Jugendoffizier

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Jugendoffiziere sind als Referenten für Sicherheitspolitik ein Bestandteil der Informations- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr. Dabei behandeln sie im Rahmen des erweiterten Sicherheitsbegriffs auch Aspekte der Sozial-, Umwelt- und Entwicklungspolitik. Die Funktion des Jugendoffiziers gibt es in der Bundeswehr seit 1958. Derzeit gibt es bundesweit 94 hauptamtliche Jugendoffiziere im Dienstgrad Hauptmann/Kapitänleutnant, die jeweils für einen regionalen Betreuungsbereich zuständig sind. Grundsätzlich sind Jugendoffiziere im Einvernehmen mit den Kultusministerien der Länder im weitesten Sinne in der politischen Bildung tätig, wobei Aspekte der Personalgewinnung keine Rolle spielen sollen.

Logo der Jugendoffiziere

Daneben gibt es in den einzelnen Verbänden Jugendoffiziere und Jugendunteroffiziere in Nebenfunktion. Nebenamtliche Jugendoffiziere und Jugendunteroffiziere organisieren vor allem Besuche bei der Truppe und unterstützen den hauptamtlichen Jugendoffizier vor Ort.

Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Eine verantwortliche Teilhabe der Bürger an der politischen Willensbildung des Volkes setzt voraus, dass der Einzelne von den zu entscheidenden Sachfragen, von den durch die verfassten Staatsorgane getroffenen Entscheidungen, Maßnahmen und Lösungsvorschlägen genügend weiß, um sie beurteilen, billigen oder verwerfen zu können.“

Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 2. März 1977 für Öffentlichkeitsarbeit von Staatsorganen in Bund und Ländern

„Es entspricht dem Selbstverständnis einer Demokratie, dass ihre Sicherheit Angelegenheit des ganzen Volkes ist. Die Bereitschaft der Bürger, ihr Land zu verteidigen, schafft die Voraussetzung dafür, daß das Recht und die Freiheit jedes einzelnen geschützt werden.“

Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 2. März 1977 für Öffentlichkeitsarbeit von Staatsorganen in Bund und Ländern

Das Grundgesetz umfasst gleichermaßen Friedensgebot und Verteidigungsbereitschaft mit Streitkräften auf der Grundlage der Allgemeinen Wehrpflicht. Jugendoffiziere sind für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, sie sollen die Rolle der Bundeswehr der Bevölkerung gegenüber vermitteln. Aussagen zur Sicherheitspolitik - zur Rolle der Bundeswehr im atlantischen Bündnis und zu den Bemühungen um Kooperation, Entspannung und Abrüstung – sind Bestandteile dieser Arbeit.

Darüber hinaus gelten für die Arbeit der Jugendoffiziere zwei weitere wesentliche Grundlagen. Zum einen muss der Beutelsbacher Konsens gewahrt bleiben. Zum anderen haben die Jugendoffiziere ebenso das Münchner Manifest einzuhalten.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugendoffiziere verfügen über ein abgeschlossenes Universitätsstudium und mehrjährige Erfahrung als militärische Vorgesetzte, vielfach können sie auch Auslandserfahrungen vorweisen. Der Beruf des Soldaten und der angestrebte stetige Austausch mit politischen Entscheidungsträgern soll ihnen einen differenzierten Blick auf die komplexe sicherheitspolitische Lage ermöglichen. Weiterhin werden sie im Rahmen von Tagungen und Weiterbildungen durch diverse Stellen fortgebildet. Jugendoffiziere sind methodisch-didaktisch darauf geschult, sicherheitspolitische Inhalte zielgruppenorientiert und jugendgerecht zu vermitteln. Alle Jugendoffiziere werden in einem dreiwöchigen Grundlehrgang, hauptamtliche Jugendoffiziere zusätzlich in einem dreiwöchigen Aufbaulehrgang mit den Schwerpunkten Sicherheitspolitik und Kommunikationstechnik, auf ihre Tätigkeit vorbereitet.

Aufgabenspektrum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Jugendoffiziere stehen der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland und besonders den Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Ansprechpartner zur Verfügung. Sie sollen der interessierten Bevölkerung die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland anschaulich darstellen und erläutern. Dabei informieren sie in Vorträgen, Diskussionen und Seminaren vor allem über den deutschen Beitrag zur internationalen Konfliktprävention und -bewältigung, über den Sachstand, die Perspektiven und Schwierigkeiten von Auslandseinsätzen der Bundeswehr sowie über Alltag und Weiterentwicklung der Streitkräfte. Mit dem Einsatz von Jugendoffizieren soll der Dialog über die Grundfragen von Frieden, Freiheit und Sicherheit angeregt werden. Die Information über berufliche Möglichkeiten bei der Bundeswehr ist nicht ihre Aufgabe.

Zielgruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schwerpunkt der Jugendoffiziere liegt im Einvernehmen mit den Kultusministerien der Länder bei Schülern und Lehrern. Daneben arbeiten sie aber auch mit politischen Jugendorganisationen, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen sowie anderen gesellschaftlichen Institutionen und Gruppierungen zusammen.

Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schulbesuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugendoffiziere besuchen Schulen etwa in Fächern mit politischem oder zeitgeschichtlichen Bezug (v. a. Politik, Sozialkunde, Geschichte, Religion oder Ethik). Die zumeist 90-minütigen Veranstaltungen, die neben Informationsvermittlung vor allem auf Dialog und Diskussion aufbauen, führt der Jugendoffizier in Absprache mit dem zuständigen Lehrer durch.

Unterrichtsthemen können dabei unter anderem sein:

POL&IS[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: POL&IS

Jugendoffiziere führen vor allem mit Schülern, aber auch mit allen anderen Zielgruppen die interaktive Simulation Politik und internationale Sicherheit durch. POL&IS ist eine Simulation, die den Teilnehmern die nationalen und internationalen Beziehungen von Politik, Wirtschaft, Umwelt und Sicherheit verdeutlichen soll. Zur Vereinfachung ist die Welt dabei modellhaft in 13 Regionen aufgeteilt (z. B. Nordamerika, Europa, Arabien oder Afrika). Die meisten Teilnehmer übernehmen während der Simulation politische Ämter (z. B. Regierungschef oder Wirtschaftsminister) in den verschiedenen Regionen und versuchen ihre politischen, ökonomischen und ökologischen Vorstellungen umzusetzen. Gleichzeitig übernehmen andere Teilnehmer weitere Funktionen in den Bereichen Weltpresse, Weltbank, UN-Generalsekretär, NGOs in Form von Greenpeace oder Amnesty International. Die Simulation ist in zeitlich begrenzte Phasen gegliedert und nimmt für 35 bis 55 Teilnehmer drei bis fünf Tage in Anspruch.

Seminare[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Weiterbildung von Lehrern, Referendaren und anderen Multiplikatoren bieten die Jugendoffiziere spezielle sicherheitspolitische Seminare an. Dies können mehrtägige Seminarfahrten nach Berlin, Stettin, Brüssel, Straßburg, Wien sowie neuerdings auch Genf (Europäischer Hauptsitz der UNO) und Den Haag (Sitz des Internationalen Gerichtshofes) sein, bei denen die Jugendoffiziere über die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, die Entwicklungen der NATO, Aspekte des Völkerrechts, die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik oder über die Arbeitsweise der UNO informieren. Sie organisieren Gespräche mit hochrangigen Referenten aus Politik und Wirtschaft, die den Teilnehmern die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Bild über das internationale Engagement der Bundesrepublik Deutschland zu verschaffen. In vielen Bundesländern werden diese Veranstaltungen von den Kultusministerien der Länder als Lehrerfortbildungsseminare anerkannt und gefördert. Daneben führen Jugendoffiziere aber auch eine Vielzahl von sicherheitspolitischen Seminaren und Seminartagen durch. Diese sind häufig von kürzerer Dauer und finden zumeist in Bildungs- und Tagungsstätten, aber auch in Kasernen statt.

Podiumsdiskussionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Fachreferenten nehmen Jugendoffiziere an Podiumsdiskussionen teil und beziehen Stellung zu den Grundlagen und Zielen deutscher Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Sie beantworten dabei Fragen zur Zukunft der Bundeswehr und Entwicklungen der europäischen und weltweiten Sicherheitsarchitektur. Ein häufig anzutreffendes Thema war dabei in der Vergangenheit die Diskussion um die allgemeine Wehrpflicht.

Besuch bei der Truppe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Jugendoffiziere bieten interessierten Gruppen Besuche in der Kaserne an, die dazu dienen, einen Einblick in den Alltag und die Arbeitsbedingungen der Soldaten zu erhalten. Im Rahmen dieser Besuche stellen die Einheiten vor Ort Gerät und Ausbildung vor und bieten den Besuchern die Möglichkeit, in den Dialog mit den Soldatinnen und Soldaten zu treten.

Akquise/Multiplikatorengespräch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Jugendoffiziere vermitteln in Gesprächen Details zu ihrem Gesamtangebot und beraten zu sicherheitspolitischen Themen.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben diesen oben aufgeführten Veranstaltungen führen Jugendoffiziere je nach regionalen Gegebenheiten und in Absprache mit Interessierten auch weitere Veranstaltungen unterschiedlichster Art durch. Dazu können u. a. sicherheitspolitische Abende, Projekttage, Marineseminare sowie Vorträge an Universitäten, Fachhochschulen und Volkshochschulen gehören.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Organisationen, wie z. B. der Jugendaktionsausschuss Notstand der Republik[1] bisweilen aber auch viele Schüler selbst, stehen einer Zusammenarbeit von Schulen und Militär kritisch gegenüber. Sie sehen darin einen Verstoß gegen den Beutelsbacher Konsens, der Schülern eine freie Meinungsbildung zusichern soll. So wurde beispielsweise im Mai 2010 eine geplante Veranstaltung von Jugendoffizieren in einer Berliner Schule infolge des Widerstands der Schülervertretung abgesagt.[2]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Ose: Die Rolle der Jugendoffiziere im System der Informationsarbeit der Bundeswehr. In: Ders. (Hrsg.): Sicherheitspolitische Kommunikation im Wandel (= Schriften der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation. Bd. 28). Nomos, Baden-Baden 2008, ISBN 978-3-8329-3296-1, S. 170–183.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Jugendoffizier – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.jugendkongress-notstand-der-republik.de/files/infobriefe/Infobrief_JAA_Nr4.pdf
  2. Martin Klesmann: Schulleitung lädt Bundeswehr aus. In: Berliner Zeitung. 20. Mai 2010; abgerufen am 16. Juni 2015.