Jussuf Ibrahim

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Jussuf Ibrahim, Januar 1953
Grabstein Ibrahims auf dem Jenaer Nordfriedhof

Jussuf Murad Bey Ibrahim (arabisch يوسف إبراهيم) (* 27. Mai 1877 in Kairo; † 3. Februar 1953 in Jena) war ein hochangesehener und zugleich wegen Beteiligung am Euthanasie-Programm während der Zeit des Nationalsozialismus umstrittener Kinderarzt. Ab 1912 hatte er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Ibrahim, Sohn eines ägyptischen Arztes und einer deutschen Mutter,[1] studierte Medizin an der Universität München, an der er im Jahr 1900 auch promovierte. Als unbesoldeter Assistent der Heidelberger Luisenheilanstalt entdeckte er anschließend sein Interesse für die Pädiatrie und habilitierte sich unter Oswald Vierorth[2] im Jahr 1904 über angeborene Pylorusstenosen im Kindesalter. 1906 übersiedelte er erneut nach München, wo er 1912 zum außerordentlichen Professor (und deutschen Staatsbürger[3]) ernannt wurde.[4] Nachdem er als Nachfolger von Carl Gerhardt 1915 zunächst an die Universität Würzburg gewechselt war, wurde er am 1. April 1917 als Professor auf den durch das finanzielle Engagement der Carl-Zeiss-Stiftung neu geschaffenen Lehrstuhl für Kinderheilkunde in Jena berufen und blieb bis zu seinem Tode 1953 Direktor des dortigen Kinderkrankenhauses. Sein Nachfolger auf diesem Lehrstuhl wurde Erich Häßler.

In der Zeit des Nationalsozialismus zeigte er sich von der NS-Ideologie angezogen, wurde aber als „Halbaraber“ nicht in die NSDAP aufgenommen.[1] Als Leiter der Jenaer Universitäts-Kinderklinik war er in die sogenannten Euthanasie-Morde an Kindern verwickelt, da er schwerstgeschädigte Patienten seiner Klinik an die für die Euthanasie zuständige „Kinderfachabteilung“ des Landeskrankenhauses in Stadtroda überwies beziehungsweise trotz des ihm seit spätestens 1943 bekannten Schicksals der Kinder in Stadtroda ihre Überweisung zur Kenntnis nahm.[5] Laut dem im April 2000 veröffentlichten Ergebnisbericht der Kommission „Kinderklinik Jussuf Ibrahim“ wurden aus der Jenaer Kinderklinik „[…] zwischen 1941 und 1945 insgesamt sieben schwerstgeschädigte Kinder nach Stadtroda überwiesen, die auch dort verstarben“, „[…] für zwei Kinder liegen handschriftliche Überweisungsschreiben Ibrahims vor, die offen „Euthanasie“ vorschlagen“.[6] Im Januar 1943 wurde er mit dem Kriegsverdienstkreuz Zweiter Klasse ausgezeichnet, aber bereits im Juli desselben Jahres vom Reichsministerium des Innern gerügt, da er nach den Krankenblättern der Kinderklinik die von seinen Untergebenen erstellten Anträge auf Euthanasie verzögert bearbeitet oder nicht bewilligt hatte.[1]

Ibrahim, der in den 1930er Jahren das Jenaer Rosarium angelegt hatte, erhielt 1947 den Ehrendoktortitel der Sozialpädagogischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena.[1] Der aufgrund seiner Verdienste um die Ausbildung von Krankenschwestern, um die Sozialpädiatrie und um die Senkung der Säuglingssterblichkeit[4] hoch angesehene Mediziner wurde 1947 auch zum Ehrenbürger der Stadt Jena ernannt, 1949 erhielt er die Auszeichnung Verdienter Arzt des Volkes, 1952 den Nationalpreis der DDR erster Klasse.

Die Universitätskinderklinik, zwei Kindergärten und eine Straße in Jena trugen bis 2000 seinen Namen, sie wurden nach öffentlicher Kritik umbenannt.[7] Nachdem im Januar 2000 durch eine Habilitationsschrift Ibrahims Beteiligung an der Euthanasie zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ während der Zeit des Nationalsozialismus in der breiten Öffentlichkeit bekannt worden war,[8][9] und die Universität im Mai 2000 einen Untersuchungsbericht dazu erstellt hatte,[10] wurde sein Name noch im gleichen Jahr aus dem Erscheinungsbild der Stadt gelöscht.[7] Die Ibrahimstraße erhielt wieder ihren ursprünglichen Namen Forstweg,[11][12] und die Kindergärten sowie die Universitätsklinik wurde anders benannt.[7] Im Oktober 2000 wurde vom Stadtrat der Stadt Jena Ibrahim über die Ehrenbürgerschaft abgestimmt, dabei wurde für die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft gesetzte Zweideirittelmehrheit verfehlt und nur eine absolute Mehrheit erreicht.[13] Am 15. November 2000 gab das Landesverwaltungsamt Weimar bekannt, dass die Ehrenbürgerschaft wegen des Todes Ibrahims nachträglich nicht mehr aberkannt werden kann, jedoch bei lebenden Ehrenbürgern bereits eine einfache Mehrheit dazu gereicht hätte.[7]

Seine Grabstätte befindet sich auf dem Nordfriedhof in Jena.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Schneider: Arzt der Kinder. Aus dem Leben Jussuf Ibrahims. 4., veränderte Auflage, Greifenverlag, Rudolstadt 1986, ISBN 3-7352-0035-4.
  • V. Hesse: Jussuf Ibrahaim (1877–1953), Dr. med. habil., Dr. paed. h.c., ein bedeutender Lehrer der Kinderheilkunde. In: B. Wilhelmi, G. Wagner (Hrsg.): Jenaer Hochschullehrer der Medizin. Jena 1988, S. 165–188.
  • Wissenschaftliche Beiträge (poster session) zum Festsymposium 75 Jahre Universitäts-Kinderklinik „Jussuf Ibrahim“ Jena. Herausgegeben von der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Jena 1992, ISBN 3-925978-15-1.
  • Peter Reif-Spirek: Später Abschied von einem Mythos. Jussuf Ibrahim und die Stadt Jena. In: Peter Reif-Spirek und Annette Leo: Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien zum DDR-Antifaschismus. Metropol, Berlin 2001, ISBN 3-932482-78-6
  • Sandra Liebe: Prof. Dr. med. Jussuf Ibrahim (1877–1953): Leben und Werk. Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Jena 2006.
  • Willy Schilling: Der „Fall“ Ibrahim – Fakten, Probleme, Positionen. In: Menschliche Verantwortung gestern und heute. Beiträge und Reflexionen zum nationalsozialistischen Euthanasie-Geschehen in Thüringen und zur aktuellen Sterbedebatte (Hg. Eggert Beleites), Landesärztekammer Thüringen, Jena 2008, ISBN 3-9806989-4-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jussuf Ibrahim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 277.
  2. Rhein-Neckar-Wiki: Oswald Vierorth
  3. hpsmedia: Geschichte der Pflege
  4. a b Ibrahim, Jussuf. In: Werner E. Gerabek: Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2004, ISBN 3-11-015714-4, S. 658.
  5. Ibrahim, Jusuff. In: Rolf Castell: Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland in den Jahren 1937 bis 1961. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-46174-7, S. 519/520.
  6. Zitiert aus der Zusammenfassung des Ergebnisberichts der Kommission „Kinderklinik Jussuf Ibrahim“ vom 17. April 2000; Veröffentlicht im Uni-Journal Jena, Ausgabe Mai 2000.
  7. a b c d Dirk Moldt: Ein Denkmal aus alten Tagen – Deutsche Leitkultur?, Horch und Guck, Zeitschrift der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“, Heft 31/2000
  8. Was heißt "Euth."?, Die Zeit 12/2000 vom 16. März 2000
  9. Katrin Zeiss: Kein Wohltäter: Jena muss einsehen, dass Jussuf Ibrahim, der bekannte Kinderarzt, an der NS-Euthanasie beteiligt war, Die Zeit 18/2000 vom 27. April 2000
  10. Götz Aly: Das Schäferhunde-Milieu der PDS hält an ihm fest, aber Jena verabschiedet Jussuf Ibrahim, Berliner Zeitung, 4. Mai 2000
  11. Geschichte in fast jedem Haus: Straßenführung durch den Forstweg am Sonnabend, Ostthüringer Zeitung, 18. Oktober 2016
  12. Das Gestern im Heute, taz, 27. Januar 2001
  13. Eine Mehrheit sprach Jussuf Ibrahim die Ehrenbürgerwürde ab. Er bleibt Jenas Ehrenbürger: Die thüringische Lösung, Berliner Zeitung, 14. Oktober 2006
  14. Foto des Grabes Ibrahims