Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk

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Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk (1932)
von Krosigk am Volkstrauertag 1934 im Gespräch mit Vizekanzler von Papen
Krosigk links neben Goebbels bei einer Reichstagssitzung 1941
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Johann Ludwig (Lutz) Graf Schwerin von Krosigk, geboren als Johann Ludwig von Krosigk (* 22. August 1887 in Rathmannsdorf/Anhalt; † 4. März 1977 in Essen) war ab 1932 Reichsminister der Finanzen. Nach dem Tode Hitlers wurde Schwerin von Krosigk von dem von Hitler zu seinem Nachfolger eingesetzten Karl Dönitz am 2. Mai 1945 zu seinem Leitenden Minister und Außenminister in der geschäftsführenden Regierung Dönitz ernannt. Graf Schwerin von Krosigk wurde 1949 als Kriegsverbrecher verurteilt, 1951 aus der Haft entlassen und war dann als Publizist tätig.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lutz von Krosigk war das siebte Kind von Erich von Krosigk (1829–1917) und das zweite Kind von dessen zweiter Ehefrau Luise Gräfin von Schwerin (1853–1920). Nach dem Abitur an der Klosterschule Roßleben begann Krosigk 1905 ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Halle (Saale), Lausanne und Oxford, das er 1909 mit dem Referendarexamen beendete. Am Ersten Weltkrieg nahm von Krosigk als Reserveoffizier teil. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und hatte am Kriegsende den Dienstgrad eines Oberleutnants. 1918 heiratete er Ehrengard Freiin von Plettenberg (1895–1979). Aus ihrer Ehe gingen vier Söhne und fünf Töchter hervor.

1920 arbeitete von Krosigk als Assessor beim Landratsamt in Hindenburg/Oberschlesien. Er wechselte dann als Regierungsrat in das Reichsfinanzministerium nach Berlin. 1922 folgte die Ernennung zum Oberregierungsrat und 1924 zum Ministerialrat. 1925 wurde er von seinem Onkel Alfred Graf von Schwerin adoptiert und führte fortan den Namen Graf Schwerin von Krosigk. Ab 1929 leitete er als Ministerialdirektor die Etat-Abteilung des Reichsfinanzministeriums. 1931 übernahm er zusätzlich die Leitung der Reparationsabteilung. 1932 wurde Graf Schwerin von Krosigk von Reichskanzler Franz von Papen als Reichsminister der Finanzen in das Kabinett berufen. Er behielt dieses Amt auch unter Papens Amtsnachfolgern Kurt von Schleicher und Adolf Hitler bis 1945 inne.

Als Kabinettsmitglied unterzeichnete Schwerin von Krosigk am 24. März 1933, neben weiteren Ministern und dem Reichspräsidenten, das Ermächtigungsgesetz.[1] Im April 1933 entließ er auf Befehl Hitlers seinen bisherigen Staatssekretär Arthur Zarden zugunsten des überzeugten Nationalsozialisten Fritz Reinhardt, mit dem er reibungslos zusammenarbeitete.[2]

Während einer Kabinettsitzung am 30. Januar 1937 verlieh Adolf Hitler anlässlich des 4. Jahrestags seiner Regierungsbildung mehreren hohen Offizieren, Beamten und den bisher parteilosen Kabinettsmitgliedern Hjalmar Schacht, Konstantin von Neurath, Franz Gürtner, Paul von Eltz-Rübenach und Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk das Goldene Parteiabzeichen. Durch diesen Verleihungsakt wurden die Genannten Mitglied der NSDAP, lediglich Paul von Eltz-Rübenach lehnte die Annahme ab.[3] Joseph Goebbels beschrieb in seinen Tagebüchern, warum die Nationalsozialisten den „Grafen Schwerin von Krosigk“ gebrauchen konnten:

„Er ist zwar vor Beginn jeder Zuspitzung etwas zurückhaltend, bewährt sich dann aber zuverlässig. Dem Typ nach gehört er zu den Beamten, die wir in unserem Staat gut gebrauchen können.“[4]

In der traditionellen Finanzpolitik verlor das Reichsministerium für Finanzen an Bedeutung, weil in vielen Bereichen Ministerien und Sonderkomissiariaten keine Haushaltspläne mehr aufgestellt werden mussten, die der Finanzminister hätte kontrollieren können. NS-Organisationen unterlagen sowieso nicht der Kontrolle Schwerin-Krosigks. Zudem ging die Aufrüstungspolitik des Dritten Reiches, auf die Schwerin-Krosigk keinen Einfluss hatte, weit über die finanzpolitischen Möglichkeiten des Hitler-Staates hinaus, so dass sich das Dritte Reich zunehmend verschuldete. Während des Krieges erzielte Deutschland viele Einnahmen aus den besetzten Ländern. Nach der letzten Kabinettssitzung 1938 konzentrierte sich Schwerin von Krosigk auf die Verwaltung seines Amtes und trat politisch nur noch wenig in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Mit Kriegsbeginn hatte er nach eigenen Angaben „kaum mehr unmittelbaren Zugang zu Hitler“ und habe Hitler angeblich während des gesamten Krieges nie über Ressortangelegenheiten „Vortrag halten können“.[5]

Schwerin Krosigk war der einzige Reichsminister, der bereits in der Weimarer Republik ins Amt kam und als Minister von Hitler im NS-Staat übernommen wurde. Er blieb bis zum Ende des Dritten Reiches ununterbrochen Minister. In Hitlers politischem Testament wurde Schwerin von Krosigk als Finanzminister bestätigt. Im Mai 1945 ernannte ihn Karl Dönitz im Kabinett Schwerin von Krosigk zum Leitenden Minister und Reichsaußenminister.[6]

Kriegsende und die Verhaftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Graf Schwerin von Krosigk auf der Anklagebank in Nürnberg

Als „Leitender Minister“ der geschäftsführenden Reichsregierung (Kabinett Schwerin von Krosigk) verkündete er über den Reichssender Flensburg am 7. Mai 1945 gegen Mittag die Nachricht über die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht, die am 8. Mai um 23:01 Uhr in Kraft treten sollte. Damit war der Krieg in Europa beendet.

Am 23. Mai 1945 wurden er und sein Kabinett in Flensburg-Mürwik verhaftet, und die Siegermächte übernahmen am 5. Juni 1945 mit dem Alliierten Kontrollrat auch formell die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Zuerst war er in der Flakkaserne Ludwigsburg und danach im Kriegsgefangenenlager Nr. 32 (Camp Ashcan) im luxemburgischen Bad Mondorf interniert. Später wurde er ins Zellengefängnis Nürnberg verbracht und im Wilhelmstraßen-Prozess am 14. April 1949 u. a. wegen Plünderung des Eigentums deportierter Juden durch die Finanzämter zu zehn Jahren Haft als Kriegsverbrecher verurteilt. Er selbst nannte dieses Urteil „gerechte Sühne für eine auf ganz anderer Ebene liegende Schuld, eben für die Schuld des abgestumpften und eingeschläferten Gewissens“.[7] Am 31. Januar 1951 wurde er aufgrund einer Amnestie aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen.

Graf Schwerin von Krosigk lebte danach in Essen und war als Schriftsteller und Publizist tätig. Eine Enkelin ist die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nationalsozialistische Finanzpolitik, Fischer, Jena 1936 (Kieler Vorträge 41).
  • Wirtschaft und öffentliche Finanzen – Vortrag. Aachen, 1935.
  • Deutschlands Kriegsfinanzierung, Berlin 1941.
  • Es geschah in Deutschland. Menschenbilder unseres Jahrhunderts, Wunderlich, Tübingen 1951.
  • Die große Zeit des Feuers – Der Weg der deutschen Industrie, Wunderlich, Tübingen 1959.
  • Alles auf Wagnis – der Kaufmann gestern, heute und morgen, Wunderlich, Tübingen 1963.
  • Persönliche Erinnerungen, 3 Bde., Selbstverlag, Essen 1973–74.
  • Staatsbankrott. Die Geschichte der Finanzpolitik des Deutschen Reiches von 1920 bis 1945, geschrieben vom letzten Reichsfinanzminister, Musterschmidt, Göttingen, 1975. ISBN 3-7881-1679-X.
  • Jenny Marx. Liebe und Leid im Schatten von Karl Marx. Eine Biographie nach Briefen, Tagebüchern und anderen Dokumenten. Staats-Verlag, Wuppertal, 1975 ISBN 3-87770-015-2 (2. Aufl. 1976).
  • Memoiren, Seewald, Stuttgart, 1977. ISBN 3-512-00468-7 (Kurzfassung der Persönlichen Erinnerungen).
  • Die großen Schauprozesse. Politische Justiz. Universitas, München 1981, ISBN 3-8004-1011-7.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Götz Aly: Hitlers Volksstaat. S. Fischer, Frankfurt 2005. ISBN 3-10-000420-5.
  • Klaus Goehrke: In den Fesseln der Pflicht. Der Weg des Reichsfinanzministers Lutz Graf Schwerin v. Krosigk. Verl. Wissenschaft und Politik, Köln 1995. ISBN 3-8046-8825-X.
  • Martin Friedenberger: Die Reichsfinanzverwaltung im Nationalsozialismus. Darstellung und Dokumente, Ed. Temmen, Veröffentlichungen der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz 1, Bremen 2002. ISBN 3-86108-377-9.
  • Johannes Hürter: Schwerin von Krosigk, Johann Ludwig Graf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 79 f. (Digitalisat).
  • Eric A. Johnson: Terror: Gestapo, Juden und gewöhnliche Deutsche, Siedler, Berlin 2001. ISBN 3-88680-619-7.
  • Tim Mason: Sozialpolitik im Dritten Reich: Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft, Westdeutscher Verlag, Opladen 1977. ISBN 3-531-11364-X.
  • Christian Andreas von Biel und seine Stiftung; für die Nachkommen des Stifters, hrsg. vom Familienrat; Druck: SCHOTTdruck, Kiel (Information zu den Vorfahren).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 574.
  2. Johannes Hürter: Schwerin von Krosigk, Johann Ludwig Graf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 79 f. (Digitalisat).
  3. Alfred Gottwaldt: Dorpmüllers Reichsbahn – Die Ära des Reichsverkehrsministers Julius Dorpmüller 1920–1945. EK-Verlag, Freiburg 2009, ISBN 978-3-88255-726-8, S. 115 sowie Götz Aly: Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer Verlag 2013, S.30
  4. Götz Aly: Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer Verlag 2013, S.31
  5. Aus der Autobiographie von Schwerin-Krosigk in Rüdiger Hachtmann, Winfried Süß: Hitlers Kommissare: Sondergewalten in der nationalsozialistischen Diktatur. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus (BGNS) Nr. 22 Wallstein Verlag, Göttingen 2006. ISBN 3-8353-0086-5, S.66
  6. Gerhard Paul (Historiker) in die Die Zeit, 4. Mai 2005: Der letzte Spuk. Drei Wochen zwischen Größenwahn und Terror: In Flensburg versucht Hitlers Nachfolger Großadmiral Karl Dönitz noch bis zum 23. Mai 1945, das Deutsche Reich aufrechtzuerhalten.
  7. Nachruf im SPIEGEL vom 14. März 1977