Johann Jakob von Tschudi

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
von Tschudi

Johann Jakob von Tschudi (* 25. Juli 1818 in Glarus; † 8. Oktober 1889 in Lichtenegg bei Wiener Neustadt) war ein Schweizer Naturforscher, Forschungsreisender, Zoologe, Linguist und Diplomat, der verschiedene Werke zur Quechua-Sprache verfasste.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Jakobshof, 1952 in Tschudihof umbenannt

Seine Eltern waren der Kaufmanns und Ratsherr in Zürich Johann Jakob von Tschudi und dessen Ehefrau Anna Maria Zwicky. Nach dem frühen Tode des Vaters musste die Mutter die Erziehung ihrer sechs Kinder zugleich mit dem in Liquidation getretenen Geschäft leiteten.

Von Tschudi studierte in Leiden, Neuchâtel, Zürich und Paris, später auch in Berlin und Würzburg Naturwissenschaft, bereiste 1838 bis 1843 Peru,[1] lebte ab 1848 auf seiner Besitzung Jakobshof in Lichtenegg (Niederösterreich), bereiste 1857 bis 1859 Brasilien, die La-Plata-Staaten, Chile, Bolivien und Peru. Von Tschudi lernte in Lima Mariano Eduardo de Rivero y Ustariz, Direktor des Nationalen Museums für Archäologie, Anthropologie und Geschichte von Perú, kennen und wurde im Rahmen gemeinsamer Studien Co-Autor des Buches Antigüedades Peruanas, welches 1851 in Wien publiziert wurde. Von Tschudi ging 1859 als Gesandter der Schweiz nach Brasilien, wo er namentlich auch zum Studium der Einwanderungsverhältnisse die mittleren und südlichen Provinzen bereiste, kehrte 1861 zurück, ging 1866 als schweizerischer Geschäftsträger nach Wien und wurde 1868 zum ausserordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister daselbst ernannt. Ab 1883 lebte er wieder auf seinem Gut. Johann Jakob von Tschudi veröffentlichte zahlreiche Schriften zu indigenen Völkern Südamerikas und auch zu deren Praktik der Schädeldeformation.

Er heiratete 1849 Ottilie Schnorr von Carolsfeld, eine Tochter des Malers Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld. Das Paar hatte einen Sohn: Hugo (* 7. Februar 1851; † 23. November 1911), dieser wurde ein bedeutender Kunsthistoriker und Museumsleiter.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1845 wurde er zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt.[2] Seit 1849 war er korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.[3]

Dedikationsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

George Robert Gray nannte 1846 den Schuppenkotinga (Ampelioides tschudii)[4] als Ersatzname für Ampelis cincta Tschudi, 1843[5]. Auch die Namen der Sichelguan-Unterart (Chamaepetes goudotii tschudii Taczanowski, 1886)[6], der Graurallen-Unterart (Pardirallus sanguinolentus tschudii Chubb, C, 1919)[7], der Gelbzügel-Pipritestyrann-Unterart (Piprites chloris tschudii Cabanis, 1874)[8] und der Schwarzgrauer Ameisenwürger-Unterart (Thamnophilus nigrocinereus tschudii von Pelzeln, 1868)[9] wurden zu seinen Ehren vergeben. Bei Tyrannula tschudii Hartlaub, 1844[10] handelt es sich um ein Synonym der Schuppenrücken-Maskentyrann-Unterart (Empidonomus varius rufinus (von Spix, 1825)), bei Pyranga testacea tschudii von Berlepsch & Sztolcman, 1892[11] ein Synonym für die Hochland-Zinnobertangare (Lesson, RP, 1834).

Etwas komplizierter scheint die Prioritätsfrage hinsichtlich des Namens Thalurania tschudii Sclater, PL, 1859[12][A 1]. James Lee Peters setzte 1945 diese Unterart in Synonymität mit Thalurania furcata nigrofasciata (Gould, 1846). Gleichzeitig setzte er Thalurania tschudii Gould, 1860[13] in Synonymität mit Thalurania furcata jelskii Taczanowski, 1874. Peters begründete seine Entscheidung auf Basis unterschiedlicher Verbreitungsgebiete.[14] Diese Analyse kann aus verschiedenen Gründen angezweifelt werden. Zum einen passt das Verbreitungsgebiet von T. f. nigrofasciata nicht zu Gualaquiza oder Zamora. Zum zweiten beschrieb Gould 1861[15][A 2] A monograph of the Trochilidæ, or family of humming-birds klar und deutlich, das Sclaters und seine Beschreibung sich auf Trochilus furcatus Tschudi, 1846[16] beziehen. Auch bezog sich Goulds Verbreitungsgebiet nicht ausschließlich auf den Río Ucayali sondern reichte über Ecuador und Peru. Zudem verwendete Sclater Goulds Manuskript. Selbst T. f. jelskii als Synonym kann in Zweifel gezogen werden, da beide Autoren Ecuador als Verbreitungsgebiet nannten. Hier wäre T. f. viridipectus Gould, 1848 das wahrscheinlichste Synonym.

Mit dem Tschudi-Meerschweinchen (Cavia tschudii Fitzinger, 1867)[17], sowie der Spießhirsche-Unterart (Mazama gouazoubira tschudii (Wagner, 1855))[18] wurde ihm auch Säugetiernamen gewidmet.

Schriften und Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem Werk The Naturalist in Nicaragua (Auflage 1873, Seite 120) wird Von Tschudi vom englischen Naturforscher Thomas Belt im Zusammenhang mit der Klassifizierung der Haushunde der Indianer Tropenamerikas erwähnt. Von Tschudi stellt bei den Indianern zwei Hunderassen fest: Canis caraibicus (Lesson) und Canis ingae (Tschudi).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Constantin von Wurzbach: Tschudi, Johann Jacob von. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 48. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1883, S. 61–64 (Digitalisat).
  • Friedrich RatzelTschudi, Johann Jakob von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 38, Duncker & Humblot, Leipzig 1894, S. 749–752.
  • Jeroen Dewulf: Brasilien mit Brüchen. Schweizer unter dem Kreuz des Südens, Zürich NZZ Verlag (2007) ISBN 978-3-03823-349-7
  • Hans Hermann Carl Ludwig von Berlepsch, Jan Sztolcman: Résultats des recherches ornithologiques faites au Pérou Par M. Jean Kalinowski. In: Proceedings of the General Meetings for Scientific Business of the Zoological Society of London for the Year 1892. 1892, S. 371–410 (biodiversitylibrary.org).
  • Jean Louis Cabanis: Herr Cabanis berichtet über mannichfache interessante Vögel der peruanischen Ornis. In: Journal für Ornithologie (= 4). Band 22, Nr. 238, 1874, S. 96–100 (biodiversitylibrary.org).
  • Charles Chubb: Notes on Collections of Birds in the British Museum, from Ecuador, Peru, Bolivia and Argentina Part I Tinamide-Rallidae. In: The Ibis (= 11). Band 1, Nr. 238, 1919, S. 1–55 (biodiversitylibrary.org).
  • Leopold Joseph Fitzinger: Versuch einer natürlichen Anordnung der Nagethiere (Rodentia). In: Sitzungsberichte der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (= Abteilung 1: Biologie, Mineralogie, Erdkunde.). Band 56, 1867, S. 57–168 (biodiversitylibrary.org).
  • John Gould: Description of Twenty-two new Species of Humming-Birds. In: Proceedings of the Zoological Society of London. Band 28, 1860, S. 304–313 (biodiversitylibrary.org).
  • John Gould: A monograph of the Trochilidæ, or family of humming-birds. Band 2, Lieferung 21. Taylor and Francis, London 1861 (biodiversitylibrary.org).
  • George Robert Gray: The genera of birds: Their generic characters, a notice of the habits of each genus, and an extensive list of species referred to their several genera. Band 1. R. and J.E. Taylor, London 1846 (biodiversitylibrary.org – 1844-1849).
  • Gustav Hartlaub: Notices ornithologique. In: Revue Zoologique par La Société Cuvierienne. Band 7, 1844, S. 369–370 (biodiversitylibrary.org).
  • August von Pelzeln: Zur Ornithologie Brasiliens. Resultate von Johann Natterers Reisen in den Jahren 1817 bis 1835. A. Pichler’s Witwe & Sohn, Wien 1871 (biodiversitylibrary.org – 1868-1870).
  • James Lee Peters: Check-List of Birds of the World. Band 5. Harvard University Press, Cambridge 1945 (biodiversitylibrary.org).
  • Philip Lutley Sclater: List of Birds collected by Mr. Louis Fraser, at Cuenca, Gualaquiza and Zamora, in the republic of Ecuador. In: Proceedings of the Zoological Society of London. Band 26, 1858, S. 449–461 (biodiversitylibrary.org – 1859).
  • Władysław Taczanowski: Ornithologie du Pérou. Band 3. Typographie Oberthur, Rennes 1886 (biodiversitylibrary.org).
  • Johann Andreas Wagner: Die Säugthiere in Abbildungen nach der Natur, mit Beschreibungen. Supplementband 5. T. O. Weigel, Leipzig 1855 (biodiversitylibrary.org).
  • Frederick Herschel Waterhouse: The dates of publication of some of the zoological works of the late John Gould, F.R.S. R. H. Porter, London 1885 (biodiversitylibrary.org).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Johann Jakob von Tschudi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Johann Jakob von Tschudi – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Georg Petersen, Hartmut Fröschle: Die Deutschen in Peru. In: Hartmut Fröschle (Hg.): Die Deutschen in Lateinamerika. Schicksal und Leistung. Erdmann, Tübingen 1979, ISBN 3-7711-0293-6, S. 696–741, hier S. 702.
  2. Mitgliedseintrag von Johann Jacob von Tschudi bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, abgerufen am 18. Juni 2016.
  3. Carl von Voit: Johann Jakob von Tschudi (Nachruf). In: Sitzungsberichte der mathematisch-physikalischen Classe der k. b. Akademie der Wissenschaften zu München. Band 20, 1890, S. 427–429 (online [PDF; abgerufen am 3. Mai 2017]).
  4. George Robert Gray, S. 279.
  5. Johann Jakob von Tschudi (1843), S. 385.
  6. Władysław Taczanowski, S. 275.
  7. Charles Chubb, S. 50.
  8. Jean Louis Cabanis, S. 99.
  9. August von Pelzeln, S. 76, S. 141.
  10. Gustav Hartlaub, S. 369.
  11. Hans Hermann Carl Ludwig von Berlepsch u. a., S. 375.
  12. Philip Lutley Sclater, S. 460.
  13. John Gould (1860), S. 312.
  14. James Lee Peters, S. 46.
  15. John Gould (1861), Tafel 103 & Text.
  16. Johann Jakob von Tschudi: Untersuchungen über die Fauna Peruana, S. 245.
  17. Leopold Joseph Fitzinger, S. 154.
  18. Johann Andreas Wagner, S. 387.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zwar wurde der Artikel am 9. November 1858 in der Sitzung der Zoological Society of London vorgetragen, doch erschienen ist er erst im Jahr 1859.
  2. Laut Frederick Herschel Waterhouse S. 55 erschienen die Tafel 103 als Teil der Lieferung 22 aus dem Jahre 1861.
VorgängerAmtNachfolger
Ludwig Eduard SteigerSchweizer Gesandter in Wien
1866–1883
Arnold Otto Aepli