (1867–1940) in Stuttgart geboren.[1] Das Elternhaus gehörte zum liberalen Judentum. Durch die Schwester ihrer Mutter war sie eine Kusine vom Soziologen Max Horkheimer.[2] Nach der Schulzeit am Königin-Katharina-Stift verbrachte sie ein Jahr in einem Schweizer Pensionat.

Im Jahr 1913 heiratete sie Gustav Horace Lepman (1877–1922), den Sohn eines deutschstämmigen Amerikaners und Teilhaber einer Bettfedernfabrik in Feuerbach. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor (Anne-Marie geb. 1918, Günther geb. 1921). Gustav Lepman kämpfte während des Ersten Weltkriegs als deutscher Offizier in Frankreich. Er überlebte den Ersten Weltkrieg, starb jedoch 1922 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen.

Nach dem Tod ihres Mannes wurde Jella Lepman Redakteurin beim Stuttgarter Neuen Tagblatt, als erste Frau in dieser Position. Sie schrieb gesellschaftspolitische Beiträge und etablierte 1927 die Beilage „Die Frau in Haus, Beruf und Gesellschaft.“ Daneben veröffentlichte sie ihr erstes Kinderbuch (1927 Der verschlafene Sonntag) und ein Theaterstück für Kinder (1929 Der singende Pfennig). Sie trat der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei, wo sie führend in der Frauengruppe tätig war. 1929 kandidierte sie erfolglos für den Deutschen Reichstag.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verlor Jella Lepman als Jüdin ihre feste Anstellung. Bis 1935 wurde sie noch als freie Mitarbeiterin beschäftigt. 1936 emigrierte sie mit ihren beiden Kindern über Italien nach England. Während ihre Kinder in Internaten untergebracht waren, schlug sie sich mit journalistischer und schriftstellerischen Arbeit durch. 1938 sah sie im Auftrag von Olga Schnitzler Arthur Schnitzlers Nachlass an der Cambridge University Library durch und kopierte Manuskripte. Später arbeitete sie für die BBC und den US-amerikanischen Sender ABSIE (American Broadcasting Station in Europe). 1943 veröffentlichte sie das Buch Women in Nazi Germany unter dem Pseudonym Katherine Thomas.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 kehrte sie als Beraterin der US-Armee für Frauen- und Jugendfragen im Rahmen des „Reeducation“-Programms der amerikanischen Besatzungszone nach Deutschland zurück, wo sie zuerst in Bad Homburg, dann in München wohnte. Nach der Gründung der Internationalen Jugendbibliothek war sie deren Direktorin bis zu ihrem Rückzug 1957.

Danach lebte sie in Zürich, wo sie 1970 im Alter von 79 Jahren starb. Sie fand ihre letzte Ruhestätte auf dem Zürcher Friedhof Enzenbühl auf der Forchstraße. Das Grab ist aber inzwischen geräumt worden.[3]

Leistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel für Jella Lepman an der Internationalen Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg

Jella Lepmann schrieb mehrere Kinderbücher und gab Sammlungen von Kindergeschichten heraus, darunter die mehrbändige Sammlung von Gutenachtgeschichten, die sie über Jahre zusammengetragen hatte. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Neben ihren eigenen Kinderbüchern regte sie Erich Kästner zu seinem Bilderbuch „Die Konferenz der Tiere“ an.

Da sie überzeugt war, dass man beim Wiederaufbau Deutschlands die Hoffnung vor allem in die Kinder zu setzen habe und dass Bücher das beste Mittel seien, um die deutschen Kinder zu Weltoffenheit, Toleranz und Friedensliebe zu erziehen, konzentrierte sie einen erheblichen Teil ihrer Arbeit als Beraterin der US-Armee ab 1945 auf die Förderung der Kinder- und Jugendliteratur. 1946 organisierte sie mit der Internationalen Jugendbuchausstellung die erste internationale Ausstellung in Deutschland nach dem Krieg. Die Ausstellung entwickelte sich zu der am 14. September 1949 eröffneten Internationalen Jugendbibliothek.

1952 initiierte Jella Lepman eine Konferenz zur Völkerverständigung durch Kinderbücher, aus der das International Board on Books for Young People hervorging. Über diese Zeit berichtet Jella Lepman in ihrem autobiographischen Buch Die Kinderbuchbrücke.

Sie war eine der Initiatorinnen des 1956 geschaffenen Hans-Christian-Andersen-Preises, der weltweit bedeutendsten Auszeichnung für Autoren und Illustratoren der Jugendliteratur, und dessen Juryvorsitzende von 1956 bis 1960.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum 100. Geburtstag von Lepman veranstaltete die Internationale Jugendbibliothek einen Festakt und zeigte eine Jella-Lepman-Gedächtnisausstellung.
Außerdem vergibt das International Board on Books for Young People seitdem die Jella-Lepman-Medaille an Personen, die sich um die Institution verdient gemacht haben.

In Stuttgart wurde 1999 eine Straße nach ihr benannt.[4] Auch für einen Sitzungsraum in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz war sie Namensgeberin. In München sind eine Straße und eine städtische Kindergartenstätte in Stadtbezirk Berg am Laim nach ihr genannt.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der verschlafene Sonntag, Ill. von Hermann Gradl. W. Hädecke, Stuttgart, 1927. Facsimile edition: Bröstler, Marktheidenfeld, 1992. ISBN 9783927439115
  • Das Geheimnis vom Kuckuckshof – Eine Detektivgeschichte aus dem Schwarzwald 1. Auflage London, John Murray, London, 1942.
  • Wer ist Lux? Eine Detektivgeschichte für die Jugend, Ill. von Paul Flora. Ensslin & Laiblin, Reutlingen, 1950.
  • Die Katze mit der Brille – Die schönsten Gutenachtgeschichten, gesammelt von Jella Lepman, hg. von Hansjörg Schmitthenner, Ill. von Regina Ackermann-Ophüls. Europa-Verlag, Zurich, Bd. 1, 1951; Bd. 2, 1959. Lizenzausg. Zeitverlag Bucerius, Hamburg, 2006. ISBN 9783938899021
  • Der verhaftete Papagei : die schönsten Gute Nacht Geschichten : neueste Folge, hg. by Hansjörg Schmitthenner, Ull. von Jutta Kirsch-Korn. Ullstein, Berlin, 1963. ISBN 9783548125343
  • Die Kinderbuchbrücke, S. Fischer, Frankfurt, 1964.
    • A Bridge of Children's Books, Übers. von Edith McCormick, Vorwort von J.E. Morpurgo. Leicester: Brockhampton Press, Leicester; American Library Association, New York 1969. ISBN 0340032057
    • A Bridge of Children's Books, Übers. von Edith McCormick, Vorwort von Mary Robinson. The O'Brien Press, Dublin, 2002, ISBN 0-86278-783-1
    • Kodomo no hon wa sekai no kakehashi, Übers. von Morimoto Manami. Kogumasha, Tokyo, 2002. ISBN 9784772190374
    • Jia qi er tong tu shu de qiao liang, Zhongguo shao nian er tong chu ban she, Beijing, 2006. ISBN 9787500780809
    • Oerini Chaekui Dali, Übers. von Sun-Ah Kang. Nami Books, Seoul, 2015. ISBN 9788996683667
    • Un Puente de Libros Infantiles, Creotz, 2017. ISBN 9788494147388
  • Kinder sehen unsere Welt – Texte und Zeichnungen aus 35 Ländern, Gesammelt und hg. von Jella Lepman. Ullstein, 1971. ISBN 9783550077661
    • Come i bambini vedono il mondo, Übers. von Amina Pandolfi. Garzanti, Milan, 1972.
    • How children see our world : words and pictures from thirty-five countries, Übers. von Heide Dugall, Gesaltung: Dietmar Meyer and Frank Curcio. Avon Books, New York, 1975. ISBN 9780380005291

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anna Becchi: Jella Lepman. Die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek. In: LIBREAS. Library Ideas, Nr. 25, 2014.
  • Lioba Betten (Hrsg.): Mrs. Lepman. Gebt uns Bücher – gebt uns Flügel. Kovar, München 1992.
  • Lioba Betten: Jella Lepman (1891–1970). Gebt uns Bücher – gebt uns Flügel. In: Birgit Knorr, Rosemarie Wehling (Hrsg.): Frauen im deutschen Südwesten (= Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs. Bd. 20). Kohlhammer, Stuttgart 1993, S. 100–104.
  • Astrid Fernengel: Kinderliteratur im Exil. Tectum, Marburg 2008 (Diss. TU Berlin 2006).
  • Sydelle Pearl, Danlyn Iantorno: Books for Children of the World. The Story of Jella Lepman. Pelican Publishing, Gretna 2007.
  • Walter Scherf: Lepman, Jella. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 304 f. (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Irene Ferchl: Jella Lepman (1891-1970). In: Stadtlexikon Stuttgart. Stadtarchiv Stuttgart, 19. April 2018, abgerufen am 2. April 2020.
  2. Kathrin Diehl: =»Die Kinder werden den Weg zeigen«. In: juedische-allgemeine.de. Jüdische Allgemeine, 25. August 2019, abgerufen am 1. April 2020.
  3. Prominente Vorstorbene nach Alphabet (PDF). Stadt Zürich, 6. März 2020, abgerufen am 1. April 2020.
  4. Irene Ferchl: Erzählte Stadt. Stuttgarts literarische Orte. Silberburg, Tübingen 2015, ISBN 978-3-8425-1382-2, S. 29.