KV62

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. KV 62 ist auch die Köchelverzeichnisnummer eines Marsches in D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart.

KV62
Grabmal von Tutanchamun

Ort Tal der Könige
Entdeckungsdatum 4. November 1922
Ausgrabung Howard Carter
Vorheriges
KV61
Folgendes
KV63
Tal der Könige
KV62
Tal der Könige
(östliches Tal)

KV62 (KV als Akronym für King’s Valley) ist das 62. entdeckte altägyptische Grab im Tal der Könige in West-Theben. Das Grab wurde durch den britischen Archäologen Howard Carter am 4. November 1922 im Auftrag seines Finanziers George Herbert, 5. Earl of Carnarvon, meist nur als Lord Carnarvon bezeichnet, entdeckt. KV62 erwies sich als Königsgrab und konnte aufgrund der Kartusche mit dem Thronnamen Neb-cheperu-Re (Nb-ḫprw-Rˁ) von Tutanchamun (Twt-ˁnḫ-Jmn)[1], die sich neben Abdrücken der königlichen Nekropole am vermauerten Grabeingang befand, diesem König (Pharao) der späten 18. Dynastie (Neues Reich: 1550 bis 1070 v. Chr. (18. bis 20. Dynastie)) zugeordnet werden. Das Königsgrab war nur teilweise beraubt gewesen und bereits im Altertum wieder verschlossen worden.

Das Grab gilt durch seine öffentlichkeits- und medienwirksame Entdeckung im Jahr 1922 mit einem fast unberührten Grabschatz und der intakten Bestattung eines altägyptischen Königs als die populärste Grabstätte in Ägypten, die bereits während der gesamten Ausgrabungszeit tausende Besucher anlockte. Die Räumung, Erfassung und Konservierung der Fundobjekte sowie die Säuberung des Grabes nahm insgesamt zehn Jahre in Anspruch. Der Ausgrabungszeitraum war nicht nur vom Tod Lord Carnarvons 1923 überschattet, sondern immer wieder von Auseinandersetzungen mit der Altertümerverwaltung begleitet. Insgesamt wurden um die 5398 Objekte[2] geborgen, die heute zum Teil im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt sind oder seit der Grabentdeckung in den Magazinen des Museums lagern. Wenige Stücke sind im Luxor-Museum zu sehen. Die Mumie Tutanchamuns befindet sich seit der Entdeckung heute noch in seinem Grab. Sie ruhte im geschlossenen, äußeren vergoldeten Holzsarg, der in dem mit einer Glasplatte abgedeckten Sarkophag liegt. Bei Restaurierungsarbeiten der Grabkammer, beziehungsweise seit 2007 ist die Mumie, bis auf Kopf und Füße bedeckt, in der Vorkammer des Grabes in einem klimatisierten Glaskasten zu sehen. Sie ist die einzige Mumie eines altägyptischen Königs, die seit der Entdeckung eines Königsgrabes im Tal der Könige verblieben ist und nicht nach Kairo überführt wurde.

Howard Carters Notizen, Zeichnungen, Tagebucheinträge wurden nach dessen Tod 1939 von seiner Nichte, Phyllis Walker, 1946[3] an das Griffith Institute in Oxford übergeben und werden seitdem, wie ein Teil der Negativfilme von Harry Burton zum Fund, dort aufbewahrt. Die übrigen Negative befinden sich im Metropolitan Museum of Art in New York, für das Burton tätig gewesen war. Für die Archivierung und Aufbereitung für das Internet war der Ägyptologe Jaromír Málek verantwortlich. So sind 95 % der Dokumentationen zur Ausgrabung auf der Internetseite für jedermann frei zugänglich.[4] Howard Carters Grabungstagebuch befindet sich im Ägyptischen Museum in Kairo.

Inhaltsverzeichnis

Entdeckung[Bearbeiten]

Lord Carnarvon, auf der Veranda von Carters Wohnsitz in Theben
Carters Wohnhaus am Eingang zum Tal der Könige, erbaut 1911

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Die Zusammenarbeit von Howard Carter und Lord Carnarvon, den Carter über Gaston Maspero kennengelernt hatte, begann 1907. Howard Carter war fest davon überzeugt, dass das Grab Tutanchamuns im Tal der Könige zu finden sei. Hierfür sprachen seiner Ansicht nach mehrere Indizien. Unter anderem hatte er während seiner Grabungskampagne von 1905 bis 1906 Artefakte mit den Kartuschen Tutanchamuns identifizieren können. Als weiteren Hinweis für eine Bestattung des Pharaos im Tal der Könige diente Carter außerdem ein 1905 von dem amerikanischen Rechtsanwalt Theodore M. Davis gefundener kleiner Fayencebecher mit dem Namen Tutanchamuns, sowie Einbalsamierungsmaterial aus dem ebenfalls von Davis 1907 entdeckten Grab KV54 („Balsamierungsdepot“). Davis selbst hielt dieses Depot für das Grab von Tutanchamun und ließ die Ergebnisse eben als solche 1912 in The Tomb of Harmhabi and Touatânkhamanou veröffentlichen. Zudem konnten dem König und dessen Hofbeamtem Eje aus dem 1909, abermals unter Davis entdeckten Grab KV58, dem sogenannten „Streitwagengrab“, Goldfolien zugeordnet werden. Auch der Name von Anchesenamun, der Großen königlichen Gemahlin Tutanchamuns, ist auf einer dieser Goldfolien zu lesen. Theodore M. Davis erklärte das Tal der Könige schließlich nach vielen erfolgreichen Jahren und einer weniger ergiebigen Grabung in seiner Publikation The Tomb of Harmhabi and Touatânkhamanou für archäologisch erschöpft: I fear that the Valley of the Tombs is now exhausted.[5] Er gab in der Grabungssaison von 1913 bis 1914 nach über zwölf Jahren Arbeit im Tal der Könige seine Lizenz für das Gebiet zurück. Danach hatte Lord Carnarvon vom Service des Antiquités de l’Egypte, dem heutigen Supreme Council of Antiquities, die Erlaubnis erhalten, Ausgrabungen im Tal der Könige durchzuführen. Die Grabungslizenz wurde jedoch erst 18. April 1915 von Georges Daressy und Howard Carter unterschrieben[6]. Die Arbeiten im Tal der Könige konnten allerdings wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges 1914 erst 1917 aufgenommen werden. Carter hatte bis dahin alle bekannten Hinweise zu Tutanchamun verfolgt und war aufgrund der Funde durch Davis der festen Überzeugung, dass das Grab dieses Königs im Tal der Könige liegen müsse. Seine systematische Suche nach dem Grab begann schließlich 1917. Die Ergebnisse der Grabungen von 1917 bis 1921 waren jedoch spärlich. Zwischen den Gräbern Ramses II. (KV7) und Ramses VI. (KV9) legte Howard Carter für Carnarvon eine Arbeitersiedlung frei und konzentrierte sich daraufhin auf die umliegenden Gebiete, als Lord Carnarvon sich 1921 für die Beendigung der Finanzierungsvereinbarung entschied. Carter bot an, die Grabung selbst zu finanzieren und Carnarvon willigte schließlich für eine letzte Grabungssaison ab dem folgenden Jahr ein.

Grab des Vogels[Bearbeiten]

Die einheimischen Arbeiter gaben Grab KV62 den Namen „Grab des Vogels“ (Tomb oft he Bird) oder auch „Grab des goldenen Vogels“. Diese Bezeichnung geht auf den Kanarienvogel zurück, den Howard Carter in dieser Grabungssaison von Kairo mit nach al-Qurna (Gurna) in sein Haus gebracht hatte. Carter war von dem Gesang des Vogels in einem Café in Kairo so angetan gewesen, dass er das Tier seinem Besitzer abkaufen wollte, was ihm schließlich gelang. Der Gesang des Kanarienvogels hatte Carters Meinung nach etwas Beruhigendes und Freundliches. Amüsierte Fragen, weshalb er ausgerechnet einen Vogel gekauft habe, beantwortete er: „Als Freund in der Einsamkeit der Wüste.“ Carter schreibt, dass, als er Theben erreichte, der Vogel am Schönsten gesungen habe und er in diesem Moment dachte: „Das Grab eines Vogels!“ Seine Angestellten waren von dem Tier und dem Gesang ebenfalls fasziniert und die Arbeiter bezeichneten es nach Entdeckung der ersten Stufen von KV62 als Glücksbringer.

Nach der Ankunft von Lord Carnarvon und Räumung aller Stufen, soll der „Glücksvogel“ von einer Kobra gefressen worden sein. Dies war für die Arbeiter am Grab ein böses Vorzeichen, da diese Schlange (Wadjet), neben dem Geier (Nechbet) ein Schutzsymbol eines altägyptischen Königs war. Später wurde der Tod des Kanarienvogels in den Fluch des Pharao mit eingebunden. Für Howard Carter war es wichtig, seine Angestellten und Arbeiter zu beruhigen und ihnen zu versichern, dass dies auf keinen Fluch zurückzuführen sei. Er versicherte ihnen, der Vogel würde zurückkommen. Nach einem Telegramm brachte Lady Evelyn, Lord Carnarvons Tochter, schließlich am 24. November 1922 einen weiteren Kanarienvogel mit nach Theben.[7]

Der Fund[Bearbeiten]

Howard Carter traf am 28. Oktober 1922 in Luxor ein[8], die Ausgrabungssaison sollte am 1. November beginnen. Am 4. November 1922 stieß ein Arbeiter im Grabungsareal auf eine Treppenstufe. Nach der Entdeckung der obersten Treppenstufe befreite der britische Archäologe den mit Schlamm und Geröll angefüllten Eingang und fand im oberen Bereich eine vermauerte Wand mit einer intakten Versiegelung der antiken Talwächter: mehrere „Stempelabdrücke“, meist als Siegel (Seal Impressions) bezeichnet, in Form einer Kartusche, darin der Gott Anubis in Gestalt eines liegenden Schakals über neun Gefangenen, den sogenannten Neun Bogen (Feinde Ägyptens), dem Siegel der Nekropole, der Totenstadt. Dieses Siegel war ein Zeichen für die Unversehrtheit eines Grabes, das die verantwortlichen Aufseher der Nekropole angebracht hatten[9]. Allerdings wurde es auch nach einer Grabplünderung verwendet, wenn das Grab wieder verschlossen worden war. Carter schickte daraufhin ein Telegramm an Lord Carnarvon:

At last have made wonderful discovery in Valley a magnificent tomb with seals intact recovered same for your arrival congratulations.

„Habe endlich wunderbare Entdeckung im Tal gemacht. Prächtiges Grab mit intakten Siegeln. Bis zu Ihrer Ankunft wieder zugeschüttet. Gratulation.“

Howard Carter[10]

Carter ließ den bisher freigelegten Zugang erneut mit Schutt verfüllen und wartete die Ankunft seines Geldgebers Lord Carnarvon und dessen Tochter Lady Evelyn Herbert ab, die am 23. und 24. November in Luxor eintrafen.

Ausgrabung[Bearbeiten]

Am 24. November wurde der Treppenabgang vollständig frei geräumt und offenbarte insgesamt 16 Stufen. Diese endeten vor einer vermauerten Blockierung, in deren oberen Bereich Carter bereits die Siegel der Nekropole (Totenstadt) gesehen hatte. Nachdem schließlich die gesamte Vermauerung betrachtet werden konnte, fand sich im unteren Teil dieser Wand der in einer Kartusche geschriebene Thronname Tutanchamuns: Neb-cheperu-Re. Zwei Tage später war diese Vermauerung entfernt und der dahinter befindliche Gang ebenfalls von Geröll geräumt. Carter und sein Grabungsteam erreichten am späten Nachmittag des 26. November eine zweite, ebenfalls vermauerte und mehrfach versiegelte Türblockierung, in die er ein Loch schlug und eine Kerze zur Prüfung auf eventuell entweichende Gase hinein hielt. Howard Carter beschrieb diesen Moment als einen der Schönsten, den er erleben durfte. Seine häufig zitierten Worte dazu waren:

At first I could see nothing, the hot air escaping from the chamber causing the candle flame to flicker, but presently, as my eyes grew accustomed to the light, details of the room within emerged slowly from the mist, strange animals, statues, and gold – everywhere the glint of gold.

„Zuerst sah ich nichts, die aus der Kammer entweichende warme Luft ließ die Kerzenflamme flackern, aber dann, als sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, sah ich Details des Raums aus dem Staub erscheinen, seltsame Tiere, Statuen und Gold, überall schien der Glanz des Goldes.“

Howard Carter[11]

Grabungslizenz und Fundteilung[Bearbeiten]

Die Grabungslizenz, auch Grabungskonzession, umfasste insgesamt 13 Punkte, die maßgeblich für die Arbeit von Howard Carter im Tal der Könige waren. Demnach musste der Lizenzinhaber unter anderem für alle Kosten aufkommen und trug die Verantwortung für jedwedes Risiko. Howard Carter, der als Archäologe im Auftrag Carnarvons handelte, hatte während der gesamten Ausgrabungszeit anwesend zu sein. Die Ausgrabungsarbeiten standen unter Kontrolle und Aufsicht der Altertümerverwaltung. Diese hatte nicht nur das Recht, die Arbeit zu überwachen, sondern auch die Ausgrabungsweise zu ändern, wenn sie ihr zufolge erfolgversprechender war als die des Ausgräbers. Die Lizenz regelte außerdem, dass bei einer Entdeckung der Inspektor von Oberägypten in Luxor zu benachrichtigen ist. Dem Ausgräber wurde das Vorrecht eingeräumt, als Erster ein geöffnetes Grab oder Monument zu betreten.

Die Punkte 8 bis 10 regelten die Verteilung der Funde. So war beispielsweise festgelegt, dass Mumien von Königen, Prinzen oder Hohepriestern mitsamt ihrer Särge und Sarkophage Eigentum der Antikenverwaltung sind. Gegenstände aus intakten, unberührten Gräbern sollten ohne Teilung mit dem Ausgräber an das Museum gehen. Falls es sich um ein Grab handelte, nach dem bereits gesucht worden war, beanspruchte die Altertümerverwaltung, abgesehen von Mumien, Gegenstände von besonderem Wert und von historischer sowie archäologischer Bedeutung für sich. Der Rest sollte mit dem Ausgräber geteilt werden. Er sollte ferner in einem solchen Fall für seine Auslagen und Mühen entschädigt werden.

Streitpunkt war nach Entdeckung des Grabes KV62, ob es sich um ein intaktes oder bereits beraubtes Grab handelte. Carter gab an, dass das Grab mindestens zwei Mal beraubt worden war und es deshalb nicht als unversehrt anzusehen sei, weil nachweislich Teile der Grabausstattung fehlten. Die Antikenverwaltung teilte diese Auffassung nicht. Für sie war das Grab mit den Siegeln der Nekropole und des Königs ein intaktes Grab, dessen vollständiger Inhalt Eigentum der Altertümerverwaltung war und es deshalb keine Fundteilung geben würde.

Nach dem Tod Lord Carnarvons ging die Grabungslizenz an dessen Witwe Lady Carnarvon über, die Howard Carter weiterhin Unterstützung zusagte. Er beantragte in ihrem Namen eine Verlängerung der Lizenz, die bewilligt wurde. 1929 gab Lady Almina die Grabungslizenz auf. Die Familie Lord Carnarvons erhielt erst 1930 als Entschädigung eine Summe von 35.971 Pfund Sterling[12], die in etwa der insgesamt aufgewendeten Mittel für die gesamte Grabungszeit entsprach. Howard Carter war von Lady Carnarvon etwa ein Viertel der Summe zugesagt worden, und er erhielt schließlich den Betrag von 8.012 £[13].

Das Metropolitan Museum of Art in New York, das über den gesamten Ausgrabungszeitraum personell beteiligt war, erhielt von Ägypten keine Entschädigung für die entstandenen Auslagen, die sich für das Museum auf etwa 8.000 £ beliefen.[14]

Pierre Laucau, seit 1914 Generaldirektor der Altertümerverwaltung und Nachfolger von Gaston Maspero, verfügte 1923 strengere Auflagen für die Ausgräber in Ägypten. Davon war die Praxis der Teilung von Funden ebenfalls betroffen. Die ursprüngliche Aufteilung, in etwa hälftig für den Ausgräber und Ägypten, war hinfällig. Alle Funde, unabhängig von der Fundsituation, waren von da an Eigentum von Ägypten und die Ausfuhr von Altertümern vollständig untersagt. Dieser Umstand erklärt für Joyce Tyldesley, dass beispielsweise Flinders Petrie seine Arbeiten in Ägypten aufgab und mit Ausgrabungen in Palästina begann. Er war auf private Geldgeber angewiesen und konnte so keine Objekte mehr für Museen aus Ägypten ausführen.[15] 1983 wurde die Fundteilung gelockert und sah 10 % als Anteil für den Ausgräber vor. Zahi Hawass erwirkte 2010 eine Änderung des Gesetzes dahingehend, dass kein Ausgräber ein einziges Fundstück erhalten sollte, es sei denn, es wäre in vielfacher Form bereits in der Sammlung des Ägyptischen Museums in Kairo vorhanden und damit nur ein „Duplikat“ einiger Ausstellungsstücke.[16]

Organisation und Ausgrabungsteam[Bearbeiten]

Der Fund stellte Howard Carter insgesamt vor eine große logistische und organisatorische Herausforderung. Es hatte bisher keinen vergleichbaren Fund in Ägypten gegeben. Eine ähnliche Entdeckung wurde 1925 gemacht. Drei Jahre nach der Entdeckung des Tutanchamun-Grabes fand George Andrew Reisner das nur teilweise beraubte Grab der Hetepheres I. in Gizeh, der Mutter von König Cheops (4. Dynastie, Altes Reich). Auch wenn hier der Sarkophag leer vorgefunden worden war, mussten die vorhandenen Fundstücke konserviert und aus dem Grab transportiert werden. Howard Carter beschrieb den Fund von KV62 insgesamt als eine Angelegenheit, „die von einem Mann nicht zu bewältigen war.“[17] Die Fülle der gefundenen Objekte war mehr als eine Überraschung und überstieg einen gewöhnlichen Fund bei Weitem. Es mussten Pläne für die allgemeinen Arbeiten, die Stromversorgung in Grab KV62, die Bergung und Katalogisierung von im Grab gefundenen Objekten, deren Konservierung und der Transport nach Kairo erarbeitet werden. Ein weiterer Punkt waren nicht nur der Bedarf und die Beschaffung von verschiedenen Verpackungsmaterialien zum sicheren Transport, sondern auch geeignetes und ausgebildetes Personal für die Bearbeitung und Handhabung der Objekte. Es war absehbar, dass für die Arbeiten im Grab mehr als eine Saison benötigt werden würde, zumal sich die Zeiträume für eine Grabung tatsächlich nur auf wenige Monate oder gar Wochen beschränkten. Zur Zeit der Grabentdeckung waren wissenschaftliche Mitarbeiter des Metropolitan Museum of Art in New York in Theben und Albert M. Lythgoe, Leiter der ägyptischen Abteilung des Museums, bot seine Unterstützung an.[18] Das Ausgrabungsteam wurde im Zeitraum vom 7. bis 18. Dezember 1922 mit seiner Hilfe zusammen gestellt. Zum Grabungsteam gehörten neben Howard Carter und Lord Carnarvon schließlich[19]:

Während der zweiten Grabungssaison (1923-1924) war Richard Bethell, ein Mitglied der Egypt Exploration Society, Howard Carters Assistent.[20] Zu weiteren Mitarbeitern zählten von 1922 bis 1932 unter anderem Douglas E. Derry und Saleh Bey Hamdi bei der Untersuchung der Königsmumie, Battiscombe George Gunn für die Bewertung von Ostraka, der Botaniker L. A. Boodle, H. J. Plenderleith vom British Museum zur analytischen Unterstützung, James R. Ogden für die Bewertung der Goldarbeiten im Grab sowie G. F. Hulme von Geological Survey of Egypt.[21]

Zum anderen waren vor Ort Räumlichkeiten erforderlich, um die Funde nach dem Bergen aus dem Grab zu lagern oder zu konservieren, bevor sie nach Kairo transportiert werden konnten. Die Nutzung von Gräbern im Tal der Könige für die Arbeiten an KV62 musste von der Altertumsverwaltung genehmigt werden. So diente das Grab Ramses XI. (KV4) als allgemeiner Lagerraum für „geringwertigere Funde“, das Grab Sethos II. (KV15) wurde als Konservierungslabor und Fotostudio genutzt, während das nicht weit von KV62 entfernte Grab KV55 von Harry Burton als Dunkelkammer verwendet wurde.[22]

Grabbezeichnung und Folgegräber[Bearbeiten]

Das Nummerierungssystem der Gräber im Tal der Könige geht auf John Gardner Wilkinson zurück, der Ägypten 1821 erstmals bereiste und während seiner Aufzeichnungen von Inschriften auch die bis zu diesem Zeitpunkt bekannten Königsgräber nummerierte. Zuvor gab es bereits Nummerierungen durch beispielsweise Richard Pococke, Jean-François Champollion, Carl Richard Lepsius oder Giovanni Battista Belzoni. Wilkinsons System wurde bis heute beibehalten. Allen Grabnummern im Tal der Könige geht das Kürzel KV (für King’s Valley) voraus, gefolgt von der Nummer des Grabes. Analog werden die Privatgräber der Beamten oder Noblen in Theben beispielsweise mit TT (Theban Tomb - „Thebanisches Grab“) oder in Amarna mit AT (Amarna Tomb - „Amarna-Grab“) und ebenfalls fortlaufender Nummer gekennzeichnet. Grab KV62 war 1922 das 62. Grab, das im Tal der Könige entdeckt worden war. Von Howard Carter selbst erhielt es die Nummer 433, in der Reihenfolge seiner seit 1915 gemachten Entdeckungen[23]. KV62 ist keine alternative Bezeichnung, sondern neben dem allgemein verwendeten Begriff „Grab des Tutanchamun“ die in der Ägyptologie international verwendete für dieses Königsgrab im Tal der Könige.

Seit der Entdeckung von Tutanchamuns Grab 1922 wurden im Tal der Könige lediglich zwei weitere Gräber gefunden: KV63 (2005) unter der Leitung von Otto Schaden von der University of Memphis, und KV64 (2011) im Rahmen des 2009 begonnenen University of Basel Kings' Valley Project von Ägyptologen der Universität Basel unter Leitung von Susanne Bickel. KV63 konnte keiner Person zugewiesen werden, wurde aufgrund der Funde jedoch in den Zeitraum der Regierungen von Amenophis III. bis Tutanchamun zugeordnet. KV64 wird als ursprünglich in der 18. Dynastie angelegtes Grab angesehen, in dem es in der 22. Dynastie (Dritte Zwischenzeit) eine Zweitbestattung der Nehemes-Bastet, Tochter eines Priesters und „Sängerin des Amun“, gegeben hatte.

Arbeitsmethoden[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu der Arbeitsweise von beispielsweise Theodore M. Davis bei den Ausgrabungsarbeiten von Grab KV55, arbeiteten Howard Carter und sein Team sehr sorgfältig, was dazu beitrug, dass nicht nur der Grabschatz zum Großteil an sich erhalten blieb, sondern zudem aufgrund der Dokumentation noch viele Jahrzehnte nach der Grabentdeckung erforscht werden kann. Dennoch wurden seitdem nur wenige im Grab gefundene Objekte unzureichend oder überhaupt wissenschaftlich ausgewertet oder beschrieben. Flinders Petrie, unter dem Howard Carter 1892 in Amarna gearbeitet hatte, bemerkte während der gemeinsamen Arbeit über den damals erst 18-jährigen:

Mr. Carter is a good-natured lad whose interest is entirely in painting and natural history … it is of no use to me to work him up as an excavator.

„Mr. Carter ist ein gutmütiger Junge, dessen Interesse vollständig der Malerei und Naturgeschichte gilt … es ist für mich nicht von Nutzen, ihn zum Ausgräber auszubilden.“

W. M. Flinders Petrie[24]

30 Jahre später äußerte sich Petrie zur Entdeckung des Königsgrabes: „Wir können von Glück sagen, dass all dies in den Händen von Carter und Lucas liegt.“ T. G. H. James zufolge war dies das größte Lob, das Carter jemals hätte bekommen können.[25]

Da es bisher keinen vergleichbaren Fund in Ägypten gegeben hatte, lag es an Howard Carter, ein System zu entwickeln, den Grabschatz zu dokumentieren und zu bergen. Sämtliche Fundstücke wurden an Ort und Stelle fotografiert, nummeriert und katalogisiert und zum Teil direkt im Grab durch Konservierungsmaßnahmen vor dem vollständigen Zerfall geschützt, um sie überhaupt transportieren und später restaurieren zu können. Zu vielen Stücken fertigte Carter zudem detaillierte Zeichnungen beziehungsweise Skizzen an. Die Lageskizzierung einzelner Objekte in Fundsituation der Vorkammer erfolgte nicht nur fotografisch durch Harry Burton sondern außerdem zeichnerisch durch die Architekten vom Metropolitan Museum of Art, Walter Hauser und Lindsley Foote Hall.[26] Beide verließen das Grabungsteam nach den Abschlussarbeiten in der Vorkammer.[27] So zeichnete Howard Carter den Inhalt der Grabkammer vollständig nach. Für den Anbau (Annex) und die Schatzkammer wurden keine Zeichnungen angefertigt.[28] Die Fotografien waren in der Verantwortung von Harry Burton, die Zeichnungen und Katalogisierung lagen bei Howard Carter und Arthur Callender, während der Chemiker Alfred Lucas und Arthur C. Mace, Konservator der Abteilung für ägyptische Antiquitäten am Metropolitan Museum of Art, für die chemischen Analysen, Konservierung und Restauration zuständig waren. Der Philologe und Ägyptologe Sir Alan Gardiner, bekannt für seine Arbeit mit Adolf Erman an der Erstellung eines Wörterbuchs der ägyptischen Sprache und unter anderem der Gardiner-Liste, war mit der Übersetzung und Analyse der im Grab auf den Gegenständen vorhandenen Inschriften befasst. Percy E. Newberry analysierte die im Grab gefundenen pflanzlichen Beigaben.

Durch diese sorgfältige Vorgehensweise waren die Gegenstände aus der Vorkammer beispielsweise erst nach etwa 50 Tagen aus dem Grab entfernt.

Das Nummerierungssystem[Bearbeiten]

Die im Grab gefundenen Gegenstände wurden nach Objektgruppen nummeriert, zu denen die versiegelten Türen, der Treppenabgang und Korridor zählten. Insgesamt gab es 620 Objektgruppen, deren Unterkategorien innerhalb der Gruppe durch Buchstaben alphabetisch gekennzeichnet waren. So war beispielsweise aller zur Mumie (256) gehörige Schmuck und sonstige Beigaben der Gruppennummer 256 zugeordnet, von der goldenen Totenmaske mit 256a bis hin zur Nummer 256-4v (256vvvv), ein Amulett aus Eisen in Form einer Kopfstütze[30]. Objekte im Zusammenhang mit dem Anubisschrein erhielten zum Beispiel die Nummer 261 (261–261r). Eine Ausnahme bildet die Objektgruppe 620 aus dem Anbau, die von 620:1 bis 620:123 durchnummeriert ist. Das vollständige Grabinventar wurde nach diesem System erfasst.[31]

Beispiel zu den Nummerierungen im Anbau (Annex)
Kammer Objektgruppennummer
Eingangstreppe 1–3 (3 Objektgruppen)
erste versiegelte Tür 4
Korridor 5–12 ( 8 Objektgruppen)
zweite versiegelte Tür 13
Vorkammer 14–27 und 29–170 (156 Objektgruppen)
vierte versiegelte Tür zur Grabkammer 28
Grabkammer 172–260 (89 Objektgruppen)
Schatzkammer 261–336 (76 Objektgruppen)
dritte versiegelte Tür zum Anbau 171
Anbau 337–620 (284 Objektgruppen)

Nach der Inventarisierung wurden die Objekte mit Schildern der entsprechenden Nummern versehen und von Harry Burton erneut fotografiert, um später noch die Originalposition im Grab nachvollziehen zu können. Für Howard Carter war diese „beständige Sorgfalt“ notwendig, damit selbst kleinste Fundstücke nicht von ihren „Erkennungszetteln“ getrennt wurden. Am Ende einer Grabungssaison war dadurch die vollständige Fundgeschichte für jeden Gegenstands gegeben. Diese Dokumentation beinhaltete:

  1. die Maße, Maßstabszeichnungen und archäologische Aufzeichnungen,
  2. Aufzeichnungen über die Inschriften von Dr. Alan Gardiner,
  3. Aufzeichnungen von Lucas über das angewendete Konservierungsverfahren,
  4. ein Lichtbild, das die genaue Lage des Gegenstands im Grab wiedergab,
  5. ein Maßstablichtbild oder eine Reihe Bilder, die den Gegenstand allein darstellten,
  6. handelte es sich um Kästen, eine Reihe von Ansichten, die das Ausräumen in seinen verschiedenen Stadien zeigten.[32]

Bergung und Transport[Bearbeiten]

Decauville Loren

Abgesehen von der Bergung und Konservierung war die Vorbereitung für den Transport der Artefakte zu organisieren. Jedes Fundstück wurde einzeln verpackt. Allein für die Gegenstände aus der Vorkammer wurden, außer für das Mobiliar, beispielsweise 89 Schachteln und 1500 m Baumwollstoff zur Polsterung und Verpackung in 34 Holzkisten benötigt. Weitere verwendete Materialien zur Verpackung waren Watte und Binden. Auch wenn ein Dampfschiff durch die Altertümerverwaltung nach Kairo zur Verfügung stand, waren immer noch ca. 10 km vom Laboratorium Tal der Könige, wo sich die verpackten Objekte befanden, zum Nilufer zurückzulegen. Auch wenn dieser Weg gerade verläuft, gab es Windungen und Steigungen, die den Transport erschwerten. Zum damaligen Zeitpunkt war der Weg in das Tal der Könige noch nicht asphaltiert und Automobile waren nahezu eine Seltenheit. Für den Transport gabe es drei Möglichkeiten: Kamele, Lastträger oder die Decauville-Feldbahn mit Güterloren. Die Entscheidung fiel auf diese sogenannte „tragbare Eisenbahn“.[33] Zum Tal der Könige führten jedoch keine Gleise oder waren unzureichend, so dass diese dem Zweck entsprechend angepasst werden mussten, um die Kisten auf das Schiff am Nil zu verladen. Während sich die Bahn vorwärts bewegte, wurden die Gleise der zurückgelegten Strecke abgebaut und dafür vor der Bahn neu verlegt. Nicht nur die Hitze im Tal machte dabei den Arbeitern und Ausgräbern zu schaffen, sondern auch die durch die Sonne aufgeheizten Gleise. Der Transport vom Tal der Könige bis zum Nil dauerte 15 Stunden.[34] Das Schiff benötigte in etwa eine Woche nach Kairo. Dort wurden die wertvollsten Objekte wieder ausgepackt und sofort ausgestellt. Wenige Fundstücke, wie beispielsweise die goldene Maske Tutanchamuns oder der goldene Sarg des Königs wurden hingegen mit dem Zug nach Kairo transportiert, wofür ein Sonderwagen mit bewaffnetem Wachpersonal zur Verfügung gestellt wurde.[35]

Ausgrabungszeiträume und Ereignisse[Bearbeiten]

Ab dem 24. November 1922 wurde KV62 von Carter und seinem wissenschaftlichen Team bis 1932 ausgegraben. Die Zeit der gesamten Ausgrabung erstreckte sich über insgesamt neun Grabungssaisons[36], beziehungsweise dauerte bis 1932 an. Die jeweilige Grabungssaison bedeutete jedoch nicht den vollständigen Zeitraum für weitere Arbeiten am Grab. In den ersten Jahren wurde das Grab aus Sicherheitsgründen nach Saisonende wieder zugeschüttet und musste erneut vom Schutt freigeräumt werden, um die Arbeiten weiter führen zu können. Hinzu kamen Reisen von Howard Carter von Luxor zurück nach Kairo, um mit der Altertümerverwaltung oder dem Ministerium für Öffentliche Angelegenheiten verschiedene Punkte zu klären oder die Konzession zu verlängern. Mit jeder Saison mussten neue Materialien für Verpackung und Transport organisiert und Arbeiter eingestellt werden. Dienstags war beispielsweise ein arbeitsfreier Tag für die Arbeiter, da dies der Markttag war. Auch das Warten auf örtliche Handwerker, wie beispielsweise Steinmetze oder Schreiner, wirkte sich auf das Fortkommen der Arbeiten aus. Howard Carter beklagte solche Verzögerungen in seinem Grabungstagebuch mehrfach. Die effektive Arbeitszeit in KV62 verringerte sich durch diese verschiedenen Umstände insgesamt. Ein weiterer Faktor, der sich negativ auf die Arbeiten im Grab auswirkte, war die Anwesenheit von Besuchern und Presse im Grab.

  1. Saison: 28. Oktober 1922 bis 30. Mai 1923
  2. Saison: 3. Oktober 1923 bis 9. Februar 1924
  3. Saison: 19. Januar bis 31. März 1925
  4. Saison: 28. September 1925 bis 21. Mai 1926
  5. Saison: 22. September 1926 bis 3. Mai 1927
  6. Saison: 8. Oktober 1927 bis 26. April 1928
  7. Saison: 20. September bis 4. Dezember 1928
  8. Saison: 1929 bis 1930: keine Arbeiten am Grab
  9. Saison: 24. September bis 17. November 1930

Im Oktober 1929 gab Lady Carnarvon die Grabungslizenz auf. Für Howard Carter bedeutete dies, keinen offiziellen Zugang mehr zum Grab zu haben und seine wissenschaftliche Arbeit nicht wie bisher fortsetzen zu können. Ab diesem Zeitpunkt stand er unter Beaufsichtigung durch Inspektoren der Antikenverwaltung, die die Schlüssel zu Grab und Laboratorium hatten. Diese entschieden außerdem darüber, wer für das Grab eine Besuchererlaubnis erhielt. Obwohl diese Umstände für Carter unbefriedigend waren, arbeitete er bis Februar 1932 im Grab.[37]

Das Grab in der Antike[Bearbeiten]

Vordergrund rechts: Eingang zum Grab Tutanchamuns, dahinter rechts der Eingang zu Grab KV9 (Ramses V. und Ramses VI.), linksseitig und KV62 gegenüber gelegen: KV10 (Amenmesse)

Die Grabstätte Tutanchamuns befindet sich im zentralen Wadi des Tals der Könige. Verantwortlich für das Grab war vermutlich Maya gewesen, ein hoher Beamter mit dem Titel des Schatzhausvorstehers unter Tutanchamun, der noch unter König Haremhab amtierte. Von Maya finden sich Grabbeigaben für den König. Der Name seines Gehilfen, Djehutimose, ist nachweislich auf einer Kalzitvase geschrieben, die im Anbau gefunden wurde. Beide Personen stehen in Verbindung mit den Restaurierungsarbeiten von Grab KV43 (Thutmosis IV.), die in das 8. Regierungsjahr von Haremhab datieren[38]. Das Grab war 1903 von Howard Carter für Theodore M. Davis entdeckt worden.

Carter fand Hinweise, dass die Kammern in KV62 in alter Zeit unmittelbar nach dem königlichen Begräbnis mindestens zweimal beraubt worden waren. Davon zeugten nicht nur drei unterschiedliche Versiegelungen an dem freigelegten Grabzugang, sondern auch die Vermauerungen selbst und beispielsweise das derangierte Erscheinungsbild der Vorkammer (I) und insbesondere des Anbaus (Annex Ia) zum Entdeckungszeitpunkt. Ein weiterer Anhaltspunkt waren die Inventarlisten von Truhen oder Kisten, die durch Abgleich das Fehlen etlicher Artefakte ergab, mit denen der Diebstahl einiger Objekte nachgewiesen werden konnte.[39] Etwa 60 % des Schmuckes war aus den Truhen und Kisten in der Schatzkammer gestohlen worden[40], ebenso wie Gefäße aus kostbaren Metallen. In einer Truhe in der Vorkammer fand sich ein zusammen geknotetes Leinentuch, das massiv goldene Ringe enthielt. Hierbei handelte es sich vermutlich um Diebesgut, das den Grabräubern abgenommen und von den Nekropolenbeamten einfach wieder zurück gelegt worden war, ohne dem Grab und seinen Inhalten weiteres Interesse zu schenken. Carter zufolge waren diese Aufräumarbeiten sehr nachlässig durchgeführt worden. Vermutlich waren die Grabräuber am Begräbnis des Königs Beteiligte gewesen. Die Strafe für Grabräuber und Feinde des Staates war Pfählung.[38] Howard Carter wies nach, dass die Diebe über die Grabkammer bis in die Schatzkammer vorgedrungen waren, dabei aber den äußersten Schrein und somit insbesondere die vollständige königliche Bestattung unangetastet gelassen hatten. Zu den von den Grabräubern entwendeten Grabbeigaben zählten neben kostbarem Schmuck auch Leinen, Salben und Öle. Dies deutet nach Carter auf eine zeitnahe Beraubung, kurze Zeit nach der Bestattung, hin, da beispielsweise Salben und Öle nicht lange haltbar und verwendbar waren. Zum weiteren hielt er zur Beraubung der Schatzkammer fest, dass trotz Beutezug der Grabräuber kein größerer Schaden angerichtet worden war und nur bestimmte Truhen mit wertvollen Gegenständen geöffnet worden waren. Carter zufolge müssen die Grabräuber gut mit den Inhalten des Grabes vertraut gewesen sein.[41] Zum anderen schlussfolgerte er, „dass die besten und kostbarsten Stücke unwiederbringlich verloren waren und er es nun nur noch mit Überresten zu tun hatte.“[42]

Nach der ersten Beraubung der Vorkammer wurden Teile der im Korridor gefundenen und zurück gelassenen Beute in Grab KV54 („Balsamierungsdepot“) deponiert und der Zugang zur Vorkammer erneut verschlossen und versiegelt. Der Korridor wurde bis zur Decke mit Geröll angefüllt und die Durchbruchstelle verschlossen und der Zugang versiegelt. Dadurch war das Grab schwieriger zugänglich, hielt jedoch Grabräuber nicht davon ab, beim zweiten Mal bis in die Schatzkammer vorzudringen. Nach Entdeckung der zweiten Beraubung wurden die Durchgänge zur Grabkammer und Vorkammer verschlossen, verputzt und versiegelt, der Gang erneut vollständig mit Geröll gefüllt sowie der Durchbruch im Zugang zum Grab erneut verschlossen und die Treppenstufen ebenfalls unter Geröll verborgen.[43] Die abschließende Versiegelung des Grabes wurde vermutlich unter der Herrschaft von Pharao Haremhab durchgeführt, bevor auch der Treppenabgang mit Geröll verfüllt wurde.[39]

Da der Zugang zu KV62 unterhalb der Eingangsrampe des später angelegten Grabes von Ramses VI. (KV9) in die Talsohle gehauen wurde und der Abraum des ramessidischen Grabes und die darauf errichteten Arbeiterbehausungen den Zugang zu Tutanchamuns Grabstätte blockierten, blieb der Zugang zu der Anlage für Grabräuber über die Jahrtausende verborgen. Eine Beraubung des Grabes von Tutanchamun ist deshalb nicht während oder nach der Regierungszeit von Ramses VI. (1145–1137 v. Chr.) anzusetzen, sondern muss vorher erfolgt sein, vermutlich kurze Zeit nach der Bestattung des Königs und wenige Jahre später ein weiteres Mal.

Architektur und Funde[Bearbeiten]

Grundriss von KV62
Isometrische Darstellung, Grundriss und Schnittzeichnung des Grabes
Inschriftenband mit den Namen von Meritaton, Nofretete (Neferneferuaton mit Thronname Anchcheperure darüber) und Echnaton von der Holztruhe aus dem Grabeingang (von rechts nach links zu lesen)

KV62 hat eine Gesamtgröße von 109,83 m². Das Grab Sethos I. (KV17) hat vergleichsweise ist 649,04 m² groß, das Grab von Tutanchamuns Nachfolger Eje 212,22 m² und das Privatgrab von Tuja und Juja (KV46) mit einer Kammer, ebenfalls im Tal der Könige gelegen, hat 62,36 m².

Die Grabanlage Tutanchamuns besitzt trotz ihrer vergleichsweise geringen Maße eine mit den traditionellen Gräbern des Tals vergleichbare Raumaufteilung und besteht aus einem Zugangsweg (A) mit 16 Treppenstufen, die an einem vermauerten Zugang (B) endete, dem ein absteigender Korridor (B) folgt, der ebenfalls mit einer versiegelten Vermauerung (Gate I) zur nächsten Kammer endete, der Vorkammer. An der Westwand der Vorkammer fand sich ein weiterer vermauerter Eingang (Gate Ia), der zur anschließenden Seitenkammer (Sidechamber Ia), beziehungsweise Anbau (Annex) führt. An die Vorkammer (I) schließt sich an der nördlichen Seite die Grabkammer (J) an, die von der Vorkammer durch einen vermauerten und ebenfalls versiegelten Zugang blockiert war (Gate J). Von dieser zweigt nach Osten hin eine weitere Seitenkammer (Ja) ab, die als „Schatzkammer“ bezeichnet wird. Abgesehen von der Grabkammer ist das gesamte Grab undekoriert.

Grabeingang und Korridor[Bearbeiten]

Die sechzehnstufige, absteigende Treppe misst 5,61 m in der Länge und 1,66 m in der Breite. Beim Wegräumen des Schutts wurden verschiedene kleinere Objekte gefunden, Tonsiegel der Nekropole, ein Fragment aus Elfenbein, Scherben oder vollständig erhaltene Gefäße aus Stein oder Keramik, Holzfragmente, Inventarlisten zu Schmuck, Datierungen auf Weinkrügen und Tierknochen. Einige Funde konnten namentlich zugeordnet werden: ein Skarabäus von Thutmosis III., ein Knauf mit dem Thronnamen Tutanchamuns, Nebcheperure, Einlagen von einer Holztruhe mit dem Thron- und Eigennamen Echnatons und Neferneferuaton (Anchcheperure) und Meritaton, die hier den Titel einer Großen königlichen Gemahlin trägt[44]. Echnaton und Neferneferuaton werden hier beide als „König von Ober- und Unterägypten“ (nisut-biti) bezeichnet. Des Weiteren nannte Howard Carter ein Fragment mit dem Namen von Amenophis III., wozu jedoch keine weiteren Angaben gemacht wurden. Howard Carter war über diese Ansammlung an Gegenständen mit den Namen unterschiedlicher, der Amarna-Zeit zuzuordnenden Personen verwundert, die eher zu einer „Grube“ als zu einem Grabeingang eines Königsgrabes passen würden.[45] Carter stellte zudem fest, dass von den 16 Stufen nur die ersten zehn in den Fels gehauen worden waren, die letzten sechs hingegen aus mit Mörtel verbundenen Steinen bestanden. Vermutlich waren ursprünglich alle 16 Stufen aus Felsgestein und die letzten sechs Stufen vor der Türvermauerung mussten entfernt werden, um die Grabbeigaben, wie beispielsweise die Schreine, in das Grab zu bringen. Nach der Bestattung wurden diese Stufen aus einem Mörtel-Stein-Verbund ersetzt.[46] Diese letzten Stufen mussten 1930, in der 9. Grabungssaison, erneut entfernt werden, um die Wände und Decken der letzten in der Vorkammer des Grabes verbliebenen Teile der auseinandergenommenen Schreine aus dem Grab transportieren zu können.[47]

Die erste Türvermauerung war knapp ein Meter dick. Der angrenzende Gang (Korridor) ist 7,67 m lang und 1,66 m breit. Der Gang (auch Korridor) war am Nachmittag des 26. November 1922 vollständig geräumt. Unter anderem wurden aus dem Schutt Holzsplitter, Fragmente von Truhen und Verschlüsse von Gefäßen, heile und zerbrochene Alabastergefäße, Tonsiegel, Fragmente von Elfenbein oder Elfenbeineinlagen, Einlagen aus Gold und Teile von Goldfolie gesichert.[48] Ein Fund, den Howard Carter weder in seinen Notizen noch in der Inventarliste von Eingang und Korridor aufführte, zu diesem jedoch später den Korridor als Fundort angab, ist der sogenannte „Kopf des Nefertem“ oder „Kopf auf der Lotosblüte“. Gefunden wurde die Büste im März 1924 von Pierre Lacau und Rex Engelbach bei einer Inventur von KV4, dem Grab Ramses XI., das als Lager benutzt wurde, während Howard Carter nicht in Ägypten verweilte. Der „Kopf des Nefertem“ befand sich in einer Rotweinkiste zwischen Vorräten.[49] Dieser Sachverhalt führte zu weiteren Unstimmigkeiten mit der ägyptischen Altertümerverwaltung. Carter erklärte, dass alles, was in KV4 gelagert wurde, im Eingangskorridor, vor Öffnung der Vorkammer, gefunden worden und bisher unter einer Gruppennummer, nicht aber als Einzelstück im Verzeichnis aufgeführt war.

Die Vorkammer (Antechamber)[Bearbeiten]

Der absteigende Gang (auch Korridor) endete vor einer ca. 90 cm dicken Türblockierung, hinter der sich die 28,02 m² große Vorkammer befindet. Die Wände der Kammer sind grob behauen und undekoriert. Neben der mit Gips verputzten und bemalten Grabkammer ist die Nordwand der Vorkammer mit dem Durchgang zur Grabkammer die einzige sonst weitere verputzte Wand im Grab[50], die ebenfalls mit Siegeln versehen war. In der angrenzenden, durch eine weitere Vermauerung, die Howard Carter als Zwischenwand bezeichnete, mit ca. 1 m Dicke verschlossenen, Grabkammer finden sich an der Decke Markierungen von Meißeln, die darauf hindeuten, dass diese Kammer mindestens zwei Meter weiter Richtung Norden führte, bevor der Zugang zur dort angelegten Grabkammer durch eine Vermauerung verschlossen wurde.[51]

Funde in der Vorkammer[Bearbeiten]

Entlang der westlichen Wand waren hintereinander mit Ausrichtung zur Grabkammer drei Große Ritualbetten aufgestellt.

Unter dem linken hinteren Ritualbett (auch Ritualbahre genannt) der Ammit („Verschlingerin der Toten“ oder „Totenfresserin“) lag der vergoldete und mit Einlagen aus Fayence, Silber, Stein und buntem Glas verzierte Thronsessel Tutanchamuns. Die vordere Lehnenseite des Thrones zeigt eine Szene im Stil der Amarna-Kunst, in der die namentlich genannte Anchesenamun, die Große Königliche Gemahlin, dem sitzenden König Tutanchamun den Brustschmuck anlegt. Über dem Königspaar befindet sich die Sonnenscheibe Aton, je links und rechts davon zwei Kartuschen mit dem sogenannten „lehrhaften Namen des Aton“ in der neueren Fassung, ab dem 9. Regierungsjahr von Echnaton. Der Gott verleiht beiden, symbolisiert durch Anch-Symbole an den Enden der Strahlen, die in Händen enden, Leben. Die Rückseite der Lehne des Thronsessels ist hingegen mit dem ursprünglichen Geburtsnamen des Königs (Tutanchaton – „Lebendes Abbild des Aton“) sowie dessen Thronnamen (Neb-cheperu-Re – „Herr an Gestalten, ein Re“) und dem ursprünglichen Namen seiner Gattin, Anchesenpaaton („Sie lebt durch Aton / Sie lebt für Aton“), aus der Amarna-Zeit versehen.

Unter dem mittleren Ritualbett der Göttin Isis-Mehtet, mit dem Erscheinungsbild einer stilisierten Kuh, waren etwa zwei Dutzend ovale Behälter mit einer gipsartigen Oberfläche gestapelt, die für die Jenseitsreise des Königs tierische Nahrungsmittel enthielten. Dieses Bett wurde aufgrund der Inschriften der Göttin Isis-Mehtet zugeordnet, die allerdings eine Löwengöttin ist und die Gestalt der Kuh eher Hathor oder Mehet-weret („Die großen nördlichen Wasser“) zugeordnet wird. Das vorderste Ritualbett zur Grabkammer hin ist das der Göttin Mehet-Weret, doch ist die gewählte Tiergestalt nicht die der Göttin entsprechende Kuh, sondern der Löwe. So sind die Gestalten und Inschriften der beiden Ritualbetten vertauscht: Die Bahre der Löwingöttin trägt die Inschrift zur Kuhgöttin und umgekehrt.[52] Des Weiteren fanden sich eine große Anzahl an zusammen gerollten Kleidungsstücken, wie Unterkleider oder Schurztücher, die Howard Carter bei seinem ersten Blick in die Kammer anfänglich für Papyri gehalten hatte[53]. Papyri mit Angaben zu historischen Ereignissen gehörten jedoch nicht zur traditionellen Grabausstattung, sondern das ägyptische Totenbuch oder kleine Papyri mit magischen Formeln und Sprüchen, die in die Leinenlagen einer Mumie eingearbeitet wurden. Letztere fanden sich ebenfalls bei der Mumie Tutanchamuns, waren jedoch so beschädigt und fragil, dass sie bei Berührung auseinanderfielen, ohne dass sie gelesen werden konnten.

In der linken südöstlichen Ecke standen die zerlegten Teile von vier intakten Streitwagen, von denen zwei zu vermutlich zeremoniellen Verwendungszwecken Bemalungen aufwiesen. Zwischen den Statuen an der Nordwand war eine Truhe platziert, deren aufgemalte Szenen Tutanchamun bei der Jagd, sowie bei Feldzügen gegen Syrien und Nubien zeigen. In der Vorkammer befanden sich über 600 Objekte.[51]

Wächterstatuen[Bearbeiten]

Der verschlossene Zugang zur Grabkammer (J), die Nordwand der Vorkammer, wurde links und rechts zur symbolischen Bewachung der Königsmumie von zwei schwarz bemalten und vergoldeten Holzstatuen flankiert, die je in ein zum Teil zerfallenes Leinentuch gehüllt waren. Mit Sockel messen die „Wächterstatuen“ etwa 1,90 m, die Figuren selbst haben eine Größe von ca. 1,75 m und sind lebensgroß. Sie entsprechen Douglas E. Derry zufolge, der die Mumie Tutanchamuns untersucht hatte, annähernd der Körpergröße des Königs[54]. Die linksseitig stehende Statue trägt eine sogenannte chat-Kopfbedeckung (auch: afnet), die Rechte das klassische Nemes-Kopftuch. Beide Figuren tragen die Uräus-Schlange an der Stirn und halten je einen langen Stab und eine Keule in den Händen. Um den Hals liegt jeweils ein achtreihiger Schmuckkragen. Die Inschrift der Statue mit chat weist diese als Ka des Königs aus: „Der gute Gott, vor dem man sich verbeugt, der Herrscher, auf den man stolz ist, das Ka von Harachte, der Osiris, der König. Herr der zwei Länder, Neb-cheperu-Re, dies ist gerechtfertigt.“[55] Nicholas Reeves sieht, mit Hinblick auf die Größe der Statuen, diese als die einzigen, wirklichen Portraits des jungen Königs[56]. Die schwarze Hautfarbe der Figuren ist nicht zur Abschreckung gegen Eindringlinge gedacht, sondern bezieht sich vielmehr auf den osirianischen Aspekt des verstorbenen Königs und dessen Wiedergeburt beziehungsweise der Erneuerung[57]. Es gibt nicht viele erhaltene, lebensgroße Darstellungen eines altägyptischen Königs, davon drei im British Museum in London. Bei einer dieser Figuren ist der Schurz hohl und war aufgrund der Größe des Hohlraumes vermutlich für eine Papyrusrolle gedacht. Reeves zufolge sind diese Figuren weniger Wächter der Grabkammer, sondern vielmehr die Hüter von Tutanchamuns letztem Geheimnis: „Das Versteck seiner religiösen Texte.“[58]

Die Grabkammer (Burial Chamber)[Bearbeiten]

Anordnung Schreine, Sarkophag und Särge: 1) äußerster Schrein (rot), 2) Katafalk (blau) mit Leinentuch und Rosetten, 3) zweiter Äußerer Schrein (türkis), 4) mittlerer Schrein (grün), schwarz: innerster Schrein; a) Sarkophag, b) erster Sarg, b) zweiter Sarg, c) dritter Sarg aus Gold, d) Mumie

Das Bodenniveau der 26,22 m²[59] großen Grabkammer, auch als Sargkammer bezeichnet, liegt annähernd einen Meter tiefer als das der etwas größeren Vorkammer. Sie wurde am 16. Februar 1923 in Anwesenheit von Beamten des Antikendienstes, Lord Carnarvon und seiner Tochter sowie Mitgliedern des Grabungsteams und weiteren Gästen geöffnet, nachdem Tage zuvor die entsprechenden Maßnahmen vorgenommen waren: Die Siegel der Wand zu analysieren und Vorsichtsmaßnahmen für die Objekte hinter der Wand zu treffen.

Die Kammerwände sind verputzt und dekoriert und haben zudem je eine rechteckige kleinen Nische, die mit Kalksteinplatten verschlossen und ebenfalls verputzt und bemalt worden waren. Sie enthielten je einen magischen Ziegel aus ungebranntem Ton, die alle, bis auf den Ziegel der Westwand, mit Abschnitten aus dem Ägyptischen Totenbuch (Spruch 151 – „die vier magischen Ziegel“) versehen waren.[60]. Sie hatten so eine symbolische Schutzfunktion für die königliche Mumie. Zu jedem der Ziegel gehörte ein Grabamulett beziehungsweise eine magische Figur. Im Grab Tutanchamuns fanden sich diese in nicht typischer Anordnung nach den Himmelsrichtungen: eine kleine Osiris-Figur (Ostwand – Ausrichtung nach Süden), ein Djed-Pfeiler (Südwand – Ausrichtung nach Osten), dem Zeichen für Beständigkeit und Dauer, eine Anubis-Figur (Westwand – Ausrichtung nach Norden) und eine Uschebti-Figur (Nordwand – Ausrichtung nach Westen).[61][62] So galt für die Westwand üblicherweise ein Djed-Pfeiler, für die Ostwand ein Amulett in Gestalt des Anubis, für die Südwand eine Fackel aus Schilfrohr und für die Nordwand eine Uschebti-ähnliche Figur. Allerdings hält Howard Carter fest, dass es im Neuen Reich häufig Variationen in den Ausrichtungen der Figuren sowie in der Symbolik und in Textkopien des Totenbuchs selbst gab.[63] Des Weiteren befand sich ein fünfter magischer Ziegel mit Miniaturfackel und Holzkohleresten in der Schatzkammer auf dem Boden vor dem Anubisschrein. Beides wurde an der Westwand durch die Osiris-Figur ersetzt. Howard Carter weist in seinen Aufzeichnungen explizit auf diesen fünften Ziegel und die Fackel hin.[64] Zahi Hawass zufolge sollte dieser unübliche fünfte Ziegel vermutlich den Schatz vor Grabräubern schützen,[65] da der dazugehörige Spruch 151 zu den magischen Ziegeln aus dem Totenbuch lautet:

„Ich bin es, der den Sand hindert, das Verborgene zu versperren, und der den zurückweist, der sich (selbst) zur Brandfackel der Wüste zurückweist. Ich habe die Wüste in Flammen gesetzt, ich habe den Weg (des Feindes) in die Irre geleitet. Ich bin der Schutz des N.N.“[66][67]

Dieser Spruch wurde nach Lord Carnarvons Tod am 5. April 1923 neben der gängigen Variante „Der Tod wird auf schnellen Schwingen zu demjenigen kommen, der die Ruhe des Pharao stört.“ zum Fluch des Pharao als eine weitere, in verkürzter Form, in der Presse wiedergegeben: „Ich verhindere, dass Sand die geheime Kammer füllt. Ich bin zum Schutze der Toten da.“[68]

Funde in der Grabkammer[Bearbeiten]

Nachdem Howard Carter ein Loch im Durchgang zur Grabkammer geschlagen und mit einer Taschenlampe hinein geleuchtet hatte, sah er eine „Wand aus reinem Gold“, die sich nicht erklären ließ. Erst durch das Vergrößern der Öffnung offenbarte sich diese „Wand“ als ein Schrein, der die Kammer fast vollständig ausfüllte und den Raum somit als Grabkammer auswies.[69] Im großen, äußeren vergoldeten Holzschrein befanden sich drei weitere vergoldete Holzschreine, über denen ein Katafalk aus Holz stand. Darüber lag ein mit aus Bronze gefertigten Margeriten verziertes Leinentuch. Ein solches Tuch sowie die sogenannten „Sargtuchrosetten“ waren bereits von Theodore M. Davis in Grab KV55 gefunden worden. Das Tuch in KV62 hatte unter dem Gewicht der Verzierungen stark gelitten und war, wie das aus KV55, sehr zerfallen und fragil. Herabhängende Teile davon bedeckten die Beigaben zwischen dem äußerem und dritten Schrein. Die ineinander geschachtelten Schreine enthielten schließlich den steinernen Sarkophag mit den drei Särgen und der Mumie. Zwischen Wand und äußerstem Schrein und innerhalb der Schreine befanden sich zahlreiche weitere Objekte.

Schreine[Bearbeiten]
Der äußere der vier vergoldeten Schreine mit darin befindlichem Katafalk, Ägyptisches Museum, Kairo (JE 60664)
„Buch von der Himmelskuh“ (erster, äußerster Schrein), Ägyptisches Museum Kairo, JE 60664
Detail der Ouroboros-Darstellung, zweiter, innerer Schrein (Replikat), Original Ägyptisches Museum Kairo, JE 60660

Von allen vier vergoldeten Holzschreinen waren der erste und zweite (von außen nach innen betrachtet) lediglich mit einem Holzbolzen in den entsprechenden Halterungen versehen, während der dritte und vierte Schrein mit einem geknoteten Seil und intakten Lehmversiegelungen vorgefunden worden war. Diese unversehrten Siegel der Totenstadt (Nekropole) zeigten innerhalb einer großen Kartusche den Gott Anubis in Gestalt eines liegenden Caniden über den Neun Bogen, den Feinden Ägyptens und darüber den Thronnamen Tutanchamuns (Neb-cheperu-Re), in einer kleineren Kartusche innerhalb der Großen. Diese Versiegelungen waren bei den letzten beiden Schreinen ein eindeutiges Indiz dafür, dass kein Grabräuber bis zur Mumie des Königs vorgedrungen war.

Alle vier Schreine, auch Sargschreine oder Grabkapellen genannt, weisen unterschiedliche Dächer auf. Das des Ersten und Äußeren ähnelt und entspricht dem traditionellen Schrein Oberägyptens. Auch der Kanopenkasten aus Alabaster und verschiedene Holztruhen wiesen diese Form des Deckels auf. Der vierte und letzte Schrein hingegen zeigt hingegen das Dach des prädynastischen und unterägyptischen Palastschreines per-nu („Haus der Flamme“).

Die Benennungen von erstem, zweiten, dritten und vierten Schrein gehen auf die Reihenfolge in der Fundsituation zurück, das heißt der äußere Schrein wurde beispielsweise mit der Nr. 1 beziffert. Den Inhalten der Texte zufolge muss jedoch in der Lesung mit dem innersten, dem vierten Schrein von innen nach außen begonnen werden, da dort die Beschreibung des Weges des Königs zur Unsterblichkeit beginnt.[70]Die vier Schreine sind sowohl auf allen Außen- als auch allen Innenwänden beschriftet. Gewöhnlich waren die Wände in einem Königsgrab der 18. Dynastie mit Texten und Darstellungen dekoriert, die es dem Toten ermöglichen sollten, „bei Nacht durch die Unterwelt zu gelangen und sich in der Morgendämmerung mit dem Sonnengott zu vereinen.“[71] Das für Tutanchamun aufgrund des unerwarteten Todes des jungen Königs genutzte Grab war jedoch zu klein, um dieses vollständige „Programm“ darzustellen. Hierfür dienten die vier Schreine mit Texten aus dem Ägyptischen Totenbuch, auch „Totenbuch“ genannt, mit Auszügen aus den Pyramidentexten aus dem Alten Reich sowie dem Amduat („Das, was in der Unterwelt ist“). Der erste Schrein enthält zudem das „Buch von der Himmelskuh“ mit dem Inhalt der Vernichtung der Menschheit wie es sich beispielsweise an der Wand einer Seitenkammer im Grab (KV17) Sethos I. findet. Auch wenn diese Inhalte auf den Schreinen Parallelen zu herkömmlichen Wandmalereien und Inschriften der 18. Dynastie aufweisen, sind dennoch einige davon schwer zu deuten[72]. Der zweite, innere Schrein zeigt zudem die älteste bekannte Darstellung eines Ouroboros[73], einer Schlange, die sich in ihr eigenes Schwanzende beißt und damit einen Kreis bildet. Diese Darstellung findet sich einmal um den Kopf und einmal um die Füße der Darstellung Tutanchamuns als mumifizierter Osiris. Die dargestellte Schlange, Mehen, bedeutet „die Einhüllende“.[74]

Howard Carter hielt ferner fest, dass am zweiten, von Außen betrachtetem, Schrein Veränderungen an den Kartuschen vorgenommen worden waren und folgerte daraus, dass diese aus der Amarna-Zeit stammten. So war unter dem Namen Tutanchamun ursprünglich ein Name vorhanden gewesen, der auf -aten endete. Er vermerkte hierzu, dass die Darstellungen dennoch nicht im „Kunst-Stil von Amarna“ gehalten waren.[75]

Die Türen aller Schreine öffneten sich nach Osten hin, wodurch sie von Westen nach Osten ist und nicht, wie korrekterweise beim Sarkophag, von Osten nach Westen ausgerichtet sind. Die Demontage der Schreine war teilweise schwierig, da sie erstens entgegen den Markierungen zusammen gesetzt und zweitens dabei wenig Sorgfalt aufgewendet und sie zum Teil „gewaltsam“ zusammen gesetzt worden waren. So fanden sich bei zwei Schreinen beispielsweise noch massive Spuren durch die Bearbeitung mit einem Hammer und einige Partien der Goldverkleidungen waren abgeplatzt.[76] Grund für diese Aufstellung in der Grabkammer ist vermutlich, dass wenn die Ausrichtung korrekt gewesen wäre, sich die Türen nur geringfügig oder gar nicht hätten öffnen lassen, da zur Ostwand hin in der Grabkammer mehr Platz vorhanden war.[77]

Das Arrangement von ineinander geschachtelten Schreinen war den Ausgräbern zwar von einem Plan zum Grab (KV2) von Ramses IV. bekannt, der sich auf dem Papyrus Turin 1885 befindet, jedoch waren diese Sargschreine in KV62 die ersten, die so in ihrer Ausführung vollständig vorgefunden worden waren. Carter schrieb in seinen Grabungsnotizen, dass es laut Plan zu Grab KV2 eigentlich fünf Schreine hätten sein müssten, anstatt vier[78]. Ein vergleichbarer vergoldeter Holzschrein, der jedoch zerlegt und stark beschädigt gewesen war, wurde 1907 von Edward R. Ayrton für Theodore M. Davis in Grab KV55 gefunden. Dieser, ebenfalls aus Holz und mit Blattgold verzierte Schrein, zeigt neben Echnaton Königin Teje, der der Schrein den Inschriften nach zugeordnet werden konnte. Wenige Teile davon sind heute im Ägyptischen Museum in Kairo im sogenannten „Amarna-Raum“ ausgestellt[79].

Sarkophag[Bearbeiten]
Sarkophag des Tutanchamun (Replikat); im Vordergrund die Göttin Neith

Die Arbeiten an dem nach Westen ausgerichteten Sarkophag (Fundnummer 240) begannen am 12. Februar 1924. Der Sarkophag ist 2,75 m lang, 1,33 m breit und 1,90 m hoch. Er ist aus einem einzigen Block aus gelbem Quarzit gearbeitet, der an den Ecken mit Alabaster ergänzt wurde. Der Deckel ist hingegen aus Rosengranit gefertigt und bemalt worden, um ihn der Sarkophagwanne anzugleichen. Möglich ist, dass der eigentliche Deckel zum Zeitpunkt des Begräbnisses noch nicht fertig gestellt war[80]. Marianne Eaton-Krauss gibt als Material der Sargwanne hingegen roten Granit an[81]. Der Deckel weist in der Mitte einen massiven Riss auf, der vermutlich in antiker Zeit bei seiner Anpassung an das Behältnis entstanden war. Der Riss war zwar mit Gips verschlossen worden, stellte die Ausgräber aber dennoch vor die Schwierigkeit, dass der Deckel mit einem Gewicht von 1250 kg beim Anheben vielleicht vollständig durchbrechen und dadurch den Inhalt des Sarkophags schädigen könnte.[82]

Der Sockel des Sarkophags ist schwarz bemalt, darüber sind als unteres Dekor im Wechsel Djed-Pfeiler, dem Zeichen für Beständigkeit und Dauer, sowie Isisknoten, einem Symbol der Göttin Isis dargestellt. Diese Zeichen finden sich ebenfalls auf dem ersten und äußeren Schrein und sollen den Verstorbenen umfangreich schützen. An den Ecken sind die Göttinnen Isis, Nephthys (Richtung Westen), Selket und Neith (Richtung Osten) als erhabenes Relief eingearbeitet, die mit ihren Flügeln den Toten umfangen und schützen. Der obere Rand des Sarkophags ist mit einer umlaufenden Hieroglyphen-Inschrift abgeschlossen, die Längsseiten weisen je vier Kolumnen mit Inschriften auf. Das nach Westen ausgerichtete „Kopfende“ mit den Göttinnen Isis und Nephthys, ist vollständig mit Inschriften versehen[83], die von mittig nach links und rechts zu lesen sind und die Göttinnen betreffen. Das nach Osten gerichtete Fußende mit den Göttinnen Selket und Neith hat keine dazugehörigen Inschriften. Am Kopfende des Sarkophagdeckels Richtung Westen befindet sich die geflügelte Sonnenscheibe und der zu Behdeti (eine Nebenform des Gottes Horus) gehörige Hieroglyphentext in den Kolumnen darunter, der einzigartig für einen königlichen Sarkophag der 18. Dynastie ist[84]. In der mittleren Kolumne wird Tutanchamun mit seinem Thronnamen als „Osiris“ bezeichnet. Die Form des Deckels entspricht dem des zweiten Schreins und des Kanopenkastens und dem traditionellen Schrein Oberägyptens (per-wer – „Großes Haus“).

Marianne Eaton-Krauss hatte den Sarkophag eingehend untersucht und festgestellt, dass dieser mindestens 10 Jahre vor Tutanchamun angefertigt worden sein musste. Des Weiteren ist eine Umarbeitung für die Bestattung Tutanchamuns nachweisbar. Die Kartuschen wurden mit den Namen Tutanchamuns überschrieben, jedoch ist der ursprüngliche Name nicht mehr rekonstruierbar. Sie vermutet, dass es sich um den Sarkophag von Neferneferuaton handelt und dieser aufgrund der politischen und religiösen Umwälzung nicht für diesen König verwendet wurde. Ferner stellte Eaton-Krauss fest, dass nicht nur ca. 3 mm der Außenfläche des Sarkophages abgetragen worden war, um die Originalinschriften vollständig zu entfernen, sondern auch die Flügel der Göttinnen an den vier Ecken nachträglich aufgebracht worden waren[85].

Die Position des Sarkophages wurde seit der Entdeckung 1922 nicht verändert und er ist, neben dem äußersten vergoldeten Holzsarg und der Mumie des Königs, das einzig stetig verbliebene Objekt in Grab KV62.

Särge[Bearbeiten]
Howard Carter beim Reinigen des zweiten, vergoldeten Sarges (Ägyptisches Museum Kairo, JE 60670) innerhalb des äußeren Sarges
Innerster, goldener Sarg Tutanchamuns (Ägyptisches Museum Kairo, JE 60671)

Innerhalb des Sarkophages entdeckte Carter nacheinander drei anthropomorphe Särge. Diese standen, wie nach Bergung des letzten Sarges festgestellt werden sollte, alle auf einer niedrigen, vergoldeten Holzbahre, die mit Löwenköpfen verziert ist und das Gewicht aller drei Särge seit der Bestattung des Königs unbeschadet getragen hatte. Über jedem der Särge lag ein Leinentuch, das entweder mit künstlichen Appliken oder mit Blumenschmuck verziert war. Die Höhe der Särge wird jeweils mit Höhe der Fußpartie gemessen. Der äußerste der Särge misst etwa 224 Zentimeter und besteht aus vergoldetem Zypressenholz. Damit dieser in den Sarkophag passte, musste die obere Fußpartie abgehobelt werden, um den Sarkophag schließen zu können. Die Späne fand Carter am Sarkophag, neben einem Djed-Amulett. Der zweite Sarg, mit einer Länge von 204 cm, besteht ebenfalls aus mit Blattgold überzogenem Holz und ist, wie alle Särge Tutanchamuns, im „Federmuster-Dekor“ (Rischi-Sarg) gearbeitet. Im Vergleich zum äußeren Sarg ist der mittlere Sarg mit Einlagen aus Glas und Schmucksteinen versehen. Das farbige Glas stand hier jeweils für Lapislazuli, Türkis und Karneol. Die gleiche Gestaltung weisen sowohl die Miniatursärge für die Eingeweide des Königs als auch der vergoldete Holzsarg aus Grab KV55 auf. Der zweite Sarg unterscheidet sich in den Gesichtszügen des Königs massiv zum äußeren und inneren Sarg und ist deshalb ursprünglich wohl nicht für Tutanchamun angefertigt worden[86], sondern vermutlich für dessen Vorgänger mit dem Thronnamen Anch-cheperu-Re. Der letzte und innere Sarg ist aus massivem Gold gearbeitet. Seine Länge beträgt 187,5 cm und er hat, wie der mittlere Sarg, zum Teil dieselben Einlagen aus Schmucksteinen. Das Gewicht beträgt 110,4 Kilogramm und die Stärke der Goldwände variiert zwischen 2,5 mm bis 3,0 mm. T. G. H. James schreibt hierzu: „Er dürfte wohl der eindrucksvollste Sarg sein, der je entdeckt wurde […]“[87] Dieser Sarg enthielt die Königsmumie mit der goldenen Totenmaske.

Die Bergung beziehungsweise Trennung des mittleren vom inneren Sarg erwies sich für das Grabungsteam als schwierig, da diese fast exakt ineinander passten, und die Zapfen, um den inneren Sarg herauszuheben, nicht einfach zugänglich waren. Eine weitere Schwierigkeit waren die reichhaltig über den inneren Sarg vergossenen Salböle und Harze, die sich im Laufe der Zeit zu einer pechartigen Masse verhärtet hatten und den letzten, goldenen Sarg regelrecht im Boden des mittleren Holzsarges festklebten. Das Übermaß an diesen Flüssigkeiten hat viele Schäden an den Einlegearbeiten des Sarges verursacht und so beispielsweise das Weiß der aus Kalzit gearbeiteten Augen zerstört, so dass diese nun vollkommen schwarz sind.[88]

Als besonders bemerkenswert notierte Howard Carter die vergoldete Holzbahre mit Löwenköpfen, auf der das Gewicht von insgesamt „25 mal 50 Zentnern“ von allen drei Särgen inklusive Mumie und Grabbeigaben über Jahrtausende gelastet und diese dennoch keinerlei Schaden genommen hatte oder gar unter dem Gewicht zusammen gebrochen war.[89]

Goldene Totenmaske[Bearbeiten]
Goldene Totenmaske Tutanchamuns (Ägyptisches Museum Kairo, JE 60672)
Halskette und Königsbart von der Totenmaske

Die goldene Totenmaske war aufgrund der verhärteten, pechartigen Substanz, wie sie Carter bezeichnete, zusammen mit der Mumie am Sargboden festgeklebt gewesen. Bei der Prozedur, sie loszulösen, verblieben einige der Einlagen des Nemeskopftuches in den verhärteten Salbölen, die zum Teil einzeln geborgen und wieder eingesetzt werden konnten.

Die Maske Tutanchamuns (Fundnummer 256a) ist von unbezahlbarem Wert und das vermutlich bekannteste Stück aus dem Grabschatz des Königs. Sie zählt zu den bedeutendsten Kunstschätzen des alten Ägypten. Die lebensgroße Maske ist vollständig aus getriebenem und poliertem Gold gearbeitet. Sie wiegt 11 kg, ist 54 cm hoch und 39,3 cm breit. Die Einlagen bestehen insgesamt aus blauem Glas, das Lapislazuli imitieren soll, Karneol, Lapislazuli, Quarz, türkisblauem Glas, grünem Feldspat und Obsidian.[90] In ihrer Verarbeitung ist die Totenmaske ein Meisterwerk der ägyptischen Goldschmiedekunst.[91]

Die Maske stellt den jungen König als Osiris dar und ist im konventionellen Kunststil aus der Zeit Amenophis III. gearbeitet und nicht im Stil der Amarna-Kunst unter Echnaton. Lediglich die zwei Halsfalten sind eine Anlehnung an Darstellungen aus der Amarna-Zeit. Inwiefern die goldene Maske das Gesicht des Königs zeigt, ist unklar. Das Bildnis ist, wie im Falle der Büste der Nofretete vermutlich ein Idealbildnis und keine lebensnahe Darstellung[92]. Der König trägt das Nemes-Kopftuch und einen Halskragen (wesech), der in Höhe der Schultern mit Falkenköpfen als Verschluss endet, sowie den Königsbart, der zu den pharaonischen Insignien gehört. An der Stirn befinden sich die Schutzgöttinnen des Königs und Symbole der Reichseinigung: Wadjet (Landesgöttin Unterägyptens), die die Gestalt einer Uräusschlange hat, und Nechbet (Landesgöttin Oberägyptens) in Gestalt eines Geiers. Auf der Schulterpartie steht auf der rechten Seite der Thronname Tutanchamuns, der Text über der Schulter ist von hinten nach vorne zu lesen und bezeichnet den König als Osiris (Usir-nisut – „Osiris-König“) und „wahr an Stimme (gerechtfertigt), dem Leben gegeben sei wie Re“. Auf der Rückseite der Maske ist ein Hieroglyphentext in zehn senkrecht verlaufenden Reihen. Sie geben das 531. Kapitel der Sargtexte aus dem Mittleren Reich (etwa 2137 bis 1781 v. Chr.) wieder, das später in das ägyptische Totenbuch zu Spruch 151 B übernommen wurde.[93] Der Spruch soll den König in der Unterwelt vor vielfältigen Gefahren schützen.[94] Im Totenbuch heißt es in Spruch 151 unter anderem, wie auch auf der Maske Tutanchamuns zu lesen ist:

Auszug aus Spruch 151 B: „Dein rechtes Auge ist die Nachtbarke, dein linkes Auge ist die Tagesbarke, und deine Augenbrauen sind die Götterneunheit.
Dein Scheitel ist Anubis, dein Hinterkopf ist Horus, deine Finger sind Thot, deine Haarlocke ist Ptah-Sokar.“[95]

Die Maske wurde nach den Restaurationsarbeiten anfänglich ohne den ursprünglich angebrachten Königsbart, der sich beim Entfernen der Maske von der Mumie gelöst hatte, im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt. Die erste Farbfotografie der Totenmaske erschien am 13. November 1926 in The Illustrated London News.

Die Mumie Tutanchamuns[Bearbeiten]

Howard Carter und sein Team fanden die Mumie des jungen Königs nach dem Öffnen des letzten, vollkommen aus Gold bestehenden Sarges am 28. Oktober 1925.[96] Über ihr lag ein Leinentuch, das mit Blumengirlanden geschmückt war.[97]

Der Sarkophag mit der Mumie wurde am 1. November 1925 in das Grab Sethos II. (KV15) gebracht,[98] da dort mehr Platz vorhanden war. Die erste Untersuchung der Mumie Tutanchamuns fand am 11. November statt. Anwesend waren unter anderem Pierre Lacau, Direktor der Altertümerverwaltung, Douglas E. Derry, Professor für Anatomie an der Universität Kairo, Saleh Bey Hamdi, Howard Carter, Alfred Lucas, Harry Burton sowie weitere interessierte Personen.

Die Mumie mit Totenmaske und Leinenbinden füllte den Sarg fast vollständig aus. Sie lag leicht zur Seite geneigt. Wie beim goldenen Sarg war für die Mumie ein Übermaß an Salbölen verwendet worden. Diese waren Carter zufolge vor dem Einsargen über die Mumie gegossen worden, was aus der unterschiedlichen Höhe der verhärteten Öle an den Sargwänden geschlossen wurde. Die Leinenbinden waren an den Füßen beidseitig abgescheuert, was durch Reibung am Goldsarg verursacht worden sein musste. Carter schlussfolgerte, dass beides auf einen Stoß beim Absenken in den Sarkophag zurückzuführen sei.[99]

Das Übermaß an Salbölen hatte die Leinenbinden nicht nur schwarz gefärbt, sondern auch extrem brüchig gemacht. Ferner hatten sich hier die Öle ebenfalls im Laufe der Zeit zu einer pechartigen Substanz verhärtet, wodurch die goldene Totenmaske und die Mumie vollständig am Sargboden festklebten und nicht einfach heraus gehoben werden konnten. Carter beschrieb, dass ein Herausnehmen der sterblichen Überreste Tutanchamuns nicht ohne erheblichen Schaden für die Mumie möglich war. Die Leinenlagen wurden mit erhitztem Paraffinwachs bestrichen und nach Aushärtung Stück für Stück aufgeschnitten, um die Mumie freizulegen. Howard Carters Befürchtungen über den Zustand bestätigten sich: Die Mumie hatte unter der übermäßigen Verwendung an Salbölen erheblich gelitten und befand sich in einem „furchtbaren Zustand“ und die Bindenlagen in Körpernähe waren am schwersten in Mitleidenschaft gezogen. Insgesamt waren die Binden Carter zufolge geradezu von den Ölen durchtränkt gewesen und er mutmaßte, dass sowohl über dem goldenen Sarg als auch über der Mumie annähernd „zwei volle Eimer an Salbölen“ gegossen worden sein mussten.[100] Douglas E. Derry nahm an, dass die Binden bei der Beisetzung feucht gewesen waren und in Verbindung mit dem Zersetzungsprozess der in den Ölen enthaltenen Fettsäuren sowohl zum Verkohlen der Binden als auch der Mumie geführt hatten, weswegen sowohl die Binden als auch die Mumie schwarz gefärbt waren und verbrannt beziehungsweise verkohlt wirkten. Kopf und Füße waren davon weniger betroffen, da in diesen Bereichen weniger Salböl verwendet worden war.

Die Leinenlagen waren am Rücken der Mumie Tutanchamuns durch die pechartige Masse so fest mit dem Sargboden verbunden, dass diese weggemeißelt werden musste und die Mumie bei dieser Vorgehensweise insgesamt in mehrere Teile „zerbrach“. Begonnen wurde aufgrund dieses Problems die Untersuchung an den Füßen. Die Totenmaske mit dem darin befindlichen Schädel klebte weiterhin am Sargboden fest und die zuvor einigermaßen erfolgreichen Methoden der Erhitzung zeigten hier keine Wirkung. Carters Grabungsbericht zufolge kamen schließlich heiße Messer zum Einsatz um die Maske vom Sargboden zu lösen. So galt die letzte Untersuchung dem Kopf.

Insgesamt konnte festgestellt werden, dass der Körper sorgfältig mit Leinenbinden umwickelt worden war, die Gliedmaßen zuerst einzeln für sich und danach mit dem Körper zusammen. Da ein „regelrechtes“ Auswickeln in einzelnen Bindenlagen aufgrund des Zustandes der Binden nicht möglich gewesen war, konnte über die Technik an sich keine genaueren Angaben gemacht werden. Es war allerdings nachweisbar, dass das Einwickeln der Mumie entsprechend ihrer Zeit, der 18. Dynastie, vorgenommen worden war. Die äußeren und inneren Leinenlagen erwiesen sich von höherer Qualität als die dazwischen liegenden. Die Mumie war zudem mit sogenannten goldenen „Mumienbändern“ versehen gewesen. Diese waren nachweislich angepasst worden und nach genauerer Untersuchung ursprünglich für König Semenchkare / Neferneferuaton angefertigt worden. Fragmente dieses Mumienbandes waren im Eingangsbereich zum Grab gefunden worden, was für Howard Carter irritierend war. Auf der äußersten Lage der Binden hielten künstliche Hände aus Blattgold in gekreuzter Haltung die königlichen Insignien Krummstab und Wedel.

In die einzelnen Schichten der Leinenbinden waren zahlreiche Schmuckstücke und Amulette, wie Djed-Pfeiler, Götterfiguren von Thot, Anubis oder Horus sowie Isisknoten, eingefügt worden, die den Verstorbenen schützen sollten. Die Königsmumie trug zudem Armreifen, Pektorale, Halskragen (wesech), Ketten und Ringe. Insgesamt wurden 143 Objekte (in 101 Objektgruppen unterteilt)[101] an der mit 16 Lagen Leinenbinden umwickelten Mumie Tutanchamuns gefunden. Darunter zwei Dolche, von denen einer aus Gold, der andere aus Eisen gefertigt ist.

Die Arme des Königs waren angewinkelt und nicht, wie auf allen drei Sargdeckeln zu sehen ist, über der Brust gekreuzt. Sie lagen auf dem Oberbauch, der linke Unterarm etwas höher als der rechte und die rechte Hand ruhte auf der linken Hüfte. Die Finger trugen goldene Fingerhülsen und an den Füßen fanden sich goldene Zehenhülsen und vergoldete Sandalen. Der Schädel war kahlgeschoren und war außer mit einem „Stirnband“ aus Leinen noch mit einer „perlenbestickten Kappe“, die am Hinterkopf die zwei Kartuschen des Gottes Aton in seiner neueren Fassung (ab dem 9. Regierungsjahr Echnatons) trug, ausgestattet. Diese Kappe ließ sich nicht lösen ohne zerstört zu werden und verblieb Carters Notizen zufolge in situ. Dieses Leinenband als auch die „Kappe“ sind heute nicht mehr vorhanden. Zahi Hawass führt dies auf die Untersuchungen durch Harrison und Iskander 1968 zurück[102]. Die Mumie weist durchstochene Ohrläppchen auf. Douglas E. Derry stellte unter anderem fest, dass im Gegensatz zur sonstigen Balsamierung des Körpers, die Augen unbehandelt geblieben waren. Die Wimpern, die er als „sehr lang“ beschrieb, waren erhalten geblieben. Seine Untersuchung der Mumie ergab seinerzeit ein Sterbealter des Königs von zwischen 17 und 19 Jahren. Die anhand der Gliedmaßen berechnete Körpergröße betrug 1,68 m. Zu Howard Carters Bedauern ergab die Untersuchung der Mumie keinen Aufschluss zur Todesursache Tutanchamuns.

Nach Abschluss der Untersuchung wurden die erheblich separierten sterblichen Überreste Tutanchamuns vollständig neu bandagiert. Die Wiederbestattung des jungen Königs erfolgte am 23. Oktober 1926.[103] Mit Ende aller Arbeiten am Grab lag die Mumie Tutanchamuns bis zur ersten röntgenologischen Untersuchung 1968 ungestört im äußeren Holzsarg im Sarkophag, der mit einer Glasplatte verschlossen worden war.

Howard Carter hat die jeweilige Lage der an der Mumie gefundenen Objekte zeichnerisch dokumentiert, so dass nachvollziehbar bleibt, in welcher Bindenschicht und welcher Position sich die Objekte befunden hatten.[104]

Die Mumie Tutanchamuns wurde nie im Museum in Kairo ausgestellt oder in einem Magazin verstaut. Sie ist die einzige Königsmumie, die nach einer Grabentdeckung bis heute in ihrem Grab verblieben ist. Über einen langen Zeitraum war sie für Besucher überhaupt nicht zu sehen. Während Restaurierungsarbeiten in der Grabkammer war sie jedoch zeitweilig in der Vorkammer des Grabes in einem klimatisierten Glaskasten aufbewahrt. Der Glaskasten ersetzt inzwischen den äußeren Holzsarg, da dieser selbst extrem restaurierungsbedürftig und zudem die Mumie des Königs aufgrund des wiederholten Heraushebens für verschiedene Untersuchungen seit der Grabentdeckung in einem sehr schlechten Zustand ist.

Der Minister für Altertümer, Mamdouh el-Damaty, untersagte 2014 nach in den Jahren seit der Entdeckung vielfältig durchgeführten Untersuchungen der Mumie einen Transport für weitere Tests nach Kairo, da diese inzwischen stark zerfallen ist. Der Archäologe Ahmed Saleh, verantwortlich für nubische Monumente, bemerkte, dass die Mumie im Laufe der letzten drei Jahrzehnte durch Untersuchungen stärker gelitten habe als unter den Archäologen seinerzeit. Wenn es so weiterginge, wäre die Mumie Tutanchamuns seiner Meinung nach innerhalb der nächsten 50 Jahre vollständig zerstört.[105]

Weitere Funde[Bearbeiten]

Sowohl außerhalb als auch innerhalb der Schreine fanden sich weitere Grabbeigaben. An der Nordwand lagen mit Ausrichtung nach Westen insgesamt 11 hölzerne Ruder. Vor der Westwand stand je links und rechts des äußeren Schreines ein Imiut, auch als Emblem des Anubis oder Anubis-Fetisch bezeichnet, das der Wiederherstellung und Wiederbelebung des Toten dienen sollte. Zu weiteren Funden außerhalb der Schreine zählten unter anderem zwei Silbertrompeten (Scheneb), vergoldete Fächer, zum Teil noch mit Straußenfedern, und eine Öllampe aus Kalkstein. Innerhalb der Schreine fanden Carter und sein Team viele weitere Beigaben, darunter eine Alabastervase für Parfum, ein Kosmetikgefäß aus Alabaster sowie Stöcke, Bogen und Pfeile.

Die Schatzkammer (Treasury)[Bearbeiten]

Die an die Grabkammer nach Osten grenzende Seitenkammer, von Howard Carter als Treasury (Schatzkammer) bezeichnet, hat eine Größe von 18.06 m². Wie Vorkammer und Anbau ist der Raum nur grob behauen, nicht verputzt und undekoriert. Der Zugang zur Schatzkammer war offen.[106] Sie liegt von der Höhe in etwa auf demselben Niveau wie die Vorkammer, allerdings gibt es hier eine Stufe im Eingang. Die Schatzkammer weist, wie der Anbau, aufgrund Platzmangels im Grab eine Vielzahl von nicht zusammen gehörigen Gegenständen auf. Carter verweist dabei auf den Papyrus Turin 1885 zum Grab Ramses IV. Hier werden auch über die Kammern im Grab Angaben gemacht, wonach es neben einer „Krypta“ vier weitere Räume oder Schatzkammern gibt, aber auch angrenzende Pfeilerhallen, sowie einen Raum für Uschebtis, einen „Ruheplatz der Götter“, eine Schatzkammer und eine „Schatzkammer des Innersten Raumes“. In der Schatzkammer in KV62 sind all diese Räume zusammen gelegt, was Carter zufolge die unterschiedlichen und regelrecht „zusammengepferchten“ Beigaben in der Schatzkammer erklärt.[107]

Funde in der Schatzkammer[Bearbeiten]

Kanopenschrein und Kanopenkasten[Bearbeiten]

Als wichtigstes Fundstück der östlich an die Grabkammer angrenzenden Seitenkammer gilt der vergoldete und auf einem darüber konstruierten Baldachin mit Uräusschlangen besetzte Kanopenschrein Tutanchamuns, an dessen Seiten ebenfalls die vier Schutzgöttinnen Isis, Nephthys, Selket und Neith platziert worden waren. Die vier Göttinnen waren für Schutz der Horussöhne (auch Schutzgeister genannt) verantwortlich, die über mumifizierten Eingeweide wachen. So war jedem Horussohn fest eine Göttin zugeordnet. Die Ausrichtung sowohl der Göttinnen als auch der Horussöhne erfolgte nach den Himmelsrichtungen. In diesem Falle waren die Göttinnen jedoch paarweise vertauscht: Selket stand im Süden (eigentlich Westen) und Isis im Westen (eigentlich Süden), Neith nach Norden (eigentlich Osten) und Nephthys nach Osten (eigentlich Norden). Dadurch schützten sie nicht den ihnen jeweilig zugehörigen Horussohn. Für Selket ist dies Kebechsenuef (Westen), für Isis Amset (Süden), für Neith Duamutef (Osten) und für Nephthys Hapi (Norden).[108]

Der Schrein enthielt den aus Alabaster bestehenden Kanopenkasten, der beim Auffinden mit einem dunkel verfärbtem Leinentuch bedeckt war. Der Kanopenkasten war durch geknotete Seile mit vier intakten Lehmsiegeln der Totenstadt verschlossen.[109] Innerhalb des Kastens sind vier Fächer in ovaler Kanopenform in den Alabaster eingearbeitet, die mit vier menschenköpfigen Deckeln versehen waren. Diese kleinen Särge enthielten die aus dem Körper entfernten Eingeweide des Herrschers. Sowohl sie, als auch die aus Gold bestehenden und darin befindlichen Eingeweidesärge, weisen die Gesichtszüge eines Königs auf, unterscheiden sich jedoch von anderen Darstellungen Tutanchamuns. Genauen Untersuchungen zufolge wurden die Eingeweidesärge für Tutanchamun umgearbeitet und seine Namen in die Kartuschen geschrieben, die ursprünglich den Thronnamen Anchcheperure von Tutanchamuns Vorgänger Neferneferuaton (Eigenname) enthielten. Wie vermutlich auch der Kanopenkasten waren die Miniatursärge ursprünglich für Neferneferuaton angefertigt worden.[110]

Anubisschrein[Bearbeiten]

Direkt am Eingang zur Kammer befand sich eine teilweise vergoldete und schwarz bemalte Statue des Anubis in Gestalt eines liegenden Caniden auf einem Schrein, der auf einem Schlitten mit Tragestangen stand. Vor dem Schrein lag ein magischer Ziegel mit einer kleinen Fackel aus Schilfrohr und Holzkohle. Die Anubis-Figur war in ein Hemd aus Leinen gehüllt, das der hieroglyphischen Inschrift aus Tinte zufolge aus dem 7. Regierungsjahr von König (Pharao) Echnaton stammt. Im Inneren des Schreins sind vier kleine Fächer und ein großes Fach eingearbeitet. Trotz Beraubung enthielten sie insgesamt verschiedene Schmuckstücke, Amulette und Gebrauchsgegenstände, deren Verwendung noch nicht ganz geklärt ist. Howard Carter vermutete in diesen Beigaben einen Zusammenhang mit Ritualen zur Mumifizierung. So fanden sich neben Miniatur-Rinderschenkeln, kleinen Figuren in Mumiengestalt auch Amulette und kleine Götterfiguren sowie Pektorale ohne Ketten und Gegengewicht, die in Leinen gewickelt und mit einem Siegel versehen waren.[111] Bei einem der Pektorale, das die geflügelte Himmelsgöttin Nut zeigt, stellte Howard Carter fest, dass dieses ursprünglich die Namen (Thron- und Eigenname) Echnatons enthalten hatten und für Tutanchamun umgearbeitet worden war.[112] Hinter Anubisschrein und zwischen Kanopenschrein fand sich ein vergoldeter Kuhkopf, der Hathor symbolisiert.

Herzskarabäus[Bearbeiten]

Ein weiteres der goldenen Pektorale aus dem Anubisschrein ist von Besonderheit: Hierin ist der aus grünem Feldspat bestehende Herzskarabäus[113] Tutanchamuns mit stilisierten, geöffneten Flügeln zwischen die Göttinnen Isis und Nephthys eingearbeitet. Der Skarabäus fehlte jedoch beim Auffinden im Anubisschrein und wurde später in der kartuschenförmigen Truhe entdeckt und wieder in das Pektoral eingefügt[114]. Über dem Skarabäus befindet sich die geflügelte Sonnenscheibe (auch Flügelsonne), ein Symbol des Gottes Horus. Auf der Rückseite ist ein Spruch aus dem ägyptischen Totenbuch für das Herz zu lesen, der das Herz des Königs davor warnt, falsches Zeugnis gegen ihn abzulegen.[115]:

Auszug aus Spruch 30 A: „Sprich nicht gegen mich: Er hat es getan - dementsprechend, was ich getan habe-, lass keine Anklage gegen mich entstehen vor dem Größten Gott des Westens“.
Auszug aus Spruch 30 B. „Sinne nicht auf Lüge gegen mich zur Seite Gottes, vor dem Großen Gott, dem Herrn des Westens! Siehe, erhoben bist du, so dass du gerechtfertigt (Maa-cheru) bist!“[116]

Der Nachtrag zu Spruch 30B beschreibt, aus welchen Materialien der Herzskarabäus zu bestehen hat, über die der Spruch zu sprechen ist und wie das Amulett dem Verstorbenen anzulegen ist: „Zu sprechen über einem Käfer aus grünem Stein, eingefasst in Weißgold, sein Ring aus Silber. Werde gegeben dem Verstorbenen (Ach) an seinen Hals.“ Üblicherweise wurden diese sogenannten Herzskarabäen beim Einwickeln der Mumie mit in die Leinenbinden, auf dem Brustkorb, meist in Herznähe, eingefügt, [117] da das Herz dem Leichnam nicht entnommen wurde[118]. Auf der äußersten Bindenschicht befand sich zwischen den gekreuzten Händen aus Blattgold, die Zepter und Flagellum hielten, ein weiterer Herzskarabäus aus schwarzem Stein, der vermutlich den eigentlichen Herzskarabäus ersetzen sollte. Der an der Mumie gefundene Skarabäus wies stattdessen auf der Rückseite Spruch 29 B aus dem ägyptischen Totenbuch auf. Die Besonderheit des Auffindungsortes des eigentlichen Herzskarabäus in der Schatzkammer liegt darin, dass der Mumie Tutanchamuns das Herz fehlt.[119]

Weitere Funde[Bearbeiten]

Zu weiteren Funden zählten kleine vergoldete Statuen des Königs und von Göttern sowie Truhen, Modellboote und Uschebtis. In dieser Kammer fand sich auch ein Holzkasten, der zwei kleine anthropomorphe Särge mit zwei Föten enthielt, die als Tutanchamuns Kinder angesehen und im Kasr El Aini Hospital in Kairo aufwahrt werden, wo sie auch untersucht wurden. Eine kleine vergoldete Totenmaske aus Kartonage, die in KV54 („Balsamierungsdepot“) gefunden wurde, ist vermutlich einem der beiden zuzuordnen.[40] Alle Funde aus Grab KV54 sind, bis auf diese kleine Totenmaske, im Metropolitan Museum of Art in New York, die sich im Ägyptischen Museum von Kairo befindet. In der Schatzkammer befanden sich auch weitere Miniatur-Särge, die zum Teil einen weiteren kleinen Sarg enthielten. Einer dieser Särge enthielt die hockende Goldfigur eines Königs mit zugehöriger Perlenkette (Fundnummer 302c[120]), die Howard Carter Amenophis III. zuordnete. Reeves zufolge kann es sich aber ebenso um eine Darstellung von Tutanchamun selbst handeln. Ein anderer Sarg beinhaltete eine Haarlocke (Fundnummer 320e[121]), die den Inschriften zufolge zu Königin Teje gehört. Die Haarlocke wurde aufgrund der Inschrift und des bereits frühen Verdachts, dass es sich bei der „Mumie KV35EL“ (EL für Elder Lady) aus dem Grab (KV35) Amenophis II. um Königin Teje handelt, mit dieser abgeglichen. Die Untersuchung ergab bereits vor der 2010 im Rahmen des sogenannten King Tutankhamen Family Projects durchgeführten Untersuchung, dass die „Mumie KV35EL“ die der Königin Teje ist. Diese Haarlocke im Grab Tutanchamuns stammt zweifelsfrei von dessen Großmutter Teje.

Insgesamt wurden in der Schatzkammer über 500 verschiedene Objekte gefunden.[122] Die Untersuchung und Räumung der „Schatzkammer“ wurde im Anschluss an die Grabkammer vorgenommen und begann in der 5. Grabungssaison (22. September 1926 – 3. Mai 1927). Während der Arbeiten in der Grabkammer war diese Seitenkammer mit Holzbrettern verschlossen worden, um Schäden an den sich dort befindlichen Gegenständen zu vermeiden.

Der Anbau (Annexe)[Bearbeiten]

Der an die Westseite der Vorkammer (I) anschließende Anbau hat eine Größe von 11,14 m²[123] und war durch eine Türverfüllung von der Vorkammer abgetrennt. Wie die Vorkammer ist die Seitenkammer grob behauen, nicht verputzt und undekoriert. Das Bodenniveau dieser Kammer liegt ca. 90 cm tiefer als die Vorkammer. Der ursprünglich vermauerte und von Grabräubern durchbrochene Durchgang hat eine Höhe von 1,40 m. Im Gegensatz zu den beiden anderen Durchgängen der Zwischenwände, vom Korridor zur Vorkammer und von der Vorkammer in die Grabkammer, war dieser Zugang nach der Beraubung nicht wieder verschlossen worden. Howard Carter fand hier die Grabbeigaben in völligem Durcheinander. Im Vergleich zur Vor- oder Schatzkammer hatten hier durch die Beamten der Totenstadt keine Aufräumarbeiten stattgefunden. Der Anbau war, abgesehen von einigen in der Vorkammer gelagerten Stücken, die letzte Kammer des Grabes, die geräumt wurde.

Funde im Anbau[Bearbeiten]

Diese, eigentlich als Vorratsraum gedachte Kammer enthielt jedoch Objekte, die untypisch für einen solchen Raum sind.[124] Normalerweise diente sie der Lagerung von kostbaren Ölen, Wein in Krügen oder Lebensmittel wie Brot und getrocknetes Fleisch. So fanden sich unter den Gegenständen zudem umfangreiches Mobiliar wie Betten, Stühle, Gehstöcke, Truhen und Kisten, Schilde, Bögen und Pfeile sowie zwei weitere Streitwagen und die eigentlichen Vorratsbeigaben wie Weinkrüge, Körbe und Uschebtis (Dienerfiguren). Der Anbau war vermutlich die letzte im Grab versiegelte Kammer.[125]

Wanddekorationen[Bearbeiten]

Amduatbuch mit Himmelsbarke (Teilansicht der Westwand), Tutanchamun und dessen Ka mit Osiris (Nordwand)
Grabkammer des Haremhab (KV57)

Die Grabkammer ist der einzige dekorierte Raum im Grab. Die grobbehauene und unverputzte Decke weist, im Vergleich zu manch anderen Königsgräbern, keine Malereien auf. Auch die Wände sind nicht vollständig bemalt, die Wandmalereien enden in etwa in Höhe des Sarkophags. Der darunter liegende Bereich ist weiß. Die Grundfarbe aller Wände ist ein Gelbton, der auf den weißen Verputz der glatt behauenen Wände aufgebracht worden war. Gelb als Farbe symbolisierte Gold, das das Metall der Götter war und zudem als Fleisch der Götter, insbesondere des Sonnengottes Re, angesehen wurde. Die Bezeichnung für eine Grabkammer oder die Werkstätten, in denen Särge hergestellt wurden, war auch „Goldhaus“ (per-nebu).[126] Die in den Wandbemalungen für die Figuren verwendeten Farben sind Rot, Braun, Blau, Grün, Schwarz und Weiß. Die Grundlagen für die Farben waren, außer für Schwarz, mineralischen Ursprungs.[127] Die Farben wirkten, trotz Schimmelpilzflecken und der dadurch zerstörten Stellen, lebendig.[128]

Auf jeder Seite der Kammer bildet in Dunkelblau die Hieroglyphe für Himmel (pet)
N1
den Abschluss über den Darstellungen des Königs und verschiedener Götter zur Decke hin.

Eine in Schwarz gehaltene Linie grenzt die bildlichen Darstellungen zur restlichen freien Wand zum Boden hin ab und symbolisiert die Erde (ta).[129] Das Getty Conservation Institute stellte bei seinen Arbeiten von 2009 bis 2014 im Grab fest, dass sich die künstlerischen Arbeiten an der Nordwand von allen anderen drei Wänden im Grab unterscheidet. Bei Ost-, West- und Südwand waren die Figuren direkt auf die gelbe Untergrundfarbe aufgebracht worden, wohingegen die dargestellten Figuren auf der Nordwand ursprünglich auf eine rein weiße Fläche gemalt worden waren und die gelbe Bemalung nachträglich um die Figuren herum erfolgte. Zudem weist der Gelbton der Nordwand eine leicht hellere farbliche Abweichung zu den restlichen Wänden der Kammer auf.[130] Nicholas Reeves leitet deshalb unter anderem aus den unterschiedlichen Bearbeitungen der Kammerwände ab, dass die Nordwand vor den anderen Wänden im Grab bemalt vorhanden gewesen sein musste und diese nachbearbeitet worden war.[131] Hierbei seien die ursprünglichen Inschriften übermalt und neue geschrieben worden. Howard Carter zufolge wurde die Grabkammer erst verputzt und mit Wandmalereien versehen, nachdem der König bestattet und alle Schreine aufgebaut worden waren, da die Vermauerung des Durchganges von der Südwand der Grabkammer zur Vorkammer, erst nach dem vollständigen Begräbnis erfolgen konnte. Demnach stand den Handwerkern und Künstlern sehr wenig Raum für ihre Arbeiten zur Verfügung, was für Carter die sehr einfachen und weniger kunstvollen Ausführungen der Malereien zur Folge hatte.[132] Zum anderen waren die Malereien mit den „brillianten und hellen Farben“ offensichtlich in Eile ausgeführt worden[133]. Howard Carter vermutete in diesen letzten Arbeiten in Grab KV62 die Ursache für die Bildung von Schimmelpilzen, da sowohl das Vergipsen der Wände als auch die aufgebrachten Farben noch feucht waren und nicht richtig trocknen konnten, bevor das Grab verschlossen wurde. Die Südwand der Grabkammer war die letzte Wand, die bemalt wurde, nachdem die Grabkammer vollständig ausgestattet worden war. Für die Arbeiten der Künstler war ein Durchgang verblieben, der nach Fertigstellung der Wanddekoration vollständig vermauert wurde.

Die Darstellungen der Figuren in der gesamten Grabkammer wirken zum Teil außergewöhnlich im Vergleich zu Darstellungen in anderen Königsgräbern und erinnern an die Kunst der Amarna-Zeit. Tatsächlich wurden durch die Zeichner für die Figuren unterschiedliche Gestaltungsraster verwendet. Zum einen das ursprüngliche Raster mit 18 Quadraten auf der Südwand als auch das in der Amarna-Kunst verwendete mit 20 Quadraten, so dass die Proportionen der Figuren unterschiedlich sind.[134] Den Gegensatz bilden die Wandmalereien im Grab Haremhabs (KV57), die wieder im Stil der thebanischen Nekropole gehalten sind. Gaston Maspero nahm deshalb beispielsweise an, dass die Dekorationen in diesem Grab von denselben Künstlern gefertigt worden waren, wie jene in Grab KV17 von Sethos I.[135]

Dekorationsprogramm[Bearbeiten]

Die Motive der Grabkammerwände beginnen mit der Ostwand über Nord-, West- und mit der Südwand endend, entgegen dem Uhrzeigersinn verlaufend und mit Beginn der Grablegung des Königs bis hin zu seinem Eintritt in das Totenreich. Die Richtung der dargestellten Ereignisse erfolgt, außer auf der Ostwand, von rechts nach links. Die Leserichtung der Hieroglyphen ist abhängig von den Darstellungen.

Ostwand[Bearbeiten]

Ostwand (Replikat) – Lesung von links nach rechts

Der verstorbene König liegt mumifiziert auf einer Bahre, die sich in unter einem mit Uräus-Schlangen verzierten Baldachin auf einer Barke befindet und auf einem Schlitten steht. Die Lesung der Hieroglyphen erfolgt an dieser Wand vollständig von links nach rechts. Über der Mumie des Königs ist lesen: „Der vollkommene Gott, Herr der beiden Länder, Neb-cheperu-Re (Thronname Tutanchamuns), er möge leben in Ewigkeit, der Name von Re in unendlicher Dauer.“ Am hinteren Ende der Barke steht Isis, am vorderen Teil ihre Zwillingsschwester Nephthys. Zwölf Personen in Unterteilung von fünf Gruppen ziehen den Schlitten. Alle tragen ein weißes Kopfband als Zeichen der Trauer. Die vorletzten zwei Personen haben einen rasierten Kopf und tragen, im Gegensatz zu den anderen Grabträgern, schulterfreie Gewänder. Bei ihnen handelt es sich vermutlich um Wesire in ihrer Funktion als Minister für Ober- und Unterägypten. Dem hieroglyphischen Text über ihren Köpfen zufolge sprechen sie mit einer Stimme, dass Neb-cheperu-Re in Frieden kommt, als Gott gepriesen wird und Beschützer des Landes ist.[136] Die Szene setzt sich direkt auf der Nordwand fort, da dort der Anfang des Seils, das die Grabträger halten, um den Schlitten zu ziehen, abgebildet ist.

Die Darstellung eines Königs, der zu Grabe getragen wird, ist ungewöhnlich für ein Königsgrab und in Tutanchamuns Begräbnisstätte einmalig belegt. Ebenso wie vergleichsweise die der „Vogeljagd in den Sümpfen“ im Grab Ejes (WV23) einzigartig für ein Königsgrab ist und in der Regel im Bildprogramm eines bürgerlichen Grabes zu finden ist.[137] Die ersten neun Personen werden als sogenannte „neun Freunde“ bezeichnet und sind dem traditionellen Bestattungsprogramm aus privaten Gräbern übernommen.[138]

Nordwand[Bearbeiten]

Mundöffnungszeremonie von Eje (rechts) am verstorbenen König (Osiris) Tutanchamun (links)
Nordwand von rechts nach links (in Leserichtung der Hieroglyphen): Nut, Ka des Königs, der König umarmt Osiris

Die Dekoration der anschließenden Nordwand besteht aus drei Szenen und beginnt mit der Vorbereitung der Reise des Königs in das Jenseits (Duat).

Der erste Abschnitt zeigt die Mundöffnungszeremonie an dem verstorbenen König. Eje, der die für die 18. Dynastie typische Blaue Krone (Chepresch) trägt und durch das Pantherfell als Sem-Priester ausgewiesen ist, vollzieht das Ritual an Tutanchamun. Dieser hat Osiris-Gestalt mit typischer Atef-Krone, in jeder Hand ein Flagellum und trägt einen Skarabäus mit geöffneten Flügeln als Schmuck. Ein solcher Skarabäus findet sich auch auf der Ostwand auf der Mumie und befand sich auch im Grabschatz. Eine Aufgabe des Sem-Priesters war im Totenkult die eines Ritualpriesters, die Zeremonie der Mundöffnung zu vollziehen.[136] Das Symbol der Mundöffnung ist ein Dechsel, den Eje in beiden Händen hält. Durch diese Mundöffnungszeremonie soll die Mumie des Königs nicht nur die Fähigkeit wieder bekommen, im Jenseits essen und trinken zu können, sondern der Verstorbene soll wieder Macht über all seine Sinne erhalten.[139] Eje fungiert hier aber in der „mythologischen Rolle des Horus, der seinen Vater Osiris begräbt.“ [138] Marianne Eaton-Krauss weist zu dieser Szene darauf hin, dass „das tatsächliche Alterverhältnis von Eje und Tutanchamun in keiner Weise der kultischen Funktion Ejes entspricht“[138]. Zwischen beiden Personen befindet sich ein Tisch, auf dem ebenfalls ein Dechsel, ein Rinderschenkel und ein Fischschwanzmesser liegen, die für das Ritual notwendigen Gerätschaften. Darüber sind fünf Gefäße mit ebenfalls zur Mundöffnung gehörenden Materialien, vermutlich Räucherwerk, Salben oder Natron, abgebildet.

Der Gottesvater Eje trägt nicht nur die Blaue Krone, die ihn als amtierenden König ausweist, sondern auch die Hieroglyphen, die den zwei Kartuschen von Eigen- und Thronname vorausgehen, zeichnen ihn durch die Titel Sa Ra („Sohn des Re“)
N5 G39
und Nisut biti („König von Ober und Unterägypten“)
M23
X1
L2
X1
als Herrscher aus. Der ehemalige Hofbeamte Echnatons und Tutanchamuns mit dem Titel „Gottesvater“ ist damit als königlicher Nachfolger Tutanchamuns festgehalten. Auch diese Szene, in der der nachfolgende König im Grab seines verstorbenen Vorgängers bei der Mundöffnungszeremonie abgebildet ist, ist bisher ohne Vergleich in Königsgräbern.[140] Von allen vier dekorierten Wänden finden sich nur hier Eigen- und Thronname Tutanchamuns zusammen, sonst ausschließlich der Thronname, den ein altägyptischer König bei seiner Inthronisierung erhielt. Die Inschriften beider Könige beginnen vor den Kartuschen mit: „Der vollkommene Gott, Herr der beiden Länder“. Tutanchamun wird danach „Herr der Erscheinungen“ / Herr der Kronen (neb-chau) genannt, Eje „Herr des Machens der Dinge“. Carter bezeichnet diese Szene als von besonders historischem Wert.

Die Inschriften sind auf der Nordwand jeweils in Blickrichtung der Person zu lesen, über der sie stehen. Für Eje erfolgt die Lesung von links nach rechts, für Tutanchamun von rechts nach links.

Die Inschrift lautet auf der linken Seite für Tutanchamun (nachfolgend von links nach rechts zu lesen):

R8 nfr nb N18
N18
N21 N21
nb N28
a
Z2
 
M23
X1
L2
X1
N5 L1 Z2 V30 rdi anx D&t&N17
 
ra zA M17 Y5
N35
X1 G43 X1 S34 S38 O28 M26

Vollkommener Gott, Herr beider Länder, Herr der Erscheinungen
König von Ober- und Unterägypten, „Herr an Gestalten, ein Re“, dem Leben gegeben sei ewig,
Sohn des Re, „Lebendes Abbild des Amun, Herrscher des südlichen Iunu“.

Die Inschrift zu Eje lautet auf der rechten Seite (nachfolgend von links nach rechts zu lesen):

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Vollkommener Gott, Herr beider Länder, Herr der Rituale
König von Ober- und Unterägypten, „Verkörperung der Erscheinungen des Re“,
Sohn des Re, „Gottesvater Ay“ (Gottesvater Eje),
Dem Leben gegeben sei wie Re, ewig und von unendlicher Dauer.

In der zweiten, direkt folgenden Szene steht der verstorbene Herrscher der Himmelsgöttin Nut gegenüber, die den König als „der, den sie geboren hat“ begrüßt.[141] Tutanchamun trägt eine Perücke und darüber ein Diadem mit Uräusschlange an der Stirn. Ein vergleichbares Diadem fand sich bei der Mumie Tutanchamuns[142]. In der rechten Hand hält der verstorbene König einen Stab und in der linken ein Anch-Zeichen, die Hieroglyphe für Leben, sowie eine königliche Insignie. Der Spruch zu Nut lautet: „Herrin der Himmels, Geliebte der Götter, die seiner Nase und damit seinem Atem Gesundheit und Leben gibt.“[143] Die Texte sind für Tutanchamun von links nach rechts und für Nut von rechts nach links zu lesen.

Die letzte und abschließende Szene zeigt Tutanchamun mit Nemes-Kopftuch und sein hinter ihm stehendes Ka vor Osiris, dem Gott des Jenseits und der Wiedergeburt, aber auch Fruchtbarkeitsgott, der den König durch eine Umarmung in der Unterwelt willkommen heißt.[144] Die Hieroglyphen über Tutanchamun bezeichnen ihn als „vollkommenen Gott, Herr beider Länder, Herr der Erscheinungen, dem Leben gegeben sei, ewig und von unendlicher Dauer.“

Westwand[Bearbeiten]

vergleichbare Nordostwand aus dem Grab des Eje (Lesung von links nach rechts)

Die vom Eingang zur Grabkammer linksseitige Westwand enthält schließlich Textauszüge aus dem ersten Kapitel des Amduatbuches, „Das Buch von dem, was sich in der Duat (Jenseits) befindet“. Diese Darstellung ist die Wichtigste in der Grabkammer Tutanchamuns.[145] Die Lesung der gesamten Szene erfolgt von rechts nach links. Im ersten, zweiteiligen Register, unter der hieroglyphischen Inschrift gehen der Sonnenbarke fünf Götter aus dem Amduat voraus: Maa, Nebet-uba, Heru, Ka-Shu und Nehes[143]. In der Barke ist der Skarabäus Chepre (auch Chepri), der den Sonnenaufgang und die Morgensonne symbolisiert und für das Leben und die Existenz steht. Darunter befinden sich drei weitere Register, unterteilt in je vier Fächer mit einem heiligen Pavian, der auch ein symbolisches Tier des Gottes Thot ist. Diese hockenden Paviane stehen für die erste der zwölf Nachtstunden, die die Sonne und der König hinter sich bringen müssen, um am Morgen wieder geboren zu werden[134]. Dies geht auf den Mythos zum Sonnengott Re zurück, der auf seiner Reise durch die zwölf Nachtstunden zahlreichen Feinden, Hindernissen und Geistern gegenübertreten musste. Am bekanntesten ist wohl der Kampf gegen die Schlange Apophis, die stets in das Chaos zurück gedrängt wird, damit Re in Verkörperung des Chepre als Sonne wieder auferstehen kann.[146] Zum Abschluss der ersten Stunde im Amduat heißt es:

„120 Meilen sind bis zu diesem Torweg zu gehen. Die Stunde, die (in) diesem Torweg leitet – ihr Name ist Welche die Stirnen des Re zerschmettert. Es ist die erste Nachtstunde.“[147]

Eine vergleichbare Darstellung findet sich an der Nordostwand im Grab (WV23) von Tutanchamuns Nachfolger Eje, allerdings mit leicht veränderter Aufteilung im Vergleich zu der in der Grabkammer Tutanchamuns.

Südwand[Bearbeiten]

Südwand (Replikat) von rechts nach links (in Leserichtung der ägyptischen Hieroglyphen): Hathor, Göttin des Westens, Tutanchamun, Anubis, Isis und drei identische Unterweltsgottheiten

Die Darstellungen auf der Südwand sind eine Parallele zur Nordwand und stellen den Abschluss der Darstellungen des Königs von seiner Bestattung bis zum Eintritt in das Totenreich dar. Tutanchamun trägt ein sogenanntes Chat-Kopftuch mit Uräus und ist Hathor, den Hieroglyphen zufolge Göttin des Westens (Totenreich) und „Herrin des Himmels“ (Nebet-pet), aber allgemein auch Göttin der Liebe, des Friedens, der Schönheit, des Tanzes, der Kunst und der Musik, zugewandt. Sie hält dem Verstorbenen ein lebensspendendes Anch an die Nase, während sie ein weiteres in der Hand hält. Hinter dem König steht Anubis, der Gott der Totenriten, ebenfalls ein Anch haltend, der Tutanchamun eine Hand an die Schulter legt.[148] Um Zugang zur Grabkammer zu erlangen und diese zu untersuchen und schließlich zu räumen, musste Howard Carter einen Teil der Nordwand der Vorkammer und somit zum Teil die Südwand der Grabkammer abtragen. Harry Burton hat jedoch eine Fotografie von den wieder zusammengefügten Teilen der ursprünglichen Wand anfertigen können, so dass die Gesamtansicht nachvollziehbar bleibt. Die hinter Anubis stehende Göttin Isis, ebenfalls Totengöttin und Göttin der Geburt, Wiedergeburt und der Magie, sowie drei hockende, identische Unterweltsgottheiten sind heute nicht mehr erhalten, die Inschrift zu Isis mit ihrem Namen ist jedoch zum Großteil noch lesbar. Isis hält in beiden Händen Zeichen für „Wasser“, die auf rituelle Reinheit hinweisen.[141] Sie ist das Pendant zur Göttin Nut auf der Nordwand, die dasselbe Zeichen in den Händen hält und dort dem König direkt gegenübersteht.

Die Darstellungen der Götter[Bearbeiten]

Die auf der Nordwand abgebildeten Götter Osiris und Nut blicken Richtung Osten. Auf der Südwand hingegen ist das Gesicht von Hathor dem König mit Blick nach Osten zugewandt und die Ausrichtung von Anubis, Isis und der Unterweltgottheiten erfolgt nach Westen, wobei ihre Blicke direkt auf der einzigen Darstellung des Königs auf dieser Wand ruhen. Im Vergleich zur Nordwand, wo Tutanchamun vor Nut steht, fehlt auf der Südwand eine Figur des Königs vor Isis, da der Platz hierfür, trotz nahezu gleicher Wandlänge zur Nordwand, durch die Darstellung der identischen Unterweltsgottheiten, nicht ausreichte.[141]

Die Göttin Isis wurde bis zum Ende der Amarna-Zeit nicht in königlichen Gräbern dargestellt. Das ist darauf zurückführen, dass die tägliche Auferstehung von Osiris nicht auf seine Schwestergattin Isis zurückführen ist, sondern durch den Sonnengott Re erfolgt. Andererseits hatten weder Osiris noch Isis innerhalb der neuen Religion zu Aton von Echnaton eine Funktion. Isis galt nicht nur als Schwester des Osiris, sondern auch als Mutter des Königs [141]. Die Göttin Isis wird so erstmals im Grab des Tutanchamun dargestellt, im Grab von König Haremhab (KV57) dann bereits vier Mal.[149]

Ausstattung[Bearbeiten]

Eine Grabausstattung umfasste folgende Kategorien:

  1. Objekte, die schon im täglichen Leben benutzt wurden, wie Schmuck oder Kosmetikgefäße.
  2. Objekte, die speziell für eine Bestattung hergestellt wurden, wie Sarg oder Uschebtis.
  3. Objekte, die bei religiösen Ritualen während der Bestattungsfeierlichkeiten benutzt und anschließend mit dem Toten begraben worden sind.

Die Grabausstattung mit den weitgehend unversehrten Artefakten brachte Erkenntnisse zu den Beigaben königlicher Bestattungen insgesamt, da bisher nie ein nahezu unversehrter Grabschatz entdeckt worden war, aber auch zu Tutanchamun selbst und zur Amarna-Zeit. Die Entdeckung des Grabes des Tutanchamun bedeutete damit einen Fortschritt für die ägyptologische Forschung insgesamt. Es fanden sich nicht nur die zum Grab Ramses IV. erwähnten Schreine, sondern auch ein vollständiges Sargensemble, bestehend aus Sarkophag und drei Särgen, sowie die Mumie des Königs die aufgrund der Unversehrtheit im letzten goldenen Sarg und der darauf befindlichen Inschriften Tutanchamun zugewiesen werden konnte. Carter hatte mit dem Grab eine fast vollständige Grabausstattung vorgefunden. Diese beinhaltete über die Kammern verteilt: Kleidungsstücke, Stoffe und zahlreiche Skarabäen beziehungsweise Schmuckstücke aus Gold und Edelsteinen, kleine Statuen des Königs und von Göttern, Weihrauch, Gehstöcke, Fächer, Dekorationsstücke, Möbelstücke wie Truhen, Stühle und Liegen, Brettspiele, Nahrungsmittel, Weinkrüge, Ton- und Goldgefäße sowie Streitwagen und Jagdwaffen, sowie verschiedene Gefäße für Kosmetika, Salben und Öle. An der Mumie selbst fanden sich zahlreiche Amulette und weiterer Schmuck. Einige der Beigaben konnten dem persönlichen Gebrauch des Königs zugeordnet werden, andere waren rein für die Bestattung oder rituellen Gebrauch bestimmt gewesen.[150]

Es gab aber auch für das Begräbnis gestiftete Objekte, wie ein Uschebti aus Holz des hohen Beamten und Schatzhausvorstehers Maya, ausgewiesen durch die dem König gewidmete Inschrift. Diese Dienerfigur zeigt Tutanchamun in Mumiengestalt auf einer Totenbahre liegend, flankiert von einem Falken und dem Ba des Königs, die beide mit ihren Flügeln den König schützend umgeben.[151] Ebenso von Nachtmin, unter Tutanchamun mit den Titeln „Mitglied der Elite“, „Schreiber des Königs“, „Großer Truppenvorsteher“ oder „Wedelträger zur Rechten des Königs“ versehen, fanden sich Uschebtis für seinen König in KV62.

Als persönlicher Gegenstand des Königs gilt ein Stab aus Rohr, den Tutanchamun der vergoldeteten Inschrift zufolge selbst geschnitten hatte.[152]

Für einen Großteil der Beigaben war bereits zur Zeit der Entdeckung durch Howard Carter nachgewiesen, dass Vieles aus der Grabausstattung ursprünglich nicht für Tutanchamun bestimmt oder für ihn angefertigt gewesen war, sondern aus „zweiter Hand“ stammte. Wie in Grab KV55 fand sich ein „Sammelsurium“ an Gegenständen, die unter anderem folgenden Personen aus Tutanchamuns Familie oder seinen Vorgängern zugeordnet werden konnten[153]:

  • Amenophis III.: eine Elfenbeinpalette und eine Kalzitvase, letztere zusammen mit dem Namen von Königin Teje
  • Teje: Miniatursarg mit Inschrift zu Königin Teje, der eine Haarlocke von ihr enthielt, sowie aus Elfenbein bestehende Klappern mit ihrem Namen
  • Echnaton (Amenophis IV.): Fächer, verschiedene Leinentücher mit unterschiedlichen Regierungsjahren, Schmuckstücke, die für Tutanchamun umgearbeitet wurden
  • Neferneferuaton / Semenchkare: beispielsweise goldene Mumienbänder[154], kleine Eingeweidesärge (geändert für Tutanchamun)
  • Meritaton: Schreiberpalette
  • Neferneferure: Deckel einer Box
  • Maketaton: Elfenbeinpalette
  • Thutmosis (Kronprinz): Peitschenstock

Einige Stücke, wie der kleine goldene Schrein, Truhen oder der goldene Thron, zeigen Tutanchamun mit seiner Großen königlichen Gemahlin Anchesenamun. Der lehrhafte Name des Gottes Aton, in seiner zweiten Fassung ab dem 9. Regierungsjahr Echnatons, findet sich nicht nur auf dem goldenen Thron, sondern auch auf der „perlenbestickten Kappe“, die sich am Kopf der Mumie Tutanchamuns fand. Ein Sechem-Zepter aus Gold (Fundnummer 577, Ägyptisches Museum JE 61759) nennt sowohl Aton als auch Amun. Aton ist hier dem Amun „untergeordnet“[155].

Deutung und Bedeutung der Grabanlage[Bearbeiten]

Thomas Garnet Henry James (T. G. H. James), ein Kenner des Grabschatzes aus KV62, schrieb dazu:

„Der archäologische Wert der Grabausstattung ist unermesslich. Es wurden Gegenstände gefunden, die man, außer auf Darstellungen in anderen Gräbern und Tempeln noch nie zuvor gesehen hatte […]“

T. G. H. James [156]

Allgemeine Deutung und Bewertung[Bearbeiten]

Die allgemeine Annahme ist, dass das Grab aufgrund seiner recht kleinen Größe vermutlich ursprünglich für einen hohen Beamten oder ein Mitglied der königlichen Familie in der späten Hälfte der 18. Dynastie angelegt worden war. Nach Erik Hornung ist das Grab vom Grundriss her kein Königsgrab[157]. Als eigentlicher Auftraggeber des Grabes wird Tutanchamuns Nachfolger Eje vermutet. Für Tutanchamun selbst war womöglich ursprünglich entweder WV23, das spätere Grab Ejes, oder WV25, das vermutlich von Amenophis IV. begonnen worden war, im westlichen Tal vorgesehen. Tutanchamuns Nachfolger Eje ließ sich schließlich in Grab WV23 bestatten, dessen Wandmalereien in der Grabkammer auffallende Parallelen zu jenen in der Grabkammer von KV62 aufweisen. Auch dort ist die Grabkammer der einzig dekorierte Raum. Für das Begräbnis Tutanchamuns wurden dieser Annahme zufolge in KV62 eine Grabkammer und eine Nebenkammer hinzugefügt, da sogenannte „Beamtengräber“ oder Privatgräber nur eine Kammer aufweisen, wie beispielsweise das Grab KV46 von Tuja und Juja, das ebenfalls im Tal der Könige liegt. Untersuchungen von Ägyptologen an verschiedenen Objekten aus dem Grab haben im Laufe der Jahre ergeben, dass es nur wenige persönliche Grabbeigaben für Tutanchamun gibt und zudem viele Gegenstände für ihn umgearbeitet und neu mit seinem Namen versehen wurden. Auch die Wanddekorationen sind nicht allzu sorgfältig ausgeführt. Deswegen, und aufgrund der Umarbeitung der Grabanlage in ein kleines Königsgrab, wird die Bestattung Tutanchamuns als hastig und improvisiert gedeutet[157].

Rückseite der Rückenlehne des goldenen Throns; in der Mitte Tutanchamuns Thronname (Neb-cheperu-Re), darunter, ebenfalls in einer Kartusche, der von Anchesenpaaton

Nicholas Reeves beschrieb 1997 in seiner Vorlesung The Tombs of Tutankhamun and his Predecessor, dass von zehn Hauptgegenständen aus dem Grab die Hälfte der Objekte adaptiert und für Tutanchamun geändert worden war. Zahlreiche Leinentücher, die um Götterstatuen gelegt waren, trugen den Namen Echnatons aus dessen frühen Regierungsjahren (beispielsweise Jahr 3), sowie sein Name auf einigen Kästen belegt ist. Weitere Objekte trugen ursprünglich den Namen von Echnatons Co-Regent und viele Darstellungen eines Königs aus KV62, Tutanchamun zugeschrieben, sind eindeutig weiblich. Reeves erklärte: „Diese Darstellungen bieten einen weiteren bemerkenswerten Beweis für die Existenz eines weiblichen Pharao zur dieser Zeit der Geschichte, Nofretete-Semenchkare (Nefertiti-Smenkhkare).“[158]

Die aus dem Fund direkt nach der Grabentdeckung insgesamt gewonnen Informationen zur Zeitgeschichte Tutanchamuns waren gering. Zu den seinerzeit wenigen Bewertungen, die zu weiteren Erkenntnissen über Tutanchamun beitrug, war beispielsweise der Inhalt einer in der Vorkammer gefundenen Truhe (Fundnummer 021). Carter vermerkte hierzu: „Mit sehr geringen Ausnahmen … waren die Kleider in dieser Truhe die eines Kindes“, was vermuten ließ, dass Tutanchamun noch ein Knabe war, als er die Thronfolge antrat. Auch konnte aufgrund eines im Grab gefundenen Weinkruges die Regierungsdauer Tutanchamuns von sechs auf neun Jahre korrigiert werden. Der „goldene Thron“ (Fundnummer 091) aus der Vorkammer bewies, dass Tutanchamuns Große königliche Gemahlin, Anchesenamun, eine Tochter Echnatons war, da der Thron auf der Rückseite noch den Namen Anchesenpaaton aufweist, wie er beispielsweise auch auf den Grenzstelen in Achet-Aton (Amarna) genannt wird.[159]

Aktuelle Deutung[Bearbeiten]

Zu einer völlig anderen Deutung in Bezug auf ein ursprüngliches Grab kam 2015 Nicholas Reeves. Er veröffentlichte im August desselben Jahres mit The Burial of Nefertiti? die These, dass es in Grab KV62 noch zwei weitere Kammern (an West- und Nordwand angrenzend) geben könnte und das Grab ursprünglich das von Tutanchamuns Vorgänger, Neferneferuaton-Nofretete, ist.

Standfigur der Nofretete (Ägyptisches Museum Berlin)

Seine Annahme zu weiteren Kammern und Nofretete als eigentliche Grabinhaberin basiert auf verschiedenen Anhaltspunkten:

  • Nicholas Reeves sieht seit langem in Nofretete, Echnatons Großer königlicher Gemahlin, dessen Co-Regentin mit dem Eigennamen Semenchkare-djesercheperu (Thronname: Anchcheperure), anstelle eines männlichen Königs namens Semenchkare, von dem außer seinem Namen nichts bekannt ist. Er betrachtet Semenchkare deshalb als weiblich und setzt die Identität zudem mit Echnatons Nachfolger Anchcheperure Neferneferuaton gleich. Demnach hat Nofretete Echnaton überlebt und, wie der weibliche Pharao Hatschepsut, über Ägypten geherrscht. Anhand der Veränderungen an vielen Teilen der Grabausstattung für den jungen König Tutanchamun, die sich über die Kartuschen nachweisen lassen, wurden sowohl die von Echnaton als auch Anchcheperure Neferneferuaton (= Nofretete) umgearbeitet. Reeves nimmt inzwischen an, dass 80 %[160] des Grabschatzes für Tutanchamun neu verwendet wurden und vermutet aufgrund der zahlreichen Umarbeitungen des Thronnamens Anchcheperure und somit Nofretete als ursprüngliche Grabbesitzerin von KV62.
  • Beim Prüfen der hochauflösenden Positiv-Fotos der Wände der Grabkammer, bei denen die Farben der Wandmalereien vollständig entfernt sind und nur der vergipste Fels sichtbar ist, entdeckte Nicholas Reeves sowohl auf der Nord- als auch auf der Westwand neben natürlichen Rissen jeweils vertikale und horizontale Linien in der Wand. Diese deutet er als einen vermauerten Durchgang zu weiteren Kammern, wie er sich beispielsweise von der Vor- zur Grabkammer in KV62 fand.[161] [162] Im Grab Haremhabs (KV57), welches er als Beispiel anführt, gab es ebenfalls einen vermauerten Durchgang, der vergipst und dekoriert worden war. Dort hatte die vollständige Wandbemalung die Grabräuber jedoch nicht täuschen können, so dass sie weiter in das Innere des Grabes vordringen konnten.[163] Die linke auf dem Oberflächenscan sichtbare senkrechte Furche auf der Nordwand stünden darüber hinaus genau in einer Flucht mit der Westwand der Vorkammer, was laut Reeves die Vermutung stütze, dass die Vorkammer ursprünglich als Teil eines langen durchgängigen Korridors angelegt war, der sich hinter der Nordwand fortsetzt.[164] Der Durchgang in einen weiterführenden Korridor oder eine weitere Kammer befindet sich Reeves zufolge auf der Nordwand in der ersten Szene, direkt unter der Figur des als Osiris ausgewiesenen Königs, den Inschriften zufolge als König Tutanchamun[165].
  • Ein weiteres Indiz ist für Reeves die unterschiedlichen Positionen der Nischen für die Magischen Ziegel und die dazugehörigen magischen Figuren. Im Vergleich zum Grab Ejes (WV23) oder Haremhabs befinden sich diese Einlassungen nicht mittig der jeweiligen Kammerwände sondern sind versetzt angelegt. Er leitet davon, und aufgrund der festgestellten Risse in der Wand, ab, dass diese Nischen bewusst im Fels platziert wurden, um eine Vermauerung zu umgehen und diese zu verbergen.
  • Die Decken in KV62 waren bisher nie eingehend untersucht worden. In Howard Carters Berichten ist der Hinweis auf Rußspuren und Markierungen der Steinmetze zu finden, aber auch die Anmerkung zu Verlaufslinien in Verbindung von Vor- und Grabkammer. Diese Bearbeitungen der Steinmetze an den Decken bei Vor- und Grabkammer legen Reeves zufolge nahe, dass es hier ursprünglich einen langen, nach rechts abgehenden Korridor gegeben hatte. In der Grabkammer finden sich dieselben Verlaufslinien, die außerdem hinter der Nord- und Westwand weiter verlaufen zu scheinen, was nach Reeves für weitere Kammern spricht. Aufgrund des nach rechts angelegten Korridors nimmt Reeves an, dass das Grab ein Königinnengrab ist, und macht dies unter anderem am Beispiel vom Grab Hatschepsuts fest.[166] [167] Reeves nimmt für KV62 außerdem mehrere Bauphasen an. In der ersten Phase wurde das Grab für Königin Nofretete angelegt, in der zweiten für Nofretete als Mitregentin erweitert und in der dritten abermals für Nofretete als Herrscher Neferneferuaton. Die vierte Bauphase ist die Umarbeitung für die Bestattung Tutanchamuns, in der aus dem ursprünglichen Korridor nun die Vorkammer wurde und Anbau und Schatzkammer hinzugefügt und der weiterführende Gang verschlossen wurde.[168]
  • Mit Hinblick auf andere Königsgräber und einer Drehung der Grabachse von KV62 um 90° im Uhrzeigersinn fehlen Reeves zufolge Seitenkammern, die bei anderen Königsgräbern als Lagerräume angelegt waren. Die Grabkammer Tutanchamuns war vermutlich ursprünglich als „Brunnenschacht“ gedacht. Für diese Zeit waren die Nebenkammern auf 2, 4, 8 und 10 Uhr gelegen. KV62 hingegen weist nur zwei Seitenkammern auf und eine Kammer auf der Position „10 Uhr“ fehlt.[169]
  • Da die Nordwand, gemäß den Untersuchungsergebnissen von Factum Arte, bereits vor Tutanchamuns Bestattung vorhanden und mit Wandmalereien versehen war, analysierte er die dargestellten Figuren. Unter besonderer Betrachtung ist hierbei unter anderem die erste dargestellte Szene mit der Mundöffnungszeremonie, in der sich der verstorbene König und sein Nachfolger gegenüber stehen. Bei der Figur eines Königs als Osiris, mit den Namen (Thron- und Eigenname) Tutanchamuns in der Inschrift darüber, erkennt Reeves Ähnlichkeiten zur älteren Nofretete wie vergleichsweise zur Standfigur der Nofretete (Berlin 21263), mit dem ausgeprägten, nach unten gezogenen Mundwinkel, aber auch der gerade Unterkiefer und das abgerundete Kinn. Das Gegenüber, mit Blauer Krone und den Namen von Eje darüber, deutet er als Tutanchamun. Reeves zieht hier Vergleiche in der Darstellung zum jungen König, wie dem „Kopf des Nefertem“, der beispielsweise mit gleichen, leicht „plumpen“ Gesichtszügen und einem Doppelkinn dargestellt ist. Ein Merkmal das bei allen Portraits, die König Eje zugeordnet werden, nicht zu finden ist. Nicholas Reeves zufolge ist es ursprünglich Tutanchamun als Sem-Priester, der an seinem Vorgänger das Ritual vollzieht.[170]

Bewertung von Reeves aktueller Deutung[Bearbeiten]

Die Meinungen von Ägyptologen zu Nicholas Reeves neuer These sind seit Bekanntwerden und nach den Untersuchungen geteilt:

  • Harco Willems (Research Unit Historical Cultural Sciences Johannes Gutenberg University): „Er ist ein guter Ägyptologe, der zu den größten Kennern des Tals der Könige gehört. Was er auf den Bildern sieht, sehe ich auch. Es scheint mir außer Frage zu stehen, dass da zwei Türen sind.“[171]
  • Dietrich Wildung (ehemaliger Direktor des Ägyptischen Museums Berlin): „Reeves begründet seinen Schluss, dass Nofretete es war, für die das Grab konzipiert wurde, mit stichhaltigen Argumenten wie Grabplan und Stilistik der Malereien der Nordwand. Ein definitiver Beweis ist das nicht. Den kann erst die Öffnung der verschlossenen Räume liefern.“[172]
  • Mamdouh el-Damaty (Ägyptischer Minister für Altertümer) unterstützt die These von Reeves nur teilweise. Seiner Auffassung nach gibt es weitere Kammern, jedoch sei dort nicht Nofretete sondern eher Tutanchamuns Mutter, Kija, zu finden.[173]
  • Aidan Dodson (Bristol University): The idea that one (room) might lead to a preexisting burial chamber, let alone that of Nefertiti, is pure speculation. („Die Idee, das sein Raum zu einer bereits existierenden Grabkammer führt, insbesondere die von Nofretete, ist reine Spekulation.”)[174]
  • Frank Müller-Römer bezweifelt in seiner Veröffentlichung „Kritische Anmerkung zu The Burial of Nefertiti??“ das Vorhandensein weiterer Kammern.[175]
  • Zahi Hawass (ehemaliger Generalsekretär des Supreme Council of Antiquities und ehemaliger Minister für Altertümer): Mr Reeves sold the air to us. I confirm that there is nothing at all behind the wall. He succeeded in saying something exciting – the tomb of Nefertiti is inside the tomb of Tutankhamun. But his theory is baseless. („Mr. Reeves verkauft uns Luft. Ich bestätige, dass hinter der Wand rein gar nichts ist. Erfolgreich versprach er etwas Aufregendes – das Grab der Nofretete im Grab von Tutanchamun. Aber seine Theorie hat keine Basis.“)[176]

Erforschung des Grabes und seines Inhalts[Bearbeiten]

Erforschung nach der Grabentdeckung allgemein[Bearbeiten]

Trotz Howard Carters außergewöhnlicher Entdeckung fanden das Grab und seine Schätze aus wissenschaftlicher Sicht anfänglich recht wenig Beachtung im Vergleich zu den regelmäßigen Mitteilungen in der Presse. Carter veröffentlichte, zu Beginn in Zusammenarbeit mit Arthur Mace, einen dreibändigen, populären Bericht (1923, 1926 und 1933) zur Ausgrabung, der zeitnah vollständig in Deutsch und Dänisch herausgegeben wurde. Weitere Übersetzungen gab es nicht. In Deutschland erfolgten nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Nachdrucke. Howard Carter gibt in diesen Publikationen unter anderem Beschreibungen und Fotos der Gegenstände nebst Interpretationen, die auf dem damaligen Forschungsstand basieren. Weitere Inhalte des dreibändigen Berichtes beschäftigen sich beispielsweise mit einer Abhandlung über den König (Tutanchamun) und der Königin (Anchesenamun), Konservierungsarbeiten oder altägyptische Bestattungsriten.

Die Literatur zu KV62 und zur Amarna-Zeit ist zwar umfangreich, jedoch gibt es nur wenige Veröffentlichungen, die sich ausschließlich und direkt mit dem Grab und den Fundobjekten oder einzelnen Fundgruppen auseinandersetzen. Die Großzahl der Publikationen beschäftigte sich im Laufe der Jahre mit einzelnen Objekten aus den später folgenden Ausstellungen. Eine Vermutung war die „Übersättigung“ durch die Presse mit Informationen über das Grab. So veröffentlichte beispielsweise Georg Steindorff 1938, ein Jahr vor Howard Carters Tod, erstmals zu den Wandmalereien in der Grabkammer in Annales du Service des antiquités de l'Egypte (ASAE). Ein weiterer Grund für die zurückhaltende Erforschung des Grabes und des Grabschatzes mag der Zweite Weltkrieg (1939–1945) gewesen sein.

Phyllis Walker, die Nichte Howard Carters, hatte 1946 alle Unterlagen dem Griffith Institute in Oxford zur Verfügung gestellt. Auch wenn während der vollständigen Ausgrabungszeit ein „anglo-amerikanisches Monopol“[3] bestand, gab es weder in diesem Zeitraum noch später über Jahrzehnte lang wenig Interesse an der Erforschung von Gegenständen aus dem Grab, gleich, welcher Nationalität die Forscher angehörten oder angehören, diese Daten und die Funde selbst auszuwerten. Dies ist laut Marianne Eaton-Krauss darauf zurückzuführen, dass aus dem Grab und dem Grabschatz nur sehr wenige, konkrete geschichtliche Aussagen über Tutanchamun und seine Zeit gewonnen werden konnten. Sie weist außerdem darauf hin, dass die Abwesenheit von deutschen Ägyptologen unter den Besuchern des Grabes auffällig ist. Die Gründe für ein solches Desinteresse sind unbekannt. Besonders enttäuschend war für die Philologen zum Zeitpunkt der Grabentdeckung, dass sich im Grab keine Papyri fanden.[3] Eaton-Krauss vermerkt ferner: „Aber viele Fundgruppen warten noch auf einen qualifizierten Spezialisten.“ [177] Marianne Eaton-Krauss ist eine von wenigen Ägyptologen, die sich mit verschiedenen Fundobjekten auseinandersetzte und die Ergebnisse der Analysen monografisch publizierte, unter anderem zum Sarkophag Tutanchamuns und zum kleinen goldenen Schrein aus der Schatzkammer. Wenig Literatur beschäftigt sich mit den pflanzlichen Überresten aus KV62, ausschließlich eine, von F. Filce Leek, mit den „menschlichen Überresten“ im Grab. Alexandre Piankoff beschrieb 1955 die vier Schreine der Grabkammer. Christiane Desroches-Noblecourt war nicht nur für den Ausstellungskatalog in Frankreich 1967 verantwortlich, sondern veröffentlichte parallel dazu ein Buch über Tutanchamun und seine Zeit. Nicholas Reeves ist seit vielen Jahren einer der stetigen Forscher zur Amarna-Zeit und zu Tutanchamun.

Jaromír Málek stellte 1993 fest, dass seit der vollständigen Räumung des Grabes 1932 nur ca. 30 % des Grabschatzes aus KV62 untersucht beziehungsweise ausgewertet worden war. Seit 1995 wurden die Unterlagen über das Griffith Institute in Oxford im Internet unter Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. Stück für Stück allen Interessierten zur Verfügung gestellt. Er merkte hierzu an:

We can't make Egyptologists work on the material if they are not inclined to do so," he says. "But we could make sure that all of the excavation records are available to anyone who is interested. Then there will be no excuse.

„Wir können die Ägyptologen nicht dazu bringen das Material zu bearbeiten, wenn sie dem nicht zugeneigt sind, sagt er. Aber wir können sicherstellen, dass alle Aufzeichnungen zu der Ausgrabung jedem Interessierten zur Verfügung stehen. Dann gibt es keine Entschuldigung mehr.“

Jaromír Málek[178][179]

Zu den bisher am häufigsten untersuchten und beschriebenen Objekten aus KV62 zählen unter anderem die Mumie Tutanchamuns, die Schreine aus der Grabkammer, Throne und Stühle sowie die Totenmaske. Publikationen, die sich ausschließlich mit der Mumie oder beispielsweise mit der goldenen Totenmaske beschäftigen, gibt es keine.

Aktuelle Forschung[Bearbeiten]

Grab[Bearbeiten]

Das Getty Conservation Institut hatte während der fünfjährigen Projektphase (2009–2014) die für die Dekorationen der Grabwände verwendeten Farben und Pigmente, sowie deren Verarbeitungstechniken, aber auch die Bindemittel analysiert. Weitere Aspekte der Untersuchungen waren die allgemeinen Umweltbedingungen sowie geotechnische, hydrologische und mikrobiologische Analysen.[180]

Aufgrund von Reeves These, dass KV62 weitere Kammern aufweist, wurden die Wände und Decken des Grabes im September 2015 erstmals untersucht. Zwei weitere Untersuchungen erfolgten im Oktober und November desselben Jahres. Die Ergebnisse der ersten Untersuchung mit Infrarot-Wärmekameras im Oktober zeigten Temperaturveränderungen hinter der Nordwand, die auf eine weitere Kammer schließen ließen, aber nicht eindeutig waren.[181] Um zu einem genaueren Ergebnis zu gelangen, wurden im November neben Infrarot-Wärmekameras auch Radargeräte eingesetzt. Die Radartests wurden an Nord-, West und Südwand durchgeführt.[182] Diesen Ergebnissen nach liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich sowohl hinter der Nordwand als auch der Westwand eine weitere Kammer befindet bei 90 %.[183] Nicholas Reeves äußerte sich in einer Pressekonferenz zu der Entdeckung:

Clearly it does look from the radar evidence as if the tomb continues, as I have predicted [ … ] The radar, behind the north wall [of Tutankhamun's burial chamber] seems pretty clear. If I am right it is a continuation – corridor continuation – of the tomb, which will end in another burial chamber.

„Nach dem Radarergebnis sieht es sehr danach aus, als ob das Grab weiter verläuft, wie ich vorausgesagt habe [ … ] Das Radar hinter der Nordwand [von Tutanchamuns Grabkammer] scheint sehr klar. Wenn ich richtig liege, ist es eine Fortsetzung – eine Fortsetzung des Korridors – des Grabes, die in einer weiteren Grabkammer endet.“

Nicholas Reeves[184][185]

Der ägyptische Minister für Altertümer, Mamdouh el-Damaty, gab bekannt, dass eine genauere Analyse der Scans nach ca. vier Wochen in Japan erfolgen wird, da die Untersuchungen von dem japanischen Spezialisten für Radarmessungen, Hirokatsu Watanabe, durchgeführt wurde[186].

Grabschatz[Bearbeiten]

Goldbleche[Bearbeiten]

Die verzierten Goldbleche aus KV62, zum Teil auf Leder aufgebracht und zu den Streitwagen, Pferdegeschirr und der Waffenausstattung gehörend, wurden beispielsweise erst 2014 von einem ägyptisch-deutschen Team einer Untersuchung unterzogen. Gefördert wurde das Projekt durch Deutschland. [187]

Goldener Thron[Bearbeiten]

Nicholas Reeves hatte den „goldenen Thron“ (Fundnummer 091) 2014 eingehend ein weiters Mal untersucht. Wie bereits 1995 in The Complete Tutankhamun veröffentlicht, bestehen keine Zweifel daran, dass der Thron nicht aus der Regierungszeit Tutanchamuns stammt, sondern älter ist. Es ist nachweisbar, dass das Stück nicht nur für Tutanchamun umgearbeitet wurde, sondern sich auch die ursprünglichen Namen rekonstruieren lassen. Wie auf den goldenen Mumienbändern und den kleinen Eingeweidesärgen findet sich hier der Eigenname Nefer-neferu-aton und der dazugehörige Thronname Anch-cheperu-Re. Dies zeigt eindeutig, dass es sich bei diesem Stück um ein weiteres handelt, das für Tutanchamun umgearbeitet und nicht für ihn persönlich angefertigt wurde. Besonders deutlich wird diese Umarbeitung beispielsweise auf der Vorderseite der Rückenlehne im Bereich der Kronen und Königin. Durch diese werden die „Strahlenarme“ des Aton zum Teil unterbrochen, die hieroglyphischen Inschriften „verschluckt“ und Teile des oberen Frieses „gelöscht“. Reeves Untersuchungen zufolge wurde der Thron während der Herrschaft Echnatons für Tutanchamuns Vorgänger Neferneferuaton (Anchcheperure), Nofretete als regierende Königin und Vorgängerin von Tutanchamun, gefertigt.[188] Der Thron weist zudem Spuren von Reparaturarbeiten auf.

Goldene Totenmaske[Bearbeiten]

2007 war das für die Maske verwendete Gold von japanischen Forschern umfassend untersucht worden.[189] Die Analyse ergab Unterschiede in der Reinheit des Goldes in der Gesichtspartie und dem Nemes-Kopftuch. Der hintere Teil der Maske weist sowohl im Kern als auch an der Oberfläche einen wesentlich höheren Reinheitsgrat an Gold auf als die Vorderseite. Reines Gold hat 24 Karat (kt). Der Feingehalt der Maske liegt im Kern zwischen 23,2 kt (Gesichtspartie) und 23,5 kt (Nemes-Kopftuch), für die Oberflächen bei 18,4 kt und 22,5 kt. Nicholas Reeves beschäftigte sich eingehend mit den Ergebnissen und der Maske. Er kam 2010 zu dem Schluss, dass das Objekt ursprünglich nicht für Tutanchamun, sondern für dessen weiblichen Vorgänger Anchcheperure Neferneferuaton (Nofretete als regierende Königin nach Echnaton) angefertigt worden war. Ausschlaggebend für seine Argumentation sind unter anderem, dass bereits die kleinen Eingeweidesärge für Anchcheperure Neferneferuaton angefertigt worden waren und zu ihrer Begräbnisausstattung gehörten und außerdem viele weitere Objekte im Grab ursprünglich ihren Namen trugen. Ein anderer wichtiger Aspekt ist für Reeves, dass der innere Goldsarg aufgrund seines Dekors eindeutig für eine Frau bestimmt war. Als weiteres Argument führt er die Ohrlöcher an der Goldmaske an, die beim Auffinden durch Howard Carter mit dünnen Goldplättchen bedeckt gewesen waren, um die Ohrlöcher zu verdecken. Außer im Jugendalter trugen junge ägyptische Männer keine Ohrringe, Frauen hingegen fast immer.[190] Auf diesen Umstand hatte bereits Howard Carter während seiner Arbeiten in KV62 verwiesen[191].

Die Vermutung einer Zweitverwendung der Maske bestätigte sich Ende 2015 bei einer erneuten Untersuchung. Reeves stellte fest, dass die Kartusche mit dem Thronnamen über der rechten Schulter von Anchcheperure in Nebcheperure geändert worden war.[192] Die ursprüngliche größere Kartusche war für Tutanchamun verkleinert worden und der nachfolgende Text wurde durch die eingefügten Worte maa-cheru („gerechtfertigt / wahr an Stimme“), welche den Verstorbenen bezeichnen, der das Totengericht passiert hat, weitergeführt.[193]

Nachdem der Königsbart der Goldmaske bei Reinigungsarbeiten der Vitrine abgefallen und durch Mitarbeiter des Museums mit einem falschen Bindemittel notdürftig wieder angeklebt worden war, wurde Christian Eckmann, Restaurator am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, damit beauftragt, den Schaden zu beheben. Im Zuge dieser Reparaturarbeiten 2015 an der goldenen Totenmaske sollte diese abermals untersucht und Konservierungsarbeiten und einer erneuten Vermessung unterzogen werden.[194] Diese Arbeiten wurden vom Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes unterstützt[195]. Weitere Unterstützung erfuhr diese Bearbeitung durch die Gerda Henkel Stiftung, die ebenfalls Fördermittel zur Verfügung stellte und einen speziellen Hightech-Klebstoff zur Anbringung des Bartes entwickelte. Die Untersuchungen insgesamt ergaben unter anderem, dass der Bart an der Maske ursprünglich mit einer eines Gold gefertigten Röhre und Honigwachs an der Maske befestigt worden war. [196]

Konservierungsmaßnahmen und Erhaltungszustand[Bearbeiten]

Grab[Bearbeiten]

Zustand nach der Entdeckung[Bearbeiten]

Anhand der Funde im Grab stellte Howard Carter fest, dass KV62 weder durch massiv eindringende Wassermassen durch Risse im Felsgestein noch durch Fluten durch den Grabeingang, da dieser versiegelt gewesen war, beschädigt worden war. Allerdings wirkte sich die durch Risse im Gestein eingedrungene Feuchtigkeit auf die Gegenstände und Wandmalereien im Grab aus.[197] Zahlreiche Gräber im Tal der Könige waren von solchen Überflutungen betroffen gewesen, zumal diese bereits seit der Antike offen zugänglich gewesen waren. Über Restaurierungsmaßnahmen an den Wandmalereien durch Carter und sein Team gibt es in seinen Aufzeichnungen keinen Hinweis. Er vermerkte jedoch die „dunklen Punkte“ als Schimmelpilz in der Wandbemalung der Grabkammer, deren Bildung durch eingedrungene Feuchtigkeit und die von organischen Objekten im Grab sowie vermutlich durch die Vergipsung und Farbe der Wände begünstigt worden war.

Schäden durch die Ausgräber entstanden unter anderem an der Nordwand der Vorkammer, um Zugang zur Grabkammer zu erhalten. Der Durchgang musste schließlich erweitert werden, um die Schreine und Särge aus der Kammer zu bergen. Dabei wurden Teile der Wanddekoration auf der Südwand in der Grabkammer zerstört, so dass dort die Götterszenen mit Darstellung der Göttin Isis und drei identischen Unterweltgottheiten nicht mehr vollständig erhalten ist. Die Wand und der abgeschlagene Teil waren zuvor von Harry Burton fotografisch dokumentiert worden. Um die in der Vorkammer zwischen gelagerten großen Dächer der Schreine, die zum Teil in schlechtem Zustand waren, aus dem Grab entfernen zu können, musste im Oktober 1930 nicht nur das Stahltor wieder entfernt werden, sondern auch einige der unteren Stufen. Nachdem alles zum Transport verpackt war, mussten außerdem die Durchgänge und die Eingangspassagen Richtung Süden erweitert werden[198].

Zustand in heutiger Zeit[Bearbeiten]

Als Reaktion auf die Flutschäden von 1994 im Tal der Könige wurden zahlreiche Schutzmaßnahmen gegen Witterungseinflüsse ergriffen. So wurden neben einer Überdachung des Grabeingangs und einer Umwallung je eine metallene Schutztür am oberen und unteren Ende des Korridors B und eine Zugangstreppe aus Metall installiert.[39]

Das Getty Conservation Institute und das Supreme Council of Antiquities hatten in Kooperation ein fünfjähriges Projekt (2009–2014) für das Grab Tutanchamuns vereinbart, das Konservierungsarbeiten und Management des Grabes vorsah. Das Projekt war in drei Phasen unterteilt. Die erste Phase (2009–2011) umfasste eine genaue Bestandsaufnahme über den Zustand des Grabes und der Wanddekorationen, wissenschaftliche Analysen von Material und Verarbeitungstechniken der Farben sowie Umwelteinflüsse auf das Grab und Erforschung der Ursachen für den sich verschlechternden Zustand der Wandmalereien. Phase zwei und drei fanden zeitgleich statt (2012–2014). In Phase zwei wurden aufgrund von Phase eins angemessene Möglichkeiten zur Durchführung von Verbesserungen für den Erhaltungszustand des Grabes und der Wandmalereien erarbeitet. Zudem wurden Infrastruktur, beispielsweise Gehwege, Beleuchtung und Belüftung im Grab verbessert. Die letzte Phase galt der Auswertung der Arbeiten im Grab, und diese durch verschiedene Medien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[199] Während der Untersuchungen der Grabkammer war die Mumie Tutanchamuns in einem Glaskasten in der Vorkammer ausgestellt. Ein Ergebnis der Untersuchungen im Grab war, dass Besucher das Raumklima nicht nur durch Schweiß und Atemluft verändern, sondern auch zusätzlich Staub mit ins Grab bringen, der sich auf den Wandmalereien ablagert. Diese Ablagerungen zeigen sich sowohl auf Fotos der Getty Conservation als auch auf denen der Firma Factum Arte als leichter Grauschleier. Auch die bereits zur Zeit der Graböffnung in der Grabkammer vorhandenen „braunen“ Punkte auf den Wandmalereien wurden untersucht. Es konnte festgestellt werden, dass diese mikrobiologischen Ursprungs, aber nicht mehr lebensfähig und nicht mehr aktiv sind.[200] Auch Alfred Lucas, der für die chemischen Untersuchungen im Grab und die Konservierung der Objekte zuständig war, vermerkte in seiner Analyse zur Chemie im Grab, dass keinerlei bakterielle Lebensform nachweisbar sei.[201]

Der herausgeschlagene Teil der Südwand mit der Göttin Isis und den drei Unterweltsgottheiten wurde aus dem Grab entfernt. Der derzeitige Aufbewahrungsort dieser Bruchstücke von der Wand der Grabkammer ist unbekannt, jedoch wird danach gesucht.[202]

Grabschatz[Bearbeiten]

Zustand nach der Entdeckung und Bearbeitung der Objekte[Bearbeiten]

Die im Grab gefundenen Objekte waren aufgrund verschiedener Materialien in unterschiedlich erhaltenem Zustand. In seinem Bericht The Chemistry of the Tomb im Anhang von Howard Carters zweitem Band von The Tomb of Tutankhamun, geht Alfred Lucas näher auf die einzelnen im Grab vorgefundenen Materialien ein. Er beschreibt, dass, bevor die Gegenstände in irgendeiner Weise bearbeitet werden konnten, zuerst eine eingehende Materialanalyse notwendig war. Ihm zufolge konnte „die Chemie“ eine Hilfe für die Archäologie sein und er hielt fest, „dass der Chemiker letztlich ein notwendiges Mitglied eines Teams, sowohl in Museen als auch bei archäologischen Expeditionen ist, wie es beim Grab Tutanchamuns das erste Mal der Fall ist“.[203]

Carter zufolge hatte der hohe Anteil an Feuchtigkeit im Grab zu Schäden an den Gegenständen geführt und einige völlig oder nahezu zerstört. Deshalb wurden sie entweder an Ort und Stelle für den Transport aus dem Grab konserviert oder zur vollständigen Erhaltung und vor dem Weitertransport nach Kairo im Konservierungslabor, dem Grab Sethos II. (KV15), bearbeitet. Häufig stand allerdings vor den Konservierungsarbeiten auch der Reinigungsprozess von Objekten, der unter anderem mit warmen Wasser oder Wasserdampf erfolgte. Manche Objekte mussten lediglich gesäubert werden. Gegenstände aus organischen Materialien wie Holz, Pflanzen, Leder, Leinen oder Lebensmittel waren besonders fragil. So mussten viele der Objekte direkt konserviert werden, bevor sie überhaupt angefasst werden konnten, um transportiert zu werden. Howard Carter bezeichnet dies als „Erste Hilfe-Maßnahmen“, ohne die nicht einmal ein Zehntel der zahlreichen Grabbeigaben das Ägyptische Museum in Kairo erreicht hätte.[204] Er beschreibt die Bearbeitung und Handhabung von den unterschiedlichsten im Grab gefundenen Materialien, sowie die damit verbundenen Schwierigkeiten der Konservierung in seinem ersten Band zum Grab des Tutanchamun. Jedes Material bedurfte unterschiedlicher Behandlung und in manchen Fällen musste improvisiert werden. Als ein Beispiel nennt er Sandalen, in die Perlen eingearbeitet waren. Diese wirkten beim Auffinden völlig intakt, doch die kleinen Perlen zerfielen bei Berührung. Die in der Regel aus Glas bestehenden Perlen wurden beispielsweise mit flüssigem Wachs behandelt und konnten nach dem Härtungsprozess intakt transportiert werden.[205] Die Grabsträuße wurden mit flüssigem Zelluloid besprüht, um sie haltbar zu machen. Schwierig war vor allem, dass für jedes Objekt andere Behandlungsmöglichkeiten zur Konservierung notwendig waren, die zudem in Abhängigkeit von Material und Erhaltungszustand standen. Besonders problematisch waren Gegenstände, die aus verschiedenen Materialien bestanden. In manchen Fällen halfen nur Experimente, um die bestmögliche Konserverierungsmaßnahme zu finden, da es bisher keine vergleichbaren Erfahrungen mit solch komplexen Fundstücken einer Ausgrabung gab.[206] Der Umgang und die Behandlung von Holz bereitete verschiedene Schwierigkeiten. Eine war bereits der schlechte Erhaltungszustand des Materials, der bei Berührung zerfallen konnte, eine andere, dass das Holz durch die durch die Graböffnung bedingten Luftveränderungen im Grab selbst zu schrumpfen begonnen hatte und die Intarsien, wie beispielsweise Einlagen aus Glas, Edelsteinen und Elfenbein oder der Überzüge aus Gips oder Goldfolien, daraufhin abfielen. Hierfür wurde für die Erhaltung in der Regel Paraffin verwendet.[207]

Howard Carter besuchte 1925 mit Alfred Lucas die Ausstellung zu den dort bereits kurz nach der Ausgrabung gezeigten Gegenständen im Ägyptischen Museum von Kairo. Hintergrund war, die Objekte unter dem Aspekt der Konservierung zu betrachten. Carter notierte hierzu, dass die Konservierung mit Paraffin sehr effektiv gewesen war. Jedoch war bereits drei Jahre nach der Entdeckung erkennbar, dass der goldene Thronsessel Tutanachmuns in der Farbe bereits dunkler war als im Vergleich zum Entdeckungszeitpunkt und seiner erstmaligen Ausstellung im Museum.[208] Howard Carter stellte bei der Besichtigung zudem mit Schrecken fest, dass der silberne Stock mit einer Figur des Königs (Fundnummer 235 b, Ägyptisches Museum Kairo JE 61666), von dem es im Grab ein „Gegenstück“ aus Gold (Fundnummer 235 a, Ägyptisches Museum Kairo JE 61665) gegeben hatte, nun zerbrochen war. Der Schaden war entstanden als das Stück dem belgischen Archäologen Jean Capart gezeigt worden war. Carters Eintrag im Grabungsjournal zum 3. Oktober 1925 dazu lautet: „Es scheint eine Schande nach all dem ganzen Aufwand, den wir damit hatten, diese wertvollen Objekte zu erhalten und sicher zum Museum zu transportieren, dass erlaubt wird, diese Personen auszuhändigen, die nicht wissen, wie man mit antiken Gegenständen umgeht.“[209]

Zustand in heutiger Zeit[Bearbeiten]

M. V. Seton-Williams schildert 1978 den Zustand der Objekte aus dem Grab im Ägyptischen Museum in Kairo, die bereits zu diesem Zeitpunkt einer Reinigung und Restaurierung bedurften. Sie führte aus, dass sich einerseits die Luftzusammensetzung in Kairo stark auf die Ausstellungsstücke auswirkte, andererseits die Temperaturschwankungen in Kairo größer sind als in Luxor. So waren Veränderungen durch Anlaufen bei Objekten aus Gold und Verzug bei jenen aus Holz 66 Jahre nach der Grabentdeckung, insbesondere mit Gipsüberzug oder Verkleidung mit Blattgold erkennbar. Die Gegenstände des Grabschatzes befanden sich ihrer Aussage weiterhin in der Anordnung wie sie seinerzeit aus Grab geborgen worden waren.[210] Die meisten Gegenstände waren in jenen Vitrinen zu sehen, in der sie zum ersten Mal nach der Grabentdeckung ausgestellt worden waren. Thomas Hoving, ehemaliger Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York, schrieb im selben Jahr: „Die aberhundert vergoldeten Kunstwerke, die Statuetten, Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände, Schilde, Truhen, Möbelstücke – sogar der majestätische Kanopenschrein mit seinen vier Schutzgöttinnen – zerfallen allmählich, zerbrechen in Teile, lösen sich auf. Für Restaurierungsarbeiten fehlt das Geld, heißt es. Der Zustand der Tut-ench-Amun-Schätze ist für das Museum wie für die Menschen eine Schande [...]“[211] Er äußerte aber, wie Seton-Williams, die Hoffnung, dass die weltweiten Ausstellungen einiger Originalstücke (1961–1981) aus dem Grabschatz des Tutanchamun Gelder für die Erhaltung der Originalstücke bringen würden. Allerdings gab es bis zu diesem Zeitpunkt keinen Plan für Restaurierungsarbeiten.

Zahi Hawass schrieb 2013 in seiner Publikation Discovering Tutankhamun. From Howard Carter to DNA zu den vergoldeten Holzschreinen aus der Grabkammer, dass sich diese weiterhin im Originalzustand der Erstrestaurierung durch Alfred Lucas in den 1920er Jahren befinden. Er weist ebenfalls auf die klimatischen Veränderungen und die Luftverschmutzung hin, betont aber auch, dass die direkte Einstrahlung des Sonnenlichtes solch fragilen Objekten schadet. Er hoffte, wie einst auch Jahre zuvor Thomas Hoving, dass es ein großes Konservierungsprojekt geben würde, wenn der Umzug des vollständigen Grabschatzes Tutanchamuns in das neue Grand Museum erfolgen sollte. Zum damaligen Zeitpunkt war hierfür 2015 anvisiert.[212] Eine vergleichbare Beschreibung über den Zustand von Ausstellungsstücken gab im selben Jahr die ehemalige Direktorin (2004–2010) des Ägyptischen Museums in Kairo, Wafaa el-Saddik, zum Sarg des Juja, dem Vater von Königin Teje. Auch hier waren tiefe Risse im mit Blattgold vergoldeten Holz des Sarges, der sich nach seiner Entdeckung 1905 noch immer in derselben alten Vitrine befindet und ebenfalls Hitze, Kälte und Schwankungen in der Luftfeuchtigkeit im Museum ausgesetzt ist.[213]

Kopf des Nefertem: Tutanchamun als Nefertem auf einer blauen Lotosblüte, Ägyptisches Museum Kairo, JE 60723

Als gutes Beispiel für die Arbeit der Konservatoren im Ägyptischen Museum in Kairo führte Zahi Hawass den Kopf des Nefertem an. Diese Büste war als eines der Original-Objekte auf internationalen Wanderausstellungen zu sehen gewesen. Hawass zufolge werde häufig die Besorgnis geäußert, dass gerade solche Ausstellungen zu Beschädigungen an den Leihgaben führen könnten. Er betonte jedoch, dass den Ausstellungsstücken für Wanderausstellungen in der Erhaltung eine besondere Bedeutung beigemessen werde.[214] Bereits Howard Carter beschrieb zu diesem Fund die achtsame Handhabung von abgefallenen Teile der kleinen Büste, die er und Arthur Callender mühevoll eingesammelt hatten. Seine Besorgnis hatte seinerzeit den einzelnen Farbfragmenten auf Gips und der Restaurierung des Objektes nach dem Eintreffen im Museum gegolten.[215]

Wilfried Seipel äußerte sich 2015 anlässlich der ab Oktober 2015 in Dresden zu sehenden Ausstellung „Tutanchamun – sein Grab und die Schätze“, in der ausschließlich Replikate gezeigt werden, auch zum Zustand der Originalstücke in Kairo:

„[…] Aber dort gehen die Objekte wegen der unzureichenden Klimatisierung vor die Hunde.“

Wilfried Seipel[216]

Des Weiteren bemängelte der Ägyptologe die unzureichende Beleuchtung und Beschriftung der Exponate im Museum und beschrieb die meisten der originalen Gegenstände aus Tutanchamuns Grabschatz als nicht mehr „reisefähig“. Zur Beschriftung der Objekte hatte sich Thomas Hoving bereits 1978 in gleicher Weise geäußert: die Etiketten seien braun vom Alter, zerknittert und zum Großteil unleserlich[217].

Während der Revolution in Ägypten 2011 kam es zu Plünderungen im Ägyptischen Museum, wovon auch einige Fundstücke aus dem Grabschatz des Tutanchamun betroffen waren. Eine kleine vergoldete Statuette (JE 60710.1)[218] und das Oberteil einer weiteren werden vermisst. Einige andere Statuen wurden zerbrochen, konnten aber wieder restauriert werden.[219]

Replikate[Bearbeiten]

Grab[Bearbeiten]

Die spanische Firma Factum Arte hat es durch ihre durchgeführten Scans im Original-Grab KV62 ermöglicht, eine detailgetreue Kopie des Grabes von Tutanchamun anzufertigen, wozu die Wanddekorationen aus der Originalgrabkammer als auch der Sarkophag gehören. Die Grabkopie befindet sich in der Nähe von Howard Carters ehemaligem Haus, am Eingang zum Tal der Könige und wurde am 30. April 2014 eröffnet. Begleitet wird diese Kopie des Grabes KV62 durch eine Ausstellung mit Bildern und Texten von Jaromír Málek und Nicholas Reeves, sowie dem Inhaber von Factum Arte, Adam Lowe. Die £ 420,000 teure Kopie zählt zu den Besten, die jemals angefertigt wurden.[220] Mit Unterstützung des Griffith Institutes in Oxford konnte mittels eines Schwarz-weiß-Fotos, das Harry Burton von dem Teil der zerstörten Südwand gemacht hatte, auch dieser Teil der Wand farbig umgesetzt werden. Die in der Kopie verwendeten Farben basieren auf den anderen Aufnahmen von Factum Arte in der Grabkammer.[221] Das Grab von Königin Nefertari (QV66), der Großen königlichen Gemahlin Ramses II., und das Sethos I. (KV17) sind als Grabkopie in Planung.

Gegenstände aus dem Grabschatz[Bearbeiten]

Replikat des Lotoskelches; Original: Ägyptisches Museum Kairo (JE 67465)

Replikate von Tutanchamuns Grabschatz wurden erstmals 1924 auf der British Empire Exhibition in London (Wembley) gezeigt[222] und waren die Hauptattraktion dieser Ausstellung. Für die Nachstellung des Grabes und der Ausstattung hatte Arthur Weigall, ehemaliger Inspektor der Altertümerverwaltung und Korrespondent der Daily Mail, die Aufsicht.[223]

Objekte aus dem originalen Grabschatz Tutanchamuns werden nur noch sehr selten oder aufgrund der Fragilität von Ägypten gar nicht mehr in weltweite Wanderausstellungen gegeben. Die goldene Totenmaske des jungen Königs wird beispielsweise nur noch in Ägypten zu sehen sein. Auf Anfragen, weshalb die unbezahlbare Totenmaske nicht mehr an andere Ausstellungen außerhalb von Ägypten verliehen werde, antwortete der damalige Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung (Supreme Council of Antiquities, SCA), Zahi Hawass:

I reply that it is too fragile to travel, and that taking it away from Egypt would disappoint the thousands of tourists who come to the Cairo Museum just to see this unique object.

„Ich antworte, dass sie zu zerbrechlich ist, um auf Reisen zu gehen und sie aus Ägypten fortzunehmen, würde die Tausenden von Touristen, die in das Museum nach Kairo kommen, um dieses einzigartige Objekt zu sehen, enttäuschen.“

Zahi Hawass[224][225]

Die Ausstellung „Tutanchamun – sein Grab und die Schätze“ zeigt seit vielen Jahren über 1.000 Kopien von Objekten aus dem Grab und ermöglicht es Besuchern der Ausstellung nicht nur die Stücke zu bewundern, sondern auch die Fundsituation wie Howard Carter und sein Grabungsteam sie nach der Entdeckung vorgefunden haben, nachzuempfinden. Die Ausstellungsstücke sind als Kopie sehr sorgfältig und detailgetreu gearbeitet. Zu sehen sind in der Ausstellung unter anderem Kopien von vielen Götterfiguren, Ritualbetten, Streitwagen, die den Sarkophag umgebenden vier Schreine, der Kanopenschrein, der Kanopenkasten, der Anubisschrein sowie die Särge und die Totenmaske Tutanchamuns. Auch die gesamte Wanddekoration der Grabkammer ist dargestellt. Hierbei auch die vollständige Südwand, die zum Teil zerstört werden musste, um die Schreine aus der Grabkammer zu bergen, und die in der Kopie anhand von Schwarz-weiß-Fotos von Harry Burton mit den drei Unterwelts-Gottheiten und Isis in der Kopie wieder vervollständigt wurde.[226]

Ausstellungen von Originalstücken und Lagerung des Grabschatzes[Bearbeiten]

Der vollständige Grabschatz Tutanchamuns ist Besitz des Landes Ägypten. Von den Fundstücken sind etwa 1700 im Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt, wenige Weitere sind im Luxor-Museum zu sehen. Die Objekte im Ägyptischen Museum in Kairo tragen zur Identifikation Nummern, die mit JE (Journal d'Entrée du Musée) beginnen. Ein Teil der in KV62 gefundenen pflanzlichen Materialien befindet sich in der Ausstellung im Agricultural Museum in Kairo. Nicht ausgestellte Stücke lagern in den Magazinen des Museums in Kairo, in Luxor sowie in Lagerräumen des noch nicht fertig gestellten Grand Egyptian Museum (GEM).[227]

Die besten Gegenstände aus Tutanchamuns Grab wurden zum Teil nach Konservierung und Ankunft in Kairo direkt im Museum ausgestellt. Von 1961 bis 1981 waren weltweit ausschließlich Originalfundstücke aus dem Grab, darunter auch die goldene Totenmaske Tutanchamuns, in unterschiedlicher Anzahl und Zusammenstellung als Wanderausstellung in den USA, Kanada, Japan, Frankreich, England, Russland und West-Deutschland (1980–1981) zu sehen. In West-Deutschland umfasste die Ausstellung in West-Berlin, Köln, München, Hannover und Hamburg ca. 55 Objekte. Zur Erstellung des deutschen Kataloges zur Ausstellung schrieb Jürgen Settgast:

„Der vorliegende Katalog wurde geschrieben, ohne daß die Autoren Gelegenheit hatten, die Ausstellung im Original eingehend zu studieren – ein Manko, das sich nicht vermeiden läßt, wenn die Entscheidung über Teilnahme oder Nichtteilnahme an einer Ausstellungstournee erst zu einem Zeitpunkt getroffen werden kann, an dem sich die Ausstellung längst auf einer internationalen Umlaufbahn befindet.“

Jürgen Settgast [228]

Dennoch gab es immer wieder einige Originale in Ausstellungen zu bewundern, wie beispielsweise bei „Tutanchamun. Das goldene Jenseits. Grabschätze aus dem Tal der Könige.“ in 2004. In dieser Ausstellung wurden zum Beispiel unter anderem die Originale von Uschebtis des Königs, verschiedene Götterstatuen, einer der vier Kanopenverschlüsse, einer der vier Eingeweidesärge, Hocker, der in der Schatzkammer gefundene Herzskarabäus im Pektoral, Prunkschilde, Fächer, das an der Mumie Tutanchamuns gefundene Diadem, ein in der Grabkammer gefundenes Salbgefäß sowie viele Fundstücke mehr aus KV62 gezeigt.

Die Tendenz ist jedoch, die Originalstücke zu schonen und durch Replikate auf Wanderausstellungen zu ersetzen. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass 1980 bei den Ausstellungen in Deutschland die Figur der Göttin Selket, die eine der Schutzgöttinnen des Kanopenschreins ist, der sich in der sogenannten Schatzkammer fand, beschädigt worden war.[229]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Zu Objekten aus dem Grabschatz[Bearbeiten]

  • Alessia Amenta, Maria Sole Croce und Alessandro Bongioanni: Ägyptisches Museum Kairo. National Geographic Art Guide, mit Vorwort von Zahi Hawass, 2. Auflage, National Geographic Deutschland, Hamburg 2006, ISBN 3-934385-81-8, S. 257–335.
  • Die Hauptwerke im Ägyptischen Museum in Kairo. Offizieller Katalog. Herausgegeben vom Antikendienst der arabischen Republik Ägypten. von Zabern, Mainz 1986, ISBN 3-8053-0640-7; ISBN 3-8053-0904-X (Museumsausgabe), Nr. 174–193.
  • Ausstellungskatalog Tutanchamun in Köln. von Zabern, Mainz 1980, ISBN 3-8053-0438-2.
  • Francesco Tiradritti, Araldo De Luca: Die Schatzkammer Ägyptens – Die berühmte Sammlung des Ägyptischen Museums in Kairo. Frederking & Thaler, München 2000, ISBN 3-89405-418-2, S. 194–243.
  • André Wiese, Andreas Brodbeck: Tutanchamun. Das goldene Jenseits. Grabschätze aus dem Tal der Könige. Hirmer, München 2004, ISBN 3-7774-2065-4, S. 238–363.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: KV62 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anmerkung: Thron- und Eigenname des Königs sind in Transliteration und Transkription der Hieroglyphen wieder gegeben. Hier wurde der Thronname des Königs verwendet, der im Falle Tutanchamuns Neb-cheperu-Re lautet, anstelle seines allgemein bekannten Eigennamens Tut-anch-Amun, wodurch die Identifikation eines altägyptischen Herrschers einfacher ist, da es häufig Namensdopplungen beim Eigen-/Geburtsnamen altägyptischer Könige, wie beispielsweise bei den Namen Ramses oder Amenophis, gab.
  2. Zahi Hawass: Discovering Tutankhamun. From Howard Carter to DNA. Cairo 2013, S. 64.
  3. a b c Marianne Eaton-Krauss: Tutanchamun – damals und heute. In: Wolfgang Wettengel (Hrsg.): Mythos Tutanchamun. Nördlingen 2000, S. 93.
  4. The Griffith Institute: Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. The Howard Carter Archives., abgerufen am 14. Oktober 2015 (englisch)
  5. Theodore M. Davis: The Tombs of Harmhabi and Touatânkhamanou. Duckworth Publishing, London 2001, ISBN 0-7156-3072-5, S. 3.
  6. T. G. H. James: Howard Carter: The Path to Tutankhamun. I. B. Tauris, London 1992; überarbeitete Neuauflage: Tauris Parke, London 2006, ISBN 1-84511-258-X, S. 477.
  7. Howard Carter: The Tomb of Tutankhamun. Band 1: Search, Discovery and Clearance of the Antechamber. Mit Percy White: The Tomb of the Bird. London 2014, xii
  8. The Griffith Institute. Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. The Howard Carter Archives.: 1st Season, October 28th 1922 to May 30th 1923, abgerufen am 30. Oktober 2015 (englisch)
  9. I. E. S. Edwards: Tutanchamun. Das Grab und seine Schätze. Lübbe, Bergisch Gladbach 1978, S. 14–16.
  10. Tagebuch von Howard Carter mit Einträgen vom 5. und 6. November 1922. Auf: griffith.ox.ac.uk; zuletzt abgerufen am 21. Oktober 2015.
  11. Howard Carter: The Tomb of Tutankhamun. Band 1: Search, Discovery and Clearing of the Antechamber. London 2014, S. 182–83.
  12. The Griffith Institute. Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. The Howard Carter Archives. Excavation journals and diaries made by Howard Carter and Arthur Mace: 8th Season, 1929–30, abgerufen am 14. Dezember 2015 (englisch)
  13. T. G. H. James: Howard Carter: The Path to Tutankhamun. I. B. Tauris, London 1992; überarbeitete Neuauflage: Tauris Parke, London 2006, ISBN 1-84511-258-X, S. 434.
  14. T. G. H. James: Howard Carter: The Path to Tutankhamun. I. B. Tauris, London 1992; überarbeitete Neuauflage: Tauris Parke, London 2006, ISBN 1-84511-258-X, S. 434.
  15. Joyce Tyldesley: Mythos Ägypten. Die Geschichte einer Wiederentdeckung. S. 195
  16. Zahi Hawass: Discovering Tutankhamun. From Howard Carter to DNA. Cairo 2013, S. 63.
  17. Howard Carter: The Tomb of Tutankhamun. Band 1: Search, Discovery and Clearing of the Antechamber. London 2014, S. 77.
  18. Rainer Wagner in: Tutanchamun in Köln. von Zabern, Mainz 1980, ISBN 3-8053-0438-2, S. 23.
  19. Nicholas Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 56–57.
  20. Jaromír Málek: The Treasures of Tutankhamun. London 2006, S. 33.
  21. Nicholas Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 56.
  22. Nicholas Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 58–59.
  23. Nicholas Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 60.
  24. Nicholas Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 40.
  25. T. G. H. James: Tutanchamun. Köln 2000, S. 46.
  26. Nicholas Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 59.
  27. Aude Gros de Beler: Tutanchamun. Frechen 2001, S. 42.
  28. Nicholas Reeves, John H. Taylor: Howard Carter before Tutankhamun. British Museum Press; London 1992, ISBN 0-7141-0959-2, S. 152.
  29. The Griffith Institute. Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. The Howard Carter Archives.: Seal and cord from third inner shrine, Ägyptisches Museum Kairo (JE 60667), abgerufen am 13. Oktober 2015 (englisch)
  30. The Griffith Institute. Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. The Howard Carter Archives: List of Objects, 250–299, abgerufen am 3. Oktober 2015 (englisch)
  31. Aude Gros de Beler: Tutanchamun. Frechen 2001, S. 42.
  32. Howard Carter: Das Grab des Tut-ench-Amun. Brockhaus, Wiesbaden 1981, V.-Nr. 1513, ISBN 3-7653-0262-7, S. 83.
  33. Howard Carter: The Tomb of Tutankhamun. Band 1: Search, Discovery and Clearance of the Antechamber. London 2014, S. 166–167.
  34. Howard Carter: Das Grab des Tut-ench-Amun. Brockhaus, Wiesbaden 1981, V.-Nr. 1513, ISBN 3-7653-0262-7, S. 90–91.
  35. Aude Gros de Beler: Tutanchamun. Frechen 2001, S. 43.
  36. The Griffith Institute. Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. The Howard Carter Archives. Excavation journals and diaries made by Howard Carter and Arthur Mace: List of the excavation journals and diaries, abgerufen am 4. November 2015 (englisch)
  37. Zahi Hawass: Discovering Tutankhamun. From Howard Carter to DNA. Cairo 2013, S. 64–65.
  38. a b Nicholas Reeves: The Complete Tutankhamun. London 1995, S. 97.
  39. a b c KV 62 (Tutankhamen). General Site Information – Site History. In: Theban Mapping Project. Abgerufen am 28. Dezember 2015 (englisch).
  40. a b Nicholas Reeves, Richard H. Wilkinson: Das Tal der Könige. Geheimnisvolles Totenreich der Pharaonen. Augsburg 2000, S. 126.
  41. Howard Carter: The Tomb of Tutankhamun. Band 3: The Annexe and Treasury. London 2014, S. 23.
  42. T. G. H. James: Tutanchamun. Köln 2000, S. 77.
  43. Nicholas Reeves, Richard H. Wilkinson: Das Tal der Könige. Geheimnisvolles Totenreich der Pharaonen. Augsburg 2000, S. 125–126.
  44. The Griffith Institute. Tutankhamun: Anatomy of an Excavation. The Howard Carter Archives.: Fund-Nr. 001k, Wooden box of Smenkhkare, abgerufen am 11. Oktober 2015 (englisch)
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  225. Übersetzung des Bearbeiters (Benutzer:Sat Ra)
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25.74027777777832.601666666667Koordinaten: 25° 44′ 25″ N, 32° 36′ 6″ O