Josef Kramer

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Josef Kramer im August 1945

Josef Kramer (* 10. November 1906 in München; † 13. Dezember 1945 in Hameln) war ein deutscher SS-Führer und Lagerkommandant der Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, der als Kriegsverbrecher im Bergen-Belsen-Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Herkunft, Schulzeit, Ausbildung und Arbeitslosigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Josef Kramer wuchs als Einzelkind in einer Mittelstandsfamilie auf, sein Vater war verbeamteter Rechnungsprüfer. Seine Eltern erzogen ihn „streng katholisch“.[1] 1913 zog die Familie von München nach Augsburg, wo Kramer die Volksschule abschloss. Ab 1920 machte er eine Elektrikerlehre.[2] Danach besuchte er die Handelsschule und absolvierte eine dreijährige Ausbildung zum Buchhalter in einem Warenhaus. Aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage seines Arbeitgebers verlor er 1925 seine erste Anstellung nach wenigen Monaten. Die folgenden neun Jahre war er bis auf Gelegenheitsarbeiten als Hausierer erwerbslos und lebte während dieser Zeit noch im Elternhaus.[3] Als auch sein Vater während der Weltwirtschaftskrise 1931/32 seine Arbeit verlor, geriet die ganze Familie in wirtschaftliche Not.[2]

Hinwendung zum Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Dezember 1931 wurde der bis zu diesem Zeitpunkt politisch wenig interessierte Kramer Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnr. 753.597). Am 20. Juni 1932 trat er in die SS (SS-Nr. 32.217) ein.[4] Als SS-Mitglied führte er ehrenamtlich Tätigkeiten für die in Augsburg stationierte 29. SS-Standarte, II. SS-Sturm unter Leitung von Hans Loritz aus.[2] Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erhielt er Ende Oktober 1933 eine Anstellung als Taggeldangestellter beim Steueramt in Augsburg und wechselte im Januar 1934 zum Standesamt Augsburg. Er war mit der Erstellung der Impflisten für den Bezirksarzt Augsburg Stadt betraut.[5][2] Zudem fertigte er ein Verzeichnis für die Geburts-, Heirats- und Sterberegister und Kirchenaustritte an.

Seine 1934 erfolgte hauptamtliche Anstellung beim SS-Hilfwerk im Konzentrationslager Dachau markierte eine erste Etappe seines nun beginnenden „Aufstieges“ im nationalsozialistischen Konzentrationslagersystem. Er wurde dort von Hans Loritz angefordert und zog erstmals aus dem Elternhaus aus.[6] Beim SS-Hilfswerk, einer Institution zur Betreuung aus Österreich geflohener Nationalsozialisten, war er als Schreiber in der SS-Zahlmeisterei eingesetzt. Über das Geschehen im Konzentrationslager war er im Bilde.[7]

Ein- und Aufstieg bei der Konzentrationslager-SS[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von November 1934 bis Juni 1936 arbeitete er als Schreiber in der Kommandantur des KZ Esterwegen unter dem Lagerkommandant Loritz. Als das Lager Esterwegen 1936 aufgegeben wurde, kehrte er nach Dachau zurück, wo er, wiederum unter Loritz, im Schreibdienst in der Kommandantur eingesetzt wurde.[6] Von Juni 1937 bis August 1938 war er im KZ Sachsenhausen zuerst in der Adjutantur beschäftigt und stieg dann zum Leiter der Poststelle auf. Mit seiner Versetzung in das KZ Mauthausen im August 1938 wechselte er von bisher untergeordneten Aufgaben erstmals in den direkten Lagerdienst. Er wurde Adjutant unter dem Lagerkommandanten Franz Ziereis. Von Mai 1940 bis November 1940 war er im KZ Auschwitz Adjutant von Rudolf Höß und absolvierte anschließend bis April 1941 im KZ Dachau die Schulung zum Lagerführer.[8]

Lagerkommandant im KZ Natzweiler-Struthof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Danach wurde er in dem im Elsass gelegenen KZ Natzweiler-Struthof zunächst von April 1941 bis Mai 1942 als Schutzhaftlagerführer eingesetzt, wirkte ab Februar 1942 als kommissarischer Kommandant, bevor er dort im Oktober 1942 zum Lagerkommandanten aufstieg.[9][10]

Unter seiner Kommandantur wurde im KZ Natzweiler-Struthof eine Gaskammer für Menschenversuche der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe gebaut, deren Fertigstellung er am 12. April 1943 meldete. Im August 1943 ließ er 86 aus dem KZ Auschwitz überstellte Gefangene dort vergasen, um die berüchtigte „Schädel- und Skelettsammlung“ des Anatomieprofessors August Hirt an der Reichsuniversität Straßburg zu vervollständigen. Kramer leitete diese Mordaktion und sah beim Todeskampf der Opfer durch ein Fenster zu.[10] Im Frühjahr 1943 war er mit dem Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse ausgezeichnet worden.

Lagerkommandant im KZ Auschwitz-Birkenau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 1944 kehrte er in das KZ Auschwitz als Lagerkommandant des KZ Auschwitz-Birkenau zurück und folgte auf diesem Posten Friedrich Hartjenstein nach, der wiederum in das KZ Natzweiler-Struthof versetzt wurde. Ab diesem Zeitpunkt begann unter der Leitung von Höß die so genannte „Ungarn-Aktion“, die Ermordung hunderttausender ungarischer Juden.[8] Die Gaskammern und Krematorien lagen auf diesem Terrain, sie unterstanden jedoch dem SS-Hauptscharführer Otto Moll.[11] Die Auschwitzüberlebende Olga Lengyel erlebte Kramer während einer Selektion im Krankenbau des Frauenlagers, wo er ihrer Aussage zufolge beim Verladen der Opfer auf die Lastwagen einem weiblichen Häftling den „Schädel mit einem Knüppelschlag zerschmetterte“.[12]

Lagerkommandant im KZ Bergen-Belsen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häftlingsleichen auf dem Gelände des KZ Bergen-Belsen im April 1945

Im Zuge der Reorganisation des KZ Auschwitz (Zusammenlegung des Stammlagers mit Auschwitz-Birkenau) wurde Kramer in das KZ Bergen-Belsen versetzt und übernahm dort am 2. Dezember 1944 die Lagerleitung als Nachfolger von Adolf Haas.[13] Einen Teil seines bisherigen Personals nahm er mit nach Bergen-Belsen.[14] Unter seiner Führung wurde im sogenannten Sternlager die jüdische Häftlingsselbstverwaltung abgeschafft. Jüdische Gefangene wurden aus „besonders geschützten Arbeitsstellen“ entfernt und durch nichtjüdische Funktionshäftlinge ersetzt, die umgehend ein Schreckensregiment einführten. Zudem verschlechterten sich die Lebensbedingungen für die jüdischen Häftlinge durch herabgesetzte Nahrungsrationen und Überbelegung von Häftlingsbaracken.[15]

Die Zustände im Lager entwickelten sich unter Kramers Lagerkommandantur zu einem unvorstellbaren Grauen, dem die meisten Belsen-Häftlinge, hauptsächlich durch Entkräftung und Typhus, zum Opfer fielen. Bergen-Belsen wurde gegen Kriegsende Ziel etlicher Evakuierungstransporte anderer Konzentrationslager, dadurch war das Lager völlig überbelegt und die Lebensbedingungen der Häftlinge verschlechterten sich rapide durch die zunehmend schlechte Versorgungslage und Seuchen.[16]

Kurz vor der Befreiung des Lagers ließ Kramer noch die Akten der Kommandantur vernichten und wies die entkräfteten Häftlinge an, die zu Tausenden auf dem Lagergelände herumliegenden Leichen wegzuräumen.[17] Im Januar 1945 hatte er noch das Kriegsverdienstkreuz der 1. Klasse verliehen bekommen.

Verhaftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Josef Kramer wird mit Fußfesseln am 17. April 1945 durch das KZ Bergen-Belsen geführt.

Das KZ Bergen-Belsen wurde am 15. April 1945 durch britische Truppen übernommen. Aufgrund möglicher Häftlingstumulte versuchte Kramer erfolglos, den britischen Armeeangehörigen den Zutritt zum Lager zu verweigern. Diese fuhren jedoch ins Lager und informierten die Häftlinge über ihre Ankunft. Als Häftlinge kurz darauf versuchten, in die Häftlingsküche und den Kartoffelkeller einzudringen, ließ die Lager-SS auf sie schießen, was durch britische Offiziere umgehend unterbunden wurde. Danach richtete ein britischer Offizier seine Pistole auf Kramer und zwang ihn, einen verletzten Häftling ins Lazarett zu tragen. Am 17. April 1945 wurde Kramer verhaftet, unter Arrest gestellt und in Fesseln durch das Lager geführt. Nach mehrfachen Vernehmungen erfolgte am 18. April 1945 die Einlieferung in das Kriegsgefangenenlager Celle. Anfang Mai 1945 wurde er kurzzeitig ins belgische Diest überstellt und danach wieder nach Celle verbracht.[18] Während der Verhöre gab Kramer bereitwillig Auskunft. Er schilderte seinen Lebenslauf und äußerte sich auch zu begangenen Verbrechen: So räumte er die Durchführung der Vergasung von 86 Juden im KZ Natzweiler-Struthof ein, die er, ohne etwas zu fühlen, als Befehlsempfänger vorgenommen habe.[19]

Nachkriegszeit – Prozess, Todesurteil und Hinrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Irma Grese und Josef Kramer im Gefängnishof in Celle im August 1945

Kramer wurde in der britischen Öffentlichkeit als „Beast of Belsen“ (Bestie von Belsen) bezeichnet.[10] Er musste sich ab dem 17. September 1945 mit 44 weiteren Angehörigen des Belsener Lagerpersonals im Bergen-Belsen-Prozess vor einem britischen Militärgericht wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. In seinem Fall wurden nicht nur im KZ Bergen-Belsen begangene Verbrechen verhandelt, sondern ebenso wie bei zehn weiteren Beschuldigten Verbrechen im KZ Auschwitz. Zu Verhandlungsbeginn plädierte er wie alle anderen Angeklagten auf „nicht schuldig“.[20] Für Kramer sagte einzig dessen Ehefrau Rosina (* 1914) aus, eine Stenotypistin, mit der er seit Oktober 1937 verheiratet war und drei Kinder hatte.[21][22]

Am 17. November 1945 wurde Kramer zum Tode durch den Strang verurteilt. Zehn Tage später stellte er bei Feldmarschall Bernard Montgomery ein Gnadengesuch, dem nicht stattgegeben wurde: Kramer wies darin seine Verantwortung für die katastrophalen Zustände in Bergen-Belsen zurück und verwies stattdessen auf seine Vorgesetzten und die kriegsbedingten Umstände. Er selbst sei Befehlsempfänger gewesen und habe „aufopfernd“ sowie „ohne Rücksicht“ seine Pflicht erfüllt. Er sei vor der Lagerübergabe auch nicht „feige“ geflohen, sondern „aus Sorge vor den ihm anvertrauten Gefangenen“ gewissenhaft vor Ort geblieben.[23] Am Ende des Gnadengesuchs schloss er mit folgenden Ausführungen: „1.) Ich bin an den mir zur Last gelegten Straftaten für Bergen-Belsen, wie auch für Auschwitz vollkommen unschuldig. 2.) ich bin kein Kriegsverbrecher. 3.) Ich habe keinen Menschen aus eigener Initiative getötet. 4.) Ich war nur Soldat und habe als solcher die Befehle meiner militärischen Vorgesetzten durchgeführt.“[24]

Das Urteil wurde am 13. Dezember 1945 im Zuchthaus Hameln vollstreckt.[10] Kramers Henker war Albert Pierrepoint.

Ränge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Datum Rang
Ende 1933 SS-Unterscharführer
September 1934 SS-Scharführer
April 1935 SS-Hauptscharführer
Frühjahr 1937 SS-Untersturmführer
Januar 1939 SS-Obersturmführer
1. Juni 1942 SS-Hauptsturmführer

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS. dtv, München 2004, ISBN 3-423-34085-1
  • Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Pendo Verlag, Hamburg 2002, ISBN 3-85842-450-1.
  • Tom Segev: Die Soldaten des Bösen. Zur Geschichte der KZ-Kommandanten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, ISBN 3-499-18826-0.
  • Eberhard Kolb: Bergen Belsen. Geschichte des „Aufenthaltslagers“ 1943–1945. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1962 (Nachdruck der Ausgabe von 1962, Lit Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-643-11067-1)
  • Raymond Phillips(Hrsg.): Trial of Josef Kramer and forty-four others (The Belsen-Trial). War Crimes Trials Series Vol. II, London, Edinburgh, Glasgow 1949
  • Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3.
  • Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940–1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 1999, ISBN 83-85047-76-X. 5 Bände: I. Aufbau und Struktur des Lagers. II. Die Häftlinge – Existenzbedingungen, Arbeit und Tod. III. Vernichtung. IV. Widerstand. V. Epilog.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Josef Kramer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tom Segev: Die Soldaten des Bösen. Zur Geschichte der KZ-Kommandanten. Reinbek bei Hamburg 1995, S. 63f.
  2. a b c d Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, München 2004, S. 103
  3. Tom Segev: Die Soldaten des Bösen. Zur Geschichte der KZ-Kommandanten. Reinbek bei Hamburg 1995, S. 64
  4. Eberhard Kolb: Bergen Belsen. Geschichte des „Aufenthaltslagers“ 1943–1945, Lit Verlag, Berlin 2011, S. 122
  5. Eberhard Kolb: Bergen Belsen. Geschichte des „Aufenthaltslagers“ 1943–1945, Lit Verlag, Berlin 2011, S. 122f.
  6. a b Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, München 2004, S. 104
  7. Tom Segev: Die Soldaten des Bösen. Zur Geschichte der KZ-Kommandanten. Reinbek bei Hamburg 1995, S. 66
  8. a b Eberhard Kolb: Bergen Belsen. Geschichte des „Aufenthaltslagers“ 1943–1945, Lit Verlag, Berlin 2011, S. 123
  9. Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, München 2004, S. 214
  10. a b c d Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 233f.
  11. Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 283
  12. Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz, Frankfurt 1980, S. 363
  13. Eberhard Kolb: Bergen Belsen. Geschichte des „Aufenthaltslagers“ 1943–1945, Lit Verlag, Berlin 2011, S. 124
  14. Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager., Hamburg 2002, S. 266
  15. Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager., Hamburg 2002, S. 267
  16. Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager., Hamburg 2002, S. 268f.
  17. Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager., Hamburg 2002, S. 310
  18. Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, München 2004, S. 266
  19. Josef Kramer – Er hat nichts gefühlt. In: Der Spiegel, Ausgabe 18 vom 25. April 2015, S. 51
  20. vgl. Claudia Taake: Angeklagt: SS-Frauen vor Gericht, Oldenburg 1998, S. 52ff.
  21. Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, München 2004, S. 137
  22. http://www.iwm.org.uk/collections/item/object/205078763
  23. Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, München 2004, S. 280f.
  24. Gnadengesuch von Josef Kramer am 27. November 1945 an Bernard Montgomery. Zitiert nach: Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS, München 2004, S. 281