Käthe Reichel

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Käthe Reichel bei der Vorstellung ihres Buches „Windbriefe an den Herrn b.b.“ am 17. August 2006

Käthe Reichel (eigentlich Waltraut Reichelt;[1] * 3. März 1926 in Berlin; † 19. Oktober 2012 in Buckow[2]) war eine deutsche Schauspielerin und Friedensaktivistin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft und Theateranfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichel, die aus einfachen Verhältnissen stammte, wuchs in Berlin-Mitte in einem Hinterhof auf. Ihre Eltern gehörten der Arbeiterschicht an; in ihrer Jugend musste sie oft an Hunger leiden.[3] Als Kind verkaufte sie Fisch in der Markthalle. Nach ihrer obligatorischen Schulausbildung lernt sie den Beruf einer Textilkauffrau. Im Anschluss ihrer kaufmännischen Lehre begann sie ohne Schauspielausbildung ihre schauspielerische Arbeit mit ersten Engagements am Theater Greiz, am Gothaer Stadttheater und am Volkstheater Rostock. In der Spielzeit 1949/1950 spielte Reichel am Volkstheater Rostock die Rolle der Telefonistin in Bertolt Brechts Stück Herr Puntila und sein Knecht Matti (Gastregie: Egon Monk); Brechts Ehefrau Helene Weigel besuchte im Februar 1950 eine Aufführung der Inszenierung und machte Brecht auf die junge Schauspielerin Waltraut Reichelt aufmerksam.

Berliner Ensemble[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 1950 wurde Reichel von Brecht an das Berliner Ensemble (BE) engagiert. Reichel nannte sich fortan Käthe Reichel. Brecht erkannte das Talent der jungen Waltraut Reichelt und förderte ihre berufliche Entwicklung. Dabei entstand eine Liebesbeziehung zwischen Brecht und Reichel. Sie war in dieser Zeit Brechts letzte Geliebte.[3][4] Brecht schrieb für Reichel im Jahre 1950 vier Liebeslieder; die Lieder wurden im Oktober 1951 von Paul Dessau als Lied-Zyklus Vier Liebeslieder vertont. Brecht besetzte Reichel in seinem Theaterstück Die Mutter (als Dienstmädchen in Szene 13: Vor einer Vaterländischen Kupfersammelstelle); die Premiere fand im Januar 1951 unter Brechts Regie statt.

Reichel trat am Berliner Ensemble in vielen Inszenierungen Brechts und Benno Bessons auf. Wichtige Rollen dort waren: Gustchen in Brechts Bearbeitung von Lenz’ Der Hofmeister (1950, Regie: Brecht/Caspar Neher), Gretchen in Urfaust (Premiere: April 1952 am Landestheater Potsdam; Übernahme ans BE ab März 1953; Regie: Egon Monk), die Titelrolle in Brecht/Seghers’ Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431 (Premiere: November 1952; Regie: Benno Besson), Mathurine in Don Juan (Premiere: März 1954 im Theater am Schiffbauerdamm; Regie: Benno Besson), die Gouverneursfrau Natella Abaschwili in Der kaukasische Kreidekreis (1954; Regie: Bertolt Brecht) und die Doppelrolle Shen Te/Shui Ta in Der gute Mensch von Sezuan (1957; Regie: Benno Besson).

Weitere Theaterrollen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1955 spielte sie (als Gast) an den Städtischen Bühnen Frankfurt ebenfalls die Rolle der Magd Grusche in Der kaukasische Kreidekreis.[5] Regie führte Harry Buckwitz. In der Spielzeit 1955/1956 gastierte sie am Volkstheater Rostock als Shen Te/Shui Ta (Premiere: Januar 1956). 1956 spielte sie an den Städtischen Bühnen Wuppertal die Titelrolle in Shaws Schauspiel Die heilige Johanna; 1965 gastierte sie mit dieser Rolle nochmals im Westen, am Nationaltheater Mannheim. 1959 trat sie am Volkstheater Rostock als Polly in Brecht/Weills Die Dreigroschenoper auf. 1961 spielte sie am Schauspielhaus Stuttgart erstmals die Titelrolle in Brechts (wegen seines Antiamerikanismus auf westdeutschen Bühnen selten gespielten) Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe; sie wurde in der Rolle der Johanna Dark in Stuttgart ausgebuht.[6] Im selben Jahr trat sie in dieser Rolle auch am Volkstheater Rostock auf. Ab 2000/2001 trug Reichel Brechts Johanna der Schlachthöfe in einer eigenen Lesefassung als Ein-Personen-Stück vor.

Seit der Spielzeit 1960/1961 gehörte sie dem Ensemble des Deutschen Theaters (DT) an; dort war sie bis 2001 festes Ensemblemitglied.[4] Zu ihren Rollen am Deutschen Theater gehörten: die Titelrolle in Minna von Barnhelm (1960; Regie: Wolfgang Langhoff), Julia in Zwei Herren aus Verona (1963), Sophie von Beeskov in dem Schauspiel 1913 von Carl Sternheim, die Nachbarin in Seán O’Caseys Theaterstück Juno und der Pfau (1972; Regie: Adolf Dresen), die Botin in Sophokles/Hölderlin/Heiner Müllers Oedipus Tyrann (1976; Regie: Benno Besson) sowie in späteren Jahren als Frau Brigitte in Der zerbrochne Krug (1990), sowie in Das Käthchen von Heilbronn (Spielzeit 1991/1992) und zuletzt in Der kaukasische Kreidekreis[6] (1991, als Grusche, neben Klaus Löwitsch als Azdak), jeweils unter der Regie von Thomas Langhoff.

1982 gastierte sie am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Sie übernahm, unter der Regie von Niels-Peter Rudolph, die Rolle der „Alten Frau“ in Peter Handkes „Dramatischem Gedicht“ Über die Dörfer.

Film und Fernsehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1951 war Reichel auch im Bereich der Film- und Fernseharbeit tätig. Ihr Filmdebüt gab sie in einer kleinen Rolle unter der Regie von Artur Pohl in dem Spielfilm Corinna Schmidt (1951), der auf Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel basiert. Erst Ende der 1950er Jahre nahm sie ihre Filmtätigkeit wieder auf. In dem Gegenwartsfilm Die Feststellung (1958) war sie als Mechanikerin zu sehen. Fortan wirkte Reichel in mehreren Produktionen der DEFA und des DFF mit. Reichel spielte meist „skurrile Gestalten [und] Volksfiguren“, die sie nicht primär realistisch, sondern stets mit einem Hauch von Verfremdung anlegte.[7] Häufig war Reichel dabei auf prägnante Nebenrollen festgelegt: als Bäuerin Ulrike in dem Märchenfilm Wie heiratet man einen König? (1969) von Rainer Simon, als Sachbearbeiterin in Nebelnacht (1969), als Wirtin der Studentin Karin in Mein lieber Robinson (1971) von Roland Gräf und als Lucie Matewsky, genannt „Goldlucie“, in Leichensache Zernik (1972).[8] Zu Reichels skurrilen Figuren gehörte auch ihre kleine, aber einprägsame, „unverwechselbare Rolle“ als „schrille“ Frau des Schaubudenbesitzers in dem Spielfilm Die Legende von Paul und Paula (1973).[8][9]

In dem Fernsehmehrteiler Daniel Druskat (1976) spielte sie ein einfaches, schlichtes Dienstmädchen mit tragikomischen Zügen; eine Rolle, in der sie die Hauptdarsteller zeitweise in den Hintergrund treten ließ.[6]

1979/1980 hatte sie eine ihrer wenigen Film-Hauptrollen, die Titelrolle in dem Fernsehfilm Muhme Mehle. Der Film lehnt sich an die Lebensgeschichte der Kommunistin und Spionin Ruth Werner an. Reichel spielte, unter der Regie von Thomas Langhoff, die Rolle der einfachen, unpolitischen Kinderfrau Wilhelmine Kegelang, die im schweizerischen Hochgebirge bei einer Kundschafterin (illegale Kurierin der Kommunistischen Partei) und deren Familie arbeitet; durch ihre Redseligkeit bringt sie ihre Arbeitgeberin und deren Familienmitglieder jedoch in große Gefahr.[10]

Eine weitere bedeutende Rolle hatte sie als Josepha Feller, der Frau des katholischen Predigers Feller, in dem Filmdrama Levins Mühle (1980). Die Filmszene, in der Reichel an der Seite von Andrzej Szalawski das Lied Hei hei hei hei japadei macht das Judchen ein Geschrei. singt, wurde bekannt. In dem Spielfilm Glück im Hinterhaus (1980) verkörperte sie die Nachbarin Frau Wolff, die frühere beste Freundin der Mutter der Praktikantin Frl. Broder.

Für ihre Rolle als Zuchthausleiterin Olser in dem Spielfilm Die Verlobte (1980) erhielt sie 1982 auf dem 2. Nationalen Spielfilmfestival der DDR den Nebendarstellerpreis. In dem DDR-Fernsehfilm Der Schimmelreiter (1984) verkörperte sie die Rolle der Hebamme Trin. In der mehrteiligen Literaturverfilmung Der Laden (1997/1998) hatte Reichel eine ihrer letzten Filmrollen.

Grab von Käthe Reichel

Späte Jahre und Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1994 war sie Jurorin des Alfred-Kerr-Darstellerpreises.[11] In der im Jahr 2000 uraufgeführten Filmbiografie Abschied. Brechts letzter Sommer verkörperte die deutsche Schauspielerin Jeanette Hain Käthe Reichel.

2006 erschien das Buch Windbriefe an den Herrn b.b. In dem Buch schreibt Reichel 45 „Windbriefe“ an Bertolt Brecht („an den Herrn b.b.“), in denen sie auch Marotten und Arbeitsweisen ihres Geliebten beschreibt. 2011 veröffentlichte sie unter dem Titel Dämmerstunde – Erzähltes aus der Kindheit eine Autobiografie ihrer Kindheit.[12]

Käthe Reichel war unverheiratet. Sie lebte nach dem Suizid ihres einzigen Sohnes (aus einer Beziehung mit dem Maler Gabriele Mucchi) alleine in ihrer Wohnung in Berlin, unweit des Deutschen Theaters.[6] Sie verstarb im Alter von 86 Jahren in ihrem Haus in Buckow. Brecht hatte das Anwesen am Buckowsee 1952 für Käthe Reichel gekauft. Am 9. November 2012 wurde sie auf dem I. Französischen Friedhof in Berlin-Mitte beigesetzt.[13]

Politisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Käthe Reichel während der Alexanderplatz-Demonstration

Reichel galt in der DDR aufgrund ihrer non-konformistischen Haltung als kritische Künstlerin. Für das Ministerium für Staatssicherheit galt sie als das „konterrevolutionäre Zentrum des Deutschen Theaters.“[4] Über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei im Jahr 1968 äußerte sie sich kritisch in der Öffentlichkeit.[4] Ihre für die Obrigkeit in der DDR unbequeme Position verdeutlichte sie 1976, als sie gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR protestierte.[14] Am 4. November 1989 nahm sie an der Alexanderplatz-Demonstration teil; sie gehörte zu den Mitorganisatoren der Kundgebung.[3] Am 5. April 1990 sprach sie im Lustgarten (Berlin) zu rund 100 000 Teilnehmern einer Demonstration gegen den Umtauschkurs 2:1 für die Mark der DDR im Rahmen der geplanten Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion.[15][16] Am 4. November 1990 polemisierte sie gegen „Krause und Maiziere“, die das Land „verkauft, verschachert, verraten“ hätten, und warnte, dass sich das Volk des Satzes wieder erinnern werde, mit dem es vor einem Jahr einen Staat gestürzt habe: „Wir sind das Volk“.[17] Im Januar 1991 demonstrierte sie mit einem Plakat „Mütter, versteckt Eure Söhne“ gegen den Golfkrieg.[18] 1993 unterstützte sie den Hungerstreik von Bergleuten der vor der Schließung stehenden Kaligrube Bischofferode unter anderem mit einem offenen Brief an die Präsidentin der Treuhandanstalt Birgit Breuel.[19] 1995/96 kritisierte sie die Kriegführung Russlands in Tschetschenien und schlug das Komitee der Soldatenmütter Russlands für den Friedensnobelpreis vor. 2006 engagierte sie sich für einen Berliner Heinrich-Heine-Preis für Peter Handke, nachdem diesem der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, für den ihn die Jury nominiert hatte, wegen seiner Haltung zu Slobodan Milošević verweigert worden war.[20][21][22] Das 2001 gegründete Internationale Komitee (für die Verteidigung von) Slobodan Miloševic zählte Käthe Reichel zu seinen „Unterstützern“.[23]

Filmografie (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Käthe Reichel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Käthe Reichel – Zum 75. Geburtstag der Schauspielerin, die als Brechts Liebling galt. reocities.com, abgerufen am 19. Oktober 2012.
  2. Brechts junge Heldin Käthe Reichel ist tot. Die Welt, 19. Oktober 2012, abgerufen am 19. Oktober 2012.
  3. a b c Sie war Brechts letzte Geliebte: Letztes Geleit für die große Käthe Reichel. In: berliner-kurier.de. 10. November 2012, abgerufen am 6. Januar 2015.
  4. a b c d Irene Bazinger: Käthe Reichel tot – Nachruf: Ein Abschied mit Getrommel. In: fr-online.de. 2. Dezember 2012, abgerufen am 6. Januar 2015.
  5. Herbert A. Frenzel und Hans Joachim Moser (Hrsg.): Kürschners biographisches Theater-Handbuch. Schauspiel, Oper, Film, Rundfunk. Deutschland – Österreich – Schweiz. De Gruyter. Berlin 1956, S. 584.
  6. a b c d Thomas Knauf: Nachruf – Zum Tod von Käthe Reichel. In: freitag.de. 22. Oktober 2012, abgerufen am 6. Januar 2015.
  7. F.-B. Habel: Lexikon. Schauspieler in der DDR. Verlag Neues Leben, Berlin 2009, ISBN 978-3-355-01760-2, S. 345.
  8. a b Käthe Reichel Biografie bei DEFA-Stiftung
  9. Matthias Heine: Käthe Reichel liebte Brecht und mochte Milosevic. In: welt.de. 19. Oktober 2012, abgerufen am 2. Mai 2017.
  10. MUHME MEHLE (1980) Besetzung, Inhalt und Produktionsdetails; Eintrag in der Datenbank Fernsehen der DDR.
  11. Alfred Kerr Stiftung – Juroren. In: alfred-kerr.de. Abgerufen am 6. Januar 2015.
  12. Jörg Sundermeie: Nachruf auf Käthe Reichel: Mit Kritik sparte sie nie. In: taz.de. 22. Oktober 2012, abgerufen am 6. Januar 2015.
  13. In den Presseberichten zur Beisetzung ist durchgängig irrtümlich vom Dorotheenstädtischen Friedhof die Rede, wohl weil der (größere und bekanntere) Dorotheenstädtische direkt an den Französischen Friedhof grenzt, möglicherweise auch, um die Nähe zu Brecht zu betonen, der auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben wurde.
  14. Roland Berbig: In Sachen Biermann. Ch. Links Verlag, 1994, ISBN 978-3-86153-070-1, S. 70. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  15. Irene Bazinger: Käthe Reichel: Mit ihr zog die neue Zeit. In: fr-online.de. 19. Oktober 2012, abgerufen am 6. Januar 2015.
  16. DRA: Schlagzeilen 1990. In: 1989.dra.de. 25. September 2009, abgerufen am 6. Januar 2015.
  17. Deutschland 1990. Presse- und Informationsamt. Zentrales Dokumentationssystem. 1993. S. 19
  18. Käthe Reichel, 1991. In: bsd-photo-archiv.de. Archiviert vom Original am 4. Oktober 2013, abgerufen am 6. Januar 2015.
  19. Michael Jürgs: Ein Land im Sonderangebot. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1997 (online).
  20. Käthe Reichel, Der Berliner Heinrich-Heine-Preis. In: sopos.org. 22. Juni 2006, abgerufen am 6. Januar 2015.
  21. Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung – Kosovo – war da was? Ist da was?
  22. Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung – Kosovo – war da was? Ist da was? In: diss-duisburg.de. 10. Juni 1999, abgerufen am 6. Januar 2015.
  23. Internationales Komitee „Slobodan Milosevic“ – Nationale Souveränität & Soziale Gerechtigkeit. In: free-slobo.de. Abgerufen am 6. Januar 2015.
  24. Facettenreiches Suchen; MOZ vom 20. Januar 2014. Abgerufen am 3. Juli 2015