Joseph Losey

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Joseph Losey, 1965

Joseph Losey (* 14. Januar 1909 in La Crosse, Wisconsin; † 22. Juni 1984 in London) war ein US-amerikanischer Regisseur.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Nach dem Besuch der High School in La Crosse im mittleren Westen der USA - zusammen mit Nicholas Ray[1] - studierte Losey ab 1925 Medizin am Dartmouth College an der Ostküste. Hier war er Mitglied und zeitweise Leiter des Dartmouth Drama Club. Auf den Studienabschluss mit dem BA folgte ein Literaturstudium an der Harvard University, das er nach einem Jahr abbrach[2]. In New York verfasste er Rezensionen zu Theateraufführungen, er arbeitete als Bühnenmeister und zunehmend auch als Theaterregisseur. In dieser Zeit begann auch sein sozialistisches Engagement.

Von Mitte März bis Anfang Juli 1935 weilte Losey in Moskau. Er besuchte einen Regiekurs von Sergej Eisenstein und lernte Bertolt Brecht, Hanns Eisler und Erwin Piscator kennen, die sich ebenfalls in Moskau aufhielten[3].

Nach seiner Rückkehr in die USA arbeitete er an verschiedenen Bühnen. Fünf Jahre lang war er bei der Rockefeller Foundation beschäftigt. In der Abteilung Human Relations Commission Film Project überwachte er den Schnitt von Dokumentar- und Lehrfilmen. 1939 realisierte er als erste Filmarbeit den Kurzfilm Pete Roleum and His Cousins mit Musik von Hanns Eisler. Auch zu seinem zweiten Kurzfilm A Child Went Forth (1941–1942) schrieb Eisler die Musik. 1942 moderierte er die Radiosendung World at War für NBC und CBS, bevor er auf eine persönliche Einladung Louis B. Mayers hin zu MGM wechselte.

1946–1947 arbeitete Losey mit Brecht (der in Los Angeles im Exil lebte) und Charles Laughton an Brechts Stück Leben des Galilei (englischer Titel Galileo) und inszenierte mit Brecht die Uraufführung in Hollywood[4]. Am 30. Oktober 1947 begleitete er Brecht zu dessen Verhör vor dem House Un-American Activities Committee (HUAC) nach Washington[5]. Nach Brechts Abreise aus den USA inszenierte Losey Galileo, abermals mit Laughton in der Titelrolle, im Dezember 1947 in New York[6]. 1974 schließlich verfilmte Losey Galileo in England mit Chaim Topol in der Titelrolle.

1948 realisierte er für RKO seinen ersten Spielfilm, Der Junge mit den grünen Haaren. Bis 1951 drehte er weitere Spielfilme, unter anderem M nach Fritz Langs gleichnamigem Klassiker.

1951 fiel auch Loseys Name bei Verhören von Sympathisanten der Kommunistischen Partei vor dem HUAC. Er war 1946 der kommunistischen Partei der USA beigetreten, etwa ein Jahr später trat er wieder aus[7]. Um der Vorladung zu entgehen, drehte er seinen nächsten Film Imbarco a mezzanotte (englischer Titel Stranger on the Prowl) in Italien unter dem Pseudonym Andrea Forzano[8]. Nach seiner Rückkehr in die USA fand Losey, da sein Name vor dem HUAC genannt worden war, weder im Film noch im Radio oder am Theater eine Beschäftigung.[9] Nach wenigen Wochen ging er im Januar 1953 erneut nach Europa, diesmal ins endgültige Exil. Zunächst drehte er mehrere Filme unter wechselnden Pseudonymen[10]. Schließlich ließ er sich in England nieder. In Time Without Pity (1957) verwendete er zum ersten Mal wieder seinen eigenen Namen[11]. In England drehte er die meisten seiner Filme, darunter mit Harold Pinter als Drehbuchautor die drei Meisterwerke Der Diener (The Servant, 1963) nach einem Roman von Robin Maugham, Accident – Zwischenfall in Oxford (1967) nach einem Roman von Nicholas Mosley und Der Mittler (The Go-Between, 1971) nach einem Roman von L. P. Hartley, für den er am internationalen Filmfestival in Cannes die Palme d'Or erhielt. Alle drei Filme erkunden auf subtile und komplexe Weise gesellschaftliche Zwänge und sexuelle Abhängigkeiten in der britischen Klassengesellschaft. Zu Loseys regelmäßigen Hauptdarstellern gehörten Dirk Bogarde und Stanley Baker, Auch mit Richard Burton und Alain Delon hat er mehrmals gearbeitet; er hat die Karrieren von Tom Courtenay, Edward Fox und James Fox entscheidend vorangebracht und immer wieder mit bekannten Schauspielerinnen wie Elizabeth Taylor, Monica Vitti, Jeanne Moreau, Romy Schneider und Jane Fonda gearbeitet.

Filmographie (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 1939 Pete Roleum and His Cousins (Kurzfilm)
  • 1940-41 A Child Went Forth (Kurzfilm)
  • 1948: Der Junge mit den grünen Haaren (The Boy with Green Hair)
  • 1950: Gnadenlos gehetzt (The Lawless)
  • 1951: Dem Satan singt man keine Lieder (The Prowler)
  • 1951: M
  • 1951: Die Nacht der Wahrheit (The Big Night)
  • 1952: Giacomo (Imbarco a mezzanotte, englischer Titel Stranger on the Prowl), unter dem Pseudonym Andrea Forzano
  • 1954: Der schlafende Tiger (The Sleeping Tiger), unter dem Pseudonym Victor Hanbury
  • 1956: XX unbekannt (X The Unknown) nach einer Woche wegen Krankheit von Leslie Norman ersetzt
  • 1956: The Intimate Stranger (unter dem Pseudonym Joseph Walton)
  • 1957: In letzter Stunde / Teuflisches Alibi (Time Without Pity)
  • 1958: Dämon Weib (The Gypsy and the Gentleman)
  • 1959: Die tödliche Falle / Alles spricht gegen Van Rooyen (Blind Date)
  • 1960: Die Spur führt ins Nichts (The Criminal)
  • 1962: Eva (mit Jeanne Moreau)
  • 1963: Sie sind verdammt (The Damned)
  • 1963: Der Diener (The Servant)
  • 1964: King and Country – Für König und Vaterland (King and Country)
  • 1966: Modesty Blaise – die tödliche Lady (Modesty Blaise', mit Monica Vitti')
  • 1967: Accident – Zwischenfall in Oxford (Accident)
  • 1968: Brandung (Boom)
  • 1968: Die Frau aus dem Nichts (Secret Ceremony', mit Elizabeth Taylor und Richard Burton')
  • 1970: Im Visier des Falken (Figures in a Landscape)
  • 1971: Der Mittler (The Go-Between)
  • 1972: Das Mädchen und der Mörder – Die Ermordung Trotzkis (The Assassination of Trotsky, mit Richard Burton und Romy Schneider)
  • 1973: Nora (A Doll’s House, mit Jane Fonda)
  • 1975: Galileo
  • 1975: Die romantische Engländerin (The Romantic Englishwoman)
  • 1976: Monsieur Klein (Mr. Klein, mit Alain Delon)
  • 1978: Straßen nach Süden (Les routes du sud)
  • 1979: Don Giovanni
  • 1980: Boris Godunov
  • 1982: Eine Frau wie ein Fisch (La truite)
  • 1985: Steaming

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Alexander et al.: Joseph Losey. Reihe Film, Band 11. Hanser, München und Wien 1977, 206 S., ISBN 3-446-12357-1.
  • David Caute: Joseph Losey, New York: Oxford University Press 1994.
  • Michel Ciment: Le Livre de Losey. Entretiens avec le cinéaste. Paris, Stock/Cinéma, 1979.
  • Michel Ciment: Joseph Losey : L'œil du maître. Institut Lumière/Actes Sud, 1994.
  • Robert Cohen: "Bertolt Brecht, Joseph Losey, and Brechtian Cinema." In: "Escape to Life:" German Intellectuals in New York: A Compendium on Exile after 1933. Eckart Goebel and Sigrid Weigel (eds.). De Gruyter, 2012, p. 142-161. ISBN 978-3-11-220416-0.
  • Penelope Houston: "Losey's Paper Handkerchief", Sight and Sound, Sommer 1966, p. 142-143.
  • Gilles Jacob: "Joseph Losey, or The Camera Calls", Sight and Sound, Frühling 1966, p. 62-67.
  • Tom Milne: Losey on Losey (buchlanges Interview), Garden City, N.Y.: Doubleday, 1968.

Weblinks[Bearbeiten]

Nachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. David Caute: Joseph Losey, New York: Oxford University Press 1994, S. 42.
  2. Zu Loseys Studien in Dartmouth und Harvard, vgl. Caute, 32 ff.
  3. Zu Loseys Aufenthalt in Moskau, vgl. Robert Cohen: "Bertolt Brecht, Joseph Losey, and Brechtian Cinema", in: "Escape to Life:" German Intellectuals in New York: A Compendium on Exile after 1933, hg. v. Eckart Goebel und Sigrid Weigel, Berlin: De Gruyter 2012, S. 142-161, hier S. 144 ff.
  4. Vgl. ebd., S. 148 ff.
  5. Vgl. ebd.
  6. Vgl. ebd.
  7. Vgl. Losey's Erklärung in der FBI-Dokumentation zu Losey, # 100-343468, 230, Dokument vom 11. May 1956.
  8. Vgl. Caute, S. 532.
  9. Vgl. Colin Gardner: Joseph Losey, Manchester University Press 2004.
  10. Vgl. Loseys Filmographie bei Tom Milne: Losey on Losey, Garden City, N.Y.: Doubleday, 1968, S. 178-80.
  11. Vgl. ebd., S. 180.