Joseph Nasi

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Joseph Nasi, Don Yossef Nassi, דון יוסף נשיא, (christlicher Taufname: João Miquez; geboren 1524 in Portugal; gestorben am 2. August 1579 in Istanbul[1]) war ein jüdischer Diplomat, Bankier und Finanzexperte am Hof der osmanischen Sultane Süleyman I. und Selim II. In seinem bewegten Leben führte er unterschiedliche Namen: João Miquez in Portugal, Giovanni Miches in Venedig, Juan Miguez in Spanien und Flandern und Joseph Nasi oder Jusuff Nassy in Konstantinopel. 1566 wurde er von Selim II. zum Herzog (Duca) von Naxos und den Kykladen ernannt. Er wurde zum Herrn von Tiberias in Palästina ernannt, um dort erneut Juden anzusiedeln. Er forcierte einen Krieg der Osmanen gegen Venedig und die Heilige Liga, der von der Liga in der Schlacht von Lepanto zwar gewonnen wurde, bei dem Venedig jedoch die Insel Zypern verlor. Nach Selims Tod verlor er seinen Einfluss am Hof, behielt aber seine Titel und Einkünfte bis zu seinem Tod.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nasi wurde in eine wohlhabende marranische Familie geboren, über sein Geburtsdatum gibt es in den Quellen unterschiedliche Daten, wie überhaupt Angaben über seine Familie häufig differieren und nicht immer zuverlässig sind. Er verlor seinen Vater in frühen Jahren und wuchs bei seiner Tante Beatrice Mendes de Luna auf. Er kam zusammen mit Beatrice, jüdischer Name Gracia Nasi, und deren Tochter Brianda (auch: Anna Reyna) in der Folge der heftig tobenden Inquisition in Portugal und Spanien nach Antwerpen, wo bereits seine andere Tante Brianda Mendes de Luna lebte, deren Tochter ebenfalls Beatrice hieß. Er studierte an der Universität Löwen. Die Familie lebte in den Niederlanden in wohlhabenden Verhältnissen und pflegte gute Beziehungen zur Antwerpener Aristokratie. Zu ihren Schuldnern gehörte auch die Schwester Karls V., Maria von Ungarn, seit 1531 Statthalterin der Niederlande. Die Familie stand indes immer unter dem Verdacht eines heimlich praktizierten Judentums.

Als sich Franz von Aragon, ein Günstling Karls V. um die schöne und sehr reiche Brianda de Luna bewarb, verließen die Frauen der Familie heimlich Antwerpen, während Joseph Nasi in den Niederlanden blieb und die Geschäfte der Familie verwaltete. Nach und nach transferierte er das Vermögen der Familie nach Frankreich und Deutschland, um dann den Frauen des Hauses zu folgen, die mittlerweile in Venedig angekommen waren.

Die Mendes hatten in Venedig auf Beschluss des Rates der Zehn 1545 die Erlaubnis bekommen, sich mit ihren Banken, Firmen und über dreißig Personen in Venedig anzusiedeln.

Venedig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Familie lebte ab 1544 aufgrund eines Freibriefs (salvacondotto) des Rates der Zehn in Venedig. Verwalterin des inzwischen immensen Familienvermögens war allein Beatrice Mendes. Fünf Jahre lang prozessierte ihre Schwester Brianda vor den venezianischen Gerichten um ihren Anteil. Zweimal wurde Beatrice verurteilt, die Hälfte des Familienvermögens in der Zecca, der venezianischen Münze, bis zur Volljährigkeit ihrer Nichte Beatrice zu hinterlegen. Der Urteilsspruch wurde in Venedig mit Genugtuung aufgenommen, da sich mancher Nobile Hoffnungen auf die schöne Beatrice und besonders auf ihr Vermögen machte. Beatrice de Luna, die spätere Gracia Nasi, floh, als durch eine Unvorsichtigkeit ihr heimlich praktiziertes Judentum entdeckt wurde, an den Hof des liberalen Ercole d’Este in Ferrara, und kurz darauf folgte wegen neuer Pressionen Venedigs gegen die marranische Gemeinde auch Brianda. Nach einem „Waffenstillstand“ zwischen den beiden zerstrittenen Schwestern kehrten beide nach Venedig zurück, wurden aber sofort nach ihrer Rückkehr unter Zwangsarrest gestellt, da die Serenissima den Abzug des Mendes-Vermögens aus der Republik befürchtete. Die Familie plante in der Tat den Umzug nach Konstantinopel.

Damit erhielt der Geschwisterstreit unerwartet eine neue Dimension, da es in der Folge zu diplomatischen Interventionen von Seiten des Osmanischen Hofs kam. Nachdem Beatrice de Luna (Gracia Nasi) im Juni 1552 100.000 Golddukaten in der Zecca hinterlegt hatte, wurde ihr schließlich der Umzug zusammen mit ihrer Tochter Brianda, die sich jetzt Reyna nannte, nach Konstantinopel gestattet.

Piazetta mit den beiden Säulen, zwischen denen in Venedig Landesverräter hingerichtet und öffentlich zur Schau gestellt wurden

Im Januar des folgenden Jahres entführte Joseph Nasi in einer legendären nächtlichen Aktion seine Cousine Beatrice aus Venedig, wurde jedoch in Faenza gefasst und nach Ravenna gebracht. Das Paar blieb zwar unbehelligt, Nasi wurde jedoch durch Beschluss des Senates auf immer von venezianischem Territorium einschließlich aller mediterranen Besitzungen verbannt, unter der Androhung, zwischen den beiden Säulen der Piazetta gehängt zu werden, sollte er jemals auf venezianischem Boden gefasst werden. Nur die höchsten Behörden Venedigs sollten dieses Urteil einstimmig revidieren können. Nasi reiste nach Rom, um von Papst die Aufhebung der Verbannung aus Venedig zu erreichen, worauf der Papst einen Nuntius in die Lagunenstadt entsandte. Dieser blieb jedoch erfolglos, die Pressionen gegen Nasis Mitarbeiter und Anhänger wurden sogar verschärft.

Am osmanischen Hof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Vermittlung des jüdischen Arztes Moses Hamon, Leibarzt Sultan Suleimans, der sich schon um die Freilassung der Familie und die Freigabe des Mendes-Vermögens bemüht hatte, übersiedelte die Familie nach Konstantinopel. Beatrice zog dort mit großem Pomp und Gepränge ein, 1554 traf auch Nasi mit einem Gefolge von Leibwächtern, Dienern in Livrée und rund 500 Marranen ein. Er bekannte sich offen zu seiner jüdischen Religion, wie schon vorher Beatrice, und ließ sich beschneiden. Er heiratete seine Cousine Reyna nach jüdischem Ritus und bezog mit ihr und Beatrice einen prächtigen Palast, den Belvedere, mit Sicht auf den Bosporus.

Ab jetzt begann Nasis politische Karriere im Dienste des osmanischen Sultan Suleiman, der neben Nasis Finanzkraft auch dessen hervorragende wirtschaftliche und politische Verbindungen in ganz Europa und dessen Vertrautheit mit der europäischen Mentalität zu schätzen wusste.

Nasi gelang es bald, in Kontakte zu Selim, einer der Söhne Suleimans und Bewerber um die Thronfolge, zu kommen. In den Intrigen um die Nachfolge, die sich zwischen Selims Partei und den Anhängern seines jüngeren Bruders Bayazhid entspannen, schlug sich Nasi auf Selims Seite und unterstützte ihn kräftig insbesondere durch Fürsprache bei Suleiman. In dem Bruderzwist blieb Selim Sieger, Bayazhid floh nach Persien und wurde dort zusammen mit seinen Söhnen ermordet. Auf diese Weise wurde die Nachfolge auf dem Thron vorzeitig geregelt.[2] 1566 bestieg der Thronfolger als Selim II. den Thron. Er belohnte Nasi für seine Dienste bei der Durchsetzung seiner Ansprüche mit dem Herzogtum Naxos. Nasi befand sich jetzt auf dem Gipfel seiner wirtschaftlichen Macht und seines politischen Einflusses.

Heinrich II. 1560/80

Neben den sich eröffnenden Möglichkeiten einer Beeinflussung der europäischen Politik zu Gunsten der Hohen Pforte und der endgültigen Sicherung der osmanischen Vorherrschaft im Mittelmeer, sah Nasi für sich persönlich jetzt die Chance, offene Rechnungen mit europäischen Machthabern zu begleichen, besonders mit der Republik Venedig und dem bei ihm hochverschuldeten französischen König Heinrich II.

1540 hatte Nasi dem französischen König, der wegen seines Lebensstils und wegen der andauernden Auseinandersetzungen mit Habsburg in Zahlungsschwierigkeiten steckte, 150.000 Dukaten geliehen. Unter fadenscheinigen Begründungen hatte sich Henri geweigert, seine Schulden zurückzuzahlen. Mit Einwilligung des Sultan ließ Nasi jetzt französische Waren und Handelsschiffe beschlagnahmen. Frankreich musste nachgeben, es kam zu einer finanziellen Einigung mit der Hohen Pforte. In Frankreich wurde Nasi daraufhin aber politischer Intrigen und Verschwörungen öffentlich verdächtigt. Nasi seinerseits unterstützte mit dem französischen Geld die gegen die französische Unterdrückung revoltierenden Calvinisten in den Niederlanden.[3]

1556 beteiligte sich Nasi gemeinsam mit seiner Tante an der Blockade des Hafens von Ancona, um sich für die Verfolgung der dortigen Marranen zu rächen. In Venedig hatte immer noch der Erlass bezüglich seiner öffentlichen Hinrichtung Gültigkeit. Zunächst versuchte Nasi auf diplomatischem Weg, die Aufhebung des Erlasses zu erreichen. Als die Venezianer einen Entscheid zu seinen Gunsten verschleppten, erhöhte er den Druck mit der Unterstützung des osmanischen Botschafters, bis man sich in Venedig darauf besann, mit welch mächtigem Gegner man es jetzt zu tun hatte. 1567, nach 14 Jahren, annullierte schließlich der Rat der Zehn das Urteil über seinen ehemaligen Bürger.

Das Zypernproblem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein aus der Sicht der Hohen Pforte ungelöstes Problem war die seit Caterina Cornaros Tod in venezianischem Besitz befindliche Insel Zypern. Nasi gehörte zu der Partei am Hof, die unermüdlich auf eine Entscheidung durch Krieg hinarbeitete. Venedig, das sich der osmanischen Begehrlichkeiten wohl bewusst war, hatte die Insel nach den neuesten Erkenntnissen der Kriegstechnik befestigen lassen. Unter dem Vorwand, mit Nasi und den Osmanen zu kooperieren, wurden alle dort ansässigen Juden von der venezianischen Besatzungsmacht verjagt. Als 1569 in Venedig das Arsenal in Flammen aufging, verdächtigte man die Juden der Sabotage unter Anstiftung durch Nasi. Im März des folgenden Jahres meldete der osmanische Botschafter offiziell bei der Signoria die türkischen Ansprüche auf die Insel an, bot Verhandlungen an, stieß aber bei der Serenissima auf taube Ohren. Im gleichen Sommer lief die türkische Flotte nach Zypern aus und eroberte zunächst Nikosia und dann die ganze Insel.

Auf Initiative von Papst Pius V. kam es zu einer Neuauflage der Heiligen Liga, deren Beteiligte jedoch mit sehr unterschiedlichem Engagement in den Kampf zogen. Venedig, das im Grunde nicht auf seinen alten Handelspartner verzichten wollte, suchte immer wieder nach einer Einigung mit den Türken, und die Italiener und Spanier misstrauten sich gegenseitig. Nasis Gegenspieler am Hof Sokollu Mehmed Pascha fürchtete Einbußen im Levantehandel und hätte eine friedliche Einigung mit Venedig einer fatalen Schwächung des Gegners vorgezogen.[4]

Die Entscheidung fiel 1571 in der Schlacht von Lepanto, bei der die türkische Flotte zwar vernichtend geschlagen wurde, die Koalition aber wegen ihres Zögerns und ihrer unkoordinierten Strategie ihren Vorteil nicht zu nutzen wusste. Venedig kam zwar vorübergehend wieder in den Besitz der Insel, war aber de facto der Verlierer in der hundertjährigen Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich. Nasi hatte sein Ziel einer Demütigung Venedigs erreicht.

Die letzten Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lepanto scheint das Ende von Nasis politischer Karriere gewesen zu sein, es gibt kaum Quellen über seine letzten Jahre, seine Spuren verlieren sich. Am Hof hatte sich sein Gegenspieler Sokollu endgültig durchgesetzt, er regierte bis zum Tod Selims und blieb auch noch unter dessen Nachfolger im Amt.

Nach Josephs Nasis Tod am 2. August 1579 enteignete der Sultan die Witwe bis auf 90.000 Dinare, die in ihrem Ketubba (Ehevertrag) festgeschrieben waren. Mit dieser Erbschaft gründete Dona Reyna eine Druckerei für Werke in hebräischer Sprache, erst in ihrer prächtigen Residenz Belvedere in Ortaköy, später in Kuru Chesme, einem Vorort Konstantinopels.

Die Besiedlung von Tiberias[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am geläufigsten ist der Name Joseph Nasi im Zusammenhang mit seinem Versuch, die Stadt Tiberias ab 1561 neu zu besiedeln: der erste praktische Versuch, ein jüdisches Zentrum in Palästina wiederherzustellen.

Ruinen der Stadtmauer von Tiberias, Foto 1894

Nachdem sich Selim in den Kämpfen um die Nachfolge im Sultanat mit Unterstützung Nasis gegen seinen Bruder Bayazhid durchgesetzt hatte, zeigte er seine Dankbarkeit dadurch, dass er den Sultan überredete, Nasi die Herrschaft über ein Gebiet am See Tiberias zu verleihen. Nasi selbst hat dieses Land nie gesehen, ließ die Stadt aber durch einen Stellvertreter sanieren und die Stadtmauer wieder aufbauen. Er bot jüdischen Siedlungswilligen an, sich dort niederzulassen, organisierte auch den Schiffstransport aus Italien nach Palästina. Trotzdem hatte das Projekt aus verschiedenen Gründen wenig Erfolg. Nur wenige Juden wollten sich an dem Unternehmen beteiligen, da sie wegen der schwierigen Bedingungen wenig Möglichkeiten für ein Auskommen in Palästina sahen. Die dort ansässige arabische Bevölkerung zeigte sich zudem wenig erfreut über die Neusiedler, und die ökonomischen Voraussetzungen waren denkbar schlecht, obwohl Nasi Maulbeerbäume zur Gründung einer Seidenindustrie anpflanzen ließ. Außerdem fielen Transportschiffe in die Hände der Piraten. Die meisten Juden zogen ihre vertrauten Lebensbedingungen einem ungewissen Schicksal in Palästina vor. Mit dem Krieg des Osmanischen Reichs gegen Venedig kam das Unternehmen dann vollständig zum Erliegen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Matthias Bersohn: Einige Worte Don Joseph Nasi, Herzog von Naxos betreffend. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Jg. 18, Nr.9 (1869), S. 422–424.
  • P. Grünebaum-Ballin: Joseph Naci duc de Naxos. Paris 1968.
  • Riccardo Calimani: Joao Micas, Giovanni Miches, Juan Miguez, Joseph Nasi, duca di Nasso: quattro nomi e molte identità per un stesso uomo. In: Calimani: Storia del ghetto di Venezia. Milano 1995, S. 103–109.
  • Nicolae Jorga: Geschichte des Osmanischen Reiches. Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG, Darmstadt 1990, Band 3, S. 140f.
  • Cecil Roth: The House of Nasi: the Duke of Naxos. Philadelphia 1948
    • in Italienisch: Joseph Nassi, duca di Nasso e i Savoia. 1968
  • Cecil Roth: A Bird's Eye History of the World. Union of American Hebrew Congregations, New York 1954
  • Moses Schorr: Zur Geschichte des Don Joseph Nasi. In: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Jg. 41, Nr.5 (1897), S. 228–237.

Belletristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lexikon des Judentums. Bertelsmann-Lexikon-Verlag, Gütersloh 1971, ISBN 3-570-05964-2, Sp. 335.
  2. Mindel: Don Joseph Nasi, Duke of Naxos.
  3. Calimani, S. 108.
  4. Calimani, S. 111–112.