Joseph Müller-Blattau

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Joseph Maria Müller-Blattau (* 21. Mai 1895 in Colmar; † 21. Oktober 1976 in Saarbrücken) war ein deutscher Musikwissenschaftler und nationalsozialistischer Kulturfunktionär. Er gilt als „Nestor der Saarbrücker Musikwissenschaft“,[1] aber auch als „Sänger einer musikalischen Machtergreifung[2] wegen seiner Aktivitäten im Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Müller-Blattau, Sohn eines Oberlehrers, nahm am Ersten Weltkrieg teil. Er studierte Musikwissenschaft bei Friedrich Ludwig an der Universität Straßburg, ließ sich in Komposition und Dirigat bei Hans Pfitzner und Orgel bei Ernst Münch ausbilden. Später studierte er an der Universität Freiburg, wo Wilibald Gurlitt sein Lehrer war. Während seines Studiums wurde er Mitglied der Sängerschaft Wettina Freiburg, später der Sängerschaft Rhenania Frankfurt.[3] 1920 erfolgte seine Promotion in Musikwissenschaft an der Universität Freiburg mit der Arbeit „Grundzüge einer Geschichte der Fuge“. 1922 habilitierte er sich an der Universität Königsberg und wurde Direktor des musikwissenschaftlichen Seminars und akademischer Musikdirektor in Königsberg. Ab 1924 war er zusätzlich Leiter des Institutes für Schul- und Kirchenmusik. 1928 erfolgte seine Ernennung zum außerordentlichen Professor in Königsberg und er wurde musikalischer Berater der Ostmarken Rundfunk AG. 1930 wurde er Mitglied der Königsberger Gelehrten Gesellschaft.

Am 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.536.556).[2][4][5] 1935 übernahm er eine Professur für Musikwissenschaft in Frankfurt am Main. Seit 1933 SA-Mitglied, arbeitete er 1936 für die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe der SS über Germanisches Erbe in deutscher Tonkunst. Dazu steuerte Heinrich Himmler das Vorwort bei.[6] Ebenfalls 1936 spielte er eine unrühmliche Rolle bei der Entfernung von Wilibald Gurlitt durch Friedrich Metz, den nationalsozialistischen Rektor der Universität Freiburg. 1937 wurde er zum Nachfolger Gurlitts berufen. 1938 bis 1942 war er Städtischer Musikbeauftragter von Freiburg. Von 1939 bis 1945 nahm er mit Unterbrechungen am Zweiten Weltkrieg teil. Gemeinsam mit dem Tenor Reinhold Hammerstein nahm Blattau, der selbst Bariton sang, für den Rundfunk Kampflieder auf, wie „Erde schafft das Neue“ und „Heilig Vaterland“ von Heinrich Spitta oder „Es dröhnt der Marsch der Kolonne“ von H. Napiersky u. a. [7] 1941 wurde er an die Reichsuniversität Straßburg berufen.[8]

Nach dem Zweiten Weltkrieg war er ab November 1946 Lehrer an der Oberrealschule und Musikdozent an der Pädagogischen Akademie Kusel und dann am Gymnasium Kirchheimbolanden. Zum Mai 1952 wurde er zum Direktor des Staatlichen Konservatoriums Saarbrücken berufen, wo er das Institut für Schulmusik begründete. Seit dem Wintersemester 1952/53 gab Müller-Blattau als Professor mit vollem Lehrauftrag (Professeur chargé d'enseignement) Vorlesungen an der Universität des Saarlandes. Nach dem Beitritt des Saarlandes zur Bundesrepublik wurde er zum 1. April 1958 Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität des Saarlandes und gab die Leitung der Hochschule für Musik ab. 1963 wurde er emeritiert.

Sein Buch Geschichte der Deutschen Musik wurde in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[9]

Sein Sohn Wendelin Müller-Blattau (1922–2004) war ebenfalls Professor für Musikwissenschaft an der Universität des Saarlandes.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1922: Das Elsass ein Grenzland deutscher Musik. Die Rheinbrücke, Freiburg i. B.
  • 1923: Grundzüge einer Geschichte der Fuge. Musikwissenschaftliches Seminar, Königsberg i. Pr.
  • 1931: Geschichte der Musik in Ost- und Westpreussen von der Ordenszeit bis zur Gegenwart. Gräfe und Unzer, Königsberg.
  • 1932: Das deutsche Volkslied. Hesse, Berlin.
  • 1934: Das Horst-Wessel-Lied. In: Die Musik 26, 1934, S. 327ff.
  • 1938: Germanisches Erbe in deutscher Tonkunst. Widukindverlag [der SS], Berlin.
  • 1938: Geschichte der Deutschen Musik. Viehweg, Berlin.
  • 1949: Klingende Heimat. Pfälzer Liederbuch für Schule und Haus. Kranz, Neustadt a.d. Haardt.
  • 1950: Johann Sebastian Bach: Leben und Schaffen. Reclam. Stuttgart.
  • 1951: Taschenlexikon der Fremd- und Fachwörter der Musik. Hesse, Berlin-Halensee, Wunsiedel.
  • 1955: Es stehen drei Sterne am Himmel. Die Volksliedsammlung des jungen Goethe. Bärenreiter, Kassel, Basel.
  • 1966: Von der Vielfalt der Musik. Musikgeschichte, Musikerziehung, Musikpflege. Rombach, Freiburg i. Br.
  • 1966: Von Wesen und Werden der neueren Musikwissenschaft. Festvortrag. Universität des Saarlandes, Saarbrücken.
  • 1968 mit Hugo Moser: Deutsche Lieder des Mittelalters von Walther von der Vogelweie bis zum Lochamer Liederbuch: Texte und Melodien. Stuttgart.
  • 1969: Goethe und die Meister der Musik. Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Schubert. Klett, Stuttgart.
  • 1969: Hans Pfitzner. Lebensweg u. Schaffensernte. Kramer, Frankfurt am Main.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Phleps: Ein stiller, verbissener und zäher Kampf um Stetigkeit – Musikwissenschaft in NS-Deutschland und ihre vergangenheitspolitische Bewältigung, in: Isolde v. Foerster et al. (Hrsg.), Musikforschung – Nationalsozialismus – Faschismus, Mainz 2001, S. 471–488. online Uni Giessen
  • Walter Salmen (Hrsg.): Festgabe für Joseph Müller-Blattau zum 65. Geburtstag. 2. Auflage. Universitäts- und Schulbuchverlag, Saarbrücken 1962.
  • Christoph-Hellmut Mahling (Hg.): Zum 70. Geburtstag von Joseph Müller-Blattau. Saarbrücker Studien zur Musikwissenschaft 1. Bärenreiter, Kassel 1966.
  • Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon. Kiel 2004, S. 4748–4754.
  • Michael Custodis: Theodor W. Adorno und Joseph Müller-Blattau: Strategische Partnerschaft. In: Albrecht Riethmüller (Hrsg.): Archiv für Musikwissenschaft. Jg. 66, Heft 3. Stuttgart 2009, ISSN 0003-9292.
  • Harald Lönnecker: Die Propagierung des Deutschen bei Hans Joachim Moser und Joseph Maria Müller-Blattau, in: Sabine Mecking, Yvonne Wasserloos (Hrsg.): Inklusion und Exklusion. „Deutsche“ Musik in Europa und Nordamerika 1848–1945, Göttingen 2016, S. 171–194.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Uni-Protokolle
  2. a b c Wolfgang Müller: Zur Geschichte des Musikwissenschaftlichen Instituts an der Universität des Saarlandes., abgerufen am 5. Dezember 2012
  3. Harald Lönnecker: Zwischen Esoterik und Wissenschaft – die Kreise des "völkischen Germanenkundlers" Wilhelm Teudt. Frankfurt am Main 2004, S. 16. (PDF)
  4. Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945. CD-ROM-Lexikon. Kiel 2004, S. 4748–4754.
  5. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Aktualisierte Ausgabe. Fischer, Frankfurt/M. 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 423.
  6. Manfred Schuler: Zum völkisch-nationalen Denken in der deutschen Musikwissenschaft. In: Isolde von Foerster, Christoph Hust, Christoph-Hellmut Mahling (Hrsg.): Musikforschung, Faschismus, Nationalsozialismus. Referate der Tagung Schloss Engers. 8. bis 11. März 2000. Gesellschaft für Musikforschung, Mainz 2001, S. 319–327.
  7. Deutsches Rundfunkarchiv 1641062-18, -19, -20, 1890827-24, -25, -26 und -27.
  8. Saarland-Biografien: Müller-Blattau Joseph Maria
  9. http://www.polunbi.de/bibliothek/1947-nslit-m.html

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]