Zum Inhalt springen

Jungslowenen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Der Begriff Jungslowenen (slowenisch: Mladoslovenci) bezeichnet eine liberal-nationale politische Bewegung innerhalb der slowenischen Nationalbewegung in der Habsburgermonarchie, die in den 1860er Jahren entstand und bis in die 1870er Jahre ihren Höhepunkt erlebte. Benannt nach dem Vorbild der Jungtschechen in Böhmen und Mähren, bildeten sie den progressiven Gegenpol zu den nationalkonservativen Altslowenen (Staroslovenci). Sie gerieten in den 1880er Jahren in eine Krise und verschwanden bis in die 1890er Jahre von der slowenischen politischen Bühne. Die Bewegung gilt als einer der Wegbereiter des slowenischen Liberalismus.[1]

Entstehung und Abgrenzung von den Altslowenen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn der konstitutionellen Periode im österreichischen Kaiserreich (ab 1861) versammelte sich die slowenische Nationalbewegung um den Laibacher Herausgeber und Arzt Janez Bleiweis, der mit den Kmetijske in rokodelske novice (Landwirtschaftliche und Handwerkerblätter) das einflussreichste slowenischsprachige Blatt leitete. Bleiweis und seine Verbündeten – das sogenannte Triumvirat aus Lovro Toman und Etbin Henrik Costa – verfolgten eine gemäßigt-konservative Politik taktischer Bündnisse mit der römisch-katholischen Kirche, den tschechischen Föderalisten und Teilen des krainischen Landadels.[2]

In den frühen 1860er Jahren formierte sich Widerstand gegen diesen Kurs. An der Spitze stand der Schriftsteller und Kulturpolitiker Fran Levstik, der 1863 die politisch-liberale Zeitung Naprej (Vorwärts) redigierte. Levstik und seine Anhänger lehnten die vorsichtige „Kabinettpolitik“ der Konservativen ab und forderten eine entschlossenere Konfrontation mit den österreichischen Behörden sowie die Mobilisierung der slowenischen Landbevölkerung. Rückhalt fanden sie vor allem bei Slowenen aus der Steiermark und dem Österreichischen Küstenland, während die Slowenen aus Krain und Kärnten überwiegend beim konservativen Lager verblieben.[3][4]

Bis zur Mitte der 1860er Jahre hatten sich zwei deutlich unterscheidbare Strömungen herausgebildet: die liberalen und radikalen Jungslowenen sowie die nationalkonservativen Altslowenen. Die Nomenklatur war den Bezeichnungen Jung- und Alttschechen aus dem böhmischen politischen Leben entlehnt.[5]

Programm und Tätigkeit

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Peter Kozlers Karte (1851) zur Idee eines zukünftigen Sloweniens

Das Programm des Vereinten Slowenien

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das gemeinsame politische Ziel aller Strömungen der slowenischen Nationalbewegung war das Programm Zedinjena Slovenija (Vereintes Slowenien): die Vereinigung aller slowenischsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie in einem eigenen Kronland mit slowenischer Amts- und Unterrichtssprache. Die Jungslowenen machten sich dieses Programm zu eigen, verlangten aber eine weit aktivere Durchsetzungsstrategie als die Altslowenen.[2]

Plakat zur Tabor-Kundgebung am 17. Mai 1869

Ihren Höhepunkt erlebten die Jungslowenen mit der Organisation der slowenischen Tabori (Volksversammlungen) in den Jahren 1868 bis 1871 – einer Massenkundgebungsbewegung nach dem Vorbild der irischen Monster Meetings Daniel O’Connells, als Reaktion auf das, was sie als wirkungslose Kabinettpolitik betrachteten.[6] Der erste Tabor fand am 9. August 1868 in Ljutomer (Luttenberg) statt; insgesamt wurden 18 solcher Versammlungen abgehalten, eine davon auf kroatischem Gebiet in Kastav. Der größte Tabor versammelte in Vižmarje bei Laibach am 17. Mai 1869 nach Angabe slowenischsprachiger Zeitungen rund 30.000 Menschen. Als Hauptredner trat u. a. Valentin Zarnik auf neun der achtzehn Veranstaltungen auf.[5]

Die Tabori wurden zum ersten gesamtslowenischen Massenereignis mit explizit politischen Forderungen: Sie verlangten den Gebrauch des Slowenischen in Verwaltung und Schulen, die Gleichberechtigung der Sprache in allen von Slowenen bewohnten Gebieten und die Verwirklichung des Programms des Vereinten Slowenien.[7]

„Vse za domovino, omiko in slobodo“

„Alles für Vaterland, Bildung und Freiheit.“

Wahlspruch der Jungslowenen

Haltung zu Kirche und Liberalismus

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Jungslowenen begrüßten theoretisch die liberalen Ideen ihrer Zeit, lehnten jedoch die liberale Februarverfassung und den politisch organisierten Liberalismus im damaligen Österreich ab, da diese aus ihrer Sicht die zentralistische Dominanz der Deutschsprachigen festigten. Zugleich strebten sie nach einer Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses auf die Politik, vermieden jedoch eine direkte Konfrontation mit dem Katholizismus. Einige liberalkatholische Geistliche, wie der Dichter Simon Gregorčič, standen der Bewegung nahe.

Erste Ausgabe von Ljubljanski Zvon mit einem Gedicht von Simon Gregorčič

Presse und Medien

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als publizistisches Gegenorgan zu Bleiweisʼ Kmetijske in rokodelske novice gründeten steirische Jungslowenen die Tageszeitung Slovenski narod (Slowenisches Volk), die ab 1868 in Marburg (heute Maribor) erschien.[8] Ihr erster Redakteur war bis 1871 Anton Tomšič; sein Nachfolger wurde Josip Jurčič. Der Slovenski narod kritisierte scharf den vermeintlichen Opportunismus der Altslowenen bei der Abstimmung über die Dezemberverfassung in Wien 1867 sowie deren angeblich zu geringe politische Entschlossenheit für die Verwirklichung des Programms des Vereinten Slowenien. Die Zeitung griff auch die sogenannten Nemškutarji (wörtlich: Deutschtümler, das heißt Slowenen, die das deutschliberale Lager unterstützten[9]) an und bezeichnete sie als Abtrünnige des Slowenentums. Daneben übten die Jungslowenen Einfluss auf die Redaktionspolitik der Literatur- und Kulturzeitschrift Ljubljanski zvon (Laibacher Glocke) aus.[10]

Bruch mit den Altslowenen und die Slogaštvo-Periode

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 verschärften sich die Gegensätze innerhalb der slowenischen Nationalbewegung, da die Jungslowenen die Unterstützung altslowenischer Parlamentsabgeordneter für den Dualismus scharf verurteilten. Im Jahre 1872 trennten sich beide Lager organisatorisch endgültig.[11] Vier Jahre später schlossen sie jedoch ein taktisches Bündnis gegen den österreichischen Zentralismus und den deutschen Nationalismus und unterstützten gemeinsam die Koalitionsregierung Eduard Taaffes. Beide Lager blieben gleichwohl mit je eigenen politischen Strukturen und Medienorganen eigenständig – eine Phase, die in der slowenischen Geschichtsschreibung als Slogaštvo (Eintrachtsperiode) bezeichnet wird.[12]

Krise und Niedergang

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Radikale gegen „Elastiki“

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem überwältigenden Wahlerfolg der slowenischen Nationalisten bei den Krainer Landtagswahlen von 1883 über die deutschsprachigen Zentralisten traten innerhalb der jungslowenischen Bewegung neue Widersprüche zutage. Eine gemäßigte Fraktion um Fran Šuklje und den Schriftsteller Janko Kersnik stand einer radikalen Gruppe um den späteren Laibacher Bürgermeister Ivan Hribar und den Schriftsteller Ivan Tavčar gegenüber. Die Gemäßigten wurden spöttisch als Elastiki (Elastische) bezeichnet.[13]

1886/87 eskalierte der Streit: Der von den Radikalen kontrollierte Slovenski narod veröffentlichte eine Artikelserie des umstrittenen slowenischen pro-russischen Publizisten Davorin Hostnik mit ausgeprägt panslawischen und antiklerikalen Tönen.[14] Die Radikalisierung des liberalen Pressewesens provozierte heftige Reaktionen in katholischen Kreisen und trug wesentlich zur Verschärfung des slowenischen Kulturkampfs in der Mitte der 1880er Jahre bei.

„Scheidung der Geister“ und der Aufstieg der Massenpolitik

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte der 1880er Jahre betrieben der Laibacher Bischof Jakob Missia (später Erzbischof von Görz) und der Theologe Anton Mahnič eine katholische Offensive gegen den Modernismus. Sie kritisierten liberalkatholische Strömungen innerhalb der slowenischen Nationalbewegung. Mahničs Kreis forderte eine ločitev duhov – eine „Scheidung der Geister“, d. h. eine klare politische und weltanschauliche Trennung zwischen Katholiken und Laizisten. Diese neue Frontstellung zwischen Klerikalismus und Antiklerikalismus ließ für das jungslowenische Lager, das zwischen diesen Positionen zu vermitteln versucht hatte, keinen politischen Platz mehr.

Zugleich wurde die ältere Honoratiorenpolitik durch eine entstehende Massenpolitik abgelöst: auf der einen Seite die christlich-soziale Bewegung um Janez Evangelist Krek, auf der anderen ein radikalisierter liberaler Nationalismus um Hribar und Tavčar.

Auflösung und Erbe

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Tod Fran Levstiks (1887) und Josip Jurčičs (1881) verlor die Bewegung ihre prägenden Köpfe. Bis in die 1890er Jahre war sie als eigenständige Kraft von der politischen Bühne verschwunden. Dies wird auch damit begründet, dass sich zeitgleich die modernen, ideologisch und soziologisch fundierten Parteien zu organisieren begannen.[15] 1892 wurde zunächst die konservative Katholische Volkspartei (Katoliška narodna stranka) gegründet, der sich einige gemäßigte Jungslowenen anschlossen. Sie wurde 1905 in Slovenska ljudska stranka (Slowenische Volkspartei) umbenannt. Die radikale Fraktion der Jungslowenen bildete den Kern der 1894 von Ivan Tavčar ins Leben gerufenen Narodna stranka za Kranjsko (Nationalpartei für Krain), die 1905 in Narodno napredna stranka (Nationalfortschrittliche Partei) umbenannt wurde. Die Bewegung der Jungdemokraten gilt damit als Wegbereiter des slowenischen politischen Liberalismus.[1]

Bedeutende Vertreter

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Fran Levstik (1831–1887), Schriftsteller und Leitfigur der Bewegung
  • Josip Jurčič (1844–1881), Schriftsteller und Chefredakteur des Slovenski narod (ab 1871)
  • Anton Tomšič (1842–1878), Journalist, erster Chefredakteur des Slovenski narod (bis 1871)
  • Josip Stritar (1836–1923), Dichter und Kritiker
  • Josip Vošnjak (1834–1911), Arzt und Politiker
  • Valentin Zarnik (1832–1888), Rechtsanwalt und Politiker, Hauptredner auf neun Tabori[5]
  • Ivan Hribar (1851–1941), Bürgermeister von Laibach (radikale Fraktion)
  • Ivan Tavčar (1851–1923), Schriftsteller und Politiker (radikale Fraktion)
  • Fran Šuklje (1849–1926), Jurist und Politiker (gemäßigte Fraktion)
  • Janko Kersnik (1852–1897), Schriftsteller und Politiker (gemäßigte Fraktion)
  • Simon Gregorčič (1844–1906), Dichter (liberal-katholische Sympathien)
  • Ivan Prijatelj: Slovenska kulturnopolitična in slovstvena zgodovina, 1848–1895. Bd. III: Mladoslovenci 1 (Obdobje kritičnega realizma 1868–1881). Državna založba Slovenije, Ljubljana 1958.
  • Ivan Prijatelj: Slovenska kulturnopolitična in slovstvena zgodovina, 1848–1895. Bd. V/VI: Mladoslovenci 2 (Obdobje poetičnega realizma 1881–1895). Hrsg. von Anton Ocvirk, mit Anmerkungen von Dušan Kermavner. Državna založba Slovenije, Ljubljana 1966.
  • Peter Štih, Vasko Simoniti, Peter Vodopivec: Slowenische Geschichte. Gesellschaft – Politik – Kultur (= Veröffentlichungen der Historischen Landeskommission für Steiermark. Bd. 40; = Zbirka Zgodovinskega časopisa. 34). Leykam, Graz 2008, ISBN 978-3-7011-0101-6.
  • Joachim Hösler: Slowenien. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Pustet, Regensburg 2006, ISBN 3-7917-2004-X.
Commons: Jungslowenen – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 Kulturna in politična zgodovina Slovencev – Wikivir. Abgerufen am 18. Mai 2026 (slowenisch).
  2. 1 2 Peter Štih, Vasko Simoniti, Peter Vodopivec: Slowenische Geschichte. Gesellschaft – Politik – Kultur. Leykam, Graz 2008
  3. Ivan Prijatelj: Slovenska kulturnopolitična in slovstvena zgodovina, 1848–1895. Bd. III: Mladoslovenci 1 (Obdobje kritičnega realizma 1868–1881). Državna založba Slovenije, Ljubljana 1958.
  4. Kulturna in politična zgodovina Slovencev – Wikivir. Abgerufen am 19. Mai 2026 (slowenisch).
  5. 1 2 3 Zarnik, Valentin. Abgerufen am 18. Mai 2026.
  6. Geoghegan, Patrick (2008). King Dan: the Rise of Daniel O’Connell, 1775–1829. Dublin: Gill & Macmillan. ISBN 978-0717143931
  7. Josip Vošnjak: Slovenski tabori: za prosto slovensko ljudstvo. Slovensko politično društvo, 1869 (google.de [abgerufen am 18. Mai 2026]).
  8. Slovenski narod. In: Digitalna knjižnica Slovenije - dLib.si. 1868, abgerufen am 18. Mai 2026.
  9. Marko Jesenšek: Die Rolle des Herausgebers der Zeitschrift Kmetijske in rokodelske novice bei der Entwicklung einer einheitlichen slowenischen Schriftsprache. In: Studia Slavica Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 65, Nr. 2, 24. Februar 2022, ISSN 0039-3363, S. 259–274, doi:10.1556/060.2020.00022 (akjournals.com [abgerufen am 19. Mai 2026]).
  10. dLib.si - »Mladoslovenci« in »Mlada Evropa«. Abgerufen am 19. Mai 2026.
  11. Branko Marušič: Vereine, Verbände und Parteien in den Adrialändern A. Die Vereinstätigkeit im österreichischen Küstenland (Triest, Görz-Gradisca, Istrien). In: Die Habsburgermonarchie 1848–1918. Band VIII/1. Vereine, Parteien und Interessenverbände als Träger der politischen Partizipation. Band VIII: Politische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft Teil 1: Vereine, Parteien und Interessenverbände als Träger der politischen Partizipation. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2006, S. 566 (austriaca.at [PDF]).
  12. Maja Francé.: Staroslovenci (Altslowenen). In: Katja Sturm-Schnabl, Bojan-Ilija Schnabl (Hrsg.): Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Kosoka. Von den Anfängen bis 1942. Band 3: PO-Z. Böhlau Verlag, Wien Köln Weimar 2016, ISBN 978-3-205-79673-2, S. 1293 (vr-elibrary.de [PDF]).
  13. Jernej Mlekuž: »Moja politika je kranjska klobasa«. Par madežev kranjske klobase v slovenski politiki, zapackanih v slovenskem časopisju do prve svetovne vojne (»My Policy is Carniolan Sausage«: A couple of Carniolan sausage stains in the Slovenian politics, smearing the Slovenian newspapers before World War I). In: Prispevki za novejšo zgodovino (Beiträge zur Zeitgeschichte). Band 53, Nr. 2. Inštitut za novejšo zgodovino, Ljubljana 2013, S. 722 (sistory.si [PDF]).
  14. Hostnik, Davorin (1853–1929) - Slovenska biografija. Abgerufen am 19. Mai 2026.
  15. Janko Prunk: Slowenien. In: Günter Buchstab, Rudolf Uertz (Hrsg.): Nationale Identität im vereinten Europa. Herder, Freiburg/Breisgau 2006, ISBN 3-451-23013-5, S. 249 (kas.de).