Zum Inhalt springen

Joseph Bédier

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Joseph Bédier

Charles Marie Joseph Bédier (* 28. Januar 1864 in Paris; † 29. August 1938 in Le Grand-Serre) war als französischer Romanist und Literaturhistoriker auf altfranzösische Literatur spezialisiert.

Bédier lehrte mittelalterliche französische Literatur 1889–1891 an der Universität Freiburg (Schweiz) und ca. 1903 am Collège de France in Paris. In seinem bekanntesten Werk Les légendes épiques erklärt er das Entstehen der Heldenepen mit den Örtlichkeiten der Pilgerwege (»Pilgerstraßen-Theorie«).

Zu seiner 1900 erschienenen Prosa-Fassung des Tristan-Stoffes heißt es im Klappentext der deutschsprachigen Ausgabe des Insel-Verlags Leipzig, Der Roman von Tristan und Isolde (1974): „…versucht, aus den vielfachen französischen und deutschen Überlieferungen, treulich vor allem aber dem altfranzösischen Fragment des Béroul (um 1190) folgend, diese Liebesgeschichte für den Leser unseres Jahrhunderts zu rekonstruieren, wobei er sich bemühte, jegliche Verquickung des Alten mit Modernem zu vermeiden.“ In dem „Anmerkung“ überschriebenen Nachwort zu der erstmals 1911 erschienenen Übersetzung Rudolf G. Bindings ist zu lesen: »Ich habe in diesem Buch versucht, jegliche Vermischung des Alten und Modernen zu vermeiden. Die Unstimmigkeiten, die Anachronismen, die falschen Ausschmückungen auszumerzen, das vetusta scribenti nescio quo pacto antiquus fit animus[1] wahrzumachen, kraft meiner historischen und kritischen Wahrheitsliebe über mich selbst Herr zu werden, niemals unsere modernen Auffassungen mit den alten Formen des Denkens und Fühlens zu vermengen: Das war mein Vorwurf, meine Arbeit und, ohne Zweifel, ach! meine Chimäre. Mein Text aber ist weither zusammengekommen, und wenn ich meine Quellen im einzelnen angeben wollte, müßte ich an den Fuß der Seiten eine solche Menge von Noten setzen, daß sie das kleine Buch belasteten und überwucherten. Doch schulde ich dem Leser zum mindesten diesen Nachweis in großen Zügen...« 

Arthur Schurig (Philologe) bemerkt dazu in seinem 1923 erschienen Roman von Tristan und Isolde in der bretonischen Urgestalt: „In der Tat, dem Tristan Bédiers haftet das eigentümliche Parfüm des zwölften Jahrhunderts, herübergeholt aus Berol, Thomas, Eilhart und Gottfried, stark an; eine Rekonstruktion aber des verlorenen Ur-Tristans ist sein gelehrter Versuch keineswegs. Der von Marke ertappte Tristan winselt (Bédier, S. 79): Gewährt mir Gnade, Herr! Im Namen Gottes, der am Kreuze starb, Herr, Gnade für uns! Dann (S. 139) schwört Isolde auf die Gebeine von christlichen Heiligen. Und dem Einsiedler Ugrim (S. 117) sinkt sie, von Schmerz bewegt, zu Füßen. Das sind frömmlerische Zutaten des zwölften Jahrhunderts. Die Spielleute und Dichter, die zweihundert Jahre zuvor den alten bretonischen Roman mündlich oder schriftlich verbreiteten, haben die beiden Gestalten unbedingt anders gesehen und hingestellt. Noch bestanden die heidnischen Elemente der Sage unverwischt und ungetilgt. Unecht auch ist alles, was die höfische Weltanschauung des zwölften Jahrhunderts eingefügt hat. Das Rittertum der Wikingerzeit oder gar unter den Merowingern war erheblich urwüchsiger und grausamer als zur Zeit der ersten Kreuzzüge.“[2]

Zu Bédiers Schülerinnen gehörte wahrscheinlich die Historikerin Mathilde Laigle.[3]

Ab 1913 war Bédier auswärtiges Mitglied der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften und ab 1920 Mitglied der Académie française. 1924 wurde er in die Accademia Nazionale dei Lincei[4] und 1929 in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. 1937 wurde er in die American Philosophical Society aufgenommen.[5]

Schriften (Auswahl)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Le lai de l’ombre. 1890.
  • Le fabliau de Richeut. 1891.
  • Les fabliaux, études de littérature populaire et d’histoire littéraire du Moyen Âge. 1893.
  • De Nicolao Museto (gallice Colin Muset), francogallico carminum scriptore. 1893.
  • Le roman de Tristan et Iseut. 1900 (s:fr:Le roman de Tristan et Iseut); Der Roman von Tristan und Isolde: deutsch von Rudolf G. Binding im Insel Verlag 1911.
  • Le roman de Tristan par Thomas. 2 Bände, 1902–1905.
  • Études critiques. 1903.
  • Les deux poèmes de la folie Tristan. 1907.
  • Légendes épiques, recherches sur la formation des chansons de geste. 1908–1913.
  • Les chansons de croisade. 1909.
  • Les chansons de Colin Muset. 1912.
  • Les crimes allemands d’après les témoignages allemands. 1915.
  • Comment l’Allemagne essaie de justifier ses crimes?. 1915.
  • Mit Paul Hazard: Histoire de la littérature francaise. 2 Bände, 1923/1924.
  • L’effort français. 1919.
  • La chanson de Roland. critical edition, 1920.
  • La chanson de Roland. 1922 (nach dem Oxforder Manuskript).
  • Commentaires sur la chanson de Roland. 1927.
  • Kurt Kloocke: Joseph Bédiers Theorie über den Ursprung der Chansons de geste und die daran anschliessende Diskussion zwischen 1908 und 1968. Tübingen, Univ., Diss., 1971, Kümmerle, Göppingen 1972, ISBN 3-87452-073-0.
  • Alain Corbellari: Joseph Bédier écrivain et philologue. Genf 1997.
  • Michelle R. Warren: “Au Commencement était l’île”: The Colonial Formation of Joseph Bédier’s. Chanson de Roland. In: Ananya Jahanara Kabir, Deanne Williams (Hrsg.): Postcolonial Approaches to the European Middle Ages: Translating Cultures. University Press, Cambridge 2005, S. 205–226.
  • Alain Corbellari, Ursula Bähler (Hrsg.): Sur les traces de Joseph Bédier. München 2019, ISBN 978-3-95477-098-4 (romanischestudien.de).
Commons: Joseph Bédier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. „Ceterum et mihi vetustas res scribenti nescio quo pacto antiquus fit animus“ Ab urbe condita (Livius) XLIII 13,2. Übersetzung Konrad Heusinger 1821: „In mir aber – ich weiß nicht, wie es zugeht – belebt den Geschichtschreiber des Alterthums der Geist der Vorwelt“ projekt-gutenberg.org
  2. projekt-gutenberg.org
  3. Margarete Zimmermann: Sages et prudentes mainagieres in Christine de Pizans »Livre des Trois Vertus« (1405). In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Mit einem Register von Ralf Nelles. Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 3-7995-4156-X, S. 193–206, hier: S. 193, Anm. 1.
  4. Accademici: Joseph Bédier. Accademia Nazionale dei Lincei, abgerufen am 16. März 2026 (italienisch).
  5. Member History: Joseph Bédier. American Philosophical Society, abgerufen am 27. April 2018.