Johann Christian August Heinroth

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Johann Christian August Heinroth, Lithographie von Carl Lutherer

Johann Christian August Heinroth (* 17. Januar 1773 in Leipzig; † 26. Oktober 1843 ebenda) war ein deutscher Arzt, Psychiater und Pädagoge. Er wurde 1811 auf den weltweit ersten Lehrstuhl für „Psychische Therapie“ (Psychiatrie) berufen.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heinroth war der Sohn eines Chirurgen und studierte von 1791 bis 1797 in Leipzig Medizin und Philosophie, u. a. bei Ernst Platner. Nach verschiedenen Tätigkeiten in Leipzig als praktischer Arzt (von 1797 bis 1800) und Sekundarzt am Jacobshospital sowie als Arzt in Militärlazaretten[1] wurde er 1805 promoviert[2]. Er erhielt auf Weisung des sächsischen Königs am 21. Oktober 1811 die Professur für den neu gegründeten Lehrstuhl für „Psychische Therapie“ an der Universität Leipzig, der (als Teillehrstuhl von Justus Radius weitergeführt) bis 1848 bestand.[3] Heinroths Ideen beeinflussten auch die Gründung der "Heil- und Verpflegungsanstalt für Irre beiderlei Geschlechts" im Schloss Sonnenstein im Jahr 1811.[4]

Von Ostern 1814 bis Weihnachten 1833 war er als Hausarzt am Zucht-, Waisen und Versorgungshaus St. Georg in Leipzig medizinisch-psychiatrisch tätig.[5]

Die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlichte er 1818 in dem 2-bändigen Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens oder der Seelenstörungen und ihrer Behandlung, das als Gründungsdokument der Psychiatrie als wissenschaftliche Disziplin gilt. Darin vertrat er eine ganzheitliche Auffassung. Er führte den Begriff der „Person“ in die Krankheitslehre ein und sah seelische Störungen in der Regel als Erkrankungen der gesamten Person an. Konsequenterweise sah er in der jeweiligen Lebenseinstellung und Lebensführung einer Person die Grundlage von deren psychischer Erkrankung. Sie müssen grundlegend geändert werden, damit Genesung erreicht und Gesundheit bewahrt werden kann. Damit es erst gar nicht zur Erkrankung komme, sei es von primärer Bedeutung, in der Kindheit die Weichen für die spätere Lebensführung richtigzustellen. Heinroth schrieb deshalb „für Eltern, Erzieher und psychische Ärzte“ eine Warnschrift Von den Grundfehlern der Erziehung. Dieser Standpunkt ist als typisch für die Anschauungsrichtung der Psychiker anzusehen. Heinroth ist einer ihrer Hauptvertreter.[6]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens oder der Seelenstörungen und ihrer Behandlung. Vogel, Leipzig 1818
  • Lehrbuch der Anthropologie. Leipzig 1822
  • Anweisung für angehende Irrenärzte zu richtiger Behandlung ihrer Kranken, Vogel, Leipzig 1825
  • System der psychisch-gerichtlichen Medizin. Leipzig 1825
  • Anti-Organon oder das Irrige der Hahnemannischen Lehre im Organon der Heilkunst.Leipzig, C.H.F. Hartmann, 1825. Volltext bei Google Book Search
  • Von den Grundfehlern der Erziehung und ihren Folgen. Für Eltern, Erzieher, und psychische Ärzte. Leipzig: F. C. W. Vogel 1828
  • Geschichte und Kritik des Mysticismus aller bekannten Völker und Zeiten. Leipzig 1830
  • Grundzüge der Criminal-Psychologie. Berlin 1833
  • Über Erziehung und Selbstbildung. Leipzig: Cnobloch 1837
  • Orthobiotik, oder die Lehre vom richtigen Leben. Leipzig 1839.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Melchior Josef Bandorf: Johann Christian August Heinroth. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 11, Duncker & Humblot, Leipzig 1880, S. 648 f.
  • Monica Lidl: Johann Christian August Heinroth (1773-1843) und sein therapeutisches Konzept. Dissertation, Universität Würzburg 1983
  • Heinrich Schipperges: Heinroth, Johann Christian August. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 8, Duncker & Humblot, Berlin 1969, ISBN 3-428-00189-3, S. 435 f. (Digitalisat).
  • Sebastian Schmideler, Holger Steinberg: Der Psychiater Johann Christian August Heinroth (1773–1843) als praktischer Arzt am Zucht-, Waisen- und Versorgungshaus St. Georg in Leipzig. Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 2004; 23: 346-375
  • Sebastian Schmideler, Holger Steinberg: Eine musikhistorische Überraschung: Der Liederzyklus 'Die Jahreszeiten' wurde von dem Psychiater Johann Christian August Heinroth gedichtet. Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde 2006; 12: 557-590
  • Holger Steinberg: Johann Christian August Heinroth (1773-1843) – Der erste Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und sein Krankheitskonzept. In: Matthias C. Angermeyer, Holger Steinberg. Hg. 200 Jahre Psychiatrie an der Universität Leipzig. Personen und Konzepte. Heidelberg: Springer Medizin Verlag, 2005: 1-80, ISBN 3-540-25075-1
  • Holger Steinberg: Die Errichtung des ersten psychiatrischen Lehrstuhls: Johann Christian August Heinroth in Leipzig. Der Nervenarzt 2004; 75: 303-307

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Johann Christian August Heinroth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiversity: Johann Christian August Heinroth und das Georgen-Hospital in Leipzig. – Kursmaterialien, Forschungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ortrun Riha: Heinroth, Johann Christian August. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 564 f.; hier: S. 564.
  2. W.U. Eckart, C. Gradmann (Hrsg.): Ärzte Lexikon Von der Antike bis zur Gegenwart. 3. Auflage. Springer, Heidelberg 2006, ISBN 3-540-29584-4.
  3. Holger Steinberg: Psychiatrie an der Universität Leipzig: Eine zweihundertjährige Tradition. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 270–312; hier: S. 270 und 276.
  4. Otto Bach: Die „Heil- und Pflegeanstalt Sonnenstein“. In: Ärzteblatt Sachsen. Nr. 6, 2010, S. 288–290 (online als PDF).
  5. Sebastian Schmideler, Holger Steinberg: Der Psychiater Johann Christian August Heinroth (1773–1843) als praktischer Arzt am Zucht-, Waisen- und Versorgungshaus St. Georg in Leipzig. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 346–375.
  6. Ackerknecht, Erwin H.: Kurze Geschichte der Psychiatrie. Enke, Stuttgart 31985, ISBN 3-432-80043-6, S. 59 ff.