Johann Karl Wezel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Wezel, Kupferstich von Christian Gottlieb Geyser
Wezel-Gedenkstele auf dem Gottesacker in Sondershausen

Johann Karl Wezel (auch: Carl; auch: Wetzel, * 31. Oktober 1747 in Sondershausen; † 28. Januar 1819 ebenda) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller, Übersetzer aus dem Englischen und Pädagoge der späten Aufklärung.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Karl Wezel war der Sohn eines höfisch beamteten Kochs bäuerlicher Herkunft. Früh zeigte Wezel musikalische und dichterische Begabung und wurde durch Nikolaus Dietrich Giseke gefördert, in dessen Haus er auch übersiedelte, als er 1764 in Leipzig ein Studium der Theologie begann. Bald ergänzte er seine Fächer um Jura, Philosophie und Philologie.

Christian Fürchtegott Gellert vermittelte Wezel, der ohne Studienabschluss sich dem Studium von Locke, Voltaire und La Mettrie zuwandte, eine Stelle als Hofmeister bei dem Freiherrn von Schönberg in Bautzen/Trattlau, wo er bis 1775 blieb. Nach 1776 war er als Kritiker Mitarbeiter an der "Neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste". Wezel erfuhr starke Unterstützung durch Christoph Martin Wieland, mit dem er sich später zerstritt.

Wezel bereiste Sankt Petersburg, Paris und London, er war von 1782 bis 1784 Theaterdichter in Wien und kehrte wahrscheinlich 1793 an seinen Geburtsort Sondershausen zurück. Während der letzten beiden Jahrzehnte seines Lebens befand er sich wohl in einer Lebenskrise, ausgelöst von gesellschaftlicher Isolierung, finanziellen Schwierigkeiten und schriftstellerischen Kontroversen. Er wurde mehrfach psychiatrischen Behandlungen unterzogen, im Juni 1800 bei Samuel Hahnemann in Altona. Ob und in welchem Umfang er in dieser Zeit noch schrieb, ist unbekannt; seine Manuskripte wurden mehrfach gestohlen. Bücher, die in dieser Zeit unter seinem Namen erschienen, sind zumeist unterschoben; ob sie auch Anteile der gestohlenen Manuskripte enthalten, ist unerforscht.

Das „Wezel-Haus“ in Sondershausen, in dem Wezel seine letzten acht Lebensjahre verbrachte, wurde 1986 abgerissen. Heute befindet sich dort eine Metall-Stele, und die Straße führt seinen Namen.

Wezel war einer der ersten Autoren, die allein von ihrem Schreiben leben konnten. Einige seiner Bücher waren große Erfolge, so vor allem Hermann und Ulrike. Trotzdem war er schon zu Lebzeiten fast vollkommen vergessen. Hermann Marggraff widmete 1837 in seiner Sammlung Bücher und Menschen dem „Sonderling von Sondershausen“ einen längeren Essay. Aber erst Arno Schmidt brachte Wezel 1959 mit dem Funkessay Belphegor oder Wie ich euch hasse wieder in Erinnerung.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wezel schrieb anfangs Gedichte, aber auch Romane, Lustspiele und Satiren. Seine Arbeiten sind unter anderem beeinflusst von Henry Fielding, Tobias G. Smollett und Laurence Sterne. Wezels satirischer Roman Belphegor gilt als Gegenstück zu Voltaires Candide und Jonathan Swifts Gullivers Reisen. Der Held Belphegor reist zusammen mit seinen Freunden Medardus und Fromal und dem Mädchen Akanthe um die Welt und besteht, wie Gulliver, zahlreiche Abenteuer. Diese sind jedoch wenig von Humor und Satire, denn von Schrecken und Grausamkeit geprägt.

Wezel verfasste neben seinen literarischen Arbeiten auch einen eigenständigen Beitrag zur neuen Wissenschaft Anthropologie, was ihn unter seinen Zeitgenossen einzigartig macht. Er kritisiert Ernst Platners philosophische Medizin, die sich noch auf metaphysische Auffassungen der Seele beruft. Wezel selbst plädiert für ein neues, empirisch-psychologisches Verständnis der Seele. Mit Platner führte er darüber eine öffentliche Polemik. Selbst betreibt er jedoch eine schriftstellerische Beschreibung der Affekte und Leidenschaften in Anlehnung an die Experimentalseelenlehre (1756) Johann Gottlob Krügers. Für Wezel ist der „Nervensaft“ das Mittelglied zwischen Seele und Leib. In seiner Pädagogik steht Wezel den Erziehungsideen des Dessauer Philanthropins nahe, wo die Erziehung des Menschen nicht nach der Vorstellung eines normierten, perfekten Ideals, sondern nach pragmatischen Gesichtspunkten zur Ausbildung einer individuellen Persönlichkeit verstanden wurde.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelwerke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wezels Werke sind zu seinen Lebzeiten fast alle anonym erschienen.

  • Filibert und Theodosia. Leipzig 1772
  • Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt: aus Familiennachrichten gesammelt. Leipzig 1773–1776
  • Der Graf von Wickham. Leipzig 1774
  • Epistel an die deutschen Dichter. Leipzig 1775
  • Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne. Roman. 2 Bände, Leipzig 1776 (Bd. 2 als Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Satirische Erzählungen. Leipzig 1777–1778
  • Appellation der Vokalen an das Publikum. Frankfurt; Leipzig 1778
  • Peter Marcks, eine Ehestandsgeschichte. Leipzig 1778
  • Lustspiele. Leipzig 1778–1787
  • Die wilde Betty. Leipzig 1779
  • Zelmor und Ermide. Leipzig 1779
  • Tagebuch eines neuen Ehmanns. Frankfurt; Leipzig 1779
  • Robinson Krusoe Neu bearbeitet. Leipzig 1779
  • Herrmann und Ulrike. Komischer Roman. 4 Bände, Leipzig 1780
  • Über Sprache, Wißenschaften und Geschmack der Teutschen. Leipzig 1781
  • Meine Auferstehung.. o.O. 1782
  • Wilhelmine Arend oder die Gefahren der Empfindsamkeit. Dessau 1782
  • Kakerlak, oder Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte. Leipzig 1784
  • Versuch über die Kenntniß des Menschen. 2 Bde. Leipzig 1784/85
  • Werke des Wahnsinns: von Wezel dem Gott-Menschen. Erfurt 1804/05

Werkausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kritische Schriften, hrsg. von Albert R. Schmitt, Phillip McKnight, 3 Bde. Stuttgart 1971–1975
  • Pädagogische Schriften, hrsg. von Phillip McKnight. Frankfurt am Main 1996
  • Gesamtausgabe in acht Bänden, herausgegeben von Klaus Manger und Wolfgang Hörner. Mattes Verlag, Heidelberg 1997 ff. (bis 2017 fünf Bände erschienen).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Satirische Erzählungen: Silvans Bibliothek. Euphrosinopatorius. Hrsg. v. Lars-Thade Ulrichs. Peust & Gutschmidt, Göttingen 2004, ISBN 3-933043-13-1
  • Roland Itterheim: Gleichgewicht der Lebensgeister. Johann Karl Wezels Warnung vor Melancholie. Ärzteblatt Thüringen 20 (2009), 618-620

Wezel-Jahrbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

ISSN 1438-4035

  • Wezel-Jahrbuch 1998. Studien zur europäischen Aufklärung. Hrsg. v. Philipp S. McKnight. Wehrhahn, Laatzen 1998, ISBN 3-932324-71-4
  • Wezel-Jahrbuch 1999. Hrsg. v. Philipp S. McKnight. Laatzen 2000, ISBN 3-932324-72-2
  • Wezel-Jahrbuch 2000. Hrsg. v. Philipp S. McKnight. Laatzen 2001, ISBN 3-932324-73-0
  • Wezel-Jahrbuch 2001. Hrsg. v. Vorstand der Johann-Karl-Wezel-Gesellschaft. Laatzen 2002, ISBN 3-932324-74-9
  • Wezel-Jahrbuch 2002. Hrsg. v. Jutta Heinz und Cornelia Ilbrig. Laatzen 2004, ISBN 3-932324-88-9
  • Wezel-Jahrbuch 2003/2004. Hrsg. v. Jutta Heinz und Cornelia Ilbrig. Laatzen 2005, ISBN 3-86525-006-8
  • Wezel-Jahrbuch 2005. Hrsg. v. Jutta Heinz und Cornelia Ilbrig. Laatzen 2006, ISBN 3-86525-034-3
  • Wezel-Jahrbuch 2006. Hrsg. v. Jutta Heinz und Cornelia Ilbrig. Laatzen 2007, ISBN 3-86525-062-9
  • Erzählen im Umbruch. Narration 1770 - 1810. Texte, Formen, Kontexte. Wezel-Jahrbuch Nr. 12/13. Hgg. Rainer Godel, Matthias Löwe. Wehrhahn, Hannover 2011 ISBN 978-3-86525-228-9

Forschung (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Johann Karl Wezel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Johann Karl Wezel – Quellen und Volltexte

Notizen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. in der Schreibweise "Wetzel"! Vollständige Bibliographie incl. der von ihm gefertigten Übersetzungen. Erstausg. in Google books einsehbar. In anderen Bänden desselben Sammelwerks, ebenfalls dort einsehbar, sowie auch in diesem Band andernorts, wird er sporadisch erwähnt in der Schreibweise "Wezel".
  2. interdisziplinär angelegte Dissertation zu den philosophisch-anthropologischen Anschauungen Wezels