Johanneskirche (Weinsberg)

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Die Johanneskirche von Süden, links unten vor der Kirche das Gebäude des ev. Dekanats

Die evangelische Johanneskirche in Weinsberg, eine im frühen 13. Jahrhundert erbaute romanische Basilika, ist die Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde Weinsberg. Bis zur Reformation diente die Johanneskirche nicht nur als Weinsberger Pfarrkirche, sondern war auch Hauptkirche des 1291 erstmals erwähnten Landkapitels Weinsberg des Bistums Würzburg. Seit Einführung der Reformation ist sie Hauptkirche des evangelischen Kirchenbezirks Weinsberg der Württembergischen Landeskirche (mit einer Unterbrechung von 1586 bis 1710, als es keinen Kirchenbezirk Weinsberg gab). Die Johanneskirche ist ein Kulturdenkmal besonderer Bedeutung.[b 1]

Lage und Umgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lageplan (1834, bis heute nur wenig verändert)

Die Johanneskirche liegt am Ökolampadiusplatz 1 in der nordwestlichen Ecke der Weinsberger Altstadt, höher als die anderen Gebäude in der Altstadt mit Ausnahme der Weinsberger Burg, die sich ihrerseits im Nordwesten über die Kirche erhebt. Der die Kirche umgebende Kirchhof (der heutige Ökolampadiusplatz), der im Westen und Norden direkt an die Stadtmauer grenzt, wurde lange Zeit als Friedhof genutzt, ab 1617 nur noch für Familiengräber. 1807 wurde der Friedhof endgültig aufgelassen. Ein 1869 auf dem Platz aufgestelltes Denkmal für den in Weinsberg geborenen Reformator von Basel Johannes Oekolampadius, der an der Kirche gepredigt hatte, wurde 1967 wegen Verwitterung wieder entfernt und durch eine Inschrift an der Umfassungsmauer des Platzes ersetzt. In unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche, am Oekolampadiusplatz 2, befindet sich die 1807 erbaute ehemalige Weinsberger Mädchenschule. Die Kirchstaffel, eine breite Treppe, verbindet den Oekolampadiusplatz an seiner südwestlichen Ecke mit dem unterhalb und südlich gelegenen Weinsberger Marktplatz. An der Kirchstaffel, direkt unterhalb des Oekolampadiusplatzes, steht das Dekanatsgebäude des Kirchenbezirks Weinsberg. Weitere erhaltene Gebäude an der Kirchstaffel dienten im Lauf der Jahrhunderte als Pfarrhaus, Rathaus, Diakonat, Lateinschule und Mesnerei.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundriss

Über den Bau der Kirche sind keinerlei Archivalien erhalten, weshalb alle Datierungen aufgrund von Ausgrabungen, Inschriften und kunstgeschichtlichen Erwägungen erfolgen müssen. Die Johannes dem Täufer geweihte Kirche wurde ohne Vorgängerbau wahrscheinlich im Auftrag der Herren von Weinsberg erbaut, eines staufischen Ministerialengeschlechts, das dann auch das Patronatsrecht hatte. Das rechteckige romanische Langhaus mit einem Hauptschiff und zwei Seitenschiffen wurde um 1200/1210 errichtet. Es ist außen mit Bogenfriesen, Fratzen und Ornamenten geschmückt, innen aber fast schmucklos. Der Haupteingang befand sich im Westen, gegen Osten war das Gebäude von einer Mauer abgeschlossen.

Das Langhaus nach Osten gesehen

Vermutlich um 1230/1240 wurde diese östliche Mauer abgebrochen und stattdessen ein im Grundriss unten quadratischer, weiter oben achteckiger Chorturm angebaut. Das Langhaus mündete nun im Osten in einen erhöhten Chor, den südlich und nördlich zwei Apsiden begleiteten. Als letzter Bauabschnitt wurde um 1350 der gotische Ostchor angefügt. Südlich an diesen wurde später ein weiterer zweijochiger Raum angebaut, der heute als Sakristei genutzt wird. Unbewiesenen Vermutungen zufolge diente dieser Raum ursprünglich als Versammlungsraum für die Priester des Würzburger Landkapitels Weinsberg.

Die gleichzeitig mit der Kirche errichtete Weinsberger Stadtmauer schloss ursprünglich auch die Burg im Nordwesten mit ein. Das auf die Burg ausgerichtete, reich geschmückte Westportal der Kirche war deren Hauptportal. Vermutlich 1332 schlossen die Weinsberger Bürger im Verlauf eines Streits mit den Burgherren die Stadt durch eine neue Stadtmauer im Westen gegenüber der Burg ab, wie Urkunden aus dem Jahr 1375 aussagen.[1] Die Kirche, ursprünglich zwischen Burg und Siedlung gelegen, lag nun im nordwestlichsten Winkel der Stadt, durch die Stadtmauer von der Burg getrennt. Zum Haupteingang entwickelte sich ein Zugang im Süden der Kirche (heute die westlichste der drei südlichen Türen).

Nachdem die Stadt 1440 und die Burg 1450 kurpfälzisch geworden waren, ging das Patronatsrecht an die pfälzischen Kurfürsten über, ab 1504 an die Herzöge von Württemberg. Bei der Eroberung Weinsbergs 1504 durch Herzog Ulrich wurde die Kirche beschädigt, die Decke des Ostchors stürzte ein. Bis 1510 wurden die Schäden repariert. Wenig später, bei der Zerstörung der Stadt im Bauernkrieg am 21. Mai 1525, brannte die Kirche aus und wurde danach wieder aufgebaut. Der Turm, beim Weinsberger Blut-Ostern am 16. April 1525 (Ostersonntag) noch Zuflucht einiger Adeliger, büßte beim Wiederaufbau ein Stockwerk ein. Die späteren Zerstörungen der Stadt durch Brände 1707 und 1945 überstand die Kirche unversehrt.

Orgel

Bei einer Kirchenrenovierung 1817 bis 1820 wurde der aus dem Lot geratene Westgiebel des ursprünglich als Satteldach ausgeführten Langhausdaches abgetragen und das Dach zu einem Walmdach umgestaltet. Der Adler, der den Giebel ursprünglich krönte, steht seitdem am Fuß der Stadtmauer direkt gegenüber dem Westportal der Kirche.

An der Ostseite des Ostchores befindet sich das Weinsberger Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Entworfen hat es der Weinsberger Bildhauer Albert Volk, der auch den Figurenschmuck des Denkmals ausführte. Die Architektur und die Inschriften fertigte der Weinsberger Bildhauer J. Scheerer.[2] 1995 wurde an der Südseite der Kirche eine Gedenkplatte für Johannes Oekolampadius angebracht.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die große Orgel wurde 1956 von dem Orgelbauunternehmen Friedrich Weigle (Leinfelden-Echterdingen) erbaut und 2005 von dem Orgelbauunternehmen Mühleisen (Leonberg) restauriert, wobei auch die Disposition geringfügig verändert wurde. Das Instrument ist auf 34 Register angelegt, gebaut sind derzeit 29 Register, verteilt auf drei Manualen und Pedal. Die Register des 2. und 3. Manuals stehen in einem gemeinsamen Schwellwerk, das auch rückseitig schwellbar ist, um den Effekt eines Fernwerks zu erreichen. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen elektrisch.[3]

I Hauptwerk C–g3
1. Bourdon 16′
2. Principal 8′
3. Gedeckt 8′
4. Viola di Gamba 8′
5. Octave 4′
6. Traversflöte 4′
7. Quinte 223
8. Superoctave 2′
9. Mixtur V 2′
10. Trompete 8′
II Schwellwerk C–g3
11. Geigenprincipal 8′
12. Salicional 8′
13. Voix céleste (ab c0) 8′
14. Fugara 4′
15. Plein jeu V 223
16. Basson 16′ v
17. Oboe 8′
III Schwellwerk C–g3
18. Gedeckt 8′
19. Flute harmonique 8′ v
20. Rohrflöte 4′
21. Nazard 223
22. Flageolet 2′
23. Terz 135
24. Trompette harm. 8′ v
25. Cromorne 8′ v
Pedalwerk C–f1
26. Principalbass 16′
27. Subbass 16′
28. Nazard 1023
29. Octavbass 8′
30. Gedecktbass 8′
31. Violoncello 8′ v
32. Tenoroctave 4′
33. Posaune 16′
34. Trompette 8′
v = vakant

Fotos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Denkmalschutzgesetz Baden-Württemberg, § 12 in Verbindung mit § 28

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 800 Jahre Johanneskirche Weinsberg. Jubiläumsband zum Festjahr 2004, Vorträge und Veranstaltungen. Evangelische Kirchengemeinde Weinsberg, Weinsberg 2004
  • Simon M. Haag: Römer – Salier – Staufer – Weinsberger : kleine Geschichte von Burg und Stadt Weinsberg. Hg. v. Stadtarchiv Weinsberg. Verl. Nachrichtenblatt der Stadt Weinsberg, Weinsberg 1996, ISBN 3-9802689-9-3
  • Simon M. Haag: Zur Baugeschichte der Oberamtsstadt Weinsberg. Verl. Nachrichtenblatt der Stadt Weinsberg, Weinsberg 1995, ISBN 3-9802689-8-5
  • Christoph Planck: Johanneskirche Weinsberg. 3. Auflage. Evangelische Kirchengemeinde Weinsberg, Weinsberg 1998

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Simon M. Haag, Helmut Deininger, Manfred Wiedmann: Die Schenkelmauern zwischen Burg und Stadt Weinsberg und die Vorburgsiedlung oder die Unterstützung historischer Forschung durch neuere naturwissenschaftliche Errungenschaften. In: Württembergisch Franken 84. Historischer Verein für Württembergisch Franken, Schwäbisch Hall 2000. S. [75]–101
  2. Norbert Jung: 1914 – Albert Volk – Kriegerdenkmale – 2014, Heilbronn 2014, ISBN 978-3-934096-39-4, S. 26–28.
  3. Nähere Informationen zur Orgel der Johanneskirche

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Johanneskirche Weinsberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 49° 9′ 10″ N, 9° 17′ 9″ O