Joachim Ritter

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Joachim Ritter (* 3. April 1903 in Geesthacht; † 3. August 1974 in Münster) war ein deutscher Philosoph und Begründer der nach ihm benannten Ritter-Schule.

Leben[Bearbeiten]

Ritter studierte Philosophie, Theologie, Deutsch und Geschichte in Heidelberg, Marburg, Freiburg im Breisgau (u. a. bei Erich Rothacker, Heinz Heimsoeth und Martin Heidegger) und Hamburg, wo er 1925 bei Ernst Cassirer mit der Arbeit Docta ignorantia. Die Theorie des Nichtwissens bei Nicolaus Cusanus promoviert wurde. Er habilitierte sich 1932 mit Unterstützung Ernst Cassirers (es gab Widerstände in der Fakultät wegen der kommunistischen Vergangenheit Ritters) mit einer Untersuchung zur Aufnahme und Umwandlung der neuplatonischen Ontologie bei Augustinus. Danach war er als Dozent an der Universität Hamburg tätig.[1]

Am 11. November 1933 gehörte er zu den Unterzeichnern des Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat.[2] 1937 trat er in die NSDAP, die NS-Studentenkampfhilfe, den NS-Lehrerbund und die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt ein.[2] Ab 1940 leistete er als Reserveoffizier Dienst in der Wehrmacht und war ab 1941 an der Ostfront, wo er mehrere Auszeichnungen erhielt. Am 8. Mai 1943 wurde er zum ordentlichen Professor für Philosophie an der Universität Kiel ernannt[3], konnte die Stelle aber aufgrund seiner Militärtätigkeit nicht wahrnehmen.

Von 1946 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1968 war er ordentlicher Professor für Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, unterbrochen von einer Gastprofessur in Istanbul (1953–1955). Ritter war Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Forschungen des Landes Nordrhein-Westfalen (später Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste), der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz sowie des deutschen Wissenschaftsrates. Sein Sohn war der Kultur- und Wissenschaftsjournalist und Schriftsteller Henning Ritter.

Werk[Bearbeiten]

Joachim Ritters Werk ist zunächst philosophiegeschichtlich ausgerichtet. Frühe Arbeiten widmen sich im Anschluss an Untersuchungen Cassirers v. a. dem Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit sowie der Spätantike. Dabei gilt sein inhaltliches Hauptinteresse dem Verhältnis von Kontinuität und Wandel im konkreten Vollzug philosophie- und geistesgeschichtlicher Umbrüche. Daneben werden auch grundsätzliche Überlegungen zur Aufgabe und Vorgehensweise der Philosophie sowie der Geschichtlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis (1938) angestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Ritter im Zuge einer interpretatorisch bahnbrechenden Auseinandersetzung mit Hegels Rechtsphilosophie (v. a. Hegel und die französische Revolution, 1957) eine philosophische Theorie der Moderne aus, in deren Mittelpunkt der Begriff der Entzweiung steht. Ihr zufolge konstituiert sich die moderne Welt in Form der bürgerlichen Gesellschaft, ihres „abstrakten“ Rechtes und der ihre industrielle Arbeitsweise tragenden neuzeitlichen Naturwissenschaft und Technik wesentlich durch den Bruch mit den überlieferten Lebensordnungen und Weltbildern der geschichtlichen Herkunft. Die auf diese Weise erst ermöglichte Befreiung des Einzelnen aus der Übermacht der Natur und den traditionellen sozialen Bindungen wird ohne Vorbehalt bejaht, bliebe nach Ritter aber bloß negativ und abstrakt, wenn die von der Gesellschaft ausgeschlossene und damit zugleich freigegebene historische Substanz menschlichen Daseins nicht gleichwohl im Medium subjektiver Innerlichkeit bewahrt und gegenwärtig gehalten würde. In diesem Sinne dient z. B. die Ausbildung der Geisteswissenschaften sowie die Ästhetisierung der Kunst und des menschlichen Naturverhältnisses der Kompensation der abstrakten Geschichtslosigkeit und entzauberten Lebenswirklichkeit der modernen Gesellschaft.

Die Beschäftigung mit Aristoteles (v. a. Das bürgerliche Leben. Zur aristotelischen Theorie des Glücks, 1956; Zur Grundlegung der praktischen Philosophie bei Aristoteles, 1960) führt Ritter zur Entwicklung einer Konzeption praktischer Philosophie als „Hermeneutik der geschichtlichen Welt“. Ihr zufolge besteht die Aufgabe der praktischen Philosophie nicht vorrangig im Aufstellen abstrakter moralischer Normen oder dem Entwurf neuer politischer Ordnungen, sondern in der Auslegung der konkreten, geschichtlich gewordenen Wirklichkeit auf die ihr selbst bereits innewohnende Vernunft hin, die Ritter insbesondere in politischen und gesellschaftlichen Institutionen verwirklicht sieht. Sie gewährleisten und sichern den in der modernen Entzweiung vorausgesetzten Zusammenhang von Subjektivität und bürgerlicher Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund wird die neuzeitliche Aufspaltung der traditionellen praktischen Philosophie in eine auf den Bereich subjektiver Innerlichkeit beschränkte normative Ethik auf der einen und eine die äußeren, institutionell geordneten Lebensverhältnisse des Menschen lediglich als positive Gegebenheiten untersuchende Rechts- und Staatstheorie auf der anderen Seite kritisiert.

Ein weiteres wichtiges Projekt Ritters ist die philosophische Begriffsgeschichte. Das Historische Wörterbuch der Philosophie, von Ritter bereits seit den frühen 1960er Jahren vorbereitet und mit einem umfangreichen Mitarbeiterkreis seit 1971 herausgegeben, bildet mittlerweile eine der wichtigsten Arbeitsgrundlagen philosophischer und geisteswissenschaftlicher Ausbildung und Forschung. Seinem methodologischen Ansatz liegt eine Konzeption von Philosophie zu Grunde, für die diese „im Wandel ihrer geschichtlichen Positionen und in der Entgegensetzung der Richtungen und Schulen sich als perennierende Philosophie fortschreitend entfaltet“. Die Trennung von systematischer Philosophie und Philosophiegeschichte wird zurückgewiesen und der Bezug auf die eigene Geschichte als konstitutiv für das philosophische Denken selbst begriffen.

Wirkung[Bearbeiten]

Joachim Ritter gehört zu den einflussreichsten deutschen Philosophen der Nachkriegszeit. Neben seinem regen bildungs- und hochschulpolitischen Engagement, das von einem emphatischen Begriff theoretischer Bildung getragen war, wirkten insbesondere die Theorie der Geisteswissenschaften und die Überlegungen zur praktischen Philosophie weiter, die erheblich zur so genannten „Rehabilitierung der praktischen Philosophie“ in Deutschland beitrugen. Zu Ritters Schülern zählen u. a. Günther Bien, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Wilhelm Goerdt, Karlfried Gründer, Martin Kriele, Hermann Lübbe, Odo Marquard, Reinhart Maurer, Willi Oelmüller, Günter Rohrmoser, Hans Jörg Sandkühler, Wilhelm Schmidt-Biggemann und Robert Spaemann. Vor allem Kritiker wie Jürgen Habermas sprachen in diesem Zusammenhang von einer „Ritter-Schule“ mit konservativer Ausrichtung.[4] In der neueren ideengeschichtlichen Forschung wird dagegen der Beitrag Ritters und seiner Schüler zur "liberal-konservative[n] Begründung der Bundesrepublik"[5] hervorgehoben und untersucht.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Docta Ignorantia. Die Theorie des Nichtwissens bei Nicolaus Cusanus, Leipzig: Teubner 1927.
  • Mundus Intelligibilis. Eine Untersuchung zur Aufnahme und Umwandlung der neuplatonischen Ontologie bei Augustinus, Frankfurt a. M.: Klostermann 1937/22002.
  • Hegel und die Französische Revolution, Köln u. a.: Westdeutscher Verlag 1957.
  • Metaphysik und Politik. Studien zu Aristoteles und Hegel, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1969/erweiterte Neuausgabe 2003.
  • Subjektivität. Sechs Aufsätze, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974.
  • Vorlesungen zur Philosophischen Ästhetik, hrsg. von Ulrich von Bülow und Mark Schweda, Göttingen: Wallstein 2010. ISBN 978-3-8353-0744-5

Literatur[Bearbeiten]

  • Carsten Dutt: Zweierlei Kompensation. Joachim Ritters Philosophie der Geisteswissenschaften gegen ihre Popularisatoren und Kritiker verteidigt. In: Scientia Poetica 12 (2008), S. 294-314.
  • Odo MarquardRitter, Joachim. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 663 f. (Digitalisat).
  • Henning Ottmann: Joachim Ritter. In: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Philosophie der Gegenwart. In Einzeldarstellungen. Von Adorno bis von Wright. Kröner: Stuttgart 1991, ISBN 3-520-42301-4, S. 504–509.
  • Günter Rohrmoser: Konservativismus in Deutschland vor und nach dem 2. Weltkrieg. Joachim Ritter als Modernisierer. In: Günter Rohrmoser: Konservatives Denken im Kontext der Moderne Gesellschaft für Kulturwissenschaft, Bietigheim/Baden 2006, ISBN 3-930218-36-4
  • Mark Schweda: Entzweiung und Kompensation. Joachim Ritters philosophische Theorie der modernen Welt, Freiburg i.Br.: Alber 2013, ISBN 978-3-495-48614-6.
  • Jens Thiel: Akademische „Zinnsoldaten“? Karrieren deutscher Geisteswissenschaftler zwischen Beruf und Berufung (1933/1945). In: Rüdiger vom Bruch, Uta Gerhardt, Aleksandra Pawliczek (Hrsg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Steiner, Stuttgart 2006, S. 167-194, ISBN 978-3-515-08965-4.
  • Norbert Waszek: 1789, 1830 und kein Ende. Hegel und die Französische Revolution. In: Ulrich Herrmann, Jürgen Oelkers (Hrsg.): Französische Revolution und Pädagogik der Moderne, Weinheim/Basel, Beltz, 1989, ISBN 3-407-41124-3, S. 347-359, hier S. 348 ff.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Odo Marquard: Ritter, Joachim. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. 663.
  2. a b Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 499.
  3.  Nachrichtenblatt der Deutschen Wissenschaft und Technik, Organ des Reichsforschungsrates (Hrsg.): Forschungen und Fortschritte. Personalnachrichten. Ernennungen. 19, 23/24, 1943, S. 252.
  4. Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, S. 90-93 ISBN 3-518-57722-0
  5. Jens Hacke, Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberal-konservative Begründung der Bundesrepublik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2006 ISBN 978-3-525-36842-8.