Joseph E. Davies

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Joseph E. Davies
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Joseph Edward Davies (* 29. November 1876 in Watertown, Wisconsin; † 9. Mai 1958 in Washington, D.C.) war ein US-amerikanischer Jurist und Diplomat.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechtsanwalt und Politiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn einer jüdischen Einwandererfamilie aus Wales studierte an der Universität von Wisconsin Jura.[1] Nach dem Abschluss seines Studiums eröffnete er in seiner Heimatstadt Watertown eine Rechtsanwaltskanzlei und engagierte sich in der Demokratischen Partei. 1907 wurde er deren Vorsitzender im Bundesstaat Wisconsin.

Bei der Präsidentschaftskampagne 1912 gehörte er zum Wahlkampfteam von Woodrow Wilson. Nach dessen Sieg bekam Davies den Auftrag, die Federal Trade Commission aufzubauen, eine Behörde, die die großen Handelsmonopole im Interesse des Konsumentenschutzes zerschlagen sollte. Ihm wurde allerdings vorgeworfen, dass die von ihm durchgesetzten Maßnahmen teilweise die großen Konzerne begünstigt haben. Zu seinen schärfsten Kritikern gehörte der prominente Jurist Louis Brandeis.[2][3]

Nachdem Davies 1917 eine Nachrückerwahl für den Senat verloren hatte, praktizierte er wieder als Anwalt, unterbrochen durch eine Abordnung als Wirtschaftsexperte der US-Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz 1919. Er spezialisierte sich auf die Rechtsvertretung großer Konzerne. Für die Aktionärsgemeinschaft der Ford Motor Company gewann er einen Aufsehen erregenden Prozess gegen die Finanzbehörden, er bekam dafür das damalige Rekordhonorar von 2,0 Millionen Dollar. Auch handelte er im Auftrag des Diktators der Dominikanischen Republik, Rafael Trujillo, ein Schuldenabkommen mit der US-Regierung aus.[4] Dank dieser Aufträge wurde er zum Multimillionär. In der Wahlkampagne 1932 unterstützte er Franklin D. Roosevelt und gehörte nach dessen Sieg zum engsten Umfeld des Weißen Hauses.

Diplomat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Januar 1937 bis Juni 1938 vertrat Davies als Vertrauter Roosevelts und Quereinsteiger in den diplomatischen Dienst die USA als Botschafter in Moskau.[5] Er sprach kein Russisch und wirkte auf die dort arbeitenden amerikanischen Diplomaten überaus unprofessionell, wie der damalige Attaché George F. Kennan, ein Russlandexperte, in seinen Memoiren festhielt.[6] Kennans Urteil über ihn lautete: „Ein politisch ehrgeiziger Mann, der nichts über Russland wusste und auch kein ernsthaftes Interesse daran hatte“ (A politically ambitious man, who knew nothing about Russia and had no serious interest in it).[7]

In Davies' Moskauer Zeit fielen die Säuberungen in der Roten Armee sowie der zweite und dritte große Schauprozess gegen ehemals führende Köpfe der Bolschewiki. Davies saß bei einer der Verhandlungen auf der Zuschauertribüne, begleitet von Kennan als Dolmetscher. Während dieser keinen Zweifel an der Inszenierung des Verfahrens hatte, lobte Davies in seinen Depeschen nach Washington die „Beachtung rechtstaatlicher Prinzipien“ und bezeichnete die Urteile als gerecht: Die Angeklagten hätten die Todesstrafe verdient, da sie eine „fünfte Kolonne für Nazi-Deutschland“ gebildet hätten. Besonders anerkennend äußerte er sich über den sowjetischen Generalstaatsanschalt Andrei Wyschinski, der nach Davies‘ Worten „wie ein Professor sprach, der eine Vorlesung hält“ (like a professor delivering a lecture).[8] Da Kennan dieser Auffassung heftig widersprach und auch die positive Sicht des Botschafter auf Stalin sowie die gesamte sowjetische Gesellschaftsordnung nicht teilte, sorgte Davies dafür, dass dieser aus Moskau abgezogen wurde.[9][10]

Bei seinem Abschied von Moskau nahm Davies mit Genehmigung der sowjetischen Behörden zahlreiche Ikonen und Gemälde russischer Künstler sowie eine umfangreiche Porzellansammlung mit.[11][12] Anschließend trat er an die Spitze der US-Botschaft in Brüssel, er war für Belgien und Luxemburg zuständig. Auf diesem Posten erlebte er den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Im November 1939 kehrte er nach Washington zurück. [13]

Nach seiner Rückkehr gehörte er weiterhin zu den außenpolitischen Beratern Roosevelts. Über seine Moskauer Zeit schrieb er ein Buch, das 1941 unter dem Titel „Mission to Moscow“ erschien. Es erhielt exzellente Rezensionen in fast der gesamten amerikanischen Presse und verkaufte sich 700.000-mal. Darin bekräftigte er sein Lob für die Moskauer Schauprozesse.[14] Über Stalin schrieb Davies: „Seine braunen Augen sind überaus weise und edel. Ein Kind würde es mögen, auf seinem Schoss zu sitzen, ein Hund an ihm hochspringen.“ (His brown eye is exceedingly wise and gentle. A child would like to sit on his lap and a dog would sidle up to him.) Stalin sei der von seinen Landsleuten geliebte „weise Führer“ einer demokratischen Gesellschaft, in der alle die gleichen Rechte hätten.[15] 1943 wurde das Buch unter dem selben Titel „Mission to Moscow“ unter der Regie von Michael Curtiz in Hollywood verfilmt, der Untertitel lautete: „Die Reise eines Amerikaners zur Wahrheit“ (One American's Journey into the Truth).[16]

Als im April 1943 Nachrichten von den Massengräbern im Wald von Katyn mit den Leichen mehrerer Tausend polnischer Offiziere durch die internationale Presse gingen, erklärte Davies, an der deutschen Täterschaft beim Massaker von Katyn könne kein Zweifel bestehen.[17]

Im Mai 1943 traf Davies als Sondergesandter Roosevelts erneut in Moskau ein, er sollte Stalin einen Brief des US-Präsidenten persönlich überbringen. Nicht einmal US-Botschafter William H. Standley durfte von dessen Inhalt erfahren; dieser sah die Entsendung des von ihm persönlich nicht geschätzten Davies' als Misstrauensbeweis Roosevelts an und reichte kurz darauf seinen Rücktritt ein.[18] Wie später bekannt wurde, schlug Roosevelt in dem Brief Stalin ein Treffen in kleinstem Kreis vor, ohne die Außenminister, vor allem aber auch ohne den britischen Premier Winston Churchill, der nach Roosevelts Einschätzung Stalin misstraute.[19] Bei einem Hintergrundgespräch in der US-Botschaft in Moskau ermahnte Davies laut den Aufzeichnungen Standleys die amerikanischen Korrespondenten: „Sie können unserem Land gewaltigen Schaden zufügen, wenn Sie in Ihren Artikeln die Sowjetunion kritisieren.“ (You can do tremendous harm to our country by criticizing the Soviet Union in your articles.)[20]

Davies gehörte auch auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 zu den Beratern Roosevelts. Er geriet mit Churchill in Konflikt, weil dieser vor einer sowjetischen Besetzung Osteuropas warnte.[21] Wenig später erhielt er in Moskau auf persönlichen Vorschlag Stalins den Lenin-Orden, die höchste sowjetische Auszeichnung, für seinen „großen Anteil an der Stärkung des Vertrauens zwischen den USA und der UdSSR“ (За большой вклад в дело укрепления доверия между СССР и США). In seiner Dankesrede würdigte er besonders Stalins Einsatz für den Frieden in der Welt.[22]

Auch auf der Konferenz von Potsdam (Juli/August 1945) gehörte Davies zur US-Delegation; er warb bei dem neuen US-Präsidenten Harry S. Truman dafür, Stalins Gebitesforderungen in Osteuropa zu akzeptieren.[23] In dieser Zeit versprach er dem sowjetischen Botschafter in Washington, Andrei Gromyko, dass er sich im Weißen Haus für die Auslieferung des sowjetischen Diplomaten Wiktor Krawtschenko, der in den USA um politisches Asyl gebeten hatte, an Moskau einsetzen werde. Das State Department aber blockierte Davies' Initiative.[24]

Mit dem außenpolitischen Schwenk Trumans, der 1947 in der Truman-Doktrin formuliert wurde, schied Davies aus dem Beraterkreis des Weißen Hauses aus. Truman sah nun Davies' Lobpreisungen der angeblichen Demokratie in der Sowjetunion und Stalins angeblichen Kampf für den Weltfrieden als völlig naiv an und sagte über ihn, er solle sich dem „Amerikanischen Verein der Irren“ (American Crackpots Association) anschließen.[25]

Im Ruhestand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Kalten Kriegs geriet Davies in das Visier der Kommission für unamerikanische Aktivitäten, die auf Betreiben des Senators Joseph McCarthy die Unterwanderung des amerikanischen Regierungsapparats durch Kommunisten und Sympathisanten der Sowjetunion untersuchte. Der Kommission befand, dass es sich bei dem Buch „Mission to Moscow“ und dem gleichnamigen Film um „prosowjetische Propaganda“ handelte.[26] Er musste sich auch vorhalten lassen, grundsätzlich die Absichten Stalins nicht begriffen zu haben.

Davies verteidigte weiterhin seine prosowjetischen Positionen. So attackierte er den CIA-Direktor Allen W. Dulles, weil dieser Misstrauen gegenüber Stalin bekundet hatte.[27] Er nahm an einer Kundgebung der prosowjetischen Friedensbewegung in New York teil, auf der der aus Moskau angereiste Schriftsteller Ilja Ehrenburg und der sowjetische Botschafter in Washington, Andrei Gromyko, auftraten.[28] Auch wies er Berichte über die Beteiligung sowjetischen Militärs im Koreakrieg (1950-1953) zurück und erklärte: „Die Sowjets streben keinen Krieg an.“ (The Soviets do not seek war).

Bei den Senatswahlen 1952 trat Davies in seinem Heimatstaat Wisconsin gegen Joseph McCarthy an, doch scheiterte er. Im selben Jahr gab der frühere Diplomat George H. Earle vor der Madden-Kommission, dem Ausschuss des Kongresses zur Untersuchung der Reaktionen der US-Behörden auf die Nachrichten über das Massaker von Katyn, Davies ein hohes Maß an Schuld an den Fehleinschätzungen des Weißen Hauses. Nach den Worten Earles hat Davies aus Stalin den „heiligen Nikolaus“ (Santa Claus) gemacht.[29]

Ehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In erster Ehe war Davies mit der Millionenerbin Mary Emlen Knight verheiratet, der Tochter eines Bürgerkriegsgenerals. Nach Berichten von Zeitzeugen verstand sie sich als Linke und vermied es, in der Öffentlichkeit ihre Juwelen zu tragen, damit sie nicht als Reiche angeprangert werden konnte.[30] Die Ehe wurde 1935 geschieden.
  • Kurz vor seiner Entsendung nach Moskau heiratete Davies 1935 die wesentlich jüngere Millionenerbin Marjorie Meriweather Post. Davies setzte nach dem Bericht des Diplomaten George F. Kennan durch, dass ihr Friseur und ihr Masseur als Angestellte der Botschaft mit nach Moskau kommen konnten.[31] Die Ehe wurde 1955 geschieden.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. biografische Angaben, sofern nicht anders angegeben, lt.: Elizabeth Kimball MacLean: Joseph E. Davies. Envoy to the Soviets. Westport., Conn./London 1992.
  2. Elizabeth Kimball McLean, Joseph E. Davies: The Wisconsin Idea and the Origins of the Federal Trade Commission", in: Journal of the Gilded Age and Progressive Era, 7.2007, S. 248–284.
  3. Elizabeth K. MacLean, Presidential Address. The Outcast and His Critics: Joe Davies and George Kennan and Louis Brandeis Ohio Academy of History 2001
  4. Robert D. Crassweller: Trujillo. The Life and Times of a Caribbean Dictator. New York 1966, S. 181-182.
  5. Joseph Edward Davies (1876–1958) Webseite des State Departments
  6. George F. Kennan: Memoirs: 1925-1950. Boston 1967, S. 82-83.
  7. George F. Kennan, Reflections: Flashbacks, in: The New Yorker, 25. Februar 1938, S. 57-58.
  8. Paul Hollander: Political Pilgrims. Western Intellectuals in the Search of the Good Society. New Brunswick/London 1998, S. 165.
  9. Wilson D. Miscamble, George F. Kennan. A Life in the Foreign Service, in: Foreign Service Journal, 81(2004), S. 23.
  10. Thomas G. Paterson: Meeting the Communist Threat: Truman to Reagan. New York 1988, S.122.
  11. Russian Painting. Best U.S. Connection is Ambassador Davies‘, in: Life, 29. März 1943, S. 44-48.
  12. The Joseph E. Davies Collection of Russian Paintings and Icons, Presented to the University of Wisconsin: Catalogue. University of Wisconsin 2009 (Reprint),
  13. Joseph Edward Davies (1876–1958) Webseite des State Departments
  14. Joseph E. Davies: Mission to Moscow. New York 1941, S. 67, 194-195.
  15. Joseph E. Davies: Mission to Moscow. New York 1941, S. 269-270.
  16. Angaben aus der International Movie Date Base
  17. Dennis Dunn: Caught between Roosevelt and Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. Lexington 1998, S. 184.
  18. William H. Standley/Arthur A. Ageton: Admiral Ambassador to Russia. Chicago 1955, S. 368.
  19. Walter L. Hixson: American Diplomacy of the Second World War. New York 2003, S. 152.
  20. William H. Standley/ Arthur A. Ageton: Admiral Ambassador to Russia. Chicago 1955, S. 370-372.
  21. Elizabeth Kimball MacLean: Joseph E. Davies. Envoy to the Soviets. Westport., Conn./London 1992, S. 145.
  22. Aleksej Saltykov: Žizn´v Sovetskom Sojuze. 30-e gody. Čast´II proza.ru, 2016.
  23. Elizabeth Kimball MacLean: Joseph E. Davies. Envoy to the Soviets. Westport., Conn./London 1992, S. 139.
  24. Elizabeth Kimball MacLean: Joseph E. Davies. Envoy to the Soviets. Westport., Conn./London 1992, S. 125.
  25. Elizabeth K. MacLean, Presidential Address. The Outcast and His Critics: Joe Davies and George Kennan and Louis Brandeis Ohio Academy of History 2001, S. 2.
  26. David H. Culbert: Mission to Moscow. Madison 1980, S. 265-276.
  27. Elizabeth Kimball MacLean: Joseph E. Davies. Envoy to the Soviets. Westport., Conn./London 1992, S. 179.
  28. Il'ja Erenburg: Ljudi gody žizn'. T. III. Moskau 2005, S. 73.
  29. The Katyn Forest Massacre. U.S. Government Printing Office, Washington 1952, Bd., VII, S. 2204-2205, 2214.
  30. Dennis Dunn: Caught between Roosevelt and Stalin. America’s Ambassadors to Moscow. Lexington 1998, S. 62.
  31. George F. Kennan: Memoirs: 1925-1950. Boston 1967, S. 82-83.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]