Joseph II.

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Dieser Artikel behandelt den römisch-deutschen Kaiser. Für weitere Personen dieses Namens, siehe Joseph II. (Begriffsklärung).

Joseph II. (* 13. März 1741 in Schloss Schönbrunn, Wien; † 20. Februar 1790 ebenda), war der erste Herrscher der Dynastie Österreich-Lothringen (spätere Bezeichnung: Habsburg-Lothringen). Seine Krönung zum Römischen König erfolgte am 3. April 1764. Als Nachfolger seines Vaters Franz I. von Lothringen wurde er am 18. August 1765 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches[1], am 23. September desselben Jahres Mitregent seiner Mutter Maria Theresia in der Monarchie des Hauses Österreich. Am 29. November 1780 erbte er deren Staaten und wurde dadurch König von Ungarn, Böhmen etc. Sein väterliches Erbe, das Großherzogtum Toskana, überließ er 1765 seinem Bruder Leopold (II.).[2]

Joseph II. um 1776 (Gemälde von Joseph Hickel)
Josephs Unterschrift, 1787.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erzherzog Joseph um 1749 (Gemälde von Martin van Meytens)

Herkunft und frühe Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erzherzog Joseph wurde am 13. März 1741 als ältester Sohn Maria Theresias von Österreich und deren Gemahl Franz Stephan von Lothringen in Schloss Schönbrunn geboren. Nach drei Töchtern war Joseph der ersehnte männliche Thronfolger und wurde noch am Tag der Geburt auf den Namen Josephus Benedictus Joannes Antonius Michael Adamus getauft. Als Taufpaten fungierten Papst Benedikt XIV., vertreten durch den Wiener Fürstbischof, Kardinal Sigismund von Kollonitz sowie der polnische König August III., der durch Feldmarschall Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen vertreten wurde. Der zweite und der dritte Vorname wurden zu Ehren der beiden Taufpaten gewählt.[3]

Zum Zeitpunkt seiner Geburt war der Fortbestand der Habsburgermonarchie gefährdet. Der durch die Pragmatische Sanktion begründete Herrschaftsanspruch Maria Theresias wurde von Preußen, Bayern und Sachsen nicht anerkannt, was aufgrund territorialer Ansprüche zum Ausbruch des österreichischen Erbfolgekriegs (1740 bis 1748) und des Ersten Schlesischen Kriegs (1740 bis 1742) führte. 1742 wurde mit dem Wittelsbacher Karl VII. erstmals seit über 300 Jahren kein Angehöriger des Hauses Habsburg zum Römisch-Deutschen Kaiser gekrönt. Die Geburt eines männlichen Erben war für Maria Theresia von enormer politischer Bedeutung, konnte sie nun ihren eigenen Thronanspruch festigen und sich als Regentin ihres minderjährigen Sohnes präsentieren. Nach dem Tod Karls VII. (1745) gelang es ihr die Krönung ihres Ehemannes zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches durchzusetzen.

Maria Theresia hatte ein strenges Schulungsprogramm für ihren Sohn ausgearbeitet, der Stundenplan umfasste neben Geschichte, Staatskunde, Orthographie, Militärwesen, etwas Mathematik auch Tanzstunden und Theateraufführungen. Ein Jesuit unterrichtete Joseph in der Morallehre und Latein. Daneben hatten die Schriften der Aufklärung (v.a. Voltaire), der französischen Enzyklopädisten und die Theorie der Physiokratie großen Einfluss auf Joseph. Durchdrungen von seiner Stellung und mit großem Selbstbewusstsein ausgestattet, wurde Joseph zeitlebens von einem Gefühl der Überlegenheit und Sendungsbewusstsein geprägt.[4]

Heirat und Nachkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Josephs Wien: Am Graben (Carl Schütz, 1781).
Von Joseph den Wienern geöffnet: Der Augarten (Johann Andreas Ziegler, 1783)

Joseph heiratete am 6. Oktober 1760 in Wien die Prinzessin Isabella von Bourbon-Parma (1741–1763), Tochter des Herzogs Philipp von Parma, Piacenza, Guastalla und dessen Gattin Prinzessin Louise Elisabeth von Frankreich aus dem Hause Bourbon. Der auch für heutige Verhältnisse etwas unkonventionell geführten Ehe entsprangen zwei Kinder, die aber bereits früh verstarben.

  • Maria Theresia (* 20. März 1762; † 23. Jänner 1770)
  • Maria Christine (*/† 22. November 1763)

In zweiter Ehe heiratete er am 23. Jänner 1765 in Wien-Schönbrunn seine Cousine 2. Grades Prinzessin Maria Josepha von Bayern (1739–1767), Tochter des Kaisers Karl VII. und dessen Gattin Erzherzogin Maria Amalie von Österreich. Die von Joseph vernachlässigte Ehe blieb kinderlos.

Römisch-deutscher Kaiser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 27. März 1764 wurde er in Frankfurt am Main als Joseph II. zum römisch-deutschen König gewählt und am 3. April 1764 ebenda als solcher gekrönt. Sein Wahlspruch war: Virtute et exemplo („Mit Tugend und Beispiel“).

Joseph wurde 1765 nach dem Tod seines Vaters Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und offizieller Mitregent in den erzherzöglichen Ländern, ohne allerdings viel regieren zu können. Das erhebliche finanzielle Erbe des Vaters verwendete er zu großen Teilen für die Sanierung des Staatshaushaltes. Die Position eines römisch-deutschen Kaisers war allerdings zu dieser Zeit bereits rein dekorativ, seine Mutter Maria Theresia nahm die tatsächliche Regentschaft in den Erblanden wahr.

In vielen Fragen hatte Joseph andere, zum Teil auch konträre Meinungen zu seiner Mutter Maria Theresia, die bei ihren eigenen Reformen geistig und emotional noch im Zeitalter der Gegenreformation lebte, während Joseph bereits ein Anhänger aufklärerischer Ideen war. In dieser Phase bewunderte er Österreichs langjährigen Kriegsgegner Friedrich II. und reiste zu einer Begegnung mit ihm nach Neisse. Nach Maria Theresias Tod 1780 versuchte er diese Ideen politisch umzusetzen, dies allerdings auf überhastete oder undiplomatische Art, so dass viele davon durch Verzögerungen oder Widerstand letztlich unwirksam blieben.

Als er 1790 an Tuberkulose verstarb, verzichtete Joseph II. auf die bei den Habsburgern damals praktizierte getrennte Bestattung. Er wurde in Feldmarschallsuniform in einen Eichenholzsarg gelegt und in der Kapuzinergruft bestattet. Der Holzsarg wurde später in einen betont schlichten Kupfersarg eingeschlossen, der vor dem Prunkdoppelsarkophag seiner Eltern Aufstellung fand.[5] Ein letztes Schreiben am Tag vor seinem Tod an seinen engsten Freund Franz Moritz von Lacy blieb der Nachwelt erhalten. Die Kaiserwürde erhielt nach seinem Tod der jüngere Bruder Leopold II.

Beim Tod Josephs II. trauerten nur wenige um ihn, allerdings schrieben damals schon Zeitgenossen wie Johann Georg Forster: „Aus der Fackel seines Geistes ist … ein Funke gefallen, der nie mehr erlöschen wird.“

Aufgeklärter Absolutismus und Reformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Joseph errichtetes Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien (1784)
Joseph mit seinem ungeliebten Neffen Franz (II.) auf Truppenbesuch in Münchendorf (Martin Ferdinand Quadal, 1786)
In Josephs Auftrag geschaffen: Mozarts Così fan tutte (1790)

Er gilt als Exponent des aufgeklärten Absolutismus. Für ihn war das Herrschertum ein Amt, ein Dienst am Staat als übergeordnetem Ganzen. „Alles für das Volk, aber nichts durch das Volk“ war sein angeblicher Leitspruch, der seinen Regierungsstil zutreffend charakterisiert.

Joseph II. versuchte den Einfluss des Adels und des Klerus zurückzudrängen. Die Leibeigenschaft der Bauern etwa wurde durch das Leibeigenschaftsaufhebungspatent am 1. November 1781 aufgehoben. In Erinnerung an diese Reform des Kaisers wurde er im Volk als „Joseph – der Bauernbefreier“ verehrt und im 19. Jahrhundert wurden ihm zu Ehren viele Kaiser-Josef-II.-Denkmäler, insbesondere in Böhmen und Österreich, errichtet.

Die adligen Ständeversammlungen wurden zugunsten von Staatsbeamten zurückgedrängt. Dies hatte auch mit Josephs Zentralisierungstendenzen zu tun. So versuchte er, aus Österreich einen Einheitsstaat mit (Hoch-)Deutsch als Staatssprache zu machen. Die althergebrachten Sonderrechte der Länder seines Herrschaftsbereiches wollte er abschaffen. Diese Bestrebungen lösten in den österreichischen Niederlanden (dort wurden niederfränkische und niedersächsische Mundarten gesprochen, außerdem Französisch) Unruhen aus und brachten Ungarn an den Rand eines Aufstandes. Er verzichtete sogar darauf, sich in Prag und Pressburg zum König von Böhmen bzw. Ungarn krönen zu lassen.

Ein anderer Aspekt dieser Bemühungen ist seine Kunstpolitik. So wurde das Burgtheater zum deutschen Nationaltheater erklärt und der Komponist Wolfgang Amadeus Mozart wurde 1782 beauftragt, mit der Entführung aus dem Serail die Gattung des Singspiels in deutscher Sprache auf künstlerisch ernstzunehmendes Niveau zu heben. Die Zusammenarbeit mit Mozart wurde auch in den folgenden Jahren beibehalten, als das Genre des Deutschen Singspiels sich nicht durchgesetzt hatte. 1786 genehmigte er die Uraufführung der Mozart-Oper Le nozze di Figaro (nach dem aufrührerischen Stück Der tolle Tag des Franzosen Beaumarchais, dessen Kritik an den Adelsvorrechten mit der Politik des Kaisers sehr gut zusammenging). 1789 erteilte er Mozart auch den Auftrag zu dessen Oper Così fan tutte.

Josephs Einheitsstaat sollte in erster Linie für Wohlstand und Fortkommen seiner Bürger sorgen. Allerdings hatte Joseph die Tendenz, sich auch um allerkleinste Details zu kümmern, was von seinen Untertanen teilweise als schikanös empfunden wurde. So gab es Regelungen bei Begräbnisfeierlichkeiten bis in kleinste Detail; Festlegung der Zahl der Kerzen, die bei einer Messe anzuzünden seien; das Verbot von Pfeffernüssen als Genussmittel, welche er für gesundheitsschädlich hielt, und vieles mehr.

Ein ernster zu nehmender Aspekt dieser Bemühungen ist seine Gesundheitspolitik, die sich in der Gründung des Allgemeinen Krankenhauses und des Josephinums (einer Ausbildungsstätte für Militärärzte) niederschlug. Das Allgemeine Krankenhaus war eine Art Lieblingsprojekt des Kaisers, mit dem er sich äußerst detailliert befasste – unter anderem in der Planung des sog. Narrenturms, einer Verwahranstalt für Geisteskranke.

Sein Reformwerk scheiterte letztlich am offenen und versteckten Widerstand der alten Eliten bzw. an der Tatsache, dass er nur zehn Jahre regierte. Bei der Auswahl seiner Mitarbeiter übersah er oft deren Fehler und mangelnde Konsensfähigkeit. So bot der Protochirurg Giovanni Alessandro Brambilla der konservativen Ärzteschaft so viel Angriffsfläche, dass sich die Entwicklung der Chirurgie in Österreich letztlich um Jahrzehnte verzögerte. Der Graf Belgiojoso schweißte als Statthalter der österreichischen Niederlande durch sein ungeschicktes Agieren sogar den Klerus und die Freigeister zu einer gemeinsamen Opposition zusammen.

Justizpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wichtiger Aspekt seiner Reformen ist allerdings, dass die Rechtsordnung unter ihm bedeutende Fortschritte machte. 1783 wurden Teile des Eherechts in der „Verordnung in Ehesachen“ kodifiziert.

1787 wurde das vergleichsweise fortschrittliche Josephinische Strafgesetz für die Erbländer der Habsburger erlassen, mit dem unter anderem Verstümmelungsstrafen abgeschafft wurden und die Todesstrafe nur mehr im Standrecht, aber nicht im ordentlichen Strafverfahren vorgesehen war. 1803 wurde sie für wenige Delikte wieder eingeführt. Im Vordergrund stand bei diesen Überlegungen, dass es dem Staat mehr nützt, wie etwa öffentliche Arbeit, und Strafen wie jahrelanges Schiffziehen (mit letztendlich auch sehr hoher Todesrate[6]) weitaus abschreckender als der Tod seien. Auch setzte es erstmals das Legalitätsprinzip um, nach dem nur bestraft werden kann, was per Gesetz strafbar ist. Der Adel wurde nicht extra erwähnt und somit waren theoretisch alle Vorrechte verschwunden, in der Praxis wirkte sich der Stand aber doch noch aus.

Im selben Jahr wurde auch das zivilrechtliche Josephinische Gesetzbuch eingeführt, welches 1812 dann durch das – modifiziert bis heute gültige – ABGB abgelöst wurde.

Innen- und Wirtschaftspolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter seiner Regierung wurden merkantilistische und physiokratische Ideen verwirklicht. Die Bevölkerung wurde dabei hauptsächlich als Arbeitskräftereservoir angesehen.

Maßnahmen zur Hebung der Bevölkerungszahl gehen damit Hand in Hand. Vor diesem Hintergrund ist beispielsweise die Aufhebung der Todesstrafe 1787 zu sehen – die Delinquenten wurden schließlich für die Zwangsarbeit gebraucht.

Ebenso verwirklichte er einen von Johann Anton von Pergen organisierten straffen Polizeistaat mit Spitzelsystem. Kurze Experimente mit der Pressefreiheit wurden rasch wieder aufgegeben.

Außenpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Außenpolitik war Joseph expansiv, aber meistens nicht vom Glück begünstigt. Die Beteiligung Österreichs an der ersten Teilung Polens mit dem Zugewinn Galiziens ging auf die Initiative Preußens zurück, das als Ausgleich für Russlands Zugewinne im Krieg mit der Türkei einen Korridor durch Polen (als Verbindung zwischen Pommern und Ostpreußen) forderte. Dem war eine Politik der Annäherung an Österreich vorausgegangen, das 1771 einen geheimen Vertrag mit der Türkei geschlossen hatte und damit Druck auf Russland ausübte. Als Katharina II. von Russland von diesem geheimen Vertrag erfuhr, wurde Österreich auch ein Angebot gemacht, von der Teilung des souveränen Polens zu partizipieren. Die Initiative zu den Teilungsplänen gingen also nicht von Joseph aus, zumal die Rolle Österreichs unter den europäischen Mächten 1771/72 nicht tonangebend war. Allerdings soll er im Gegensatz zu seiner Mutter keinerlei Skrupel bei diesem Handel gehabt haben.

Als er nach dem Tod des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph versuchte, Bayern an Österreich anzuschließen und dafür den Wittelsbachern die Österreichischen Niederlande zu überlassen, kam es zum Bayerischen Erbfolgekrieg gegen Friedrich II. von Preußen. Joseph II. musste sich im Frieden von Teschen 1779 letztlich mit dem Innviertel begnügen. 1785 versuchte er ein zweites Mal, im Tausch mit den Österreichischen Niederlanden Bayern zu erwerben, scheiterte aber wieder am Widerstand Friedrichs II. und des von ihm gegründeten Fürstenbundes.

1781 schloss er ein Verteidigungsbündnis mit der russischen Kaiserin Katharina II. 1787 wurde er als ihr Verbündeter in einen für Österreich wenig erfolgreichen Türkenkrieg hineingezogen, der erst nach Josephs Tod im Frieden von Sistowa endete.

Religionspolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Medaille auf das Toleranzpatent (Johann Christian Reich).
Allegorie auf das Toleranzpatent (Léonard Defrance).
Aufhebung der Klöster in den Österreichischen Niederlanden (Léonard Defrance).

Am berühmtesten ist allerdings seine Religionspolitik, die meistens allein gemeint ist, wenn man von Josephinismus spricht.

In seinem Toleranzpatent wurde das Glaubensmonopol der Katholischen Kirche gebrochen – Protestanten und Juden durften ihren Glauben ausüben, allerdings nur unter Duldung; der Vorrang der Katholischen Kirche blieb bestehen.

Joseph II. schrak auch nicht davor zurück, Vermögen der Toten Hand zu veräußern und den Willen der Stifter zu übergehen.

Alle Orden, die im volkswirtschaftlichen Sinne unproduktiv waren, also keine Krankenpflege, Schulen oder andere soziale Aktivitäten betrieben, wurden aufgehoben, ihr Besitz verstaatlicht. Dies führte dazu, dass viele kontemplative Abteien mit zum Teil langer Tradition geschlossen wurden. Aus dem Erlös der Aufhebungen wurde der bis ins 20. Jahrhundert bestehende Religionsfonds gegründet, der die Besoldung der Priester übernahm, die auf diese Weise zu Staatsbeamten wurden.

Auch viele Feiertage und Kirchenfeste (Wallfahrten, Prozessionen etc.) wurden abgeschafft, hauptsächlich um die Zahl der Arbeitstage zu erhöhen.

Auf seine Initiative wurde die Verwaltungsstruktur der katholischen Kirche in Österreich rationalisiert. Pfarrsprengel wurden verkleinert, neue Diözesen wurden gegründet und bestehende mit den Grenzen der Kronländer in Deckung gebracht.

Reisen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Reisen Josephs II.

Nicht so sehr als Römischer König und Kaiser denn als Kronprinz, Mitregent und Alleinherrscher in den Staaten des Hauses Österreich sowie als Oberbefehlshaber der k. k. Armee unternahm Joseph II. zahlreiche Reisen, die ihn bis nach Spanien und auf die Krim führten. Unter den europäischen Herrschern seiner Zeit legte er wohl am meisten Kilometer zurück. Von den knapp 25 Jahren seiner Regierungszeit verbrachte er gut sechs Jahre außerhalb seiner Residenz.

Am längsten dauerten die Reisen nach Italien 1769, nach Siebenbürgen/Galizien 1773, nach Frankreich 1777, nach Russland 1780 und nach Italien 1783/84. Die größten Distanzen legte Joseph auf den Reisen nach Frankreich 1777 sowie nach Russland 1780 und 1787 zurück. Am längsten von Wien abwesend war er im Bayerischen Erbfolgekrieg 1778 und im Türkenkrieg 1788.

Von seinen Übernachtungen außerhalb Wiens entfielen besonders viele auf Prag und den Truppenübungsplatz Hloubětín/Tiefenbach, Pest und Buda/Ofen, Brno/Brünn und den Truppenübungsplatz Turany/Turas, Lwiw/Lemberg, Mailand, Innsbruck und Umgebung sowie auf Sibiu/Hermannstadt, außerhalb der Monarchie auf Florenz, Paris und Versailles, Neapel und Umgebung sowie auf Rom. Hinzu kamen die Hauptquartiere während der erwähnten Feldzüge, 1778 Rtyně v Podkrkonoší/Ertina, Jičín/Jitschin und Oleśnica/Oels, 1788 Zemun/Semlin.

Außerhalb der Staaten des Hauses Österreich reiste Joseph al incognito unter dem Titel Graf von Falkenstein, nach einer Grafschaft in der Pfalz, die er vom Vater geerbt hatte und ohne deren Besitz er zu Lebzeiten der Mutter nicht hätte Kaiser werden können.

Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abschied Josephs II.
von seinen Vertrauten, 1790 (Quirin Mark).
Joseph II. als Kultobjekt der Liberalen, 1828–1835 (Antonín Machek).

Die historische Beurteilung seiner Person ist sehr unterschiedlich. Aufgrund der Überstürztheit und Radikalität seiner Maßnahmen, die das Leben des Einzelnen teilweise bis ins Kleinste bestimmten, war Joseph zu Lebzeiten unpopulär bis verhasst, und er musste einige seiner Reformen kurz vor seinem Tod wieder zurücknehmen.

Unter der Regentschaft seines bis zum Starrsinn reaktionären Neffen Franz II./I. wurde er hingegen allmählich zu einer mit Nostalgie verklärten Lichtgestalt. Die Revolution von 1848 brachte eine wahre „Josephsrenaissance“ hervor, es gab neu aufgelegte Bücher über ihn und das Reiterdenkmal am Josephsplatz stand mehrfach im Mittelpunkt politischer Kundgebungen. Die erwarteten Reformen wurden von einigen als Fortsetzung seiner Arbeit gesehen.[7] Zeitgenossen betonten den zufälligen Umstand, dass der Tag der Wiener Märzrevolution auch sein Geburtstag war.[8] Die prinzipiell seit den Befreiungskriegen (1813–1815) und im Vormärz existierende Stilisierung des „echt deutschen Kaisers“ wurde diesmal erfolgreich ins Spiel gebracht, und sie wirkte später fort. Insgesamt hängt die Art der Vereinnahmung stark von den politischen Programmen der einzelnen Phasen der Revolution ab und ist vielschichtig.[7] Um diese Zeit herum beginnt auch die nicht exklusive Bezeichnung als „Volkskaiser“.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird er einerseits als fortschrittlicher Vertreter eines aufgeklärten Absolutismus gesehen, es kommt der Begriff des „Reformkaiser“ auf, andererseits wird auch auf den paternalistischen und zentralistischen Charakter seines Regiments hingewiesen.

Nichtsdestoweniger war er einer der wichtigsten Herrscher Österreichs, auf den viele konstruktive Ansätze zurückgehen und der einen bedeutsamen Reform- und Modernisierungsschub gebracht hat.

Übersicht über die Reformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großes Wappen Josephs II.

Joseph führte viele Reformen durch, von denen er aber kurz vor seinem Tode noch viele zurücknahm.

Staatswesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aufhebung der Leibeigenschaft
  • Josephinisches Strafgesetz
    • Ersatz der Todesstrafe durch Schiffziehen im Zivilstrafrecht (nicht im Militärstrafrecht), ein Jahr nach demselben Beschluss seines Bruders Leopold II. in der Toskana
    • keine Ausnahmetatbestände für den Adel in Strafsachen
    • starke Umsetzung des später nullum crimen, nulla poena sine lege („Kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz“) genannten Grundsatzes
  • Religionsfreiheit
  • Öffnung des Praters und des Augartens für die Öffentlichkeit (von der Torinschrift kommt die Bezeichnung „Schätzer der Menschheit“)
  • Einschränkung des strengen Spanischen Hofzeremonielles
  • Schutzzölle für den Handel
  • Grundsteuer für den Adel
  • Versuch: Deutsch als Staatssprache im Vielvölkerreich

Soziales[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bau von Schulen und Krankenhäusern (u. a. altes Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien)
  • Gründung von Waisen- und Armenhäusern
  • Verbannung der Friedhöfe aus den Städten, um das Grundwasser zu schonen
  • Einrichtung eines steirischen Volksmuseums
  • Verbesserung der Lebensverhältnisse arbeitender Kinder

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Neugründung von Pfarren
  • Auflösung von 700 Klöstern
  • Verringerung des päpstlichen Einflusses
  • Verbot von „abergläubischen“ Bräuchen der Kirche, gleichzeitig Religionsfreiheit für Christentum und Judentum in den Toleranzpatenten vom 13. Oktober 1781 und von 1782
  • Abschaffung von Särgen für jeden Toten (stattdessen ein allgemeiner Sarg, der eine Falltür hatte, ein sogenannter Josephinischer Gemeindesarg, im Volksmund auch Sparsarg genannt – dies wurde von den damaligen Österreichern als pietätlos empfunden)

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem österreichischen Soziologen und Kulturanthropologen Roland Girtler soll Joseph II., dem Volksmund nach, des Öfteren einer bestimmten Dirne in einem der zahlreichen Bordelle am Wiener Spittelberg Besuche abgestattet haben. Bei einem solcher Besuche soll er unsanft vor die Tür gesetzt worden sein. Daran erinnert im Haus Spittelberggasse/Gutenberggasse 13 (heute ein Restaurant) folgende Inschrift: „Durch dieses Tor im Bogen kam Kaiser Joseph II. geflogen – 1778“. Der Errichtung von Bordellen hatte sich Joseph II. jedoch – wie seine Mutter – verweigert. Auf den Vorschlag hin, der Errichtung von Bordellen zuzustimmen, soll der Kaiser erwidert haben: „Was, Bordelle? Da brauche ich über ganz Wien nur ein großes Dach machen z’ lassen …“[9]

Im Jahr 1780 wurde in Wien Innere Stadt (1. Bezirk) der Josefsplatz nach ihm benannt.

Aus Anlass seines Todes komponierte Ludwig van Beethoven seine Kantate auf den Tod von Kaiser Joseph II. (WoO87) für Orchester, Chor und Solostimmen

Vorfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ahnentafel Josephs II.
Ururgroßeltern

Nikolaus Franz von Vaudémont (1609–1670)
∞ 1634
Claudia von Lothringen (1612–1648)

Kaiser
Ferdinand III. (1608–1657)
∞ 1651
Eleonora von Mantua (1630–1686)

König
Ludwig XIII. (1601–1643)
∞ 1615
Anna von Österreich (1601–1666)

Kurfürst
Karl I. Ludwig (1617–1680)
∞ 1650
Charlotte von Hessen-Kassel (1627–1686)

Kaiser
Ferdinand III. (1608–1657)
∞ 1631
Maria Anna von Spanien (1606–1646)

Kurfürst
Philipp Wilhelm (1615–1690)
∞ 1653
Elisabeth Amalie von Hessen-Darmstadt (1635–1709)

Fürst
Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (1633–1714)
∞ 1656
Elisabeth Juliane von Holstein-Norburg (1634–1704)

Albrecht Ernst I. zu Oettingen (1642–1683)
∞ 1665
Christine Friederike von Württemberg (1644–1674)

Urgroßeltern

Herzog Karl V. Leopold (1643–1690)
∞ 1678
Eleonore von Österreich (1653–1697)

Philipp I. von Bourbon (1640–1701)
∞ 1671
Elisabeth von der Pfalz (1652–1722)

Kaiser Leopold I. (1640–1705)
∞ 1676
Eleonore Magdalene von der Pfalz (1655–1720)

Herzog Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel (1671–1735)
∞ 1690
Christine Luise von Oettingen (1671–1747)

Großeltern

Herzog Leopold Joseph von Lothringen (1679–1729)
∞ 1698
Élisabeth Charlotte de Bourbon-Orléans (1676–1744)

Kaiser Karl VI. (1685–1740)
∞ 1708
Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel (1691–1750)

Eltern

Kaiser Franz I. Stephan (1708–1765)
∞ 1736
Maria Theresia (1717–1780)

Joseph II.

Quellen und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Joseph II. – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In Frankreich wurde Joseph als „empereur d’Autriche“, in Deutschland zunehmend als „deutscher Kaiser“ bezeichnet, was nicht der offiziellen Titulatur entsprach und den Niedergang der Reichsidee dokumentiert.
  2. Leopold machte es nach Josephs Tod gegen dessen Willen zur Sekundogenitur.
  3. Karl Gutkas: Joseph II. Eine Biographie. Wien/Darmstadt 1989, S. 16.
  4. Karl Gutkas Joseph II. Eine Biographie. Wien/Darmstadt 1989, S. 24.
  5. Cölestin Wolfsgruber: Die Kaisergruft bei den Kapuzinern in Wien, Alfred Hölder, Wien 1887 (archive.org), S. 262.
  6. Eberhard Schmidt: Einführung in die Geschichte der deutschen Strafrechtspflege. Vandenhoeck & Ruprecht, 1995, ISBN 978-3-525-18115-7, S. 256–258 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. a b Helmut Reinalter: Josephinismus als Aufgeklärter Absolutismus, Böhlau Verlag, Wien 2008, ISBN 3-205-77777-8, S. 419 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Karl Gutkas (Hrsg.): Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung Österreich zur Zeit Kaiser Josephs II. Mitregent Kaiserin Maria Theresias, Kaiser und Landesfürst. Stift Melk, 29. März – 2. November 1980, 3. Auflage, Niederösterreich Kultur, 1980, S. 286.
  9. Roland Girtler: Vom Fahrrad aus. Kulturwissenschaftliche Gedanken und Betrachtungen. Wien 2004, S. 121.
  10. Weist darauf hin, dass vielen Werken über den Kaiser gefälschte Zitate zugrunde liegen.
Vorgänger Amt Nachfolger
Franz I. Stephan Römisch-Deutscher Kaiser
1765–1790
Leopold II.
Maria Theresia Erzherzog von Österreich
1765–1790
Leopold II.
Maria Theresia König von Böhmen
1780–1790
Leopold II.
Maria Theresia König von Ungarn
1780–1790
Leopold II.
Maria Theresia König von Kroatien und Slawonien
1780–1790
Leopold II.
Maria Theresia Herzog von Mailand und Mantua
1780–1790
Leopold II.
Maria Theresia Herzog von Luxemburg
1765–1790
Leopold II.