Küchenschabe

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Begriff Küchenschabe (auch Kakerlake, englisch cockroach, spanisch cucaracha) wird für eine Reihe von Arten der Schaben in der Familie der Blattidae verwendet. Diese Arten der Schaben leben überwiegend in menschlichen Behausungen und werden dort als Vorratsschädlinge betrachtet.

Dies bezieht sich insbesondere auf:

Daneben gibt es einige in Europa weniger häufige Arten, die ebenfalls so genannt werden, und einige ähnlich aussehende Schaben, die sich nur vereinzelt in Gebäude verirren.

Lebensweise und Unterscheidung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den gemäßigten Breiten sind sie Neozoen, die aus wärmeren Regionen eingeschleppt wurden[1] und daher als Kulturfolger in menschlichen Behausungen leben (Eusynanthropie). Alle Küchenschaben leben versteckt, sind vorwiegend dunkelheitsaktiv und meiden Licht. Da Schaben vergleichsweise sozial in großen Gruppen leben, ist ein Schabenbefall meist invasiv. Schaben bewegen sich durchweg laufend fort, und sind bekannt für ihre außergewöhnliche Geschwindigkeit.

Unterscheidung[2] (Abbildung im Größenvergleich)
Deutsche Schabe Orientalische Schabe Amerikanische Schabe
Deutsche Schabe Orientalische Schabe (Weibchen) Amerikanische Schabe
12–15 mm 25–30 mm 28–44 mm
♀♂ braun mit zwei dunklen Längsstreifen auf dem Brustteil; Flügeldecken bedecken den gesamten Körper und können sogar etwas überstehen dunkelbraun bis schwarz; Flügel unterentwickelt, ca. ¾ des Hinterleibs bedeckt rotbraun, mit blassgelbem Bereich auf der Vorderbrust; Flügel gut ausgebildet (flugfähig)

Als Kakerlaken werden etwa auch die Braunbandschabe (Supella longipalpa),[3] Braune Schabe (Periplaneta brunnea) und die Australische Schabe (Periplaneta australasiae) genannt.[1]

Mit der deutschen Schabe leicht verwechselt werden die Lapplandschabe (Ectobius lapponicus), die Waldschabe (Ectobius silvestris) (beide keine Hausschädlinge), die Turkestanische Schabe (Shelfordella lateralis, synonym Blatta lateralis, Shelfordella tartara), englisch Red-Runner, auch als „Schokoschabe“ bekannt, die als Futtertier für Reptilien gezüchtet wird.

Schadwirkung und Bekämpfung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Deutsche Schabe, die Orientalische Schabe sowie die Amerikanische Schabe sind Allesfresser, die jegliches organische Material (wie Textilien, Leder und Papier) verzehren, bevorzugt feuchte und weiche Materialien, wie auch faulende Lebensmittel. Daneben übertragen sie durch ihre Lebensweise auch pathogene Keime und Parasiten, wie Salmonellen,[4] Wurmerkrankungen[4] (etwa als Zwischenwirt für Fadenwürmer),[4] Magen-Darm-Grippe,[4] auch Ruhr,[4] Polio,[5] Hepatitis,[5] Gelbfieber,[5] Typhus,[4] Lepra,[5] Milzbrand,[5] Tuberkulose,[5] Cholera,[5] vermutlich auch SARS[6].
In Mitteleuropa sind die Tiere, da sie Infektionen nur verschleppen, durch die allgemein guten hygienischen Bedingungen als Vektor von Krankheiten ohne besondere Bedeutung.[7]

Kot, Häutungs- und Speichelreste können Allergien, Ekzeme und Asthma auslösen.[4] Eine Studie, die 2005 in den USA vom National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS) und dem National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) durchgeführt wurde, stellte fest, dass Allergene, die von Schaben stammen, Asthmasymptome in stärkerem Maße hervorrufen können als andere bekannte Auslöser.

Ein Kakerlakenbefall ist meist umfangreich, weil die Tiere weitgehend im Verborgenen leben und erst spät entdeckt werden. Er betrifft durchwegs zumindest ein ganzes Gebäude. Die Bekämpfung erfolgt vorwiegend professionell mit Fraßgiften.

Kulturgeschichtliches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Küchenschaben-Wettrennen sind seit dem 16. Jahrhundert überliefert.[5]

In Pulverform wurden die Küchenschaben Anfang des 20. Jahrhunderts als Mittel gegen Wassersucht eingesetzt. Das Arzneimittel hatte den Namen Tarakanpulver (lateinisch Pulvis taracanae). Den Wirkstoff bezeichnete man als Antihydropin.[8]

Bekannt wurde die Küchenschabe durch das mexikanische Spottlied La Cucaracha, in dem ein General der Revolutionszeit als drogenabhängige Kakerlake verunglimpft wird. Im Film Joes Apartment – Das große Krabbeln stehen im Mittelpunkt der Handlung „sprechende Kakerlaken“. In dem Film Men in Black ist der Gegner der Protagonisten eine außerirdische Schabe. In der Folge Sandkastenliebe der Fernsehserie Der letzte Zeuge werden Kakerlakenrennen thematisiert. Im Buch La Cucaracha oder die Stunde der Kakerlaken von Daniel E. Weiss[9] spielt eine hoch intelligente Kolonie von Kakerlaken die Menschen gegeneinander aus.

Weit verbreitet ist die Geschichte, dass Küchenschaben besonders resistent seien gegenüber radioaktiver Bestrahlung. In Atomkriegszenarien des Kalten Krieges galten sie als die letzten Überlebenden.[10] Wie viele moderne Sagen ist auch diese unwahr. Richtig ist, dass Küchenschaben (getestet wurde Periplaneta anericana), wie alle Insekten, weitaus resistenter gegenüber Strahlungsschäden sind als der Mensch. Gegenüber anderen Insekten sind aber Schaben eher weniger resistent.[11] Die Legende geht zurück auf ein, missverstandenes, Zitat des renommierten amerikanischen Genetikers H. Bentley Glass aus dem Jahr 1961, dass, in einer ihm fälschlich wörtlich zugeschriebenen Variante, ein Eigenleben entwickelte.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jörg Hess, Regula Hess (Illustrationen): Heimliche Untermieter. 4. Auflage, Reinhardt, Basel 1993, ISBN 3-7245-0795-X.
  • Hannes Sprado: Verfressen, sauschnell, unkaputtbar. Das phantastische Leben der Kakerlaken. Ullstein Taschenbuch, 2012, ISBN 978-354837413-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Küchenschabe – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Schaben (Blattodea) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Blattidae. Fauna Europaea, Version 1.3, 19.04.2007, abgerufen am 03.07.2007.
  2. Kakerlaken: Arten und Aussehen, rentokil.de
  3. Braunbandschaben, rentokil.de, Schädlingslexikon
  4. a b c d e f g Krankheiten und Schäden durch Kakerlaken, rentokil.de
  5. a b c d e f g h Lit. Sprado 2012; Angabe nach Die unkaputtbare Küchenschabe, Kurier.at, 11. April 2012 (Rezension des Buches).
  6. Untersuchungen zum Ausbruch 2003 in Hongkong; nach Lit. Sprado 2012, S. o.A.
  7. M. Faulde, G. Hoffmann: Vorkommen und Verhütung vektorassoziierter Erkrankungen des Menschen in Deutschland unter Berücksichtigung zoonotischer Aspekte. In: Bundesgesundheitsblatt 44(2), 2001, S. 116–136, doi:10.1007/s001030050422.
  8. Tarakanpulver. In: Adolf Beythien, Ernst Dressler (Hrsg.): Merck’s Warenlexikon für Handel, Industrie und Gewerbe. 7. Auflage. Gloeckner, Leipzig 1920. (Nachdruck: Manuscriptum, Recklinghausen 1996. ISBN 3-933497-13-2)
  9. Daniel Evan Weiss: La Cucaracha oder Die Stunde der Kakerlaken. ISBN 3-442-09578-6.
  10. Atomziel New York: Chance für Schaben - DER SPIEGEL vom 20. Oktober 1980
  11. Mary Berenbaum (2001): Rad Roaches. American Entomologist 47 (3): 132-133. doi:10.1093/ae/47.3.132, populärer: Mary Berenbaum: The Nuclear Cockroach. In: The Earwig's Tail: A Modern Bestiary of Multi-legged Legends. Harvard University Press, 2009 ISBN 978 0674053564. Seite 96-101
  12. Sarah Brady Siff (2015): Atomic Roaches and Test-Tube Babies: Bentley Glass and Science Communication. Journalism & Communication Monographs 17(2): 88–144. doi:10.1177/1522637915577107