Königreich Italien (1861–1946)

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Königreich Italien
Regno d’Italia
1861–1946
Flagge des Königreiches Italien Großes Wappen Italiens 1890–1929/44-46
Kleines Wappen Italiens 1890–1929/44–46
Flagge Wappen
Italien 1843–1870.png Navigation Flag of Italy.svg
Flag of the Vatican City.svg
War flag of the Italian Social Republic.svg
Free Territory Trieste Flag.svg
Flag of SFR Yugoslavia.svg
State Flag of Greece (1863-1924 and 1935-1970).svg
Wahlspruch FERT FERT FERT[1]
Verfassung Staatsgrundgesetz des Königreichs Italien
(Statuto Albertino)
Amtssprache Italienisch
Hauptstadt Turin (1861–1864)
Florenz (1864–1871)
Rom (1871–1946)
Staatsform Königreich
Regierungssystem Parlamentarische Monarchie (1861–1925 und 1943–1946)
monarchisch-faschistische Einparteiendiktatur (1925–1943)
Staatsoberhaupt König:
Viktor Emanuel II. (1861–1878)
Umberto I. (1878–1900)
Viktor Emanuel III. (1900–1946)
Umberto II. (1946)
Regierungschef Ministerpräsident
siehe Präsident des Ministerrats
Fläche 310.196 km² (1936)
Einwohner 42.994.000 (1936)
Bevölkerungsdichte 138,6 EW/km² (1936)
Währung Italienische Lira
Gründung 17. März 1861
(Ausrufung Viktor Emanuels II. als König von Italien)
Auflösung 3. Juni 1946
(Volksabstimmung zur Staatsform)
Nationalhymne Marcia Reale
Zeitzone MEZ
Italian Colonial Empire (orthographic projection).svg

Gebiete und Kolonien des Königreiches Italien 1941:

Das Königreich Italien (italienisch Regno d’Italia) war ein Staat in Südeuropa, welcher von 1861 bis 1946 auf dem Gebiet der heutigen italienischen Republik und Teilen derer Nachbarstaaten bestand. Während dieses Zeitraums war Italien (formal auch während der Zeit des Italienischen Faschismus von 1922 bis 1943) eine zentralistisch organisierte, am monarchischen Prinzip ausgerichtete konstitutionell-parlamentarische Monarchie.

Die Gründung des Königreichs 1861 erfolgte im Zuge der Risorgimentobewegungen, in deren Endphase mit der Proklamation des sardinischen Königs Viktor Emanuel II. zum König von Italien am 17. März 1861 in Turin der erste moderne italienische Nationalstaat unter der Herrschaft des Hauses Savoyen entstanden war. 1866 erklärte er dem Kaisertum Österreich den Krieg und erwarb Venetien mit Friaul. 1871 folgte der Kirchenstaat mit Rom, womit die italienischen Unabhängigkeitskriege endeten.

Nach einer liberaleren politischen Phase stieg das Königreich Italien unter König Umberto I. 1878 zur Großmacht auf und beteiligte sich ab den 1880er Jahren am kolonialen Wettlauf um Afrika, wo es mehrere Kolonialkriege in Ostafrika und von 1911 bis 1912 um das spätere Italienisch-Libyen einen Krieg gegen das Osmanisches Reich führte. 1882 wurde mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn die Allianz des Dreibundes geschlossen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Italien von einem unbedeutenden Agrarstaat zum, zusammen mit Frankreich und Österreich-Ungarn, bedeutendsten Industrieland des Mittelmeerraums gewandelt. Es kam unter Umbertos Nachfolger Viktor Emanuel III. (ab 1900) in den großen industriellen Ballungszentren Norditaliens zum Aufstieg der organisierten Arbeiterschaft und des Bürgertums sowie von Massenverbänden und -parteien. Im Süden hielt der wirtschaftliche Aufschwung dagegen nur langsam Einzug.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 erklärte Italien seine Neutralität. Nach dem Londoner Vertrag von 1915, in dem umfassende territoriale Zugeständnisse vereinbart wurden, folgte im gleichen Jahr der Kriegseintritt an der Seite der Entente. Nach der erfolgreichen Besetzung Albaniens 1916 und der Schlacht von Vittorio Veneto 1918, die maßgeblich zur Auflösung des Habsburgerreiches beitrug, gehörte das Königreich zu den Hauptsiegermächten und hatte im Völkerbundsrat einen ständigen Sitz inne.

Das Ende des Weltkriegs löste 1919 eine schwere Staatskrise aus. In dieser übernahm die Nationale Faschistische Partei unter Benito Mussolini mit dem Marsch auf Rom 1922 die Macht und höhlte die Demokratie bis 1926 schrittweise aus. Das faschistische Regime begann nach einer Zeit der Anlehnung an die westlichen Demokratien und der inneren Konsolidierung, die durch einen enormen Wirtschaftsaufschwung und die seit 1923 dauernde Wiedereroberung Libyens geprägt war, eine aggressive Außenpolitik. Nach der Überwindung der Weltwirtschaftskrise begann 1935 die italienische Eroberung Äthiopiens, die der Westen mit Wirtschaftssanktionen beantwortete und die Nation international isolierte. Ab 1936 wandte sich Italien dem nationalsozialistischen Deutschen Reich zu. Dieses unterstützte wiederum dessen Weltmachtsstreben und die angestrebte italienische Vormachtstellung im Mittelmeer und auf der Balkanhalbinsel. 1936 wurde das spätere Bündnis der Achsenmächte begründet und bis 1939 intervenierten beide Staaten zusammen im spanischen Bürgerkrieg zugunsten der Putschisten unter Francisco Franco. Bis 1939 hielt Italien in diesem die Balearischen Inseln besetzt. Dieser Prozess ging mit einer zunehmenden Ideologisierung und Radikalisierung des Regimes einher. 1938 wurden Rassengesetze erlassen, welche hauptsächlich die einheimische Bevölkerung in den Kolonien entrechteten, und die Zwangsitalianisierung der ethnischen Minderheiten verschärft.

Nach dem Anschluss Österreichs und dem Münchner Abkommen 1938 okkupierten italienische Truppen 1939 Albanien. Nach dem deutschen Sieg im Westfeldzug 1940 folgten mit dem Kriegseintritt Teile Südfrankreichs, Ägyptens und Britisch-Somaliland, 1941 bis 1943 Teile des Balkans und ab 1942 Tunesien und Korsika. Obwohl Italien anfangs zum Deutschen Reich einen erfolgreichen Parallelkrieg gegen das Britische Weltreich führte und sich auch an der Invasion der Sowjetunion beteiligte, führten die ab Sommer 1941 schnell aufeinanderfolgenden Niederlagen in Ostafrika und in Nordafrika zu einem Rückhaltsverlust der Monarchie und des faschistischen Regimes in der Bevölkerung. In den besetzten Gebieten, insbesondere auf dem Balkan, kam es währenddessen zu zahlreichen Kriegsverbrechen. Am Holocaust beteiligte sich das Königreich Italien dagegen nicht und wurde Zufluchtsort für zahlreiche verfolgte Juden aus den deutsch-besetzten Gebieten. Die alliierte Landung auf Sizilien 1943 bewirkte im Juli den Sturz der faschistischen Diktatur und im Waffenstillstand von Cassibile schied Italien aus dem Achsebündnis aus. Am 13. Oktober 1943 erfolgte der erneute Kriegseintritt auf der Seite der Alliierten. Die Wehrmacht besetzte daraufhin den Norden des Landes und errichtete mit der Italienischen Sozialrepublik einen Marionettenstaat, welcher unter der formalen Führung des alten faschistischen Regimes bis zum Frühjahr 1945 bestand.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste die italienische Monarchie den Verlust ihres Kolonialreiches und die Besetzung der italienischen Besitzungen in Istrien und Dalmatien durch Jugoslawien hinnehmen und eine Wirtschaftskrise, welche durch einen erheblichen Rückgang der Industrieproduktion, Lebensmittelknappheit und der Zerstörung von weiten Teilen der Infrastruktur in Nord- und Mittelitalien ausgelöst worden war, überwinden. Im Mai 1946 dankte Viktor Emanuel III. zugunsten seines Sohnes Umberto II. ab. Dieser regierte nur 33 Tage. Am 2. Juni 1946 wurde die Monarchie nach einem Referendum abgeschafft und die italienische Republik ausgerufen, welche 1947 alle Ansprüche auf Istrien und die ehemaligen Kolonien aufgab, 1948 den italienischen Adel rechtlich abschaffte und die Savoyer ins Exil schickte.

Einigungsprozess (1848–1871)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italienischer Einigungsprozess

Die Gründung des Königreichs Italien war das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen italienischer Nationalisten und Monarchisten, die loyal gegenüber dem Haus Savoyen waren, ein vereinigtes Königreich auf der Apenninenhalbinsel zu errichten.[2]

Nach den Revolution von 1848/49 etablierte sich scheinbar die Revolutionäre Giuseppe Garibaldi und Giuseppe Mazzini als Führer der italienischen Einigungsbewegung.[2] In der Welt war Garibaldi hauptsächlich wegen seiner extrem treuen Anhängern und seinen militärischen Leistungen in Südamerika bekannt. Er strebte die Vereinigung von Süditalien zu einer konstitutionellen Republik an, stand aber damit im Gegensatz zur norditalienische Monarchie des Hauses Savoyen im Königreich Sardinien, das nach dem Wiener Kongress der letzte bedeutende und militärmächtige italienische Staat gewesen war.[2] Die sardinische Regierung unter der Führung von Graf Camillo Benso von Cavour hatte ebenfalls Ambitionen zur Verwirklichung eines vereinten italienischen Staates. Obwohl die Monarchie keinerlei politische, kulturelle oder geschichtliche Verbindung zu Rom hatte, wurde sie von Cavour trotzdem als die natürliche Hauptstadt von Italien angesehen.

Gegenüber Garibaldi hatte das Königreich Sardinien mit der Ausschaltung des Einflusses des Kaisertums Österreich im Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieg 1859 und der Annexion der Lombardei vom österreichischen Kronland Lombardo-Venetien einen wichtigen machtpolitischen Vorteil. Zudem hatte Cavour sein Land mit Allianzen mit Großbritannien und Frankreich,[3] die zur Verbesserung der Möglichkeiten der Einigung Italiens dienen sollten,[2] abgesichert. Im Krimkrieg von 1853 bis 1853 hatte Sardinien dies mit der Intervention von einem eigenen 15.000 Mann[4] starken Expeditionskorps zugunsten von Frankreich und Großbritannien gegen das Russische Reich untermauert.[3] Zudem standen die meisten Aufständischen und Revolutionäre in den italienischen Teilstaaten wie dem Großherzogtum Toskana, im Herzogtum Modena und im Herzogtum Parma Sardinien loyal gegenüber.[5] Um die außenpolitische Allianz zu stärken trat 1860 Sardinien als Dank an Frankreich im Vertrag von Turin Savoyen und die Grafschaft Nizza ab, was aber in Cavours Regierung auf Widerstand stieß.[6]

Im Frühjahr 1860 erstarkte Garibaldis revolutionäre Bewegung in Süditalien.[7] Seinen Freischärlern („Zug der Tausend“) gelang im Februar 1861 die vollständige Besetzung des Königreichs beider Sizilien und zwangen Franz II. zur Flucht nach Arco im damaligen Tirol. Die sardische Regierung wollte daraufhin die Randregionen des Kirchenstaats besetzen, um den Revolutionären zuvorzukommen.[8] Das Vorhaben führte zur Annexion von einigen Randgebieten. So bleiben Rom und seine Umgebung weiterhin unter der Kontrolle von Papst Pius IX.. Trotz des Rückschlags und der ideologischen Unterschiede zwischen dem sardinischen Königshaus und Garibaldi, lenkte letzterer ein und trat von seinem Führungsanspruch zurück.[9] Sardinien besetzte daraufhin Umbrien und die Marken und Süditalien trat dem Norden bei. Das sardinische Parlament proklamierte anschließend am 18. Februar 1861 die Gründung des Königreichs Italien (offiziell verkündet am 17. März 1861). Am 17. März 1861 wurde König Viktor Emanuel II. von Sardinien-Piemont aus dem Haus Savoyen im ersten gesamtitalienischen italienischen Parlament zum König von Italien ausgerufen.[10]

Viktor Emanuel II., der erste König von Italien

Nach der Vereinigung Italiens kam es zu erneuten Spannungen zwischen Monarchisten und Republikanern. Im April 1861 forderte Garibaldi in der Abgeordnetenkammer des italienischen Parlaments Cavour zum Rücktritt auf. Grund dafür war Cavours kompromissloses Vorgehen gegen republikanische Guerillakämpfer im Brigantenkrieg im Süden. Als am 6. Juni 1861 Cavour starb, bildeten sich unter seinen Nachfolgern in der anschließenden politische Instabilität mehrere politische Lager. Garibaldi und die Republikaner wurden mit ihren Forderungen dabei immer revolutionärer. Die Verhaftung Garibaldis nach einem Gefecht zwischen königlich italienischen Truppen und seinen Anhängern am 29. August 1862 am Aspromonte[11] bildete dabei den Weg einer weltweiten Kontroverse.

Im Jahre 1866 bot der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck König Viktor Emmanuel II. ein Bündnis mit dem Königreich Preußen (Preußisch-Italienischer Allianzvertrag) an. Italien nahm es an und erklärte am 20. Juni 1866 dem Kaisertum Österreich im Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieg den Krieg. Der neuen Königlich italienischen Armee und Marine erging es jedoch schlecht in diesem unkoordinierten Parallelkrieg zu Preußen. Die Versuche zur Eroberung Venetiens und Friauls scheiterten. Da Preußen aber seinen Krieg gegen Österreich gewann, konnte Italien die beiden Gebiete besetzen und am 25. Juli 1866 annektieren. Das Haupthindernis für die italienische Einheit blieb aber Rom.

Graf Camillo Benso von Cavour, erster Präsident des Ministerrates (Ministerpräsident) des Königreichs Italien

Im Juli 1870 brach zwischen Preußen und Frankreich der Deutsch-Französische Krieg aus. Um die große und schlagkräftige Preußische Armee in Schach zu halten, ließ der französische Kaiser Napoleon III. die französischen Truppen in Rom abziehen. Viktor Emanuel II. ließ daraufhin ab dem 11. September 1870 Rom angreifen. Am 20. September 1870 wurde Rom und der Rest des Kirchenstaates eingenommen (sog. „Breccia di Porta Pia“). Das Unternehmen stieß, bis auf die päpstlichen Truppen der päpstlichen Schweizergarde, kaum auf Widerstand. Mit der Proklamation Roms zur Hauptstadt vom 26. Januar 1871 und dem feierlichen Einzug des Königs, endete die italienische Einigung. Danach wechselte die Regierung ihren Sitz von Florenz in die neue Hauptstadt.

Obwohl die Einigung des Königreichs Italien unter den Italienern bis 1871 auf breiten Zusprach gestoßen und durch Referenden in den einzelnen Regionen legitimiert war, waren die Bedingungen zum Aufbau des neuen Staates schlecht. Die wirtschaftliche Lage waren katastrophal. Es gab keine Industrie oder Transportmöglichkeiten und im Süden herrschte extreme Armut („Mezzogiorno“). Die hohe Analphabetenrate und da das Wahlrecht an eine bestimmte Einkommensgrenze gekoppelt war, hatten im Jahre 1861 nur 2 % der Gesamtbevölkerung das Recht zu wählen. Bei den ersten Parlamentswahlen im Januar 1861 konnten von 26 Millionen Menschen lediglich 419.938 Personen wählen gehen. Am Ende wurden die gültigen Stimmen auf 170.567 Personen reduziert, von denen rund 70.000 Angestellte des Staates waren, 85 Fürsten, Herzöge und Markgrafen, 28 Offiziere, 78 Rechtsanwälte, Ärzte und Ingenieure.

Der neue Staat übernahm die sardinisch-piemontesische Verfassung von 1848, die eine parlamentarische Monarchie festschrieb. Der König von Italien hatte aber theoretisch mehr Macht als die meisten anderen europäischen Monarchen bis 1918, machte in der Praxis davon aber kaum gebrauch. Italien erhielt eine sehr zentralistische Verwaltung[12] und wurde ähnlich wie Frankreich in Provinzen gegliedert.

Nach der Eroberung von Rom im Jahre 1870 standen die Beziehungen zwischen dem Königreich Italien und dem Vatikan für die nächsten 60 Jahre auf einem Tiefpunkt. Die Päpste bezeichneten sich selbst als „Gefangene im Vatikan“. Die katholische Kirche protestierte häufig gegen Aktionen und Schritte der weltlichen und teilweise antiklerikal beeinflussten verschiedenen italienischen Regierungen und weigerte jegliche Zusammenarbeit mit Abgesandten des Königs oder dem italienischen Staat. Erst 1929 konnte die sogenannte „Römische Frage“ mit der Unterzeichnung der Lateranverträge gelöst werden.

Anfangsjahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der neue italienische Nationalstaat stand in seinen Anfangsjahren vor großen innen- und außenpolitischen Problemen. Daher begann der Aufbau des Staatswesens nur langsam und zögerlich. Diese Anfangsjahre von 1861 bis 1876 wurden von meist kurzzeitigen Regierungen der konservativ-monarchistischen Partei historische Rechte („Destra Storica“) bestimmt. Diese gewann die meisten Wahlen von 1861 bis 1874 und stellte neun der insgesamt elf Regierungen bis 1876. Ihre Mitglieder waren meist Großgrundbesitzer und Industrielle sowie Militärs (Bettino Ricasoli, Quintino Sella, Marco Minghetti, Silvio Spaventa, Giovanni Lanza, Alfonso La Marmora, Emilio Visconti Venosta) aus dem Norden Italiens.

Im Inneren des Königreichs verschärfte sich durch die staatlich vorangetriebene Säkularisation ab 1867/68 der Konflikt mit der katholischen Kirche, der Krieg mit den Briganten im Süden erreichte 1864/65 seinen Höhepunkt, der Zentralismus, welcher jahrhundertealte Regionalismen und sprachliche Unterscheide rücksichtslos unterdrückte, führte zu separatistischen Tendenzen im Süden und es kam in der Landwirtschaft zu einer starken Krise. Außenpolitisch war die neue Nation zunächst isoliert. Lediglich mit dem zweiten Französischen Kaiserreich pflegte der jungen Nationalstaat gute Beziehungen. Bei Großbritannien hatte sich Italien durch die Abtretung von Nizza und Savoyen an Frankreich diskreditiert.

Militärische Postkarte des "reggimento lancieri di Montebello" um an den Kampf gegen die Briganten zu erinnern (um 1861-1863)
Marco Minghetti

Dennoch gelang es den Nachfolgern von Cavour die Lage zu beruhigen. Der Brigantenkrieg („brigantaggio“) überschattete allerdings den Aufbau immer wieder. Er wurde von mehreren Tausenden Aufständischen, die in mehrere Banden organisiert waren und von der Mehrheit der Bevölkerung in den Berglandschaften Süditaliens unterstützt wurden, getragen.[3] Sie wurden anfangs auch vom Kirchenstaat unterstützt und zerstörten und plünderten die neuen staatliche Einrichtungen. Auch gelang es ihnen erfolgreich ganze Armeebataillone und Polizeiaufgebote zu attackieren.[13] Die Ursachen waren die fehlende Verbesserung der Verhältnisse im Süden (dem ehemaligen Königreich beider Sizilien), wo es keine Reformierung der Landesverwaltung und zu einer Erhöhung der Steuern kam.

Der rund 100.000 Mann[13] zählenden Königlichen italienischen Armee gelang es vorerst nicht, die Guerillakämpfer auszuschalten. Auf dem Höhepunkt des Krieges beherrschten sie einige wichtige Städte und ganze Regionen des Südens.[13] Der Staat ging daher mit äußerster Härte vor. Es kam zur Verhängung des Ausnahme- und Kriegsrechts, zu standrechtlichen Erschießungen, Zerstörungen von Dörfern und tödlichen Kollektivverhaftungen mit insgesamt 130.000 Toten.[14] Am 15. August 1863 verhängte die Regierung von Marco Minghetti das sogenannte Pica-Gesetz, welches die Aussetzung der verfassungsrechtlichen Rechte in den Provinzen, die von Räuberei betroffen waren, vorsah. Der Krieg dauerte von 1861 bis 1865 und 1866 bis 1870.

1865 kam es unter Ministerpräsident Alfonso La Marmora zur Vereinheitlichung des Zivil- und Wirtschaftsrechts sowie der Strafprozessordnung. Zu einer Strafrechtsvereinheitlichung kam es erst 1889.[14] Außenpolitisch garantierten Italien und Frankreich mit dem Septemberabkommen vom 15. September 1864 die Unversehrtheit des restlichen Kirchenstaats. Der Vertrag sah dafür einen Abzug der französischen Truppen aus Rom innerhalb von zwei Jahren vor. Italien verpflichtete sich im Gegenzug den Kirchenstaat in Krisenzeiten zu unterstützen, die Einrichtung eines Korps von Freiwilligen zu ermöglichen und einen Anteil an den päpstlichen Staatsschulden zu übernehmen. Ein vorerst geheimes Zusatzprotokoll regelte den Wechsel der Hauptstadt Italiens innerhalb von sechs Monaten. Zuerst sollte die Hauptstadt von Turin nach Neapel verlegt werden. Später wurde Florenz, tortz Protesten von König Viktor Emanuel II. und blutig niedergeschlagenen Demonstrationen in Turin, ausgewählt. Das Verhältnis von König und Papst blieb aber gespannt. Auch weil der italienische Staat im Mai 1874 sämtliche geistliche Orden verbot und deren Eigentum konfiszierte.[15]

1865 folgte ein Vertrag mit dem Deutschen Zollverein und am 6. April 1866 ein geheimes Bündnis mit Preußen,[14] was Italien aus der Isolation führte. Die Monarchie blieb aber bis 1871 faktisch abhängig von Frankreich.[16]

Der neue Staat auch vor einer schwierigen finanziellen Situation.[16] Die Finanzierung des Risorgimento hat die Finanzen des sardischen Staates (Schaffung einer modernen Armee durch Cavour und Alberto La Marmora) abgedichtet, dazu kamen die Kosten der militärischen Kampagnen in Italien und der sardischen Teilnahme am Krimkrieg. Trotz der Steuerbelastung von 82 Millionen Lire im Jahr 1850 auf 145 Mio. im Jahr 1858, hatte die sardische Regierung nicht über ausreichende Mittel verfügt. Die öffentliche Verschuldung wuchs von 420 Mio.Lire im Jahr 1850 auf 725 Mio. im Jahr 1858. 1866 war der Haushaltsdefizit auf 721 Mio. Lira rapide gestiegen. Um den Konkurs zu verhindern, wurden nach dem Deutschen Krieg 1866 die Konvertibilität der Noten in Gold ausgesetzt und durch den den „Corso forzoso“ ein staatlich festgeschriebener Kurs der Lira eingeführt. Ab 1868 kam es zu massiven Steuererhöhungen und zum Verkauf einiger staatlicher Monopole, was zu heftigen Sozialprotesten führte.[15] Die Entscheidung zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1872 verschlimmerte die Situation jedoch erheblich.

Um die maroden Staatsfinanzen zu sanieren berief König Viktor Emanuel II. am 10. Juli 1873 Minghetti erneut zum Ministerpräsidenten. Dieser betrieb in seiner zweiten Amtszeit eine strenge Bilanzpolitik, die 1876 zum Ausgleich des Haushaltes führte. Er wollte auch den Staat als „Schlüsselgarnitur“ in der Grundlegung wirtschaftlichen Modernisierung fungieren lassen. Er setzte dabei vor allem auf den Eisenbahnbau, der bis 1879 auf etwa 8.000 Streckenkilometer angewachsen war. Jedoch konnten, wegen zu wenig Investitionen in die Bildung und weil private oder ausländische Investitionen in die noch junge Industrie weitgehend unterblieben, die staatlichen Ausgaben nicht kompensiert werden und es kam zu Steuererhöhungen im Konsumbereich und zur Herabsetzung der Reallöhne in staatlichen Betrieben. Italien war schließlich zeitweise das Land mit den höchsten Verbrauchssteuern und niedrigsten Löhnen in Mittel- und Westeuropa. Gleichzeitig löste der sich verstärkende Import von ausländischen Agrarprodukten eine Krise in der Landwirtschaft aus. Es kam zur Landflucht in die Großstädte und die Auswanderungen nach Übersee nahmen zu.[17] Rom wurde daher nach seiner Proklamation zur Hauptstadt großflächig umgestaltet.[15]

Liberale Ära (1876–1922)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand. Ein von Giuseppe Mengoni von 1865 bis 1877 konstruiertes Bauwerk, benannt nach König Viktor Emanuel II.

Nach dem Tod von König Viktor Emanuel II. 1878 entwickelte sich Italien unter seinen Nachfolgern Umberto I. und Viktor Emanuel III. zu einer de facto parlamentarischen Monarchie nach britischem Vorbild. Die nächsten vier Jahrzehnte des neuen Nationalstaates waren durch eine lange liberale Periode, die innen- wie außenpolitisch in hohem Maße durch das Wirken einzelner Personen, nicht Parteien, die durch das extreme Zensuswahlrecht keine politisierende und nationbildende Kraft entfalten konnten, gezeichnet wurde, geprägt. Dabei zerfällt die Zeit in drei Phasen: Von 1876 bis 1887 begann der Linksliberale Agostino Depretis die Reformierung des Staatswesens,[18] welche den Aufstieg Italiens zur sechsten europäischen Großmacht ebnete. In der folgenden Zeit versuchte sein Nachfolger Francesco Crispi den Staat zu stärken und betrieb bis zu seinem Sturz 1896 eine aggressive und militaristische Außenpolitik, die auf die Eroberung von Ostafrika und eine italienische Vorherrschaft im Mittelmeerraum ausgerichtet war.[18] Ab 1900 dominierte Giovanni Giolitti weitgehend das politische Geschehen und leitete eine langsame Demokratisierung des Klassensystems ein.

Die Anfangsjahre der liberalen Ära waren durch die Wirtschaftskrise der 1880er Jahre, welche Süditalien vorerst vollständig wirtschaftlich ruinierte, Arbeitslosigkeit und eine sich verstärkende Auswanderungswelle geprägt.[18] Diese Probleme belasteten das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft sehr und führten zur Herausbildung zweiter großer Oppositionsgruppen: der sozialistisch-anarchistischen und der katholischen. Dabei gelang es den Sozialisten und Republikanern bereits in den 1880er Jahren schrittweise ins Parlament einzutreten, während sich die Katholiken in nicht-politischen Organisationen organisierten.[19]

Der Beginn des italienischen Imperialismus ab 1887, mit welchem die verschiedenen italienischen Regierung die Auwanderung in die eigenen Kolonien (Sozialimperialismus) umlenken wollten, ging Hand in Hand mit der gleichzeitig vorangetriebenen Hochindustrialisierung in Norditalien, welche das Land bis zur Jahrhundertwende zu einer der weltweit führenden Industrienationen aufstiegen ließ. Der um die Jahrhundertwende erstarkende Nationalismus und Irredentismus belastete die Beziehungen zu den Bündnispartnern im Dreibund zunehmend und führte 1911 zur Eroberung des osmanischen Libyens.[19]

Der Erste Weltkrieg und die darauffolgende Staatskrise beendeten die liberale Ära mit dem faschistischen Marsch auf Rom 1922 schließlich.[19]

Die Linke an der Macht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 18. März 1876 stürzte die Opposition in einer Abstimmung im Parlament die Regierung Minghetti. Grund war das Bestreben gewesen, die im Jahre 1865 an private Unternehmen verkauften italienischen Eisenbahnen wieder zu verstaatlichen.[20]

Der König fürchtete eine Minderheitsregierung und beauftragte den linksliberalen Oppositionsführer Agostino Depretis am 25. März 1876 mit der Regierungsbildung. Depretis war der unbestrittene Führer der Partei der historischen Linken („Sinistra Storica“) und hatte viel politische Erfahrung.[21] Es war auch das erste Mal im neuen Königreich Italien, das eine Regierung nur von linken Männern geleitet wurde.

Die zur Regierung gekommene Partei war allerdings zerstritten.[22] Die ideologische Matrix der Gruppierung war progressiv-liberal, wurde aber auch von den Ideen Giuseppe Mazzinis und Garibaldis beeinflusst. Depretis bildete daher eine Regierung, die, neben der Unterstützung der Linken, auch auf die Unterstützung eines Teils der Rechten bauen konnte, die zum Sturz der Regierung Minghetti beigetragen hatten. In seinen Regierungsjahren suchte Depretis immer breite Konvergenz auf einzelne Probleme mit Teilen der Opposition, was zum Phänomen des „Trasformismo“ (Transformation) führte. Despotische und korrupte Handlungen, die sich in autoritären Maßnahmen, wie dem Verbot von öffentlichen Versammlungen und der Verbannung von als „gefährlich“ eingestuften Individuen auf abgelegene Strafinseln in ganz Italien spiegelten, prägten jedoch die Regierungszeit von Depretis ebenfalls.

Die Wahlen vom November 1876 bestätigten Depretis' Stabilisierungs- und Entspannungspolitik und waren ein voller Erfolg: von den Listen der Linken wurden 414 Abgeordnete gegen 94 der Rechten gewählt.

Aufstieg zur Großmacht und neue Außenpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umberto I., von 1878 bis 1900 König von Italien

In der Außenpolitik setzte Depretis in seiner ersten Regierung vorsichtig eine Annäherung an das neue Deutsche Reich durch, um der aktuellen französisch Politik der Wiederherstellung der Macht der Kirche und des Ultramontanismus unter Staatspräsident Patrice de Mac-Mahon entgegenzuwirken. Diese francophobe Haltung vertiefte sich im Mai 1877, als in Paris die Regierung von Albert de Broglie gebildet wurde, welche klerikale Positionen begünstigte. Die politische Krise in Frankreich und die Unsicherheit auf dem Balkan wegen des Russisch-Türkischen Krieges veranlassten ihn, den Präsidenten der Abgeordnetenkammer (Camera dei deputati) Francesco Crispi auf eine Erkundungsmission nach London, Berlin, Paris und Wien zu schicken, um für Italien neue Verbündete zu gewinnen. Die Mission zeigte keinen Erfolg und auch ein neues deutsch-italienisches Bündnis gegen Österreich-Ungarn scheiterte am Widerstand des deutschen Kanzlers Bismarck.

Die langsame innenpolitische Stabilisierung Italiens, der kleine wirtschaftliche Aufschwung und der Ausbau der Königlich italienischen Armee zu einer schlagkräftigen Streitkraft ermöglichten Italien bald den Aufstieg zu einer der europäischen Großmächte. Diese Aufwertung wurde auf dem Berliner Kongress vom 13. Juni 1878 bis 13. Juli 1878 bestätigt. Dennoch blieb Italien isoliert und konnte weder das osmanische Albanien, Tunesien oder Libyen erwerben.[23] Stattdessen musste das Königreich die Österreich-Ungarn zugesprochene Verwaltung über das besetzte Bosnien und Herzegowina, die neue britische Herrschaft über Zypern und Garantien für Frankreich bezüglich Tunesien hinnehmen. Ein gescheitertes Attentat des Anarchisten Giovanni Passannante auf Umberto I. in Neapel bot die Gelegenheit, die erste Cairoli-Regierung unter dem Vorwurf der Schwäche am 19. Dezember 1878 zu Fall zu bringen.

Österreich-Ungarn, das Königreich Italien und das Deutsche Reich im Jahr 1899

Depretis kehrte am 19. Dezember 1878 in sein Amt zurück und übernahm wegen der noch empfindlichen internationalen Position von Italien auch das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten. Er verfolgte, tortz sich durch die sich langsamen Verfestigung der Bündnisse in Europa (Dreikaiserabkommen, Dreikaiserbund, Zweibund) ergebenden relativ günstigen Lage Italiens, keine klare Strategie in den Beziehungen mit dem Ausland. Allerdings war es wegen den meist kurzen Amtszeiten schwierig, eine dauerhafte außenpolitische Richtung einzuschlagen.

Die außenpolitische Lage Italiens verschlechterte sich allerdings, als Frankreich sich im Jahr 1881 Tunesien bemächtigte, an dem Italien auch interessiert war. Der sogenannte Schlag von Tunis („schiaffo di Tunisi“) war der letzte Akt einer Reihe von außenpolitischen Fehlschlägen der zweiten Regierung Cairoli (seit dem 14. Juli 1879 im Amt), durch deren offenen Irredentismus die Beziehungen zum Habsburgerreich abkühlten und die Beziehungen zu Frankreich durch die Konkurrenz der beiden Mächte um Tunesien angespannt waren. Trotz Zusagen des französischen Premierministers Jules Ferry, sich Tunesien nicht einzuverleiben, marschierten am 1. Mai Jahre 1881 französische Truppen in Tunesien ein und machten im Bardo-Vertrag Tunesien am 12. Mai zum französischen Protektorat. Die Regierung Cairoli, von der öffentlichen Kritik und Empörung in Italien überwältigt, trat am 29. Mai zurück.[21] Der König beauftragte Quintino Sella die neue Regierung zu bilden, griff aber nach erfolglosen Versuchen auf Depretis zurück. Dieser legte in seiner vierten Amtszeit die Priorität auf die Außenpolitik und legte nun eine strenge und konsequente Richtung ein. In der Tat beschloss er nach dem Streit auf dem Berliner Kongress und dem Schlag von Tunis, die Frage der Allianzen zu lösen. In dieser Hinsicht war König Umberto I. zu einer Verständigung mit Österreich-Ungarn und Deutschland geneigt, die die Monarchie in einer konservativen Art und Weise stärken sollten.[23] Im Oktober 1881 gingen der Monarch und er nach Wien, wo es zu ersten Annäherungsversuchen kam.

Die Annäherung an die späteren Mittelmächte war aber wegen der früheren Kriege mit Österreich in weiten Teilen der Bevölkerung unbeliebt. Auch Depretis neigte, entgegen den Erwartungen des Königs, zu einer Allianz mit Paris. Er glaubte, die Folgen der Besetzung von Tunesien wären für Italien nicht bedrohlich und argumentierte mit den um 1880 lebenden 400.000 italienischen Einwanderern in Frankreich. Der Außenminister, den Depretis gewählt hatte, Pasquale Stanislao Mancini war jedoch zugunsten eines Bündnisses mit dem wirtschaftlich und militärisch erstarkenden Deutschland. Bismarck traute Depretis Regierung allerdings nicht, weil sie nahe an den Ideen des neuen revisionistischen französischen Premierministers Léon Gambetta lag. Stattdessen überzeugte er zuerst im Inneren der Monarchie Anfang 1882 von der Nützlichkeit einer Allianz, sofern sie nicht einen Krieg mit Frankreich bedeutet hätte. Am 20. Mai 1882 wurde in Wien der Vertrag zum Dreibund unterzeichnet, der die Isolierung Italiens brach und eine Einbindung des Landes in das europäische Mächtegleichgewicht ermöglichte.[23] Das Bündnis bestimmte für die nächsten 20 Jahre die italienische Außenpolitik und schützte Österreich-Ungarn vorerst vor italienischen Gebietsansprüchen.

Ein paar Monate später kam es allerdings zu einer ersten Krise innerhalb des Bündnisses. Auslöser war die Hinrichtung des Italieners Guglielmo Oberdan am 20. Dezember 1882 in Triest, welcher eines Attentates auf Kaiser und König Franz Joseph I. beschuldigt wurde. In Italien löste die Hinrichtung Proteste aus und der Dreibund verlor weiter an Beliebtheit.

Depretis Regierung musste mit einer Welle von anti-österreichischen Gefühlen im Volk, die in gewalttätige Demonstrationen und Angriffen auf österreichische Büros und Konsulate in Rom mündeten, fertig werden und verhielt sich neutral. Doch trotz aller Bemühungen der Regierung auf Versöhnung, grub der Tod von Oberdan eine starke Kluft zwischen Italien und Österreich auf. So blieben die Beziehungen zum österreichischen Verbündeten weiterhin schwierig. Auch weil Österreich-Ungarn von Deutschland bevorzugt wurde und die beiden Mächte Italien nicht als gleichberechtigten Partner anerkannten.

Innenpolitische Reformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Agostino Depretis

Die langjährige Regierungszeit von Depretis ermöglichte zahlreiche Reformen.[21]

Am 15. Juli 1877 wurde vom Innenminister Michele Coppino ein Gesetz vorgelegt, welches eine zweijährige kostenlose obligatorische und säkulare Grundbildung und einen freiwilligen sechs bis neun Jahre dauernden Schulbesuch für Kinder festlegte.[21] Der obligatorische Religionsunterricht endete dafür, was den heftigen Antiklerikalismus der Linken demonstrierte.[21] Die Reform führte jedoch wegen der hohen Kosten zu Kritik. Im Dezember 1877 drohte Depretis von seinem radikaleren innenparteiischen Rivalen Cairoli gestürzt zu werden. König Viktor Emanuel II. stellte sich aber hinter Depertis Programm und behielt ihn im Amt. Es war der letzte wichtige politische Akt des Monarchen, der am 9. Januar des nächsten Jahres starb. Die neue zweite Regierung, in der Crispi, der für mehr Reformen bereit war, Innenminister wurde, setzte die Abschaffung des Ministeriums für Landwirtschaft durch. Förderte Industrie und Handel und gründete das Finanzministerium, um eine bessere Kontrolle über die Staatsausgaben zu gewinnen. Solche Entscheidungen und Dekrete wurden allerdings ohne die eigentlich benötigte Beteiligung des Parlaments getroffen. Die Abmilderung der verhassten Steuer auf Mehl am 24. Juni 1879 wurde hingegen durch den Senat genehmigt. Nach den Wahlen vom 16. Mai 1880, bei denen seine Partei von 414 auf 218 Sitze schmolz, war Depretis jedoch in allen Fragen von der Unterstützung des Parlamentes abhängig und setze alls Innenminister und Ministerpräsident in Personalunion seine Reformpolitik fort. Im Januar 1882 erweiterte er das Wahlrecht.[21] So hatten alle Männer, die mindestens 21 Jahre alt waren, die zwei Jahre der Grundschule besucht hatten, oder die eine jährliche Steuer von mehr als 19,80 Lire aufbringen konnten, das Recht zur Wahl zu gehen. Nach diesem Gesetz wuchs der Anteil der Wahlberechtigten von 2,2 % der Bevölkerung im Jahr 1879, 621.896, auf 2.049.461, oder 6,9 %. Das heißt mehr als ein Viertel der damaligen erwachsenen männlichen Bevölkerung.

Mit dem Ansatz des ersten größeren Wahlen, die vom 29. Oktober–5 November 1882 abgehalten wurden, kam es mit dem Aufstieg der extremen Linken („Estrema sinistra“) zu einer Beschleunigung des Zerfalls der traditionellen politischen Parteien. Auf solche Umweltzungen reagierten die beiden alten politischen Parteien mit einer Abnahme der ideologischen Konflikte und eine Überwindung ihrer Differenzen. Als Folge setzte sich das Konzept des trasformismo durch, in dem es Depretis verstand, Teile der gemäßigten Opposition an sich zu binden und durch ein neuartiges, moderat reformistisch auftretenden, zentristischen politischen Lagers, die progressive Vorstöße der Radikalen und Republikaner im Parlament kontrollieren zu können.

Innerhalb der Linken hatte dieses Konzept starke Spannungen provoziert. Als im Mai 1883 Depretis zu stürzen drohte, beschloss der Führer der Rechten Minghetti, Depretis besonders zu unterstützen, um die extremen Flügel des Parlaments zu bremsen und so das Aufkommen der Volkssouveränität, in Furcht vor Anarchie und Despotismus, zu verlangsamen. Dennoch neigte sich ab 1885 Depretis Amtszeit dem Ende zu. Die Wahlen vom Mai 1886 brachten Depretis nur einen kleinen Stimmengewinn ein und mehrere Abgeordnete der Rechten verweigerten ihm nach dem Tod von Marco Minghetti im Dezember 1886 die Unterstützung. Dazu folgte die Agrarkrise, die 1884 zur Abschaffung der Mahlsteuer führte.[21]

Wirtschaftliche Modernisierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirtschaftlich verfolgte Depretis eine protektionistische Politik, forcierte die Industrialisierung Italiens und die Modernisierung der Königlich italienischen Armee und Marine. 1878 ließ er im Zolltarif die Einfuhr von Rohstoffen gegenüber Fertigprodukten erleichtern und 1883 den Zwangskurs für die Lira abschaffen.[21][24] Die protektionistische Maßnahmen sollten als Vorbereitung für die Anpassung an das Klima des internationalen Wettbewerbs dienen und brachten eine Erhöhung der Industrialisierung im Norden, vor allem in der Textil- und Stahlindustrie. Die Jahre von Depretis Regierungen waren auch von einem deutlichen Anstieg des Straßen- und Schienennetzes, welches am Ende der 1880er ein Streckennetz von 12.000 km umfasste, pegrägt. 1882 wurde der Gotthardtunnel mit der Schweiz eröffnet.

Die Landwirtschaft geriet im gleichen Zeitraum durch das bemerkenswert starke Wachstum der amerikanischen Getreideproduktion in eine schwere Krise. Italiens Jahresproduktion von Mais und Weizen ging von 1880 bis 1890 um ein Fünftel zurück und die Preise sanken um ein Drittel. Dafür kam es zu einer deutlichen Zunahme der Einfuhren von Getreide. Als Folge brach die Landwirtschaft im Süden zusammen. Die Krise führte zu einer Auswanderungswelle, die zur Emigration von 3,6 Millionen Italienern bis zum Ende des Ersten Weltkriegs führte. Dennoch stützte er sich auf die konservativen südlichen Grundbesitzer und deren anachronistische Latifundienwirtschaft.[24] Modernisierungsvorschläge, wie sie von der 1877 eingesetzten Parlamentskommission unter Stefano Jacini 1884 vorgelegt wurden, wurden nicht befolgt. Stattdessen wurden die Vergrößerung des Heeres, der Marine und die Schaffung einer Schwerindustrie vorangetrieben. Dafür wurden von meist privaten Unternehmen zahlreiche Großbetriebe im Norden gegründet. Wegen der rückständigen Ausgangslage und des Mangels an Rohstoffen und Kapital war ein schneller Aufschwung nur mit staatlicher Hilfe möglich, und darüber kam es sogleich zu einer engen Allianz von politischer Macht und dem organisierten Kapitalismus. Bereits die Verschmelzung der Schifffahrtsgesellschaft Rubattino mit der Florio-Gesellschaft zur Navigazione generale Italiana 1882 war mit staatlichen Subventionen unterstützt worden. Eine ähnliche Zuwendung vom Staat erfuhren die großen Eisenbahngesellschaften. 1884 gründete der Unternehmer Vincenzo Stefano Breda die Stahlwerke in Terni. Der Konzern konnte die Kontrolle über die Großwerften in Genua und Livorno gewinnen und blieb bis zum Ersten Weltkrieg Hauptlieferant der italienischen Kriegsmarine. Die Eisenproduktion stieg von 95.000 Tonnen (1881) auf 176.000 (1888), die Stahlproduktion im gleichen Zeitraum von 3.600 auf 158.000 Tonnen.[25] Ein Bauboom in den Großstädten begleiteten diesen Aufschwung. Die Profite kamen allerdings nur einer kleinen Gesellschaftsschicht zugute und ohne eine effektive Sozialpolitik wurden die Klassenunterschiede nur verschärft. Der verstärkt protektionistische Zolltarif vom Juli 1887 löste einen zehnjährigen Zoll- und Handelskrieg mit Frankreich aus. Die Krise der Landwirtschaft, welche große Märkte verlor und von da an teure einheimische Maschinen zur Produktion kaufen musste, löste einen verstärkten Eingriff des Staates ins Wirtschaftsleben aus und führte zu weiterer Staatsverschuldung.[26]

Anfänge der Kolonialpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den zwei Jahrzehnten nach der Vereinigung begann Italien mit einer eigenen Kolonialpolitik. Zunächst richtete sich diese auf die noch wenigen freien asiatischen Territorien, vor allem Thailand, Burma, das Sultanat von Aceh, die Inseln Andamanen und Nikobaren. 1880 wollte die italienische Regierung in Sabah, dem malaysischen Teil der Insel Borneo, eine Strafkolonie errichten, entschied aber, dem ebenfalls interessierten Großbritannien freie Hand zu lassen, das später den Staat Malaysia errichtete.

Schlacht bei Dogali (Gemälde von Michele Cammarano)

Die Ursprünge der italienischen Kolonialpolitik lagen bereits im Jahr 1861. Cavour versuchte noch kurz vor seinem Tod, um mit den Mächten Frankreich und Großbritannien mithalten zu können, eine kleine Kolonie zu schaffen, zunächst an der Küste Nigerias und auf der portugiesischen Insel Príncipe im Golf von Guinea. 1869 wurde der Forscher Emilio Cerruti vom italienischen Außenministerium nach Neuguinea entsandt, um Beziehungen mit der lokalen Bevölkerung zu etablieren. Der Forscher kam mit guten Ergebnissen für die Schaffung einer Handelskolonie und/oder Strafkolonie nach Italien zurück, und legte der Regierung in Florenz Entwürfe von Verträgen vor, die von den Sultanen der Aru-Inseln und Kei-Inseln unterzeichnet wurden. Cerruti nahm sogar einige Gebiete an der Nordküste und im Westen von Neuguinea im Namen von Italien in Besitz. Im Jahr 1883 bat Italien daher die britische Regierung von William Ewart Gladstone auf diplomatischem Wege, eine italienische Kolonie in Neuguinea zu akzeptieren. Die britische Weigerung und der Widerstand der Niederlande zwangen Italien, die Kolonisation im Pazifik und Asien aufzugeben.

1884 wurde General Cesare Ricotti-Magnani mit der Aufstellung eines Expeditionskorps für eine mögliche Besetzung des türkischen Libyens im Falle einer französischen Aktion in Marokko beauftragt. Aber Italiens Aufmerksamkeit konzentrierte sich weiter nach Süden. Am 5. Februar 1885 Oktober besetzten seine Truppen das eritreische Massaua. Bereits 1882 hatte die italienische Regierung von der Rubattino-Reederei Assab erworben, das die erste Kolonie Italiens wurde. Von 1885 bis 1890 setzte sich Italien in Ostafrika fest. 1885 wurde die gesamte Küste zwischen Massawa und Assab erobert und einige sudanesische Randgebiete besetzt. Im Mittelmeer begnügte man sich mit dem Status quo und schloss darüber am 12. Februar mit der Mittelmeerentente ein Abkommen mit Großbritannien.[27] Am 24. März 1887 trat Österreich-Ungarn und am 4. Mai das Königreich Spanien bei.

1886 erklärte Italien dem Kaiserreich Abessinien den Krieg. Der sogenannte Eritreakrieg (Guerra d'Eritrea) begann mit einigen italienischen Siegen. Doch aus Unerfahrenheit und Oberflächlichkeit erlitten die italienischen Truppen in der Entscheidungsschlacht von Dogali vom 25. Januar bis zum 26. Januar 1887 eine entscheidende Niederlage. Diese und die hohen Kriegskosten führten zur Kritik von großen Teilen des Parlaments und bedeuteten das Ende der Ära von Depretis. Am 4. April 1887 bildete er noch seine achte und letzte Regierung.

Crispi und die „Politik des nationalen Prestiges“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Francesco Crispi

Nach dem Tod von Depretis am 29. Juli 1887 ernannte König Umberto I. Francesco Crispi zuerst zum Außenminister und am 7. August zum Ministerpräsidenten. Der König sympathisierte mit seinen Positionen für die Unterstützung des Dreibundes und für seine Überzeugung, eine starke Armee zu begründen.

Crispi bestimmte von 1887 bis 1896 die italienische Innen- und Außenpolitik maßgeblich. Er bewunderte Bismarck und stand für eine autoritäre Innenpolitik und eine imperialistische „große“ Außenpolitik, welche die inneren Probleme Italiens auffangen sollte und das Land international „gewichtiger“ sowie aktiver machen würde. Seine Amtszeit („Ära Crispi“) war aber auch durch die regelmäßige Überschreitung der verfassungsrechtlichen Kompetenzen des Regierungschefs geprägt (sog. „demokratische Diktatur“) und verschärfte die inneren Gegensätze der Nation, was zu schweren Arbeitskämpfen führte.[28]

Verstärkung des Militarismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem neuen Kabinett war Crispi sowohl auch Innen- und Außenminister. Mit dieser Konzentration der Kräfte traf er am 30. September 1887 zum Antrittsbesuch bei Bismarck in Friedrichsruh ein. Der Kanzler und Ministerpräsident sprachen sich dabei für die Erhaltung des internationalen Kräftegleichgewichts und eine Annäherung an das Osmanische Reich aus. Auch wurde für den Dreibund eine separate deutsch-italienische Militärkonvention beschlossen, welche im Kriegsfall aktiviert werden sollte und Deutschland Italien bei einer möglichen Festsetzung in Nordafrika Unterstützung zusicherte, während Italien dem Deutschen Reich bei einem Krieg gegen Frankreich helfen würde. In Ostafrika unterstützte der Kanzler die Politik Crispis, die auf eine Beendigung des Eritreakrieges mit Äthiopien gerichtet war und schlug vor Großbritannien als Vermittler einzuschalten.

Die Reise hatte einen erheblichen politischen Wert: Italiens Position unter den Großmächten war gestärkt, führte jedoch zu großer Irritation beim Russischen Reich und Frankreich. In Italien dagegen zeigte sich König Umberto I. über die Aussicht eines militärischen Plans mit Deutschland begeistert.

Eine französische Karikatur zur angeblichen Schwäche des Dreibundes. Der deutsche und österreichisch-ungarische Verbündete müssen dem schwächelnden Italien zur Hilfe kommen

Nach dem Treffen in Friedrichsruh bat Bismarck die britische Regierung Druck auf Äthiopiens Kaiser Yohannes IV. auszuüben und diesen zu einen Frieden mit Italien zu bewegen. Der britische Premierminister Salisbury erreichte einige Zugeständnisse von Äthiopien und Crispi war im Frühjahr 1888 in der Lage zu verkünden, dass seine Politik in Afrika auf eine Sicherung des Friedens gerichtet war. Dies ermöglichte die Konsolidierung der Kräfte der Königlich italienischen Armee, die nun zu einem Großteil in Europa bleiben konnte, und eine umfassende Modernisierung, die mit dem Ausbau der Schwerindustrie und der massiven Erweiterung des italienischen Straßen- und Eisenbahnnetzes erreicht werden sollte.

Am 12. Dezember 1887, unterzeichneten Italien, Großbritannien und Österreich-Ungarn, auf Anregung von Bismarck, ein zweites Mittelmeerabkommen, in dem sich Crispi und der österreichisch-ungarische Außenminister Gustav Kálnoky verpflichteten, auch den Status quo in Osteuropa und auf dem Balkan zu erhalten und Österreich-Ungarn für jede Veränderung auf dem Balkan Italien Kompensationen zusicherte.[29]

Der in Italien erstarkende Nationalismus, den Crispi aufheizte[29] und für seine irredentistischen Ideen gegenüber Frankreich benutze, die auf eine Rückgewinnung Nizzas sowie Savoyens und eine Erweiterung des italienischen Staatsgebietes bis zur Rhone, Korsika und auf Tunesien abzielten, führte zu starken Verstimmungen mit Frankreich. Bismarck forderte aber von Italien als Bedingungen des deutsch-italienischen Militärabkommens vom 28. Januar 1888 die Aufrechterhaltung des Friedens in Europa. Crispi sicherte dem Deutschen Reich dennoch im Konfliktfall mit Frankreich die Entsendung eines 200.000 Menschen starken Expeditionskorps an den Rhein zur Unterstützung der deutschen Armee zu.

Frankreich begann sich auf das Schlimmste vorzubereiten und verstärke seine Aktivität im Mittelmeer. Crispi, der die Grenzen der italienischen Flotte in Bezug auf die französische kannte, versuchte Österreich-Ungarn erfolgreich zur politischen Unterstützung zu bewegen. Dafür konnte Crispi das Königreich Rumänien zur formalen Anerkennung der ungarischen Souveränität über Siebenbürgen bewegen. Der Konflikt mit Frankreich führte schließlich beide Länder 1888-1890 an die Schwelle eines Krieges.[30] Als der Ausbruch dennoch immer wieder verhindert werden konnte, begann Crispi in diesem Zeitraum die Erhöhung der italienischen Militärausgaben voranzutreiben, um die Armee und Flotte auf einen möglichen Präventivkrieg vorzubereiten. Der Besuch des neuen deutschen Kaisers Wilhelm II. in Rom 1888, der von großer symbolischer Bedeutung für die internationale Anerkennung als italienische Hauptstadt war, hatte ihn dabei in seinem Unterfangen bestärkt. Im Dezember des gleichen Jahres legte er im Parlament einen Gesetzentwurf, der die Militärausgaben auf ein Drittel der staatlichen Ausgaben erhöhen sollte, vor. Crispi verwies dabei auf den Ausnahmecharakter der Situation in Europa und die Tatsache, dass alle Nationen rüsteten. Das Gesetz wurde verabschiedet, führte aber zu wachsenden sozialen Spannungen im Land. Schließlich musste er den unpopulären Finanzminister Agostino Magliani zum Rücktritt zwingen und ersetzte ihn durch Konstantin Perazzi, der im Februar 1889 Steuererhöhungen ankündigte. Vertreter der Rechten und der extremen Linken schlossen sich zusammen, um den neuen Maßnahmen und dem Premierminister entgegenzutreten, der am 28. Februar auch seinen neuen Finanzminister entlassen musste. Crispi beschloss eine umfassende Regierungsumbildung vorzunehmen und konnte auf den Rückhalt des Königs, welcher sein Vertrauen in die nächste Regierung erneuerte, der Schwerindustrie und der irredistischen Bewegung setzen. Auch im Parlament konnte der Ministerpräsident auf eine breitere Basis setzen und seinen aggressiven außenpolitischen und militaristischen Kurs fortsetzen.

Nach der kleinen Regierungskrise begleitete Crispi im Mai 1889 König Umberto I. auf seinem Staatsbesuch bei Wilhelm II. in Berlin. Bei einem Treffen mit Bismarck und dem Chef des Generalstabes Alfred von Waldersee, gestand dieser Crispi, dass das deutsche Heer nicht für einen Krieg gegen Frankreich vorbereitet sei. Crispi beschloss daraufhin seine aggressive Außenpolitik gegenüber Frankreich zu beenden und sich wieder auf Afrika zu konzentrieren.

Reformierung der Verwaltungs- und Sozialpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Crispi und seine Minister bei einer Audienz beim König im Quirinalspalast 1888. Neben Crispi der damalige Finanzminister Agostino Magliani; hinter ihm Kriegsminister Ettore Bertolè Viale

Auch in Inneren Italiens gelangen Crispi beachtliche Erfolge.[30] Am 9. Dezember 1887 wurde in der Abgeordnetenkammer und zwei Monate später im Senat sein Gesetzes zur „Neuordnung der zentrale Verwaltung des Staates“ angenommen. Es stärkte die Rolle des Regierungschefs und schrieb die endgültige Rolle der Exekutive gegenüber dem Parlaments fest. Gleichzeitig gab es ihr das Recht über die Anzahl und die Funktionen der Ministerien zu entscheiden. Allerdings musste sie dafür immer die Zustimmung des König einholen. Ein anderer Punkt regelte die Einsetzung von parlamentarischen Unterstaatssekretären in jedem Ministerium, welche den politischen Charakter der Regierung verstärken sollten.[30] Bereits am 4. September 1887 war ein Sekretariat für den Ministerpräsidenten eingerichtet worden, welches seine Gesetzesentwürfe und Statuten überprüfen sollte, bevor sie dem Parlament vorgelegt werden sollten, und ihn ständig über den Zustand der Nation informierte. 1888 kam es zur Liberalisierung des Strafgesetzbuches, welches die Todesstrafe abschaffte und formell das Streikrecht legalisierte.[28] Der nach dem Justizminister Giuseppe Zanardelli benannte „Zanardelli-Code“ beruhte auf dem piemontesischen Strafrecht von 1859, milderte aber dessen Klassencharakter und setzte dafür die Strafen für Eigentumsdelikte herab.[28] Eine andere liberale Reform im gleichen Jahr war die Erweiterung des Wahlrechts auf kommunaler und provinzieller Ebene. Es wurde im Juli 1888 verabschiedet und verdoppelte fast die Anzahl der lokalen Wähler. Auch ermögliche es Gemeinden mit über 10.000 Einwohnern und in allen Landeshauptstädten, sowie denen von Landkreisen und Bezirken, ihre Bürgermeister selbst zu wählen und führte Verwaltungsgerichte ein.[30] Diese Erweiterung der regionalen Befugnisse war jedoch mit einer Stärkung der Befugnisse des Staates auf überregionaler Ebene und der Leiter der Verwaltungsprovinzräte verbunden. Diese Reform wurde vom Senat im Dezember 1888 genehmigt und trat im Februar Jahre 1889 in Kraft.

Um die sozialen Verhältnisse des Großteils der Bevölkerung zu verbessern, erließ Crispi 1888 ein Gesetz, mit dem eine staatliche Gesundheits- und Hygienepolitik begann.[28] Unter dem Grundsatz, dass der Staat die Verantwortung für die Gesundheit der Bürger trage, richte er im Innenministerium eine Direktion für die öffentliche Gesundheit ein, an der auch Ärzte an der Entscheidungsfindung beteiligt waren. Auch wurden für alle Gesellschaftsgeschichten ärztliche Besuche beziehungsweise Kontrollen verpflichtend. Vorausgegangen war dem der Ausbruch einer Choleraepidemie zwischen 1884 und 1885 in Süditalien, der zwischen 18.000 und 55.000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Im März 1889 erließ Crispi ein Gesetz zum Schutz der Bürger gegen staatliche Rechtsverletzungen. Es regelte die Schaffung eines neuen Postens im Ministerrat, der Streitigkeiten zwischen betroffenen Bürgern und der Bürokratie schlichten oder lösen sollte. Um den Staat endgültig auf eine sichere Grundlage stellen zu können, wurden von Crispi ab 1891 noch der Staatshaushalt und das Bildungssystem reformiert. Der Bilanzausgleich konnte aber nur Steuererhöhungen angegangen werden. Wegen der ab 1890 beginnenden Bankenkrise wurde zeitweise der corso forzoso eingeführt und die Kompetenzen der 1893 gegründeten Staatsbank Banca d’Italia erweitert, es kam zu einer Reorganisation des Kreditwesens und der Einführung der Banca mista nach dem Vorbild der deutschen Universalbanken.[31] Im Schulwesen setzte Unterrichtsminister Paolo Boselli auf dessen Vereinheitlichung und eine stärkere Einbeziehung technischer Bildung in den Unterricht.

Zunahme der inneren Spannungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Crispis autoritäre Politik führte zu einer Verstärkung der inneren Konflikte in Italien. Ein Skandal um die Banca Romana brachte die Korruption der führenden Schichten an den Tag und diskreditiere diese in den Augen der italienischen Bevölkerung. Der sich radikalisierende Antiklerikalismus Crispis führte zur gesetzlichen Verdrängung der katholischen Kirche auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge und der Enteignung ihre letzten Stiftungen, sicherte aber das staatliche Monopol auf diesem Gebiet.[28] Auf den Aufwind der organisierten Arbeiterschaft und sich zuspitzende Arbeitskämpfe reagierte er mit Ausnahmegesetzen und verstärkten Repressionsmassnahmen.[28]

Der Jurist Filippo Turati forcierte nach dem Vorbild der deutschen Sozialdemokratie 1892 den Zusammenschluss diverser sozialistischer Strömungen zur einheitlichen Partei Partito Socialista Italiano

1889 kam es zu einer ersten großen Repressionswelle. Dabei wurden vor allem Aktivisten der seit 1896 verbotenen und nun im Untergrund tätigen italienischen Arbeiterpartei (Partito Operaio Italiano) verhaftet.[28] 1890 verpflichtete Crispi alle Gemeinden, sich um ihre lokalen Armen und Wohltätigkeitsorganisationen zu kümmern und finanzielle Spenden nur mit der Genehmigung der Landesregierung anzunehmen und schaltete den Einfluss der Kirche vollständig aus. Papst Leo XIII. verurteilte diese Politik im Dezember 1899 als antireligiös und bestärke die frommen italienischen Katholiken in ihrer Abwehrhaltung gegenüber dem italienischen Staat.[28] Die Wahlen vom 23. November 1890 waren jedoch ein außerordentlicher Erfolg für Crispis Politik. Von 508 Abgeordneten gehörten 405 seinem politischen Lager an. Aber schon im Januar 1891 verschlechterte sich die Situation wegen des hohen Haushaltsdefizites. Am 31. Januar wurde Crispi schließlich zum Rücktritt gezwungen.

Der Fall von Crispi brachte zwei kurzzeitige Regierungen an die Macht. Die erste rechtsgerichtete Regierung von Antonio Starabba di Rudinì[29] war instabil und konnte 1891 lediglich die Verlängerung des Dreibundes durchsetzen. Im Mai 1892 wurde diese gestützt und am 15. Mai Giovanni Giolitti neuer Ministerpräsident. Die erste Regierung Giolitti[29] konnte sich jedoch auf eine nur schlanke Mehrheit verlassen und wurde im Dezember 1892 in den Banca Romana-Skandal verwickelt. Giolitti wurde die Erwerbung von unrechtmäßig erworbenen Gewinnen vorgeworfen. Auch der König war kompromittiert und eine Rückkehr Crispis schien unausweichlich. Nachdem eine gerichtliche Untersuchung der Banca Romana diesen entlastete und sich im Oktober 1893 die Finanzkrise gefährlich zuspitze, berief Umberto I. ihn am 25. November wieder ins Amt. Giolitti hatte bereits einen Tag zuvor seinen Rücktritt erklärt.

Am 15. Dezember stellte Crispi seine neue Regierung vor. Er leitete dabei auch das Innenministerium. Dabei war er vor allem mit dem Aufstieg der im September 1893 gegründeten italienischen sozialistischen Partei (Partito Socialista Italiano (PIS)), welche den Kampf gegen den bürgerlichen Nationalstaat aufnahm, dem in Italien weit verbreiteten Anarchismus und der sich organisierenden katholischen Opposition konfrontiert. Auch die Kampfbereitschaft der Arbeiter, was besonders schweren Auswirkungen für die Insel Sizilien hatte, zwangen ihn sich in seiner zweiten Amtszeit vorrangig mit der Innenpolitik auseinanderzusetzen.

Die Aufstandsbewegung der „Fasci Siciliani“, welcher Arbeiter aus Landwirtschaft und Bergbau aus ganz Sizilien angehörten, zwang Crispi als Premierminister die staatliche Ordnung auf der Insel wiederherzustellen. Dieser erklärte am 2. Januar 1894 den Belagerungszustand auf der Insel.[28] Eine 40.000 Soldaten starke Armee wurde unter dem Befehl von General Roberto Morra di Lavriano entsandt. Sie gründete Militärgerichte, verbot öffentliche Versammlungen, konfiszierten Waffen, führte eine Pressezensur ein, führte Massaker an sympathisierenden Bauern, Studenten und Lehrern durch, und verweigerte allen verdächtigen Staatsbürgern die Einreise auf die Insel.

Anfang erhielten diese Massnahmen von Crispi erhebliche Unterstützung im Parlament. Im Februar begann die parlamentarische Unterstützung zu schwinden, und Crispi versuchte das Vorgehen mit der Berufung auf die Verteidigung der nationalen Einheit zu legitimieren, als bekannt wurde, das die Randalierer offen separatistischen Absichten zeigten, konnte er sich durchsetzen und Bewegung wurde noch im gleichen Jahr aufgelöst und deren Führer verhaftet.

Die Bekämpfung der Aufständischen belastete den Staatshaushalt sehr. Im Februar 1894 stellte Finanzminister Sidney Sonnino einen Defizit von 155 Millionen Lire fest. Die öffentlichen Ausgaben wurden aber nur um fast 27 Millionen Lire gekürzt, weil Crispi keine Einsparungen in der Militärpolitik machen wollte. Dann forderten er und Sonnino Steuererhöhungen, wollten aber sowohl die Wohlhabenden mit einer Einkommens- und Grundsteuer, aber auch die Ärmeren mit einer Erhöhung der Salzsteuer belasten. Die Vorschläge des Ministerpräsidenten und Finanzministers stießen auf eine harte parlamentarische Opposition. Die Blockadepolitik zwang am 4. Juli Sonnino zur Aufgabe seines Ministerpostens. Am 5. Juni folgte Crispi und kündigte den Rücktritt der gesamten Regierung an.

Der König gab den Auftrag zur Regierungsbildung am 14. Juni an Crispi zurück. Dieser machte Paolo Boselli anstelle von Sonnino zum neuen Finanzminister und kündigte an, die Einführung einer Steuer auf Land aufzugeben. Seine verbesserte politische Position und ein gescheitertes Attentat des jungen Anarchisten Paolo Lega, welcher am 16. Juni 1894 in Rom aus kürzester Entfernung eine Kugel auf Crispi abfeuerte, ermöglichen es dem Ministerpräsidenten seine Finanzpolitik schnell durchs Parlament durchzubringen. Dies begünstigte auch die Verabschiedung des Gesetzes über die Steuer von 20 % auf Zinsen auf Staatsanleihen, die wichtigste Bestimmung des Gesetzes des Finanzministers Sonnino. Unter seinen Nachfolger Boselli kam es noch zu Zollerhöhungen und einer Erhöhung der Steuern auf elektrischen Strom, Zucker, Baumwolle und Stadtgas. Es führte Italien langsam aus der Krise und bereitete den Weg für eine umfassende wirtschaftliche Erholung vor, machte die Regierung aber zunehmend unpopulär.

Mit der Lösung der finanziellen Probleme widmete sich Crispi der Bekämpfung der stärker werdenden Opposition. Am 10. und 11. Juli 1894 wurden sie zwei Gesetze verabschiedet, welche unter anderem die Verhaftung von Menschen ermöglichten, welche sich gegen die soziale Ordnung richteten, und die Arbeit der extremen Linken einschränkten. So wurden aus dem Wählerverzeichnis der Wahlen von 1895 fast 800.000 Stimmen der Linken gelöscht.

1894 legte Giovanni Giolitti dem Parlament ein paar Dokumente vor um Crispi zu diskreditieren. Es handelte sich aber um die Papiere eines bei der Banca Romana aufgenommenen Darlehens von Crispi und seiner Frau. Die Dokumente wurden von einer parlamentarischen Untersuchungskommission untersucht und deren entlastendes Ergebnis am 15. Dezember veröffentlicht. Im Parlament kam es daraufhin zu Unruhen und Crispi legte dem König ein Dekret zur Auflösung des Parlaments vor. Giolitti musste daraufhin nach Berlin flüchten, weil seine parlamentarische Immunität abgelaufen war und er lief Gefahr wegen einer Klage Crispis verhaftet zu werden. Am 13. Januar 1895 wurde das Parlament aufgelöst.

Einstieg in den überseeischen Imperialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um Italiens Position unter den Großmächten des späten 19. Jahrhunderts zu untermauern, erreichte der italienische Kolonialismus unter Crispi eine neue Dynamik. Obwohl Italien eher noch schwach an militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich oder dem Deutschen Reich, war, gelang es Crispi die bisherigen italienischen Besitzungen zu konsolidieren und auszudehnen. Es erwies sich aber als schwierig, wegen der großen inneren Widerstände, der hohen militärischen Kosten und dem geringen wirtschaftlichen Wert der Einflusssphären, eine effektive Kolonialpolitik zu betreiben.

Italien wurde bei seinen kolonialen Unternehmungen von Großbritannien, welches den französischen Einfluss in Afrika eindämmen wollte, und vom Dreibund unterstützt. Dies verschaffte Crispi den nötigen außenpolitischen Rückhalt um im Inneren die Unterstützung der italienischen Nationalisten zu gewinnen, welche teilweise die Errichtung eines neuen Römischen Reichs anstrebten. Auch wegen der alteingesessenen großen italienischen Gemeinschaften in Alexandria, Kairo und Tunis oder der Entsendung von Missionaren in unbesiedelte Gebiete, die für eine mögliche italienische Kolonialisierung „vorbereitet“ werden sollten, fühlte sich die italienische Regierung mit dem König in ihrem Unterfangen bestärkt.

Italienische Besitzungen und Einflusszonen auf ihrem Höhepunkt in Ostafrika (1896)
Italienische (Kolonial)truppen in Afrika (Gemälde von Quinto Cenni)

Crispi wandte seine Aufmerksamkeit auf Ostafrika,[31] wo das Kaiserreich Abessinien unter Johannes IV. von den Mahdisten aus dem Sudan bedroht wurde. Johannes IV. weigerte sich den seit 1885 dauernden Eritreakrieg mit Italien zu beenden und wurde im März 1889 von Mahdisten getötet. Bereits am Ende des Jahres 1888 beauftragte Crispi den Kriegsminister Ettore Bertolè Viale in die Offensive zu gehen und Asmara zu besetzen. Der Besetzung kam aber der Vertrag von Uccialli vom 2. Mai 1889 zuvor, welchen König Umberto I. mit dem neuen äthiopischen Kaiser Menelik II. schloss. Im Vertrag trat Abessinien die Hoheitsrechte über die Stadt und einen großen Teil der eritreischen Hochebene ab und akzeptierte vorerst auch die Errichtung eines italienischen Protektorats über Äthiopien,[31] im Austausch für die Fortsetzung der italienischen Entwicklungs- und Militärhilfe zur Stabilisierung von Meneliks Reich.

Crispi hielt es nicht für notwendig, den Vertrag dem Parlament vorzulegen, da Italien immer noch im Krieg war und der König konstitutionell frei handeln konnte. Doch einige Abgeordnete der extremen Linken und der Rechten stellten die Kolonialpolitik in Frage und drohten diese um die Jahrzehntwende noch zu stoppen. Crispi setzte aber auf die sich rasch ausbreitende Begeisterung für die Expansion in Afrika im Land und konnte prominente Gegner des Kolonialismus wie Giovanni Giolitti zur Änderung ihrer Haltung bewegen. Asmara wurde schließlich im August 1889 erobert und die erste große italienische Kolonie, Eritrea wurde offiziell im Jahr 1890 gegründet. Der Besitz der Häfen von Massawa und Assab verschloss Äthiopien den Zugang zum Roten Meer und machte das Land faktisch wirtschaftlich abhängig von Italien. Der Handel zwischen den beiden Mächten wurde aber durch niedrige Zölle gefördert. Italien exportierte Fertigprodukte nach Äthiopien und importierte dafür Kaffee, Bienenwachs und Tierhäute.

Ab 1888 begann auch die italienische Landnahme in Somalia. Italien gewann durch Vereinbarungen des italienischen Konsuls in Aden mit mehreren Sultanen Protektorate über die Sultanate Hobyo und Majerteen. 1892 pachtete die private italienische Handelsgesellschaft Filonardi vom Sultanat Sansibar die Häfen der Region Banaadir (einschließlich Mogadischu und Baraawe). Es diente dem Königreich Italien als Ausgangspunkt für Expeditionen in die Mündung des Juba und die Errichtung eines Protektorats über die Stadt Lugh. Im gleichen Jahr zwang die italienische Regierung Sansibar Merka und Warsheikh Italien zu verpachten und später zu verkaufen. Die 1887 erworbene Stadt Kismaayo wurde an die Briten verkauft und an Britisch-Ostafrika angeschlossen.

Im Sommer 1894 versuchten die Mahdisten in Eritrea einzudringen, wurden aber in Agordat gestoppt. Der regionale Militärkommandeur General Oreste Baratieri verlegte seine Truppen an die sudanesische Grenze und befahl am 16. Juli 1894 einen Angriff auf das sudanesische Kassala, das nach kurzen Kampf genommen wurde. Die Stadt sollte als Sprungbrett für eine Kampagne gegen den das Mahdireich dienen und den italienischen Einflussbereich ausdehnen. Die die Italiener unterstützenden Briten lehnten aber die italienische Hilfe aus Angst, dass Italien sich den ganzen Sudan einverleiben würde, ab. Die italienische Garnison in Kassala wurde im Dezember 1897 abgezogen und die Stadt dem neuen anglo-ägyptischen Sudan zurückgegeben. Der Mahdiaufstand wurde schließlich mit der Schlacht von Omdurman am 2. September 1898 beendet.

Crispi richtete die italienischen Kolonialbestrebungen nach der erfolgreichen Intervention im Sudan wieder auf Äthiopien. General Baratieri stieß im Dezember 1894 auf äthiopisches Gebiet vor und eroberte bis zum Januar 1895 äthiopische Landschaft Tigray.[31] Im März okkupierte Barattieri auch Adigrat und bewegte sich auf Adua zu. An dieser Stelle ließ Crispi wegen der hohen Militärkosten von über neun Millionen Lire den italienischen Vormarsch aussetzen.

Die Ergebnisse der Wahlen vom 26. Mai 1895 brachten Crispi einen letzten hohen Wahlsieg ein.[31] Mitte 1895 war Crispi aber mit ernst zu nehmenden Schwierigkeiten in der Kolonialpolitik konfrontiert: Frankreich und das Russische Reich lieferten erhebliche Mengen moderner Waffen an Menelik, und Deutschland und Großbritannien hatten nicht die Absicht Italien militärisch zu helfen. Der Rückzug von Bismarck aus dem politischen Leben 1890 hatte seit vielen Jahren die internationale Position von Crispi geschwächt, und im Herbst 1895 wurde klar, dass die Äthiopier eine größere Offensive gegen die Italiener vorbereiteten. Abessinien kündigte im gleichen Jahr den Vertrag von Uccialli und weigerte sich weiterhin der italienischen Außenpolitik zu folgen. Crispi verwendete diesen Verzicht als Grund ganz Äthiopien zu unterwerfen und erhielt durch den jetzt überschäumenden italienischen Militarismus und Nationalismus Rückenwind gegen die sich zurückhaltende Opposition.

Die Truppen der Vereinigten acht Staaten auf einer japanischen Zeichnung (Italien ist ganz links abgebildet)

Im Dezember 1895, als ein italienischer Vorposten auf dem Berg Amba Alagi vom äthiopischen Heer angegriffen wurde, ersetze Crispi Baratieri durch Antonio Baldissera und bereitete die Entsendung von weiteren 25.000 Männern ins Krisengebiet vor. Dies erhöhte die Kriegskosten um weitere 20 Millionen Lire und zwang die Italiener vorerst in die Defensive zu gehen. Aber als am 7. Januar 1896 ein weiterer italienischer Vorposten in Mek'elē von der Armee Äthiopiens eingekreist und dann eingenommen wurde, nahm die Königlich Italienische Armee die Offensive wieder auf.

Am 8. Februar beauftragte Crispi Baratieri mit der Planung eines Entscheidungsschlags gegen Äthiopien und stattete diesen mit dem Kommando über weitere 10.000, nach Eritrea geschickten, Soldaten aus. Dieser schlug zuerst die Eröffnung einer zweiten Front vor, beschloss am 28. Februar Meneliks Kräfte bei Adua anzugreifen. Die Schlacht, die am 1. März 1896 folgte endete mit einer schweren italienischen Niederlage.[31] Die kleine italienische Armee war dabei von der zahlenmässig weit überlegenen äthiopischen Armee überwältigt worden und Italien wurde zum Rückzug nach Eritrea gezwungen. Die gescheiterte äthiopische Kampagne war eine internationale Blamage für Italien, da es als Großmacht von einem Entwicklungsland entscheidend geschlagen worden war.

Als die Nachricht der Niederlage in Italien ankam, brachen schweren Unruhen, vor allem in der Lombardei, aus. Am 4. März 1896 trat Crispi vor sein Kabinett und erklärte seinen Rücktritt. Am nächsten Tag wurde dieser öffentlich und von Umberto I. angenommen.[32]

Eine – vorerst letzte – koloniale Erwerbung gelang Italien 1900 in China. Nachdem im März/April 1899 eine Besetzung der chinesischen Provinz Zhejiang unter dem diplomatischen Druck anderer Großmächte gescheitert war, beteiligte sich Italien vom 2. November 1899 bis zum 7. September 1901 als Teil der Vereinigten acht Staaten-Allianz an der Niederschlagung des Boxeraufstandes. Am 7. September 1901 erhielt es dafür von der regierenden Qing-Dynastie eine Konzession in Tianjin. Am 7. Juni 1902 wurde diese von einem italienischen Konsul offiziell in Besitz genommen.

Politik um die Jahrhundertwende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ende der Ära Crispi führte zur Milderung der innen- und außenpolitischen Spannungen. Sein von Umberto I. am 10. März 1896 berufener Nachfolger Antonio Starabba di Rudinì von der historischen Rechten beendete auf Druck der sozialistischen Partei im Frieden von Addis Abeba (25. Oktober 1896) den ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg und erkannte notgedrungen die Souveränität Äthiopiens an.[33] Er erließ eine Generalamnestie für alle Gefangenen der Fasci Siciliani-Bewegung und gab Anstöße für eine Humanisierung der Arbeitswelt. Unter ihm begann auch der Prozess der Integration der Unterschichten in den Staat. Dadurch wurden der Grundstein für eine effektive Sozialpolitik und Sozialgesetzgebung gelegt, die mit der Entstehung einer Alters- und Erwerbsunfähigkeitsvrsicherung, sowie der Verpflichtung der Krankenversicherung für Industriearbeiter begann.

Viktor Emanuel III. bei der Ablegung des Verfassungseides im Parlament (1900)

In der Außen- und Kolonialpolitik begannen Starabba di Rudinì und sein Außenminister Emilio Visconti-Venosta einen Prozess der Entspannung mit Frankreich, das nach dem Sturz Crispis wieder um Italien warb.[33] Die zunehmende Entfremdung zwischen Großbritannien und dem wilhelminischen Deutschen Reich wollte die italienische Regierung nicht mittragen. Davor warnten auch gesellschaftliche Kontrasten: nur die Konservativen um Umberto I. hielten zum Dreibund,[33] während die liberaleren, irredentisitschen und ultranationalistischen Gesellschaftsgruppen unter seinem Sohn Kronprinz Viktor Emanuel eher pro-französisch oder britisch eingestellt waren. 1896 schloss Italien daher einen Handelsvertrag mit Tunesien, in dem es, entgegen der Interessen der dortigen italienischen Siedler, das französische Protektorat anerkannte.[33] 1898 folgten ein Handelsvertrag mit Frankreich und, trotz heftiger Widerstände der italienischen Kolonialbewegung, die Rückgabe der Stadt Kassala an das britisch besetzte Khedivat Ägypten, was zu verbesserten Beziehungen mit Großbritannien führte.

Die finanziellen Schwierigkeiten Italiens nach dem Äthiopienkrieg hatten den einheitlichen Staat in eine so schwere Krise gestürzt, die noch nie da gewesene Ausmaße erreichte und sogar die Monarchie gefährdete. Um diese zu beenden versuchte Starabba di Rudinì eine Dezentralisierung des Staates zu erreichen. Seine Politik wurde aber von der Kammermehrheit verworfen,[33] woraufhin Anfangs 1897 das Parlament aufgelöst wurde. Durch die Wahlen vom März 1897 geriet allerdings die sozialistische und linksextreme Opposition in Aufwind. Auch die Kräfte, die Crispi unterstützt hatten, wurden dadurch gestärkt und wollten eine Fortsetzung von dessen autoritärer Politik. Sidney Sonnino plädierte sogar für die Rückkehr zur konstitutionellen Monarchie nach deutschem und österreichisch-ungarischem Vorbild.[33]

Die innenpolitische Situation verschlechterte sich im Sommer 1898 noch. Im Mai brachen heftige Unruhen im Süden und den Industriezentren des Nordens aus. Es wurde in Mailand, Neapel, Florenz und Livorno der Belagerungszustand ausgerufen. In Mailand erreichte die Krise ihren Höhepunkt.[34] Es kam zur Proklamation eines Generalstreiks, der in einen offenen Aufstand überging. Starabba di Rudinì ließ allerdings die Revolte vom 7. bis 8. Mai schnell durch reguläre Armeeeinheiten unter dem Kommando von Fiorenzo Bava-Beccaris niederschlagen. Etwa 100 Personen wurden beim Bava-Beccaris-Massaker getötet.[34] Danach wurden dort sämtliche regionale Gewerkschaften und sozialistischen Organisationen aufgelöst und es fanden Hunderte von Verhaftungen statt. Das Massaker in Mailand entzog Starabba di Rudinì die parlamentarische Unterstützung. Dieser bat König Umberto I. zur Ausrufung von Neuwahlen und erklärte am 29. Juni seinen Rücktritt. Der König weigerte sich den Rücktritt vorerst anzunehmen, beauftragte aber im Juni 1898 General Luigi Pelloux eine neue Regierung zu bilden.[34]

Der sehr konservative Luigi Pelloux sah seine einzigen Aufgaben in der Wiederherstellung des Normalzustandes und der Verteidigung der staatlichen Institutionen. Pelloux wollte ein Ende der parlamentarischen Demokratie und die Etablierung eines reaktionären Regimes, welches entschlossen gegen die sozialistische Opposition vorgehen sollte. Um dies umzusetzen, wurde von ihm als Innenminister 1899 eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, welche die Arbeit der Opposition wieder einschränkten und die Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie Streiks (letzteres nur im öffentlichen Dienst) beschränkten beziehungsweise verboten. Angesichts dieser reaktionären Wende bildete sich eine breite Opposition heraus, welche von der sozialistischen bis zur bürgerlichen liberalen um Giuseppe Zanardelli und Giolitti reichte, welche eine demokratische und reformistische politische Öffnung bevorzugten.

Als Pelloux versuchte eine Gesetz, durch welcher er Gesetze ohne Parlamentszustimmung hätte erlassen können, dem Parlament vorzulegen, kippte das Italienische Verfassungsgericht dies und erklärte die Praxis für rechtswidrig. Auch die bis dahin loyale große Mailänder Industrie, welche dies als einen zu gefährlichen reaktionären Versuch betrachtete, leistete Widerstand. Schließlich trat Pelloux im Mai 1899 vorzeitig zurück, nahm aber dann lediglich eine Kabinettsumbildung vor. Im Juni 1900 rief er Neuwahlen aus und trat, nachdem die Wahlergebnisse zu einer erheblichen Stärkung der Sozialisten, Radikalen und Republikanern geführt hatten, am 24. Juni zurück.[34]

König Umberto I. gab den Auftrag der Regierungsbildung an den alten Senator Giuseppe Saracco. Am 29. Juli 1900 wurde der Monarch bei einem Besuch in der Stadt Monza vom Anarchisten Gaetano Bresci ermordet, welcher die Tat als Rache für das Massaker in Mailand verstand.[35] Umberto I. folgte sein Sohn als Viktor Emanuel III., welcher am 11. August den Eid auf die Verfassung vor den beiden Kammern des italienischen Parlaments ableistete.

Der junge König und Saracco bemühten sich um die Normalisierung des politischen Lebens. Saracco gelang im Dezember 1900 die vollständige Normalisierung der Beziehungen zu Frankreich. Mit der französischen Regierung unter Pierre Waldeck-Rousseau verständigte sich der Ministerpräsident über die Ansprüche auf Marokko und Libyen, dessen Grenzen als italienische Kolonie erstmals skizziert wurden. Innenpolitisch scheiterte er aber kurz drauf an einem Generalstreik in Genua im Dezember 1900 und trat am 15. Februar 1901 zurück.

Viktor Emanuel III., der eher zu den liberaleren Ansichten seines Großvaters als zu den konservativen seines Vaters neigte, ernannte den linksliberalen und reformwilligen Giuseppe Zanardelli, der als Innenminister Giolitti wählte. Wegen seines relativ schlechten Gesundheitszustands überließ Zanardelli die Tagespolitik weitgehend Giolitti, der sich bald als eigentlicher Kopf des Kabinetts herausstellte.[35] Die Regierung Zanardelli/Giolitti setzte den abgebrochenen Prozess der langsamen Integration der Arbeiterschaft in den Staat fort und leitete außenpolitisch eine Kehrtwende ein. Zwar wurde im Juni 1902 der Dreibund verlängert, hatte aber für Italien seit der Jahrhundertwende stark an Bedeutung verloren. Stattdessen wurde eine Annäherung an die liberaleren Staaten Frankreich und Großbritannien eingeleitet. Im Juni 1902 schlossen Italien und Frankreich ein Geheimabkommen, in dem sich beide Staaten wohlwollende Neutralität im Kriegsfall zwischen den beiden Bündnissen (Dreibund und Französisch-Russische Allianz) zusagten, ab.

Territoriale Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Einigung bis zum Ersten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wappen des Königreiches Italien 1870–1890

Im Irredentismus wurden von Nationalisten weitere Gebiete gefordert, um die Vereinigung aller Italiener innerhalb Italiens abzuschließen. So wurde der Anschluss von Trentino, Istrien, Korsika, Nizza, Savoyen, Monaco, des Kantons Tessin, Dalmatien, Malta und San Marino gefordert, was zu Konflikten mit den Nachbarstaaten, vor allem mit Frankreich und Österreich, führte. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte sich Italien aus dem Territorium der zusammengebrochenen Habsburgermonarchie das Trentino, Südtirol und Istrien sichern.

Andere Richtungen der italienischen Kolonialpolitik waren das Mittelmeer und Ostafrika mit dem Ziel, ein neues Römisches Reich zu bilden. Ab 1881 begann Italien mit dem Erwerb eigener Kolonien. So sollte der Bedarf an Rohstoffen für die Industrialisierung gedeckt und die starke italienische Auswanderung in eigene Kolonien umgelenkt werden. Wegen der Eroberung von Eritrea kam es zum ersten Italienisch-Äthiopischen Krieg mit dem Kaiserreich Abessinien, der mit der Niederlage von Dogali endete. Italien konzentrierte sich danach auf die Eroberung von Somaliland, die Ausdehnung der italienischen Kolonien in Ostafrika scheiterte jedoch im zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg nach der Niederlage von Adua. Anschließend wandte sich Italien dem östlichen Mittelmeer zu und eroberte im Italienisch-Türkischen Krieg Tripolitanien, Kyrenaika und den Dodekanes vom Osmanischen Reich.

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz des Dreibundes mit Deutschland und Österreich-Ungarn erklärte Italien beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 seine Neutralität. In der Folge wurden die Forderungen nach einem Kriegseintritt immer lauter, um den Irredentismus zu verwirklichen und die italienischen Gebiete von Österreich-Ungarn zu erobern. Ihre Herausgabe wurde gegenüber Österreich-Ungarn eingefordert, um eine Kriegserklärung zu vermeiden. Österreich-Ungarn war jedoch lediglich dazu bereit, Süd-Trentino abzutreten, wogegen die Triple Entente Südtirol, Dalmatien und weitere Kolonien versprach. Schließlich kündigte Italien am 4. Mai 1915 den Dreibund und erklärte am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn und am 28. August 1916 dem Deutschen Kaiserreich den Krieg. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Italien vor allem an der Italienfront und war an der Besetzung Albaniens beteiligt.

Das Königreich Italien 1919

1919 wurden im Vertrag von Saint-Germain Italien das Trentino, Südtirol, das Kanaltal, das gesamte ehemalige österreichische Küstenland und ein Teil der Krain, die Stadt Zara und einige norddalmatinische Inseln zugesprochen, was jedoch nicht den gesamten italienischen Forderungen entsprach, zu denen der Ostadriaraum und die Erweiterung der Kolonien gehörte. In der Adriastadt Fiume, die als Freistaat Fiume zwischen Italien und dem neugegründeten Königreich Jugoslawien lag, kam es 1922 zur Machtübernahme durch die italienische Bevölkerungsmehrheit. Im Vertrag von Rom wurde 1924 der Anschluss an Italien vollzogen.

Am 11. Februar 1929 wurden die Lateranverträge zwischen der Vatikanstadt und dem Königreich Italien unterzeichnet, in denen die Unabhängigkeit eines Kirchenstaates innerhalb von Rom anerkannt und die Beziehungen zwischen dem Papst und Italien geregelt wurden. Somit wurde der seit 1870 andauernde Konflikt zwischen Papst und König gelöst.

Gebietsansprüche Italiens vor dem Zweiten Weltkrieg (Irredentismus)

In den nächsten Jahren richtete Benito Mussolini – der Faschistenführer war 1922 durch den Marsch auf Rom an die Macht gelangt – Italiens Außenpolitik als internationalen Friedensgaranten im Mittelmeerraum aus. Dies hatte kurzzeitig verbesserte Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich zur Folge. Im Laufe der Jahre radikalisierten sich die faschistische Kultur und Politik jedoch und der Drang nach einer imperialistischen Expansion Italiens wurde größer. Der Dritte Italienisch-Äthiopische Krieg war das erste Anzeichen der aggressiven Außenpolitik Mussolinis und führte zur vollständigen Eroberung Abessiniens und Angliederung an die Kolonie Italienisch-Ostafrika. Während sich Italien dadurch international immer mehr isolierte, kam es zu einer Annäherung an das Deutsche Reich unter Adolf Hitler. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpften Nationalsozialisten und Faschisten erstmals gemeinsam und zugunsten der ebenfalls faschistischen Aufständischen unter General Francisco Franco. Infolgedessen kam es am 25. Oktober 1936 zum Bündnis der sogenannten „Achse Rom–Berlin“. Am 11. Dezember 1937 trat Italien aus dem Völkerbund aus und dem Antikominternpakt zwischen Deutschland und Japan bei. Am 7. April 1939 wurde schließlich Albanien annektiert und der „Stahlpakt“ zur Kriegsvorbereitung mit dem Deutschen Reich geschlossen.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kolonien Italiens 1940

Durch den erfolgreichen Feldzug der Wehrmacht gegen Frankreich sah sich dessen Verbündeter Italien im Zugzwang, trat am 10. Juni 1940 auf der Seite des Deutschen Reiches in den Zweiten Weltkrieg ein und erklärte Großbritannien sowie Frankreich den Krieg. Mussolini wollte den Krieg nutzen, um das Imperium Romanum rund um das Mittelmeer neuzugründen und dazu Nizza, Korsika, Malta, Dalmatien mitsamt Albanien, Kreta sowie weitere griechische Inseln erobern. Zu den bestehenden Kolonien sollten Tunesien, Ägypten (mitsamt der Sinai-Halbinsel), der Sudan und Teile Kenias hinzukommen, um eine Landverbindung von Libyen nach Italienisch-Ostafrika herzustellen, das um Britisch- und Französisch-Somaliland sowie Teile von Französisch-Äquatorialafrika erweitert werden sollte. Mit der Türkei und arabischen Staaten sollten Vereinbarungen über Einflusszonen getroffen werden und Aden sowie Perim sollten unter italienische Kontrolle gelangen.

Nach der Pariser Friedenskonferenz von 1946 musste Italien seine Kolonien Libyen und Äthiopien in die Unabhängigkeit entlassen. Italienisch-Somaliland war bereits 1941 von den Briten besetzt worden und wurde von den Vereinten Nationen ab dem 1. Januar 1950 als Treuhandgebiet für zehn Jahre wieder unter italienische Verwaltung gestellt.

Auch das italienische Mutterland musste Gebietsabtretungen hinnehmen, so wurden die Gemeinden Briga und Tenda (frz. La Brigue und Tende) an Frankreich abgetreten und der Dodekanes mit Rhodos fiel an das Königreich Griechenland. Jugoslawien bekam den Großteil Julisch Venetiens mit Istrien, den Städten Fiume und Zara sowie die norddalmatinischen Inseln und Triest mit dem Umland wurden zunächst internationalisiert und in zwei Zonen aufgeteilt, womit das Freie Territorium Triest geschaffen wurde. 1954 einigten sich Italien, nunmehr Republik, und Jugoslawien auf die Teilung des Gebietes: die Stadt Triest blieb bei Italien und das südliche Umland bekam Jugoslawien.

Innere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Italienische Münzen ab 1861 z.Zt. Victor Emanuel II., 2, 20, 50 Centesimi, 1 und 20 Lira

Die Anfangsjahre des Königreiches waren von wirtschaftlichen und sozialen Problemen, insbesondere dem Nord-Süd-Gegensatz und dem Brigantenwesen im Süden geprägt. Die Ursachen waren die fehlende Verbesserung der Verhältnisse im Süden (dem ehemaligen Königreich beider Sizilien), wo es keine Reformierung der Landesverwaltung und des Steuersystems gab. Über 75 Prozent der Italiener waren zum Zeitpunkt der nationalen Einigung Analphabeten und die Umgangssprache war von den vielen lokalen Dialekten geprägt. So beherrschten nur zwei Prozent die Schriftsprache.[36] Diese gesellschaftlichen Probleme waren ein Grund für die beginnende italienische Auswanderung. Andererseits gab es auch Fortschritte. Das Münzwesen wurde vereinheitlicht, wobei auf dem schon entwickelten Münzwesen des Königreich Sardiniens und des Großherzogtum Toskana (Goldwährung, dezimale Teilung der Lira in 100 Centesimi) aufgebaut werden konnte. Dieses Münzsystem ermöglichte Italien die Lateinische Münzunion im Jahr 1865 mitzubegründen. Der Kirchenstaat übernahm im Folgejahr dieses moderne Münzsystem.

Am 29. Juli 1900 wurde König Umberto I. in Monza von einem Anarchisten ermordet, woraufhin sein Sohn Viktor Emanuel III. zum König Italiens gekrönt wurde.

Benito Mussolini
Lage der Italienischen Sozialrepublik

Nach dem gewonnenen Ersten Weltkrieg (siehe Geschichte Italiens#Erster Weltkrieg) folgte eine innerpolitische Krise, die in Italien beinahe zum Bürgerkrieg führte, da der Sieg nach der Meinung der Nationalisten von italienischen Diplomaten und den alliierten Verhandlungspartnern „verstümmelt“ wurde. Die ersten beiden Jahre 1919 und 1920 waren von Aktivitäten der Linken geprägt, wie beispielsweise Demonstrationen, Streiks und Betriebsbesetzungen. Die Angst vor einer linken Machtübernahme konnte die faschistische Bewegung unter Mussolini ausnutzen, die 1921 und 1922 zum Gegenschlag gegen die Linken ausholten und mit Gewalt gegen Gewerkschaften vorgingen.

1921 gründete Mussolini die Nationale Faschistische Partei (Partito Nazionale Fascista, PNF). Am 1./2. Oktober 1922 machten einige hundert Faschisten den Marsch auf Bozen; im Oktober 1922 organisierte die PNF einen Sternenmarsch auf Rom mit etwa 26.000 faschistischen Anhängern. Er wurde als Marsch auf Rom (Marcia su Roma) bekannt. Dieser endete am 28. Oktober vor den Toren Roms und Mussolini reiste in einem Schlafwagen aus Mailand nach. Daraufhin ernannte König Viktor Emanuel III. Mussolini zum Ministerpräsidenten und die Faschisten zogen mit einem Siegesmarsch in Rom ein.

Bereits ein halbes Jahr später wurde durch das neue Wahlgesetz Legge Acerbo vom Juli 1923 der Einfluss von Oppositionsparteien erheblich eingeschränkt (siehe auch Politisches System Italiens). Anschließend begann Mussolini mit dem Aufbau der faschistischen Diktatur und 1926 wurden endgültig alle Oppositionsparteien verboten. Zu den Wahlen von 1928 durften nur noch Kandidaten antreten, die vom PNF zugelassen waren und mit der Gründung des „Faschistischen Großrates“ (Gran Consiglio del Fascismo) wurde ein Gremium geschaffen, welches Partei- und Staatsfunktionen vereinte. Damit war die Umwandlung Italiens zur faschistischen Diktatur abgeschlossen. Anschließend folgte eine rigorose Italianisierungspolitik, der vor allem ethnische Minderheiten wie Franko-Provenzalen, Slowenen, Kroaten, Ungarn und Südtiroler zum Opfer fielen.

Karte der Ergebnisse des Referendums über die Staatsform von 1946

Am 25. Juli 1943 setzte der Faschistische Großrat Mussolini mit einfacher Mehrheit aus Enttäuschung über die Niederlagen im Zweiten Weltkrieg ab und Mussolini wurde gefangen genommen. König Viktor Emanuel III. übernahm den Oberbefehl über die Streitkräfte und beauftragte Marschall Pietro Badoglio, eine Militärregierung zu bilden. Dieser löste die National-Faschistische Partei auf und unterzeichnete am 8. September 1943 den Waffenstillstand von Cassibile mit den Alliierten. Im von den Deutschen besetzten Norditalien, der Italienischen Sozialrepublik, dauerten die Kämpfe noch an und am 29. April 1945 kapitulierte die Heeresgruppe C der Wehrmacht bedingungslos (zum 2. Mai). Damit endete der Zweite Weltkrieg für das Königreich Italien.[37]

König Viktor Emanuel III. dankte, diskreditiert durch sein Tun und Lassen seit Oktober 1922 (z. B. Ernennung Mussolinis zum Ministerpräsidenten und Unterzeichnung der Rassegesetze) am 9. Mai 1946 zugunsten seines Sohnes Umberto II., ab. Am 2. und 3. Juni 1946 fand gleichzeitig mit der Wahl zur verfassunggebenden Versammlung eine Volksabstimmung über die künftige Staatsform statt; dabei stimmten 54,3 Prozent der Abstimmenden für die Republik. Daraufhin mussten die Mitglieder des Hauses Savoyen am 18. Juni Italien verlassen; die republikanische Verfassung trat am 1. Januar 1948 in Kraft. Umberto II. ging ins Exil nach Portugal, wo er sich bis zu seinem Tod am 18. März 1983 als legitimer König von Italien betrachtete. Eine Rückkehr nach Italien gestattete ihm die italienische Verfassung nicht.

Seitdem kämpfen vor allem kleinere konservative Parteien für die Wiedereinführung der Monarchie in Italien. Nach der Verfassungsänderung von 2007 konnte dessen Sohn Viktor Emanuel von Savoyen mit seiner Familie aus dem Exil zurückkehren; er kündigte eine Schadenersatzklage gegen die Republik wegen des angeblichen Unrechts im Exil an,[38] wovon sich die übrigen Mitglieder des Hauses Savoyen distanzierten.[39] Im Gegenzug kündigte die Italienische Republik ebenfalls eine Schadenersatzklage wegen der Verwicklung des Hauses in der Zeit des Faschismus an.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach einer Interpretation: Foedere Et Religione Tenemur lat. „Wir sind durch Vertrag und Religion gebunden“
  2. a b c d Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 274.
  3. a b c Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 310.
  4. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 316.
  5. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 322.
  6. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 324.
  7. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 325.
  8. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 328.
  9. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 329.
  10. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 332.
  11. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 334.
  12. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 330.
  13. a b c Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 335.
  14. a b c Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 336.
  15. a b c Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 337.
  16. a b Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 338.
  17. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 341.
  18. a b c Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 345.
  19. a b c Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 346.
  20. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 342.
  21. a b c d e f g h Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 348.
  22. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 347.
  23. a b c Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 349.
  24. a b Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 351.
  25. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 352.
  26. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 353.
  27. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 350.
  28. a b c d e f g h i Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 356.
  29. a b c d Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 354.
  30. a b c d Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 355.
  31. a b c d e f Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 357.
  32. Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 358.
  33. a b c d e f Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 361.
  34. a b c d Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 362.
  35. a b Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. S. 363.
  36. Maria Lieber: Varietätenlinguistik des Italienischen, S. 7 (TU Dresden, WS 2009/2010).
  37. Am 2. Mai 1945 wurde bekannt, dass in Caserta bereits am 29. April die Heeresgruppe C, deren Kommandeur zugleich der Oberbefehlshaber Südwest war, vor den Alliierten unter dem britischen Feldmarschall Harold Alexander, dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte im Mittelmeerraum, kapituliert hatte. Die Kapitulation wurde im Auftrag des Generaloberst Heinrich von Vietinghoff und des Höchsten SS- und Polizeiführers in Italien, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Karl Wolff von zwei Beauftragten (Oberstleutnant Hans Lothar von Schweinitz und SS-Sturmbannführer Eugen Wenner) unterzeichnet. Quelle: bundesarchiv.de
  38. Stellungnahme von Emanuel Philibert von Savoyen, 21. November 2007 (italienisch; PDF; 104 kB).
  39. Offener Brief von Maria Gabriella von Savoyen und Maria Beatrice von Savoyen, 24. November 2007 (italienisch).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Altgeld: Kleine italienische Geschichte. Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 3-15-010558-7.
  • Anne Bruch: Italien auf dem Weg zum Nationalstaat. Giuseppe Ferraris Vorstellungen einer föderal-demokratischen Ordnung (Beiträge zur deutschen und italienischen Geschichte; Bd. 33). Krämer, Hamburg 2005, ISBN 3-89622-077-2.
  • Martin Clark: Modern Italy, 1871 to the Present. 3. Aufl. Longman, Harlow 2008, ISBN 1-4058-2352-6.
  • Rudolf Lill: Geschichte Italiens in der Neuzeit. 4. Aufl. WBG, Darmstadt 1988, ISBN 3-534-80014-1.
  • Christopher Seton-Watson: Italy from Liberalism to Fascism. 1870 to 1925. Methuen, London 1981, ISBN 0-416-18940-7 (Nachdr. d. Ausg. Methuen, London 1967).
  • Angelica Gernert, Thomas Frenz, Rudolf Lill, Michael Groblewski, Wolfgang Altgeld: Geschichte Italiens: Reclams Ländergeschichten. 3. Auflage. Reclam Verlag, 4. Mai 2016, ISBN 978-3-1596-1073-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Königreich Italien (1861–1946) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien