Roitz

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Roitz auf einem Messtischblatt aus den 1930er-Jahren

Roitz, niedersorbisch Rajc, war ein Dorf in der Niederlausitz, das 1977/1978 vollständig umgesiedelt und später vom Braunkohlentagebau Welzow-Süd abgebaggert wurde.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Roitz lag westlich von Spremberg und hatte mit Josephsbrunn eine nördlich vom Dorf liegende Kolonie. Die eigentliche Gemeinde, die das Dorf und den vormals eigenständigen Gutsbezirk umfasste, wurde erst 1928 gegründet. Die Gemeinde lag südlich des Lausitzer Grenzwalls und war ursprünglich von Wäldern und Äckern umgeben. Die Kochsa, ein Bach, der bei Cantdorf in die Spree mündet, entsprang in Roitz.[1] In früheren Jahrhunderten führte mit der Zuckerstraße eine Handelsstraße am Ort vorbei, die Mitteldeutschland mit Schlesien verband.[2]

Roitz-Gedenkstein

Die Gemeinde existiert nicht mehr. Heute erinnert ein Gedenkstein an den Ort. Der Findling mit der Inschrift „Roitz 1350–1976“ liegt auf der Hochkippe Pulsberg in der Nähe des Rodelbergs und markiert den früheren Dorfplatz. An Josephsbrunn erinnert mit der „Josephsbrunner Höhe“ eine eigene Gedenkstelle abseits vom Roitzer Gedenkstein. Mehrere Wege oder Straßen in diesem Gebiet wurden nach der Gemeinde oder markanten Stellen benannt, wie etwa die Roitzer Straße oder die Consulhöhe.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste urkundliche Erwähnung, damals noch als Roycz, später auch Raicz und Raiz, geht auf das Jahr 1527 zurück. Der Name ist sorbischen Ursprungs (raj = Freude, Vergnügen, Paradies). Im Unterschied zu den benachbarten Dörfern Jessen und Stradow, die zu diesem Zeitpunkt als Teil der Herrschaft Cottbus zur Mark Brandenburg gehörten, lag Roitz als Teil der Herrschaft Spremberg im Markgrafentum Niederlausitz, das schon 1370 an die böhmische Krone ging.[3] Im Frieden zu Prag gelangte das Markgrafentum im Jahr 1635 an Sachsen. Erst 1815, im Zuge des Wiener Kongresses, wurde Roitz preußisch und in den neu geschaffenen Landkreis Spremberg eingegliedert, der zum Regierungsbezirk Frankfurt/Oder der Provinz Brandenburg gehörte. Kurz zuvor – genauer 1785 – entstand die Kolonie Josephsbrunn aus dem damaligen Vorwerk.

Die Kolonie gehörte zum Gutsbezirk, der den Ort prägte. Das Gut hatte seit dessen Ersterwähnung im Jahr 1527 im Verlauf der Jahrhunderte viele unterschiedliche Besitzer. Ab 1890 waren die neuen Gutsbesitzer Prof. Karl Freytag und Robert Freytag. Letzterer leitete später die Ackerbauschule, die 1845 in Glichow bei Calau gegründet wurde und später, wahrscheinlich 1902, nach Roitz verlegt wurde. In dieser Lehranstalt der Provinz Brandenburg wurden Schüler in Theorie und Praxis der Landwirtschaft unterrichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gut enteignet und 1945 im Rahmen der Bodenreform umverteilt. 1949 wurde das Gut in ein Volksgut umgewandelt, die Ackerbauschule 1951 in eine landwirtschaftliche Berufsschule. Das ehemalige Herrenhaus des Gutes, den Roitzern auch als Schloss[4] bekannt, wurde 1955/56 in ein Lehrlingswohnheim umgewandelt. 1960 wurde die LPG „Lindengrün“ gegründet, die alle landwirtschaftlichen Betriebe in Roitz umfasste.

Auf dem Gemeindegebiet wurde ab 1891 mit der Eröffnung der Grube Consul Bergbau betrieben und in dieser Braunkohle des 1. Lausitzer Flözes im Untertagebau abgebaut. Betreiber der Grube war die Niederlausitzer Kohlenwerke AG.[5] Der Abbau wurde zunächst bis 1906 in der „alten Anlage“ betrieben, danach in der „neuen Anlage“. Diese lag jedoch auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Pulsberg, wenngleich sich das Grubenfeld ab 1916 teilweise wieder auf das Roitzer Gebiet erstreckte. Über die Kohlebahn wurde die Kohle nach Spremberg gebracht. Die Grube wurde am 9. Januar 1930 wegen Erschöpfung der Kohlelager geschlossen.[6] Heute ist im Bereich der Grube nur noch ein Teich zu sehen.[7]

Roitz wurde 1907 an die neu gebaute Bahnstrecke Proschim-Haidemühl–Spremberg angeschlossen, die den Ort bis 1947 mit bis zu sechs Zugpaaren täglich bediente. Nach deren Einstellung fuhr noch die Spremberger Stadtbahn, bis Ende der 1950er Jahre ein Busverkehr eingerichtet wurde.

Im Zuge der Umsiedlung wurde die Gemeinde am 1. Mai 1978 nach Spremberg eingemeindet.

1998 gründeten die ehemaligen Bewohner den Roitzer Heimatverein, der jährlich zum Steinfest am Gedenkstein[8] sowie zur Roitzer Kirmes nach Komptendorf einlud. Die Mitglieder kümmerten sich um den Erhalt des Gedenksteins und des Roitzer Gemeinschaftsgrabs auf dem Waldfriedhof in Spremberg.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einwohnerentwicklung in Roitz von 1875 bis 1971[9]
Jahr Einwohner Jahr Einwohner Jahr Einwohner Jahr Einwohner
1875 323 1925 338 1946 303 1971 245
1890 304 1933 292 1950 309
1910 374 1939 282 1964 335

Aus Roitz siedelten 1977 offiziell 209 Einwohner um, aus Josephsbrunn 100 Einwohner.

Der Ort lag im sorbischen Siedlungsgebiet. Der Anteil der Sorbisch sprechenden Einwohner verringerte sich jedoch im Laufe der Zeit. Während 1833 noch die Mehrheit sorbisch war, werden für 1884 in einer Untersuchung von Arnošt Muka bereits 178 deutsche und 175 sorbische Einwohner genannt[10], wobei letztere teilweise auch deutsch verstanden. Mit dieser Bevölkerungsverteilung unterschied sich Roitz von den Orten in der näheren Umgebung, die einen deutlich höheren Anteil an sorbischsprachigen Einwohnern hatten. Ernst Tschernik zählte 1956 321 Einwohner, davon hatte ein Einwohner Sorbischkenntnisse.[11]

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dorf gab es eine Schule (ab 1898), einen Laden, eine Poststelle (ab 1930) und einen Bahnhof.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Richard Ebert: Ortschronik Roitz. VEB Lausitzdruck BT Forst, Forst 1978.
  • Torsten Richter: Heimat, die bleibt. Ortserinnerungsstätten in der Lausitz. REGIA Verlag Cottbus, 2013, ISBN 978-3-86929-224-3.
  • Ernst Tschernik: Die Entwicklung der sorbischen Bevölkerung. Akademie-Verlag, Berlin 1954.
  • Archiv verschwundener Orte (Hrsg.): Dokumentation bergbaubedingter Umsiedlungen. Forst 2010

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Torsten Richter-Zippack: Der echte Spremberger sagt Kocksa. In: Lausitzer Rundschau. 22. Januar 2015, abgerufen am 14. Januar 2018
  2. J. Henker, K. Kirsch: Dorfgründungen in der Lausitz. Horno und Klein Görigk im Focus. In: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. 27. Jahrgang, Nr. 2, S. 171–180
  3. Lausitzer Chronik 1
  4. Brandenburg – Brandenburger Landstreicher – Schlösser im Land Brandenburg, abgerufen am 17. Januar 2018
  5. LMBV Publikation online (PDF), abgerufen am 14. Januar 2018
  6. Richard Ebert: Ortschronik Roitz. VEB Lausitzdruck BT Forst, 1978
  7. spremberger stadtbahn In: stillgelegt.de, abgerufen am 18. Januar 2018.
  8. Martina Arlt: Ehemalige Roitzer treffen sich zum Steinfest. In: Lausitzer Rundschau. 28. Mai 2013, abgerufen am 14. Januar 2018
  9. Historisches Gemeindeverzeichnis des Landes Brandenburg 1875 bis 2005. (PDF; 331 KB) Landkreis Spree-Neiße. Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Land Brandenburg, Dezember 2006, abgerufen am 4. Februar 2018.
  10. Ernst Tschernik: Die Entwicklung der sorbischen Bevölkerung. Akademie-Verlag, Berlin 1954.
  11. Ludwig Elle: Sprachenpolitik in der Lausitz. Domowina-Verlag, Bautzen 1995.

Koordinaten: 51° 34′ 6,2″ N, 14° 19′ 21,1″ O