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Johanneskirche (Saalfeld)

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Johanneskirche Saalfeld mit der Außenkanzel (links der Bildmitte)
Westportal

Die Johanneskirche ist die Stadtkirche von Saalfeld im Südosten Thüringens. Sie gehört zu den bedeutendsten Kirchbauten in Thüringen. Sie ist die größte Hallenkirche im Freistaat und steht auf einem Hügel über der Saale in der Altstadt von Saalfeld direkt am Marktplatz.

Ihre beiden 64 Meter hohen Türme sind weithin sichtbar, auffällig ist auch ihre seltene Außenkanzel. Eine Besonderheit weit über Mitteldeutschland hinaus ist die sogenannte Himmelswiese im Chorgewölbe des Gotteshauses.

Innenraum-Panorama
Schnitzaltar in der Veronikakapelle

Nachdem ein romanischer Vorgängerbau im Jahr 1314 niedergebrannt war, wurde die heutige gotische Johanneskirche in der Zeit zwischen 1380 und 1514 erbaut. Die Mittelschiffsgewölbe wurden zwischen 1449 und 1456 eingezogen; das Chorgewölbe ist inschriftlich auf 1514 datiert. Die Reformation wurde 1524 in Saalfeld und damit auch in der Stadtkirche eingeführt. Caspar Aquila wurde im Jahr 1528 erster Superintendent.

Als Saalfeld Ende des 17. Jahrhunderts Landeshauptstadt von Sachsen-Saalfeld war, diente die Krypta unter der Kirche als Gruft der Herzöge. Eine neue Orgel mit Zinkpfeifen wurde 1714 eingeweiht.

Zwischen 1891 und 1894 wurde die Kirche von außen umfassend saniert. Dabei erhielt der Kirchturm neue Turmspitzen, die etwas höher sind, als es die alten waren. Im April 1945 zersplitterten zwei Fenster im Hohen Chor durch Bomben- oder Artillerie-Einwirkung. Eine Innensanierung der Kirche erfolgte im Jahr 1983.

Zwischen dem 28. Februar und 25. März 1950 wurden vom damaligen Kantor Walter Schönheit (1927–1985) der Oratorienchor, die Thüringer Sängerknaben und der Mädelchor Saalfeld gegründet. Die drei Chöre bestehen bis in die Gegenwart.[1]

Nach der Friedlichen Revolution 1989 in der DDR konnten weitere Erneuerungen vorgenommen werden. Das Gotteshaus dient der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Saalfelds als Ort für Gottesdienste und andere Veranstaltungen.

Die Stadtkirche Saalfeld ist eine spätgotische dreischiffige, vierjochige Stufenhalle mit einem einschiffigen Chor mit Chorflankentürmen und einem unfertigen Westturm, der in das westliche Joch eingestellt ist. Der etwas breitere Chor schließt im Osten mit drei Seiten eines Sechsecks und wird von einem reichen Netzgewölbe überdeckt. Nach Nordosten schließt sich eine Sakristei an den Chor an, die mit einem Gewölbe aus Dreistrahlfiguren überspannt wird.

Der Raumeindruck im Innern wird durch die mächtigen, kämpferlosen und reich profilierten Langhauspfeiler und den spitzbogigen Triumphbogen bestimmt. Zwischen den Turmpfeilern ist eine steinerne Empore mit Maßwerkgewölben eingespannt. Schlanke Spitzbogenfenster mit reichem Maßwerk erhellen das Innere der Kirche.

Das Äußere der Kirche ist reich verziert. Die Strebepfeiler sind mit Konsolen, Baldachinen und Fialen verziert. Über dem Westportal vor dem Westfenster mit reichem spätgotischem Maßwerk ist ein Altan errichtet. Von den drei Portalen haben das West- und das Südportal mit Figuren geschmückte Tympana. Die Einzelformen stehen unter dem Einfluss der Parler-Schule. An der Südwestecke der Kirche ist eine bauzeitliche Außenkanzel angebracht, die bei der Restaurierung im Jahr 1985 vollständig erneuert wurde.[2]

Bei der Sanierung und dem teilweisen Umbau der Kirche in den Jahren 1890 bis 1894 wich die barocke Ausstattung zum überwiegenden Teil einer neogotischen. Für diese Neugestaltung lieferte Holzbildhauer Gustav Kuntzsch, Wernigerode, den Altar, die Kanzel, ein Lesepult und einen Taufständer.[3]
Der Altar wurde vor dem II. Weltkrieg entfernt; der Verbleib ist nicht bekannt.

In der Nordwand der Kirche ist ein architektonisch gefasstes Heiliges Grab eingebaut, das den liegenden Leichnam Christi mit den drei Marien zeigt. Der Altar wurde 1510 von dem Meister Gottwald von Lohr gearbeitet und besteht nur noch aus dem Mittelschrein mit der Reliefdarstellung der Grablegung Christi und der Predella. Von einem weiteren Altar dieses Meisters hat sich eine Darstellung Johannes‘ des Täufers bis in die Gegenwart erhalten.
Einige Glasmalereien von 1514 aus dem Chor wurden zwischen 1891 und 1894 in den Fenstern der Seitenschiffe angebracht. Besonders hervorzuheben ist die Darstellung zweiter Engel mit Monstranz, welche sich im südlichen Seitenschiff befindet. Die prächtige Darstellung der Eucharistie findet sich in der Glasmalerei selten und geht hier wohl auf einen Entwurf Hans von Kulmbachs zurück.[4]

Die Orgel auf der Westempore wurde 1894 von Wilhelm Sauer (Frankfurt/O.) als Opus 624 erbaut. Der Prospekt (gebaut vom Hofmaler Ziegenspeck) der Vorgängerorgel von Johann Georg Fincke aus dem Jahre 1708 blieb dabei erhalten und wurde zur Vergrößerung der Musikerempore einige Meter nach hinten versetzt. In den 1930er Jahren fanden einige Umbauten statt, bei denen der heutige Spieltisch entstand sowie Umdisponierungen im Sinne der Orgelbewegung vorgenommen wurden. 1996 wurden diese durch die Orgelbaufirma Rösel & Hercher (Saalfeld) rückgängig gemacht, und unter Rekonstruktion von 16 Registern der historische Zustand wiederhergestellt. 2021 bis 2022 fand eine erneute Restaurierung durch die Firma Scheffler statt. Das Instrument hat 49 Register auf bis zum Gehäuse pneumatisch angesteuerten mechanischen Kegelladen. Es zählt zu den schönsten Orgeln Thüringens und wird von namhaften Organisten geschätzt.[5]

Orgelprospekt
I Hauptwerk C–f3

1. Prinzipal 16′
2. Bordun 16′
3. Prinzipal 8′
4. Gemshorn 8′
5. Gedackt 8′
6. Gamba 8′
7. Flûte harmonique 8′
8. Quintatön 8′
9. Oktave 4′
10. Rohrflöte 4′
11. Rauschquinte II
12. Oktave 2′
13. Mixtur III
14. Cornett II-V
15. Trompete 8′
II Oberwerk C–f3
16. Quintatön 16′
17. Prinzipal 8′
18. Spitzflöte 8′
19. Salicional 8′
20. Dulciana 8′
21. Rohrflöte 8′
22. Oktave 4′
23. Flauto dolce 4′
24. Oktave 4′
25. Progressio II-III
26. Clarinette 8′
III Schwellwerk C–f3
27. Gedackt 16′
28. Geigenprinzipal 8′
29. Konzertflöte 8′
30. Liebl. Gedackt 8′
31. Aeoline 8′
32. Voix celestis 8′
33. Schalmei 8′
34. Traversflöte 4′
35. Quintatön 4′
36. Fugara 4′
37. Harmonia aeth. II-III
38. Oboe 8′
Pedal C–f1
39. Kontrabaß 32′
40. Prinzipalbaß 16′
41. Subbaß 16′
42. Violon 16′
43. Oktavbaß 8′
44. Bassflöte 8′
45. Violoncello 8′
46. Oktave 4′
47. Posaune 16′
48. Trompete 8′
49. Clarine 4′

Orgel der Veronikakapelle

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Das Orgelpositiv in der Veronikakapelle wurde 1939 von der Firma Sauer als Opus 1625 gebaut. Während der Restaurierung der Hauptorgel diente sie der Gemeindebegleitung und war dafür im Chorraum aufgestellt.[5]

Manual C–f3

1. Gedackt 8′
2. Rohrflöte 4′
3. Prinzipal (Bass/Diskant) 2′
4. Scharff III (Bass/Diskant)

Zur Begleitung der Chöre und zum Continuospiel wurde von Andreas Rösel (Saalfeld) eine Truhenorgel gebaut. Die drei Register stehen alle auf einer geteilten Lade. Die Orgel ist mit einer Mechanik ausgestattet, die es erlaubt, sie einen Halbton nach oben bzw. nach unten zu transponieren.[5]

Manual C–f3

1. Gedackt 8′
2. Principal 4′
3. Octave 2′

Himmelswiese am Chorgewölbe

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Himmelswiese am Chorgewölbe der Johanneskirche Saalfeld

Im Jahr 1982 wurde im Gewölbe des Chors eine einzigartige Malerei aus dem 16. Jahrhundert wiederentdeckt – die Himmelswiese. Diese historische, mit großer Akribie gefertigte Deckengewölbe-Verzierung ist der außergewöhnlichste und wohl auch schönste Schatz der Kirche: die Himmelswiese ist die umfangreichste pflanzendarstellende Deckenmalerei der Spätgotik im deutschsprachigen Raum. Sie zeigt 209 Pflanzen, viele sind Heilpflanzen; im Jahr 2006 haben Schüler des Heinrich-Böll-Gymnasiums Saalfeld sie in einer Seminarfacharbeit bestimmt und mit einem Faltblatt dokumentiert.[6][7]

Die Feuerglocke aus dem Jahr 1500 der Johanneskirche Saalfeld

Der Johanneskirche gingen in ihrer Geschichte sechs historische Bronze-Kirchenglocken verloren, drei in den Jahren 1713, 1830 sowie 1923. Drei weitere Glocken mussten als sogenannte Metallspende in den beiden Weltkriegen für Rüstungszwecke abgegeben werden.

In Nord- und Südturm befinden sich nun in drei Glockenstuben insgesamt sechs Bronze-Glocken aus den Jahren 1353 (Seigerglocke bzw. Uhrglocke, Gießer unbekannt, Gewicht 1.756 kg, unterer Durchmesser 1.442 mm), 1500 und 1713 (Bergglocke, Gießer J. Rosen aus Volkstedt, 95 kg, 545 mm) sowie drei aus dem Jahr 1965 (Glockengießerei Schilling in Apolda, Sonntagsglocke mit Inschrift Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen, 1.150 kg, 1.228 mm; Betglocke mit Inschrift Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen, 800 kg, 1.072 mm; Taufglocke mit Inschrift Dona nobis pacem (Gib uns den Frieden), 180 kg, 635 mm).

Die größte der sechs Glocken ist die im Jahr 1500 von H. Ziegler aus Erfurt gegossene Festglocke oder Feuerglocke; sie hat ein Gewicht von 3,05 Tonnen und einen unteren Durchmesser von 1.638 Millimeter.[8] Ihren Namen erhielt sie, weil sie bei Ausbruch eines Feuers die Bürger der Stadt warnen sollte, sie fand ebenfalls zu kirchlichen Anlässen und Festen Verwendung und war in die Liturgie des Gottesdienstes fest integriert. Bei Feuer wurde sie von Hand angeschlagen und bis Anfang der 1930er Jahre hierfür genutzt. Sie trägt die lateinische Inschrift A. D. MCCCCC Consolor viva, fleo mortua pello nociva * Sancte Johannes ora pro nobis deo („Im Jahr des Herrn 1500. Ich tröste das Lebende, beweine das Tote, vertreibe das Schädliche. Heiliger Johannes, bitte Gott für uns“).[9]

  • Klaus Mertens: Stadtkirchen in Thüringen. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1982, S. 177–178.
Commons: Johanneskirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Sabine Bujack: Aus drei mach zehn – mindestens. In Glaube und Heimat vom 2. Februar 2025, S. 8.
  2. Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Thüringen. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 1998, ISBN 3-422-03050-6, S. 1052.
  3. Soproni Múzeum, Sopron (Ungarn), Invent.-Nr. S. 2425 E 251 (Storno könyvtár): Gustav Kuntzsch Mappe, nicht paginiert.
  4. CVMA Potsdam: Saalfeld, Stadtpfarrkirche St. Johannes. In: Glasmalereien im Kontext. Corpus Vitrearum Deutschland, abgerufen am 9. November 2023.
  5. a b c Die Orgeln der Johanneskirche. In: Webseite der Kirchengemeinde. Abgerufen am 29. Januar 2025.
  6. https://www.denkmalschutz.de/denkmal/johanneskirche.html
  7. https://www.thueringen.info/kultur/saalfeld-johanneskirche/
  8. https://evangelische-kirche-saalfeld.de/kirchen/johanneskirche-saalfeld/glocken/, abgerufen am 30. Dezember 2025
  9. Die Glocken der Johanneskirche zu Saalfeld. In: evangelische-kirche-saalfeld.de. Kirchengemeindeverband Saalfeld, abgerufen am 16. September 2021.

Koordinaten: 50° 38′ 54″ N, 11° 21′ 36″ O