Julius Hans Spiegel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Julius Hans Spiegel (* 5. Juni 1891 in Berlin; † 13. Oktober 1974 in Capri) war ein deutscher Maler und Tänzer.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Julius Hans Spiegel wurde als Kind deutsch-jüdischer Eltern 1891 in Berlin geboren. Im Alter von drei Jahren verlor er aufgrund einer Krankheit sein Gehör. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er im Internat der Königlichen Taubstummenanstalt zu Berlin auf. Er studierte Malerei in Berlin und München, und begegnete dann angeblich einem javanischen Prinzen, der ihm das Tanzen beibrachte und mit dem er möglicherweise eine Beziehung führte. Dieser überließ ihm nach seinem Tod eine Sammlung ostasiatischer Masken und Gewänder. Des Weiteren studierte er Tanz bei Raden Mas Jodjana und wahrscheinlich bei Max Terpis, Leiter des Balletts der Berliner Staatstheater. Ab Beginn der 1920er Jahre trat Spiegel in Kabaretts, Varietés und Privatveranstaltungen als Grotesk- bzw. Exotik-Tänzer, meist ohne musikalische Begleitung, auf; darunter 1926 in den „Sturm-Abenden“ der Expressionisten in Berlin, in Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, in Jane Marnacs „Shanghai“-Revue im Pariser Apollo Theater, wie auch als Tanzeinlage bei Vorführungen von Lola Kreutzbergs verschollenem Kultfilm „Bali, das Wunderland“ (1927). Gastspiele führten ihn nach Mailand und Rom, wo er von den Futuristen gefördert wurde. Seine Interpretationen von japanischen, indischen, indonesischen und chinesischen Tänzen in originalen Masken und Kostümen zeichneten sich durch intensive Rhythmik und expressive Gebärden aus. Als homosexueller, jüdischer Künstler floh er 1934 aus Deutschland und ließ sich auf Capri nieder. Dort wurde er zu einer lokalen Berühmtheit und Postkartenmotiv. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit Tanzunterricht für junge Amerikanerinnen und dem Verkauf seiner Gemälde, war Werbeträger für Gaggia-Kaffeemaschinen und Carpano-Wermut und Anlaufpunkt für schwule Touristen auf Capri. Er war befreundet mit dem britischen Balletttänzer Anton Dolin, Thomas Mann und dem Eislaufpaar Ernst und Maxi Baier, und schloss Bekanntschaft mit Hollywoodgrößen wie Liz Taylor, Orson Welles und Clark Gable. 1974 verstarb er auf Capri.

Nachlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Maskensammlung beherbergt heute das Museum Fünf Kontinente (vormals Staatliches Museum für Völkerkunde) in München, der restliche Nachlass befindet sich im Deutschen Tanzarchiv in Köln.

Würdigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen des Berliner Themenjahrs Zerstörte Vielfalt wurde Spiegel auf einer Biografie-Säule porträtiert.[1] Das Theater Freiburg beherbergt von Januar bis April 2014 das Julius-Hans-Spiegel-Zentrum,[2] ein künstlerisch-wissenschaftliches Forschungszentrum, das sich mit den Exotismen der Tanzmoderne in Deutschland beschäftigt.[3] Eine zweite Ausgabe fand 2016 in den Sophiensaelen Berlin statt. 2019 widmete sich eine Ausstellung Archivdokumenten zum Leben und Werk von Spiegel.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Sator: Art. „Julius Hans Spiegel“, in: Bernd-Ulrich Hergemöller (Hrsg.) Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und Mann-Männlicher Sexualität im deutschen Sprachraum, Berlin, Lit-Verlag 2010, ISBN 978-3-643-10693-3, S. 1128–1129.
  • Curt Maronde, „Getanzter Bilderbogen. Berlin – Java – Capri“, in: Film und Frau, Heft 3, 1954.
  • Horst G. Werner, „Der taubstumme Tänzer. Erinnerungen an Julius Hans Spiegel“, in: Il Gabbiano di Capri – Die Möwe auf Capri, Nr. 3 1987, S. 4f.
  • „Der taubstumme Tänzer Julius Hans Spiegel“, in: Die Bühne Jg. 3, 1926, H. 90, S. 23.
  • Geyer, „Der taubstumme Tänzer“. In: Musik und Theater, Jg. 4. 1929, 1. Aug-H., S. 15.
  • „East meets West in the Dance Compositions of a Deaf Artist“, in: The Volta Review 34 (1932), S. 338–341, 376.
  • Fritz Zielesch, „Tanz ohne Musik. Die Rhythmen des Taubstummen.“ In: Berliner Volkszeitung. 28. Januar 1925.
  • Matthew Isaac Cohen, „Dancing the Subject of 'Java'. International Modernism and Traditional Performance, 1899–1952“, in: Indonesia and the Malay World, Jg. 35 (2007), Nr. 101, S. 9–29.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zerstörte Vielfalt (Memento vom 17. Januar 2014 im Internet Archive)
  2. Tanzfonds – Julius-Hans-Spiegel-Zentrum. In: tanzfonds.de. Abgerufen am 11. Oktober 2019.
  3. Bettina Schulte: Tanzkuratorin Anna Wagner über die Verwandlung des Winterer-Foyers - Kultur - Badische Zeitung. In: badische-zeitung.de. 16. Januar 2014, abgerufen am 11. Oktober 2019.
  4. Island Drag. Eike Wittrock on Julius Hans Spiegel. In: the-island-club.com. Abgerufen am 1. Dezember 2020.