Jeschajahu Leibowitz

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Jeschajahu Leibowitz in den 1930er Jahren.

Jeschajahu Leibowitz (hebräisch ישעיהו ליבוביץ, auch Yeshayahu; * 29. Januar 1903 in Riga, Russisches Kaiserreich; † 18. August 1994 in Jerusalem) war ein israelischer Naturwissenschaftler und Religionsphilosoph. Als orthodoxer Jude ist Leibowitz vor allem für seine religionsphilosophischen Schriften und für seine scharfe Kritik an der israelischen Politik bekannt geworden.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leibowitz stammte aus einer großbürgerlichen jüdisch-zionistischen Familie. Seine Eltern waren Mordechai Kalman und Frieda Leibowitz.[1] Nach eigenen Angaben lernte er Jiddisch, Deutsch und Hebräisch gleichzeitig und als Kind zusätzlich Russisch und Französisch; das sei im Umfeld seiner Familie der Normalfall gewesen.[2] Seine Schwester und er erhielten Privatunterricht; erst später besuchte er das allgemeine Gymnasium in Riga.

Im Russischen Bürgerkrieg 1919 verließ die Familie Leibowitz Riga und kam wie viele andere litauische Juden in die Weimarer Republik. In Berlin studierte Jeschajahu Leibowitz Chemie. Seine akademischen Lehrer waren Fritz Haber, Walther Nernst, Otto Fritz Meyerhof und Otto Warburg. 1924 promovierte er in Chemie (an der philosophischen Fakultät). 1926 bis 1930 war er als Biochemiker Assistent am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, später an der Universität Köln. Ab 1929 studierte er Medizin in Köln und Heidelberg.

Yeshayahu Leibowitz im Hörsaal, um 1964.

1934 habilitierte er sich in Basel in Medizin (weil dies für ihn als Juden in Berlin nicht mehr möglich war) und wanderte im selben Jahr nach Palästina aus. 1936 trat er in die Hebräische Universität Jerusalem ein, erhielt dort 1941 einen Lehrstuhl für Biochemie und wurde 1952 zum ordentlichen Professor für organische Chemie und Neurophysiologie befördert. 1970 wurde er pensioniert, lehrte aber weiterhin Philosophie und Wissenschaftsgeschichte.

Von Anfang an arbeitete Leibowitz als Redakteur bei der Hebräischen Enzyklopädie mit und wurde 1953 deren Chefredakteur. Außer Hunderten von Artikeln und Essays veröffentlichte er zahlreiche Bücher über Philosophie, Politik und die Schriften von Maimonides. Einige seiner Vorträge wurden zunächst im Rahmen der „Offenen Universität“ des Radios der israelischen Armee gesendet und später als Buch veröffentlicht.

Der 1933 in Berlin geborene israelische Journalist und Politiker Michael Shashar, Sekretär von Mosche Dajan und Generalkonsul in New York, Sohn von Jugendfreunden von Leibowitz aus seiner Studienzeit in Deutschland, führte 1987 ein längeres Interview mit Leibowitz, das er in Buchform herausgab und das 1990 unter dem Titel Gespräche über Gott und die Welt auch in deutscher Sprache erschien.

1993 sollte Leibowitz den Israel-Preis erhalten. Als sich zeigte, dass der damalige Premierminister Itzhak Rabin sich weigern würde, an der Zeremonie teilzunehmen, wies Leibowitz den Preis zurück. Nach seinem Tod 1994 nannte ihn Präsident Ezer Weizman „eine der größten Gestalten im Leben des jüdischen Volkes und des Staates Israel in den letzten Generationen“.

Leibowitz' jüngere Schwester, Nechama Leibowitz, war eine bekannte Bibelwissenschaftlerin; der bedeutende polnisch-französische Komponist, Musiktheoretiker und Dirigent René Leibowitz war sein Cousin.

Religiöse Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Yeshaia Leibowitz. Photograph by Grubner. Wellcome V0026693.jpg

Jeschajahu Leibowitz ist in seinem Denken stark von Maimonides geprägt, außerdem von der jüdischen Orthodoxie litauischer Prägung.

„Die mündliche Tora ist einerseits ohne Zweifel ein menschliches Produkt, andererseits akzeptieren wir sie als die göttliche Tora; die Tora, die wir selbst geschrieben haben, ist die göttliche Tora!“[3]

Grundlegend ist für ihn die Selbstverpflichtung zum Tun der Mitzwot, und zwar um ihrer selbst willen. Daraus zieht er Konsequenzen, die ihn in Gegensatz zu chassidischen Positionen bringen, aber auch zum liberalen Judentum:

  • Das Gebet ist eine Mitzwa; das Gebet um seiner selbst willen verrichten bedeutet, darauf zu verzichten, mit Beten den Lauf der Welt oder das persönliche Schicksal ändern zu wollen.[4][5] Das Gebet sei kein „emotionaler Sport“. Wie der Opferkult im Tempel, so sei das Gebet nach Zerstörung des Tempels ein „Formalismus der Gottesverehrung“.[6]
  • Die Speisegesetze und andere Regeln der Alltagsgestaltung sollen um ihrer selbst willen befolgt werden, sie haben medizinisch keine Relevanz.[7]
  • Die Mitzwa des Torastudiums soll auch strikt um ihrer selbst willen ausgeübt werden, also ohne Bezahlung oder Freistellung von irgendwelchen Pflichten. Der Jude, der sich nach Feierabend mit der Tora befasst und nur zu einem oberflächlichen Verständnis gelangt, übt diese Mitzwa mehr aus als der Jeschiwastudent, der zu einem profunden Wissen gelangt ist, aber keinem Broterwerb nachgeht. Orthodoxen Frauen sollte das Torastudium offenstehen, da es ein wesentlicher Aspekt jüdischen Lebens ist.

Das liberale Judentum disqualifiziert sich in Leibowitz' Sicht durch seinen selektiven Umgang mit der Halacha: „Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der niemals in die Synagoge gegangen ist und niemals gehen wird, und einem Menschen, der eine Synagoge ausdrücklich gegen die halachischen Vorschriften baut?“[8]

Leibowitz engagierte sich durchaus im interreligiösen Gespräch mit Christen, machte aber keinen Hehl daraus, dass er das Christentum ablehnte bzw. „tief verachtete“[9]. Das Christentum sei eine Religion ohne Mitzwot,[10] ja, es habe das Tun der Mitzwot als Gesetzlichkeit bekämpft.

Politische Ansichten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Yeshayahu Leibowitz.jpg

Leibowitz war als überzeugter Zionist nach Israel eingewandert. Schon vor der Staatsgründung setzte er sich für eine absolute Trennung von Religion und Staat ein. Mit großem Misstrauen stand er der Verbindung von mystischem Denken und Nationalismus bei so unterschiedlichen Personen wie Abraham Isaak Kook und Gershom Scholem gegenüber. Die Idee, der Staat Israel, das Land oder die Armee seien „heilig“, wurde von ihm zurückgewiesen.

Gleich nach dem Sechstagekrieg sprach er sich gegen eine Annexion der besetzten Gebiete aus. Obwohl er des Öfteren von Gegnern als Antizionist bezeichnet wurde, bekräftigte er gegen Ende seines Lebens seine Parteinahme für die zionistische Idee.

Er entwickelte nach dem Qibya-Massaker eine fortwährend kritischere Haltung gegenüber der israelischen Regierung. In seinen späteren Schriften verneinte er jegliche religiöse Bedeutung Israels und betonte wiederholt die seiner Ansicht nach notwendige Trennung von Religion und Staat.[11] Nach dem Sechstagekrieg 1967 war Leibowitz unter den ersten israelischen Intellektuellen, die vor den katastrophalen Folgen einer anhaltenden Besetzung der eroberten Gebiete warnten.

In einem 1968 in der israelischen Tageszeitung Jedi’ot Acharonot erschienenen Aufsatz mit dem Titel The Territories schrieb er:

Die Araber verwandeln sich in die Arbeiterklasse, und die Juden zu Administratoren, Inspektoren, Verwaltern und Polizisten – vor allem aber zu Geheimpolizisten. Ein Staat, der eine unfreundlich gesinnte, eineinhalb bis zwei Millionen fremde Menschen zählende Bevölkerung beherrscht, wird zwangsläufig zu einem Staat, der von einer Geheimpolizei beherrscht wird – mit all seinen Implikationen für die Bildung, die Redefreiheit und die Demokratie. Die korrumpierenden Kräfte jedes Kolonialregimes werden sich auch im israelischen Staat zeigen. Die Verwaltung wird mit der einen Hand den arabischen Aufstand unterdrücken, und mit der anderen sich arabischer Quislinge annehmen. Es bestehen auch gute Gründe für die Befürchtung, dass die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte, die bis jetzt eine Volksarmee waren, als Resultat dieser Entwicklung sich in eine Besatzungsarmee verwandeln, degenieren, ihre Offiziere zu militärischen Verwaltern mutieren und sodann ihren Kollegen in anderen Nationen ähneln.[11][12]

Literatur (dt. Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Yeschaiahu Leibowitz: Vorträge über die Sprüche der Väter - Auf den Spuren des Maimonides, 2. Auflage, Obertshausen 1999. ISBN 3-924072-03-5.
  • Michael Shashar (Hg.): Jeshajahu Leibowitz. Gespräche über Gott und die Welt. Frankfurt 1990, insel taschenbuch Nr. it 1568, ISBN 3-458-33268-5
  • Matthias Morgenstern: Artikel "Jeschajahu Leibowitz", in: Metzler Lexikon jüdischer Philosophen. Philosophisches Denken des Judentums von der Antike bis zur Gegenwart, hg. von Andreas B. Kilcher und Otfried Fraisse unter Mitarbeit von Yossef Schwartz, Stuttgart 2003, S. 403–407.
  • Jüdisch-orthodoxe Wege zur Bibelkritik. I. Schriftauslegung der mündlichen Tora: Vom Drasch zum Pschat, in: Judaica. Beiträge zum Verstehen des Judentums 56 (2000), S. 178–192 (zu Leibowitz: S. 188–192).

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach langjährigen Diskussionen hat die Stadt Herzliya im März 2011 entschieden, eine Straße nach Jeschajahu Leibowitz zu benennen. Es war dies das erste Mal, dass eine israelische Stadt Leibowitz auf diese Weise ehrte.

2014 wurde eine Straße in Jerusalem nach Jeschajahu Leibowitz benannt. [13]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jeschajahu Leibowitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. David B. Green: 1994: A Scientist Adored by Israelis, Though Most Hated His Opinions, Dies. In: Haaretz. 18. August 2016.
  2. Gespräche über Gott und die Welt. S. 264.
  3. Gespräche über Gott und die Welt. S. 129.
  4. Gespräche über Gott und die Welt. S. 159.
  5. Gespräche über Gott und die Welt. S. 255.
  6. Gespräche über Gott und die Welt. S. 157.
  7. Gespräche über Gott und die Welt. S. 166.
  8. Gespräche über Gott und die Welt. S. 162.
  9. Gespräche über Gott und die Welt. S. 81.
  10. Gespräche über Gott und die Welt. S. 87–88.
  11. a b Yeshayahu Leibowitz (1995): Judaism, Human Values and the Jewish State. Cambridge: Harvard University Press.
  12. 50 Jahre Besatzung – 50 Jahre Widerstand. In: Rosa-Luxemburg-Stiftung Israel Office. 31. Mai 2017, abgerufen am 20. Juni 2017.
  13. Newsletter der Botschaft des Staates Israel vom 18. August 2014